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Zumwinkel und die ?Liechtensteiner Grippe?

Christoph Schlautmann
Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel meldet sich zur Hauptversammlung des Essener Handels- und Touristikkonzerns Arcandor krank. Er wird aber wieder in den Aufsichtsrat gewählt, trotz der Ermittlungen in der Liechtensteiner Steueraffäre. Viele Aktionäre protestieren.
Klaus Zumwinkel in Nöten. Foto: ap
DÜSSELDORF. Wohl nur selten darf ein Aufsichtsrat mit tosendem Applaus der Aktionäre rechnen, wenn er sich auf der Hauptversammlung seines Konzerns vor der Verantwortung drückt und lieber zu Hause bleibt.Klaus Zumwinkel hat es nun geschafft. Die Absage des der Steuerhinterziehung Verdächtigten, der sich überraschend zur Wiederwahl in das Kontrollgremium von Arcandor bewarb, quittierten gestern die Anteilseigner in der Düsseldorfer Stadthalle mit höhnischem Beifall.

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Offiziell ließ sich der ehemalige Post-Chef wegen einer Erkrankung entschuldigen. Für Arcandor offenbar keineswegs überraschend: Einen Platz auf dem Podium hatte man für Zumwinkel erst gar nicht vorgesehen. Unten im Parkett lästerten Anteilseigner, den Aufsichtsrat habe die ?Liechtensteiner Grippe? erwischt.Schon im Vorfeld der Versammlung hatten einige ihre Bedenken dem Aufsichtsratschef Hero Brahms per Post zugestellt. Kleinaktionär Karl Schwan etwa wettert gegen den ?mutmaßlichen Gesetzesbrecher und ausgewiesenen Schwarzgeldspezialisten, der die Führungselite in Misskredit gebracht hat?. Arthur Franzen warnt, die ?öffentliche Akzeptanz der Millionen Kunden der Unternehmensgruppe? aufs Spiel zu setzen. Ein Aktionär, der seinen Antrag mit Heiner Frisch unterschreibt, erinnert den Essener Konzern an den eigenen Wahlspruch: ?Creating Value? ? zu Deutsch: Werte schaffen.Der lautstarke Protest nutzt den Kleinaktionären gestern aber nichts. Mit ihren 56 Prozent Stimmanteilen bestimmt Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz den Aufsichtsrat fast im Alleingang. Und Zumwinkel hat bei der Erbin des Quelle-Gründers Gustav Schickedanz offenbar einen dicken Stein im Brett, seitdem er vor Jahren als Vorstandschef ihr Versandhaus leitete. Konzernbeobachter glauben zudem, dass zwischen Arcandor und der Deutschen Post Absprachen bestehen, deren Vertraulichkeit durch eine Trennung von Zumwinkel nicht gefährdet werden sollen. Arcandor hatte 2005 seine Warenhaus-Logistik und die Groß- und Stückgutauslieferung der Versandhandelstöchter Quelle und Neckermann für 200 Millionen Euro an die Post-Tochter DHL verkauft. Im Gegenzug sicherten die Essener DHL einen Dienstleistungsvertrag über zehn Jahre zu ? bei einem jährlichen Geschäftsvolumen von 500 Millionen Euro.So stand bereits vor dem Aktionärstreffen fest, dass der ehemalige Post-Chef für fünf weitere Jahre die Geschicke des vormals unter Karstadt-Quelle firmierenden Handels- und Touristikkonzerns beaufsichtigen wird. Und das, obwohl selbst die sonst eher zurückhaltenden Vertreter der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) gestern zu deutlichen Formulierungen griffen. ?Wir sollten uns unser Image nicht versauen lassen?, polterte DSW-Handelsexperte und Arcandor-Aktionär Marc Tüngler.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Middelhoff stärkt Zumwinkel den Rücken Seine Anwürfe dürften die künftige Arbeit im Aufsichtsrat nicht leichter machen. In den Sitzungen des Kontrollgremiums wird sich der angegriffene Klaus Zumwinkel auch weiter mit Tünglers Chef Ulrich Hocker zu verständigen haben.Zumwinkel war am 15. Februar unter massivem Druck der Politik von seinem Posten als Post-Vorstandsvorsitzender zurückgetreten, nachdem die Staatsanwaltschaft Bochum Ermittlungen wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung in Millionenhöhe über eine Stiftung in Liechtenstein aufgenommen hatte.Zumwinkel stand seit 1988 an der Spitze der Post und hatte die verschlafene Behördenpost zum größten Logistikkonzern der Welt umgebaut. Zudem gab er seine Posten als Aufsichtsratschef der Postbank und der Deutschen Telekom auf. Aus dem Kontrollgremium der Lufthansa und dem Verwaltungsrat von Morgan Stanley scheidet er ebenfalls aus.?Wir haben eine andere Philosophie?, verteidigt der Arcandor-Aufsichtsratschef die Entscheidung zugunsten Zumwinkels: Man wolle nicht ohne Not auf den Logistikexperten verzichten. Bislang habe es schließlich kein Schuldeingeständnis des Ex-Post-Chefs gegeben.Ohne Hans Reischl zu nennen, sagt Brahms, dass es vor zwei Jahren Anschuldigungen gegen ein anderes Aufsichtsratsmitglied gegeben habe. Heute sei man froh, nicht darauf reagiert zu haben: Trotz Ermittlungen wegen Geldwäsche und Vereinnahmung von Provisionen sei das Verfahren gegen den Ex-Rewe-Chef nicht eröffnet worden. Auch Konzernchef Thomas Middelhoff stellt sich auf die Seite Zumwinkels. ?Unsere Werte sind Zivilcourage und Mut?, sagt er in Düsseldorf. Da müsse man mal gegen den Strom schwimmen.Gegenüber dem Handelsblatt bestätigen Aufsichtsräte, dass Zumwinkel zu den aktivsten Kontrolleuren des Essener Konzerns zählt. Er gehört dem Gremium seit 2003 an. Gestern wurde er mit 78,8 Prozent der vertretenen Stimmen für fünf Jahre wiedergewählt.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.04.2008