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Zurück aus dem Nirwana

Von Oliver Stock
Ex-Oerlikon-Chef Thomas Limberger war abgetaucht. Doch nur wenige Wochen nach seinem Abgang wirbelt er wieder. Der 40-Jährige soll den Technologiekonzern Von Roll durch Übernahmen stärken und steht damit wieder an der Spitze eines Konzerns.
Thomas Limberger, bis vor kurzem noch Chef von Oerlikon, soll jetzt die Expansion bei Von Roll steuern. Foto: dpa
HB ZÜRICH. Wenn Sie sich in folgender Beschreibung wiedererkennen, dann machen Sie besser einen Bogen um die Schweiz: Sie reden so schnell, wie Sie denken, und unsinnigerweise manchmal noch ein bisschen schneller. Sie reißen gerne einen Witz und lachen dann selbst besonders heftig darüber. Sie sind für jeden, der ein wichtiges Anliegen hat, zu sprechen, und Seilschaften sind Ihnen piepegal. Sie verdienen gutes Geld und haben auch kein Problem damit, es auszugeben. Und Sie sind, wenn es sein muss, auch nachts am Handy ganz Ohr.Thomas Limbergers Handy litt beim ersten Versuch, ein Gespräch für diesen Text zustande zu bringen, unter leeren Batterien. Der zweite Versuch klappte dann. Limberger, das ist jener quirlige Typ mit der hohen Stirn, der vor zweieinhalb Jahren in die Schweiz gekommen war, um aus dem defizitären Technologiekonzern Unaxis wieder ein florierendes Unternehmen zu machen. Inzwischen heißt Unaxis Oerlikon und ist ein florierendes Unternehmen, das sich auch noch den Schweizer Traditionskonzern Sauer einverleibt hat.

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Allerdings: Limberger steht seit Mai nicht mehr an der Spitze des Konzerns. Dass das so gekommen ist, hängt unter anderem mit den oben beschriebenen Wesenszügen zusammen. Doch nur drei Monate hat der 40-Jährige gebraucht, bis er wieder aus dem Nirwana der neutralisierten Manager aufgestiegen ist. Nun steht er an der Spitze des Schweizer Elektrokonzerns Von Roll. Dass es so schnell ging, hängt auch mit seinem Wesen zusammen.Der Reihe nach ? selbst wenn das bei einem wie Limberger schwerfällt: Sein Traum von einem Manager sieht aus wie der ehemalige General-Electric-Chef Jack Welch: hemdsärmelig, entscheidungsfreudig, vorausblickend. General Electric war ein ?Unternehmen, das mich schon während des Studiums fasziniert hat?, sagt Limberger. Vor fünf Jahren wird er dort Deutschland-Chef, indem er einen Plan entwirft, wie sich die 190 Unternehmensbereiche auf elf reduzieren lassen. Die Amerikaner geben ihm eine Chance. ?Ich war das Versuchskaninchen?, sagt Limberger. Er sitzt damit gleichzeitig im Verwaltungsrat bei Unaxis. Als dort neue Eigentümer einziehen, machen sie den Mann, der nicht nur auf der Karriereleiter, sondern auch mit einem Fuhrpark aus Porsche, Maserati und anderen Schlitten zügig unterwegs ist, zum neuen Chef. Gut, der Weg von diesem knapp 19 000 Mitarbeiter großen Industriekonzern bis zu einem Schwergewicht nach dem Muster von General Electric ist weit. Aber wenn er mit damals gerade 38 Jahren in dem Tempo weiterwirbelt, würde er es schaffen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Limberger gibt das Tempo vorZeit ist relativ. Für Limberger bedeutet das ganz objektiv gesehen, dass er relativ viel in einem relativ schmalen Zeitbudget erledigen will. Eigentlich ist er einer, der ankommen will, bevor er losgefahren ist, und nur sein Verstand, den er selbst als ?außerordentlich analytisch? beschreibt, sagt ihm, dass das nicht geht. Ganz subjektiv gesehen, meint Limberger und streut wieder dieses laute Grinsen über eigene Erkenntnisse ein, ?sieht das Tempo nur von außen rasant aus?.Tatsächlich bringe er systematische Prozesse in Gang. Zum Beispiel den, dass Bereichsleiter jederzeit Fakten zu ihrem Bereich präsentieren