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Zum Adieu eine Ohrfeige

Von Holger Alich und Carsten Herz
Der Chef von Peugeot Citroën, Jean-Martin Folz, verlässt überraschend den kriselnden Automobilkonzern. Amtsmüdigkeit oder Streit mit der Gründerfamilie gelten als Gründe. Die Börse frohlockt und hofft auf einen Sanierer. Wie es bei PSA heißt, habe Folz bereits im Sommer den Aufsichtsrat darüber informiert, dass er gehen wolle. Bis Ende des Jahres soll der Aufsichtsrat unter der Führung von Thierry Peugeot einen Nachfolger finden.
PARIS/FRANKFURT. Presseauftritte waren noch nie die Sache von Jean-Martin Folz ? vor allem, wenn der Chef des Autokonzerns PSA Peugeot Citroën schlechte Nachrichten verkünden musste wie bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen im vergangenen Juli: Folz kauert einsam hinter einem riesigen weißen Tisch, blickt auf seine Notizen, spricht so schnell, als hoffe er, die erneute Gewinnwarnung und die Ankündigung eines Sparplans würde so niemand mitbekommen.Schon damals scheint in ihm der Entschluss gereift zu sein, die Sanierung von PSA einem anderen zu überlassen. Wie es bei PSA heißt, habe Folz bereits im Sommer den Aufsichtsrat darüber informiert, dass er gehen wolle. Doch allgemein wurde am Freitag die Mitteilung von PSA mit Verwunderung aufgenommen, dass Folz im kommenden Jahr seinen Posten aufgeben will, wenn er 60 Jahre alt wird. Bis Ende des Jahres soll der Aufsichtsrat unter der Führung von Thierry Peugeot einen Nachfolger finden.

