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Zuhälter wäre okay

Felix Ullmann
Foto: Horst Larog
Ganz groß rauskommen. Berühmt werden. Beim Vorsprechen auf Castings gerät so mancher Student ins Träumen. Selbst wenn nur kleine Rollen zu besetzen sind. Auch Junge-Karriere-Autor Felix Ullmann hat sich verführen lassen.
Felix Ullmann träumte von Ruhm und Reichtum
Nürnberg Hauptbahnhof: Es ist kalt und ungemütlich. Auf dem Weg zum Ausgang läuft eine Gruppe grölender Fußballfans vor mir her. ?1. FC Nürnberg Nordkurve" steht auf den Jeansjacken. Heute wird gegen Borussia Dortmund gezockt. Aber deswegen bin ich nicht hier. In einer halben Stunde bin ich im Intercity-Hotel zum Vorsprechen für eine Fernsehrolle, einem Casting, eingeladen. Für die RTL-Sendung ?Das Jugendgericht" sucht die Produktionsfirma bundesweit Laiendarsteller: ?Täter, Opfer und Zeugen".

Eigentlich nichts Neues für mich. Beim Musiksender Viva hatte ich mich auch mal beworben, als ?Video- Jockey". Aber die haben mich erst gar nicht eingeladen zum Vorsprechen. Danach hab ich’s noch mal als Moderator für eine neue Kindersendung versucht. Das Vorsprechen lief ganz gut - bis mich die Interviewerin aufforderte: ?Mach jetzt mal was Spontanes und Originelles!" Zehn Minuten später verließ ich mit knallrotem Kopf und weichen Knien das Gebäude. ?Nie mehr, das war das letzte Mal", hab ich mir damals geschworen.

Die besten Jobs von allen


Einmal mit Nicolette Krebitz

Jetzt will ich es also doch noch mal wissen. Zwar nur im Auftrag von Junge Karriere, aber trotzdem: Ich bin nervös. Werde ich es diesmal schaffen? Und wenn ja, vielleicht werd ich ja doch noch mal entdeckt? Vom Fleck weg aus der Gerichtsserie für einen Spielfilm mit Nicolette Krebitz engagiert - das wär’s doch.

In der Eingangshalle drückt mir ein junger Typ den Rollentext in die Hand und einen Personalbogen. Sogar meine Kleidergröße wollen die wissen. Ich schiele auf den Zettel meines rechten Nachbarn. ?XL" schreibt der. Okay, das trifft wohl auch auf mich zu. Der Typ links lässt die Rubrik einfach frei. Nur seine Schuhgröße kennt er: 45. Hab ich eigentlich ein ?besonderes Merkmal"? Bin weder tätowiert, noch gepierct, noch vernarbt. Vielleicht ?stahlblaue Augen"? Aber Ironie ist hier wohl nicht angebracht.

Laut Rollentext bin ich Tino Böwe. Sportlehrer, jung, gut aussehend und angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung. Eine Schülerin namens Lena - ?ein raffiniertes, kleines Biest", sagt das Drehbuch - hat sich in meinem Unterricht den Fuß verknackst. Leider hatte ich das Ganze nicht ernst genommen. In den weiteren Rollen: Lena, ihre Mutter und der Zeuge Martin.

Ich versuche, mich zu konzentrieren, murmele die Fragen der Richterin und meine Antworten vor mich hin. Um mich herum sitzen fast nur Lenas. Einige plaudern miteinander, andere schauen konzentriert aus dem Fenster und bewegen dabei die Lippen. Die Luft ist verqualmt.

Knie an Knie vor dem Casting-Team

?Ich brauche jetzt mal einen Zeugen Martin", sagt plötzlich vor mir ein Mann im Jackett mit blondem, schulterlangem Haar. Offensichtlich führt er die Interviews. Als sein Blick auf mich fällt, winke ich ab. Bin ja der Täter. Trotzdem habe ich auf einmal Herzklopfen. Ich bin noch nicht gut genug vorbereitet.

Mein leicht bekleidetes Gegenüber, eine hübsche Lena, zündet sich eine Zigarette an und fragt dann in breitem Fränkisch: ?Wie hast Du denn von dem Casting erfahren?" Sie habe es von der Schwester der Freundin ihres Halbbruders gehört und dann spontan bei der Produktionsfirma angerufen. Sie ist wirklich hübsch. Selbst der gelangweilte Portier hinter dem Empfangstresen beobachtet sie aus den Augenwinkeln.

Gut eine Stunde später ist es soweit. Knie an Knie sitze ich mit drei anderen Sportlehrern vor dem Casting-Team. Ganz links von mir ein blonder, blasser Jüngling mit Brille. Daneben ein etwa 40-Jähriger mit blauer Daunenjacke und Schnauz. Rechts von mir ein kerniger Typ, mit schwarzer Lederjacke und goldenem Ohrring.

