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Zurück im Leben

Von Markus Fasse
Ein halbes Jahr lag Pfleiderer-Chef Hans Overdiek nach einem schweren Unfall im Krankenhaus ? nun führt er wieder die Geschäfte. Mit eiserner Disziplin vereint er Manageralltag und Reha, um die weltweite Nummer eins der Holzveredler zu zimmern.
Hans H. Overdiek ist wieder an Bord. Archiv-Foto: PR
GRAJEWO. Gemütlich zockelt der Sonderzug durch den masurischen Frühherbst. Dichter Kiefernwald zieht an den Fenstern des Speisewagens vorbei, bei Tempo 60 lässt sich polnische Gastfreundschaft entspannt genießen. Schlesische Rinderroulade auf Perlgraupen wird zum Mittagessen gereicht, Hans Overdiek hat seinen Platz in der Mitte der barock gefüllten Tafel gefunden.Die Laune des Pfleiderer-Chefs ist prächtig: Die Aktie des Holzveredlers ist, wie von ihm prognostiziert, an diesem Morgen kräftig gestiegen. Gleich wird er ein neues Werk für Faserplatten in der polnischen Provinz eröffnen, eine der größten Investitionen der Firmengeschichte.

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Und irgendwie ist einfach jeder Tag wieder schön: ?Ich freue mich, dass ich lebe?, sagt Overdiek.Es ist der 21. Februar dieses Jahres, Aschermittwoch, der zu seinem Schicksalstag wird. Bei hoher Geschwindigkeit kommt Overdieks Fahrer mit der Firmenlimousine von der Autobahn A3 ab und rast in die Böschung. Der Pfleiderer-Chef überlebt schwer verletzt, sein Bruder ist auf der Stelle tot.Tagelang ringen die Ärzte um das Leben des 55-Jährigen, vier Wochen lang liegt er im Koma. Nachdem er erwacht ist, erfährt er schrittweise die Wahrheit. ?Erst wollte ich nur leben, dann laufen, und erst später dachte ich wieder daran zu arbeiten?, sagt Overdiek heute. Ende August kehrt er als Sprecher des Vorstandes zu Pfleiderer zurück.Äußerlich zeugt keine Narbe von dem Schicksalsschlag. Doch verbirgt sich eisenharte Selbstdisziplin hinter dem Gesicht der Frohnatur. Täglich quält er sich durch zwei Stunden Reha, seit er das Krankenhaus verlassen hat. Jeder hätte Verständnis, wenn er sich strapaziöse Reisen wie diese in die polnische Provinz schenken würde. ?Aber als Manager bin ich Vorbild, und Arbeit ist für mich keine Last?, sagt Overdiek, dessen Natur halbe Einsätze offenbar nicht zulässt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Es ist sehr, sehr wichtig, dass Overdiek wieder an Bord ist??Es ist sehr, sehr wichtig, dass Overdiek wieder an Bord ist?, sagt ein Investor in diesen Tagen. ?Er ist der strategische Kopf des Unternehmens, er ist die Story.? Die Analysten der Unicredit begründen ihre Kaufempfehlung für Pfleiderer auch mit Overdieks Rückkehr in das Unternehmen.Und so erklimmt der leicht untersetzte Mann mit dem akkurat gestutzten Oberlippenbart die Festbühne in seinem neuen Werk in Grajewo und nimmt die Ergebenheitsadressen des polnischen Wirtschaftsministers entgegen. 90 Millionen Euro hat Pfleiderer im strukturschwachen Nordosten Polens investiert, dafür ist die Regierung in Warschau den Deutschen sehr dankbar.Hier, kurz vor der Grenze des ehemaligen Ostpreußen, werden aus masurischen Kiefern in einer hochmodernen Produktionsstraße mitteldichte Faserplatten gepresst, der neue Grundstoff für die Möbel- und Laminatindustrie. Wie in einem Stahlwerk spuckt die fast menschenleere Anlage Faserplatten aus. Profitabler lässt sich kaum produzieren, sagt Overdiek: ?Das neue Werk ist ein wichtiger Meilenstein in unserer Wachstumsstrategie.?Der ehemalige Stahlmanager hat den Sanierungsfall Pfleiderer innerhalb weniger Jahre zu einem sehr profitablen, global agierenden Holzveredler geformt. Ende der 90er hat der einstige Spezialist für Bahnschwellen, Dämmstoffe und Ampelmasten