Die besten Jobs von allen

?Zehn Jahre an der Konzernspitze sind genug?, wird Folz von seinem Umfeld zitiert. Der Ingenieur, der den Autokonzern mit zwei Marken Ende der 90er-Jahre aus der Krise führte, hat anscheinend nicht mehr die Kraft, ein zweites Mal den Turn-around zu schaffen.Einige Experten vermuten dagegen, dass die Peugeot-Familie, die noch 30 Prozent am Autokonzern kontrolliert, die Geduld verloren haben könnte angesichts der schwachen Entwicklung des Unternehmens. ?Ich denke, es gab einen Konflikt um die Strategie, und er musste gehen?, sagte Branchenkenner Patrice Solaro von Kepler Equities. Der Familie Peugeot um den Aufsichtsratschef Thierry Peugeot seien die Sanierungspläne von Folz wohl nicht weit genug gegangen.Der Autokonzern droht nun in eine lähmende Personaldebatte zu schlittern, wie sie Daimler-Chrysler im vergangenen Sommer um den Mercedes-Chefposten erlebte. Wettbewerber haben die heikle Nachfolgefrage besser vorbereitet: Bei Renault war bereits ein Jahr im Voraus klar, dass Carlos Ghosn im April 2005 das Ruder von Louis Schweitzer übernehmen wird.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nachfolge unklarWer auf Folz folgen soll, ist heute unklar, nur wenige Kandidaten kursieren: Chancen werden Gilles Michel, dem für den Einkauf zuständigen Manager, eingeräumt. Aber auch eine externe Berufung wie jüngst bei Ford gilt als ein mögliches Szenario. Schließlich hatte auch Folz bis zu seinem Einstieg bei PSA im August 1995 nie zuvor in der Auto-Industrie gearbeitet.Sein Rückzug trifft Peugeot in einer schwierigen Zeit. Denn der französische Autobauer kämpft seit längerem mit massiven Problemen. Obwohl der Hersteller gerade seine komplette Modellpalette erneuerte, fährt der Konzern weiter im Rückwärtsgang. In 18 Monaten musste Folz drei Mal eine Gewinnwarnung ausgeben. Das wichtigste Modell, der neue Peugeot 207, erfüllte bislang nicht die Erwartungen. Analysten befürchten bereits, dass Peugeot ein Krisenfall werden könnte ? so wie der inzwischen auf dem Weg der Erholung befindliche italienische Autobauer Fiat.Viele Investoren sind deshalb der Ansicht, dass als Nachfolger von Folz ein knallharter Sanierer gefragt ist. ?Was Peugeot jetzt braucht, ist ein Manager wie VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard?, sagte Christoph Dolleschal, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW).Trotz der aktuellen Probleme kann Weinkenner Folz, der seit 1997 an der Spitze von Peugeot Citroën (PSA) steht, eine insgesamt positive Bilanz vorweisen. Weggefährten bescheinigen dem gebürtigen Straßburger eine ?wahnsinnig schnelle Auffassungsgabe und ein hohes Verarbeitungstempo?. Folz hat den Ruf eines Arbeitstiers, er arbeite morgens bereits zu Hause, bevor ihn sein Chauffeur um 6.30 Uhr im Büro absetze.Seit der Absolvent der Elite-Schmiede Polytechnnique bei PSA das Ruder im Jahr 1997 übernahm, hat sich der Autoabsatz von zwei auf 3,34 Millionen Autos im Jahr 2005 fast verdoppelt. Der Hobbytaucher führte die beiden Konzernmarken Peugeot und Citroën industriell zusammen: So basieren heute die Autos beider Marken auf gemeinsamen Plattformen; der Peugeot 407 und der Citroën C5 laufen zum Beispiel in Rennes vom Band. Das spart Millionen. Und während Konkurrenten wie Ford und Daimler erst mit spektakulären Zukäufen, dann mit den finanziellen Folgen dieser Wachstumsstrategie die Schlagzeilen beherrschten, baute Folz leise und stückweise ein Netz an Kooperationen auf: So baut PSA mit Toyota zusammen Kleinwagen (Aygo, 107/C1) und entwickelt mit BMW Benzinmotoren.Doch zuletzt hatte das makellose Image des französischen Vorzeigemanagers Kratzer bekommen. Das freundliche Lächeln hinter der dünnrandigen Brille kann nicht überdecken, dass der nach Marktanteilen zweitgrößte Autokonzern Europas vor Problemen steht: Peugeot setzte auf eine Modelloffensive, die aber bisher nicht zündete. Trotz neuer Modelle wie der Kleinwagen Citroën C1, Peugeot 107 und Peugeot 1007 verkauft PSA in Westeuropa immer weniger Autos, während Konkurrenten wie Volkswagen und Fiat wieder deutlich zulegen. PSA konnte die steigenden Rohstoffkosten auf der Erlösseite nicht kompensieren.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Jean-Martin FolzIm April hatte der Konzern dann angekündigt, seine Fabrik im britischen Ryton zu schließen. Weitere Stilllegungen soll es zunächst nicht geben. Eine geplante Werkserweiterung in der Slowakei wurde jedoch vorerst auf Eis gelegt.Nun soll ein neuer Aktionsplan die Gewinnschwäche beheben. Die Experten von Lehman Brothers sehen allerdings keine rasche Lösung der Probleme von PSA. Dazu müssten radikale Entscheidungen zur Produktionsverlagerung nach Osteuropa getroffen werden, erklären die Analysten. Dies sei aber angesichts des Einflusses der Peugeot-Familie und der Politik äußerst unwahrscheinlich.Die Börse fällte ihr Urteil über den Rückzug des langjährigen Konzernlenkers wie immer in solchen Fällen: rasch und erbarmungslos. Als die Nachricht bekannt wurde, legte die Peugeot-Aktie zeitweise deutlich um mehr als vier Prozent zu: eine Ohrfeige zum Abschied.
Vita von Jean-Martin Folz1947 wird er in Straßburg geboren. Er absolviert die École Polytechnique in Paris.1972 arbeitet er als Bergbauingenieur in Rouen. 1977 steht er als Direktor an der Spitze des Industrieministeriums. 1978 wechselt er zu Rhône-Poulenc und kümmert sich um die Spezialchemie.1984 beginnt er bei Jeumont-Schneider, wo er zum Vorstandschef aufsteigt. 1987 wird er Péchiney-Vorstand. 1991 wechselt er zum Nahrungsmittelkonzern Eridania Béghin-Say.1995 geht Folz zu PSA Peugeot Citroën und wird 1997 Chairman.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.09.2006