Warum wir uns überhaupt casten lassen, will der im Jackett wissen. Linksaußen: ?Coole Möglichkeit, um in die Medien zu kommen", links: ?Wollte mal ausprobieren, wie das ist", rechts: ?Weil ich den Job haben will". Der blonde Interviewer spielt nun den Richter und beginnt beim Linksaußen mit der ?Anhörung".

Während die ?Lehrer" der Reihe nach brav ihre Antworten runterbeten, macht sich der Assistent Notizen. Irgendwann blickt der Interviewer auch mich durchdringend an, und ich sehe aus den Augenwinkeln, wie sein Kollege die kleine Digitalkamera auf mich richtet. ?Wieso haben Sie nicht bemerkt, dass Lena wirklich unter Schmerzen litt?"

Ich improvisiere und schiebe alles auf die dumme kleine Gans: ?Die spielt auch sonst gerne mal Theater." Das macht richtig Spaß. Auch der blonde Interviewer ist zufrieden und fragt bei meinem Nachbarn weiter. Schnell eine kurze Selbstanalyse. War ich zu schnell? Zu langsam? Zu unsicher? Zu forsch? Noch eine Frage an mich, dann ist es vorbei. Hoffentlich war ich gut.

Wir waren alle gut, sagt der Interviewer. Jetzt komme ich also erst mal in die Kartei. Und irgendwann vielleicht sogar ins Fernsehen. ?Das kann zwei Wochen dauern, das kann aber auch erst in zehn Monaten passieren." Ob wir noch irgendwelche Fragen haben. Nö, eigentlich nicht. Ich hab’s ja geschafft.. ?Keine Fragen? Dann hätte ich noch ein paar Fragen an Sie."

Einen Vergewaltiger spielen ?!?

Der Interviewer erklärt jetzt, dass nicht alle Fälle vor Gericht so harmlos sind wie dieser. Ob es bestimmte Charaktere gäbe, die wir auf keinen Fall darstellen wollten? Schweigen. ?Wer von Ihnen könnte sich denn vorstellen ... einen Vergewaltiger zu spielen?" Ups, ich hör wohl nicht richtig. ?Ich", sagt der blasse Linksaußen und hebt den Arm.

?Wären Sie denn auch bereit, einen Kinderschänder zu spielen?", fragt der Interviewer ernst. Der Arm des Linksaußen fährt langsam wieder zurück. Warum hab ich mich bloß nicht für ein anderes Casting beworben - Marienhof, Lindenstraße, egal.

?Dann schon lieber einen Vergewaltiger", meldet sich auf einmal mein schnauzbärtiger Nachbar. ?Moment", sagt der Interviewer. ?Sie müssen schon sicher sein, wie weit Sie gehen wollen. Später müssen sie sich in die Rolle einfühlen. Ich frage mal anders. Wen würden Sie denn GERNE spielen?"

Tja, wen bloß? Eigentlich will ich lieber einen Guten spielen. Fahrerflucht ginge vielleicht noch. ?Einen Schläger zum Beispiel", sagt der Jüngling ganz links. Toll, das hätte mir auch noch einfallen können. ?Irgendetwas, das mit meinem Beruf zu tun hat, wäre gut", sagt der Schnauzbart. ?Was arbeiten Sie denn?" ?Ich bin Produktionsleiter in der Autobranche". Super! Ich bin anscheinend nicht der Einzige, dem nichts einfällt. ?Diebstahl", schlägt mein Nachbar zur rechten vor.

Dann schon lieber Zuhälter

Der Interviewer wiegt seinen Kopf hin und her und ist offenbar nicht zufrieden. ?Wenn ich meine weiblichen Bewerber frage, würde jede Zweite gern mal eine Prostituierte darstellen", sagt er. ?Zuhälter!" rufe ich triumphierend. ?Ich würde einen Zuhälter spielen."

Stolz blicke ich um mich. Doch mein Gegenüber scheint die Idee nicht halb so originell zu finden. ?Könnten Sie sich vorstellen, einen drogenabhängigen Zuhälter zu spielen?" Ich bin kurz etwas verwirrt. ?Mach ich", sagt der Linksaußen. ?Warum nicht?", sagt mein Nachbar rechts. ?Oder Sie gehen selber auf den Strich", sagt der Interviewer. ?Würden Sie prinzipiell auch einen Homosexuellen spielen?". ?Das wollte ich immer schon mal", sagt der Linksaußen. ?Ich mache alles." Schleimer.

Nachdem wir das schauspielerische Kriminalitätspotenzial geklärt haben, ist das Casting zu Ende. Auf dem Weg zum Bahnhof überlege ich mir, meine Film-, Moderator- und TV-Karriereträume endgültig an den Nagel zu hängen. Es sei denn, ich würde doch noch per Zufall entdeckt. Immerhin - registriert bin ich nun ja.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.11.2001