sich beim Ausflug in das Geschäft mit Windkrafträdern in eine bedrohliche Schieflage gebracht: 80 Prozent der Erlöse fallen im Inland an, Pfleiderer ist ein Gefangener der deutschen Baukrise. Banker warnen Overdiek vor der Aufgabe, doch der lässt sich nicht abschrecken. Frisch angetreten, räumt er in der Neumarkter Zentrale auf: Nicht nur Randaktivitäten, auch das Kerngeschäft Bahntechnik wird verkauft, die gesamte Kraft auf Holzwerkstoffe konzentriert. Dutzende kleine Sägewerke und regionale Anbieter tummeln sich in dem Markt, unterbieten sich in ruinösem Wettbewerb.Overdiek hält sich an die Rezepte der Stahlbranche: Er kürzt Kapazitäten, kauft Konkurrenten und investiert massiv in Osteuropa und Nordamerika. ?Die Industrie konsolidiert sich, und es läuft auf die Größten hinaus?, doziert er: ?Übrig bleiben die kapitalstarken Kostenführer.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Erfolg gibt ihm bislang rechtDer Erfolg gibt ihm bislang recht, der Umsatz hat sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt. 1,9 Milliarden Euro will Pfleiderer in diesem Jahr erlösen, bis zu 250 Millionen Euro sollen operativ als Gewinn hängen bleiben.Und Overdiek, Kind des Ruhrgebiets, hat in der Oberpfalz noch Großes vor: Bis 2010 will er den Umsatz noch einmal verdoppeln, auf dann vier Milliarden Euro. ?In jedem Markt, in dem wir antreten, wollen wir mittelfristig 30 Prozent?, sagt er selbstbewusst. Vor allem in Polen, Russland und dem Baltikum suchen die Pfleiderer-Spürnasen nach Kaufkandidaten. Denn hier gibt es reichlich Holz, und die Möbelindustrie wächst schneller als irgendwo sonst.Europa, Russland und die USA: Pfleiderer dreht ein großes Rad. Es ist ein Expansionskurs mit Risiken. Nach der Übernahme des badischen Konkurrenten Kunz mit seinen starken Faserplattenwerken in Nordamerika kauft Pfleiderer Anfang dieses Jahres die schwedische Pergo für 300 Millionen Euro: Der ?Erfinder des Laminats? soll die Eintrittskarte in den amerikanischen Markt für Bodenbeläge sein.Doch auch Pfleiderer erwischt die Immobilienkrise, die verschuldeten Häuslebauer kaufen weniger Möbel und Laminat als erhofft. Allein in diesem Jahr muss das Unternehmen 25 Millionen Euro in die Restrukturierung stecken. Und ausgerechnet in dieser Phase fällt Overdiek aus ? der Aktienkurs bricht ein.?Mitte kommenden Jahres zieht der US-Markt wieder an?, beruhigt er nun besorgte Gemüter und weiß die Situation geschickt zu deuten. Mehr als die Hälfte des in Amerika verkauften Laminats wird aus Europa importiert: bei steigendem Euro-Kurs ein kostspieliges Abenteuer. Umgekehrt steigt nun die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Pfleiderer-Werke: ?Die USA können unser Sprungbrett nach Südamerika sein.?Und schon beginnen die Augen des Hans Overdiek wieder zu leuchten. Ein bis zwei neue Werke pro Jahr, das ist sein Ziel. An der Spitze der Delegation marschiert er durch die neue Fertigungsstraße in Grajewo, genießt den Duft von Leim und Holz. Kürzer, so scheint es, sind seine Schritte nicht geworden.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Hans OverdiekVita von Hans Overdiek1952 wird er in Gladbeck geboren. Nach dem Abitur studiert er Betriebswirtschaft in Münster.1980 wird er Wirtschaftsprüfer bei Peat, Marwick, Mitchell & Co.1983 wechselt er als Geschäftsführer zur Gesenkbau Albert Bieker in Plettenberg.1991 geht er zu Robert Zapp in Düsseldorf, leitet Einkauf, Marketing und Vertrieb.1998 wird er Vorstandsmitglied beim Wiener Stahlhändler Böhler Uddeholm AG.2001 kommt er als Mitglied des Vorstands zur Pfleiderer AG in Neumarkt.2003 steigt er auf zum Sprecher des Pfleiderer-Vorstands.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.09.2007