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Zu wenige Deutsche bilden sich weiter

Von Barbara Gillmann
Auf dem IT-Gipfel hat die Kanzlerin der Wirtschaft unlängst höchstselbst die Leviten gelesen. Die Unternehmen lösten ihre wachsenden Personalprobleme am besten durch Weiterbildung, sagte Angela Merkel. Damit traf die CDU-Chefin einen heiklen Punkt.
BERLIN. Weiterbildung ist eine ?große Schwachstelle? Deutschlands, klagt auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). In Kombination mit dem fehlenden Nachwuchs der Deutschen wirkt dies umso verheerender.Der von Schavan berufene Innovationskreis Weiterbildung will daher mit ?massiv verstärkten individuellen Anreizen? dafür sorgen, dass bis 2015 wenigstens jeder zweite Erwachsene an einer Weiterbildung pro Jahr teilnimmt. Das geht aus dem Entwurf für die Empfehlungen des Kreises hervor, der im Januar vorgestellt wird und dem Handelsblatt vorliegt.

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Nach der jüngsten Untersuchung des Forschungsministeriums haben sich 2006 in Deutschland nur 43 Prozent der 25- bis 64-Jährigen in den vorangegangenen zwölf Monaten weitergebildet. Damit ist die Quote gegenüber 2003 zwar um zwei Prozentpunkte gestiegen ? in der EU liegt Deutschland dennoch auf einem hinteren Platz. Skandinavier und Österreich kommten auf Werte von 70 bis 90 Prozent.Generell gilt: Je besser jemand ausgebildet ist, desto eher bildet er sich weiter. Die niedrige deutsche Quote bei den Geringqualifizierten von 28 Prozent soll daher auf mindestens 40 steigen, empfiehlt der Innovationskreis. Generell müssten auch Migranten und Ältere viel stärker für Weiterbildung motiviert werden ? ebenso wie kleine und mittlere Unternehmen (KMU), so der Innovationskreis. Denn anders als Großunternehmen biete ein Großteil der KMU, die immerhin vier Fünftel der Arbeitskräfte in Deutschland beschäftigen, keine Weiterbildung an.
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Das bestätigt eine neue Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI): Trotz rund 25 000 fehlender Ingenieure sind die Ausgaben für Weiterbildung und Personalentwicklung in den letzten Jahren nicht gestiegen. ?Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen überlassen die Personalentwicklung größtenteils dem Zufall?, sagt VDI-Direktor Willi Fuchs. ?Dabei leiden diese Unternehmen besonders unter dem Fachkräftemangel.? Das Potenzial der eigenen Leute werde aber nicht richtig eingeschätzt und vor allem nicht richtig gefordert. Die wenigen angebotenen Weiterbildungen gingen zudem oft am Bedarf vorbei.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Schavan will den Anreiz erhöhenNur jeder achte Kleinbetrieb nutzt die Förderung der Weiterbildung von älteren und geringqualifizierten Mitarbeitern, ergab eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das 2006 von der Bundesagentur für Arbeit gestartete Programm sei nicht einmal der Hälfte der befragten 14 000 Unternehmen bekannt. Von denen, die es kennen, sähen zwei Drittel keinen Bedarf. Etwa ein Fünftel der Betriebe hat Probleme, Mitarbeiter für die Weiterbildung freizustellen. Mangelndes Interesse der Arbeitnehmer beklagte nur jeder zehnte Betrieb.Um den Anreiz zu erhöhen, hatte Schavan Mitte 2007 ein Paket aus Darlehen, Prämien und Vermögensbildung für die Weiterbildung angekündigt. Geringverdiener sollen eine Prämie von 154 Euro erhalten, und das Vermögensbildungsgesetz soll so reformiert werden, dass Gelder für Weiterbildung vorfristig genutzt werden können. Die staatliche KfW-Bankengruppe soll Weiterbildungskredite anbieten. Experten dient Großbritannien als Vorbild: Dort habe man mit großzügiger Förderung in zwei Jahren statt der geplanten einen Million 2,5 Millionen Bürger zur Weiterbildung bewogen.Bislang folgten Schavans Ankündigung jedoch keine Taten. Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat die Ministerin daher aufgefordert, ?angesichts des wachsenden Fachkräftebedarfs und des ... resultierenden Wertschöpfungsverlustes der Wirtschaft? bis Mitte Februar ein Konzept samt Zeitplan für die Umsetzung vorzulegen. Schavan solle ?endlich Klarheit für das Weiterbildungs-Sparen und die Änderung im Vermögensbildungsgesetz schaffen?, forderte SPD-Haushälter Klaus Hagemann.
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Der Vorsitzenden des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), geht das alles nicht weit genug. Sie will zudem das Meister-Bafög für Erwachsene öffnen, die einen Berufs- oder Schulabschluss nachholen wollen, die Grünen unterstützen das. Die FDP propagiert Weiterbildungs-Schecks. Der Innovationskreis setzt vor allem auf bessere Beratung der Arbeitnehmer. Neben einem Info-Portal und einer Telefon-Hotline empfiehlt er daher auch neue Berufsberatungsstellen. Die Grünen schlagen vor, diese bei den Verbraucherzentralen anzudocken. ?Zur Arbeitsagentur gehen Menschen nur, wenn sie Probleme haben?, sagt die grüne Bildungspolitikerin Priska Hinz, ?Ansonsten wissen sie nicht, wohin sie sich ? jenseits der Volkshochschule ? wenden sollen?. Verbraucherzentralen könnten den Weg im Dschungel der unzähligen Angebote weisen.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.12.2007