Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Zum Nachtisch Kaviar

Von Gregory Lipinsky, Handelsblatt
Handys waren einmal das Metier des groß gewachsenen Managers, zuletzt hat er sie vor mehr als sieben Jahren bei der Kieler Telefongesellschaft Hagenuk verkauft. Damals war er dort Geschäftsführer. Heute ist Lindemann Vorstandsvorsitzender von Beate Uhse in Flensburg, dem größten Versender von Erotikartikeln.
Otto Christian Lindemann. Foto: dpa
FLENSBURG. Sanft streicht der Zwei-Meter-Mann mit seinem Daumen über das Handy: ?Die Gehäuse gibt es in verschiedenen Pastelltönen, von leicht Hellblau bis Zartrosa?, sagt der 45 Jahre alte Manager mit den leicht ergrauten und stark gewellten Haaren. Doch das Handy ist keine Neuheit der Telefonanbieter Nokia, Siemens & Co. Es benötigt keine Sim-Karte ? auch Telefoneinheiten und Grundgebühren entfallen. Das, was Otto Christian Lindemann da in der Hand hält, ist die jüngste Generation von Vibratoren: klein und kompakt für jede Frauenhandtasche.Eigentlich passt der schlacksige Mann gar nicht in die Erotikwelt zwischen Dessous, Dildos und Düften. Eher schüchtern und unbeholfen wirkt der Konzernchef, wenn er im firmeneigenen Shop zwischen den Auslagen schwarzer und roter Lederslips, Pornoheften und Videos steht ? gleich am Eingang der im 60er-Jahre-Stil erbauten Firmenzentrale. Seine Zurückhaltung liegt zum Teil an seiner Kindheit. ?Ich komme aus einer konservativen Bauernfamilie mit einer 400 Jahre alten Tradition?, erzählt der Agrarökonom.

Die besten Jobs von allen

Als er im April 2000 die Führung bei Beate Uhse antrat, riet ihm seine 67-jährige Mutter Elke von dem Job ab. ?Meine Mutter konnte es zunächst gar nicht akzeptieren, dass ich bei Beate Uhse arbeite?, gesteht Lindemann. Denn in seinem schleswig-holsteinischen Geburtsort Meldorf, einem verschlafenen Nest in der Nähe des Badeorts Büsum, waren Sexualpraktiken ein absolutes Tabuthema.Doch der Älteste von vier Brüdern ließ sich nicht beirren: Ihn reizte die ?sexy Story? der seit Mai 1999 börsennotierten Beate Uhse AG ? ein Unternehmen, das laut einer Umfrage fast 98 Prozent der Deutschen kennen. Gegründet wurde das Sex?Imperium 1945 von der 2001 verstorbenen Beate Rotermund, den Bundesbürgern bekannt unter dem Nachnamen ihres ersten Ehemannes Uhse. Die begeisterte Pilotin verkauft im Alleingang zunächst Hefte, indem sie Frauen Verhütungstips gibt und setzt damit 120 000 DM um.Inzwischen ist dank Lindemann der mehr als 1 350 Mitarbeiter starke Konzern weltweit an die Spitze der Erotikartikel-Versender gerückt. Der Umsatz bewegte sich 2003 bei 262 Millionen Euro, der Vorsteuergewinn kletterte um 12,2 Prozent auf 19,3 Millionen Euro. Und 2004 sollen Umsatz und Ergebnis mit zweistelliger Rate wachsen. Damit hätte der norddeutsche Versender seinen US-Erzrivalen Playboy entthront. Denn der Häschen-Riese um Firmengründer Hugh Hefner setzte 2003 bloß 250 Mill. Euro um.Um seine Position in der internationalen Liga zu verbessern, hat der Manager große Pläne. Derzeit liebäugelt er damit, sich am US-Medienhaus ?Penthouse? zu beteiligen. Beim zuständigen Amtsgericht in den USA hat er ein Übernahmeangebot von 62 Mill. Dollar hinterlegt. Denn das Unternehmen mit seinem bekannten Erotikmagazin steht seit August 2003 unter Gläubigerschutz. Ob er allerdings den Zuschlag erhält, ist fraglich: ?Die Chancen stehen schlechter als 50 Prozent, sagt Lindemann.Grund hierfür ist sein Mitbieter und US-Multimillionär Marc Bell, der möglicherweise rund 70 Millionen Dollar zahlen will. Höher will Lindemann nicht gehen. Denn Aufsichtsrat und Großaktionäre ? vor allem die Schweizer Orthmann AG mit 45 Prozent und die holländische Consipio Holding mit 21 Prozent ? hätten lediglich das Plazet für den bisher gebotenen Kaufpreis gegeben. Den will Lindemann zum Teil über eine Kapitalerhöhung finanzieren. Wer aber am Ende das Rennen macht, wird das US-Konkursgericht wohl heute entscheiden.Bessere Chancen sieht Lindemann beim kriselnden Kondomhersteller Condomi. Er will die Aktiengesellschaft mit Partnern erwerben, wenn die Kredit gebenden Geldhäuser auf einen großen Teil der zweistelligen Millionenschulden verzichten. ?Wir verhandeln noch mit den Banken?, sagt Lindemann. Eine Entscheidung soll bis Ende März fallen.Sollte Beate Uhse den Zuschlag erhalten, würden die Markenrechte und die Vertriebskanäle von Condomi gut in die Expansionsstrategie des Flensburger Versandhauses passen. ?Condomi-Produkte hängen bei Schlecker, Lidl und Drogeriemärkten. Hier wollen wir auch Beate-Uhse-Artikel unterbringen?, erläutert der Vorstandschef.Doch der Beate-Uhse-Chef hat bereits eine neue Zielgruppe im Visier, um den Absatz von Erotikartikeln zu erhöhen: TV-verwöhnte Frauen. Lindemann gibt das Stichwort: ?Sex and the City?, die auch hier zu Lande überaus erfolgreiche amerikanische Fernsehserie, die mit geistreicher Erotik punktete und vor allem Frauen ansprach. Bereits Ende März eröffnet er mit dem Essener Karstadt-Quelle-Konzern in Hamburg den ersten ?Mae B.?-Shop ? weitere 40 sollen bundesweit folgen ? die Hälfte davon bei Karstadt.Die Läden sind hell und freundlich gestaltet: Anstößige Pornovideos oder schmuddlige Sexhefte gibt es nicht. In den Regalen findet sich hingegen alles, was ein amouröses Abenteuer versüßt: Designer- Reizwäsche, vibrierende Badeschwämme, knisternder Schaum für den Körper, Champagner und sogar Beluga-Kaviar.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.03.2004