können müssen, auch abends und am Wochenende.Einer, der bei Oerlikon das gleiche Tempo vorlegt, ist Georg Stumpf. Der österreichische Investor steht als Vertreter der Eigentümer an der Spitze des Verwaltungsrats des Unternehmens. Einmal in der Woche trifft sich Limberger mit dem fünf Jahre jüngeren Stumpf, der es bereits zu einem Airbus 319 als Dienstflugzeug gebracht hat. Die beiden, dachte man, könnten Zwillingsbrüder sein. Worte wie ?Träume? oder ?Visionen? kommen ihnen nicht über die schmalen Lippen. Es geht um Zahlen und die Geschwindigkeit, mit der sie sich erreichen lassen. Es geht ums Geld, von dem Stumpf genügend hat und noch mehr besorgen kann.Irgendwann geht es aber auch um Geld, das Limberger munter ausgibt, etwa um sich selbst zu entlohnen oder Reisespesen zu begleichen. Darüber kracht es, lautet die Version, die Stumpf zuzuschreiben ist. Es geht um Strategien und darüber, dass Oerlikon keine Zeit gelassen wurde, Übernahmen zu verdauen, lautet die Version, die aus Limberger nahen Quellen stammt. Egal, welche stimmt: Der Krach ist handfest, es kommt zur Trennung. Limberger geht. Das ist im Mai. Die Schweizer Schlagzeilen, die ihn begleiten, sind nicht schmeichelhaft: Er sei ein ?Absahner? und sei ?zurückgekrebst? heißt es, was eine typische Schweizer Ausdrucksweise ist, die so gar nicht zu Limbergers Naturell passt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie Phönix aus der AscheSeither ist er zum dritten Mal Vater geworden und hat Urlaub genommen. Und er telefoniert mit einem Bekannten aus früheren Tagen, fragt mal, ob der nicht eine Verwendung für ihn hat. August von Finck heißt der nützliche Bekannte. Der Baron ist ebenfalls eine Art Wahlschweizer, der von seiner Burg im Thurgauer Land ein Firmenimperium in Deutschland, der Schweiz und Österreich regiert. Es trifft sich, dass von Finck mit dem Schweizer Technologiekonzern Von Roll über so etwas wie einen angesengten Phönix verfügt, der nun aus der Asche emporsteigen soll.Von Roll war in den vergangenen Jahren durch eine überhastete Übernahmepolitik tief gefallen, bis es einem neuen Management schließlich gelang, die Firma bei einem Umsatz von rund 300 Millionen Euro zu stabilisieren. Von Finck glaubt, den Spieß nun umdrehen und mit neuen Produkten und Zukäufen wieder die Milliardengrenze überschreiten zu können. Seine Investorengruppe putscht sich bei einer außerordentlichen Generalversammlung im vergangenen Monat an die Spitze des Unternehmens und kürt Limberger zu ihrem Mann. Er ist seither bei Von Roll Verwaltungsratspräsident und Unternehmenschef.Ein Rückschritt für den Jack-Welch-Fan? ?Ich definiere meine Arbeit nicht über die Umsatzgröße, sondern über den Wert, den ich für Aktionäre schaffen kann?, sagt Limberger. Seine Pläne? ?Wir werden mit Von Roll in neue Technologiebereiche vorstoßen. Akquisitionen in der Größenordnung von einer Milliarde Franken sind grundsätzlich vorstellbar?, glaubt Limberger und fügt hinzu: ?Die derzeitige Börsenlage macht einige Unternehmen vom Preis her interessant.? Wie er nach einer kalten Übernahme, deren Vollstrecker er ist, bei den Mitarbeitern ankommt? ?Ich fühle mich bei Von Roll gut aufgenommen. Die Leute hier haben großes Verständnis für unsere Strategie.?Ob er nach seinem Erlebnis mit den Mehrheitseigentümern bei Oerlikon nicht die Sorge habe, erneut mit einem Mehrheitseigentümer zusammenzuprallen? Einem wie von Finck, der in Unternehmenskreisen gelinde gesagt als durchaus eigenwillig gilt? ?So ein Vergleich . . . ?, setzt Limberger an ? und an dieser Stelle, so behaupten wir mal, geben die Batterien seines Handys erneut ihren Geist auf. Und vielleicht ist es ja auch am besten so.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.09.2007