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"Zu viele qualitativ unzureichende Angebote"

Das Interview führte Dominik Schöneberg
Bundesbildungsministerin Bulmahn will durch regelmäßige Tests die Qualität auf dem Weiterbildungsmarkt verbessern. Dafür werden der Stiftung Warentest 6 Millionen Euro überwiesen. 400 Weiterbildungsangebote sollen jährlich unter die Lupe genommen werden. Tester Dr. Walther Kösters erklärt in einem Interview, wie Weiterbildungstests funktionieren und was sie leisten können.
Wie funktionieren ihre Tests?

Bei Präsenzveranstaltungen schicken wir verdeckte Tester aus, die von uns gezielt geschult worden sind. Diese freien Mitarbeiter benehmen sich wie normale Teilnehmer. Sie schwimmen in der Masse mit. Nach dem Kurs füllen sie dann Fragebögen aus, die von uns ausgewertet werden. Externe Experten für die jeweiligen Themen schauen sich das Schulungsmaterial an, das die Tester mitgebracht haben. Geprüft wird, ob die Unterlagen fachlich richtig und vollständig sind, und ob das Material didaktisch sinnvoll aufbereitet worden ist.

Was sind die wichtigsten Kriterien bei ihren Tests von Weiterbildungsseminaren?

Zunächst testen wir oftmals die Informations- und Beratungsqualität. Wie wird der Interessent vorher informiert und beraten? Formale Kriterien sind zum Beispiel, ob überhaupt ein Beratungsgespräch angeboten wird, wie lange es dauert und ob es störungsfrei abläuft. Wir überprüfen die Gespräche aber auch inhaltlich: Werden zum Beispiel die Voraussetzungen für eine Teilnahme und die Ziele der Weiterbildung angesprochen?

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Ganz wichtig ist natürlich die Qualität der eigentlichen Kurs-Durchführung. Wir testen die fachlich-inhaltliche Qualität, die pädagogisch-didaktische Qualität und auch die Lerninfrastruktur; das sind zum Beispiel die Räume und Lernmedien. Die einzelnen Kriterien müssen dabei jeweils den Kursen angepasst werden. Testen wir beispielweise die inhaltliche Qualität eines EDV Kurs zu SAP, müssen wir vorher klären, was und in welcher Tiefe bei diesem Thema gelehrt werden muss und welche Medien sich dafür anbieten. An diesen Anforderungen werden die Kurse dann gemessen. Außerdem lernen wir bei jeder Untersuchung dazu. Wenn wir feststellen, dass wir an bestimmten Stellen noch tiefer bohren müssen, kommen beim nächsten Test neue Kriterien hinzu

Welche Anbieter werden getestet?

Den Tests selbst geht eine aufwändige Marktrecherche voraus. Der Markt ist neben wenigen großen von vielen kleinen Anbietern gekennzeichnet. Die Marktauswahl soll möglichst vollständig sein; es hilft dem Verbraucher nichts, wenn wir uns nur auf die Großen konzentrieren. Ziel ist das vergleichende Testen vergleichbarer Angebote. Da es meist zu viele Angebote gibt, engen wir die Auswahl ein: auf eine geografische Region, ein Preissegment oder spezielle Angebote, zum Beispiel Kurse nur für Langzeitarbeitslose. Dadurch kommen zwar die getesteten Angebote oft nur für wenige Leser eines Testes direkt in Frage. Wir bereiten unsere Testberichte aber so auf, dass sie in die Lage versetzt werden, selber zu testen. Wir vermitteln, was man von einem Anbieter erwarten kann und wo Probleme liegen. Und wir geben konkrete Handlungsempfehlungen

Was ist ihr Eindruck, gibt es auf dem Weiterbildungsmarkt mehr schwarze Schafe als in anderen Sektoren?

Dass es im Weiterbildungssektor insgesamt mehr schwarze Schafe gibt als anderswo, mag ich nicht behaupten. Wichtiger ist: Es gibt zu viele qualitativ unzureichende Angebote. Dahinter stehen nicht unbedingt Unternehmen, die die Leute bewusst abzocken. Qualitätsprobleme gibt es in allen Dienstleistungsbereichen, die meisten Anbieter sind durchaus um Qualität bemüht. Mit unseren Tests bieten wir ja auch den Unternehmen einen Blick durch die Kundenbrille. So können sie nachvollziehen, wie sich ihr Angebot aus der Sicht eines Kunden darstellt. Wir wissen, dass die Anbieter sehr sensibel auf unsere Tests reagieren. Auch nicht getestete Unternehmen orientieren sich an unseren Testergebnissen. Das hilft ihnen, die Qualität ihrer Angebote zu verbessern. Dieser Effekt ist wohl ebenso bedeutsam wie der direkte Verbrauchereffekt.

Worauf sollte man bei der Auswahl eines Anbieters achten?

Da gibt es vielerlei zu beachten. Das kann ich im einzelnen hier gar nicht aufzählen; wir verweisen da - neben unseren eigenen Tests - gerne auf die Checkliste des Bundesinstituts für Berufsbildung, im Netz erhältlich unter www.bibb.de/checkliste.htm

Wie wichtig sind Zertifikate?

Es gibt viele unterschiedliche Zertifikate und Gütesiegel, und diese dienen unterschiedlichen Zwecken und Interessen. Wir haben bislang noch keine systematischen Erkenntnisse darüber, welches Zertifikat oder Gütesiegel regelmäßig mit hoher Qualität für den Verbraucher einhergeht. Einzelergebnisse lassen aber vermuten, dass die Zusammenhänge hier sehr viel lockerer sind, als man hoffen könnte

Im Weiterbildungsbereich gibt es sehr unterschiedliche Anbieterstrukturen; von öffentlichen Anbietern wie der VHS bis zu Privatunternehmen. Haben die strukturellen Unterschiede Einfluss auf die Qualität?

Es gibt insgesamt große strukturelle Unterschiede; einen durchgängigen qualitativen Unterschied zwischen Öffentlichen und Privaten haben wir so nicht finden können. Wichtig für den Verbraucher ist, dass er nicht von der Qualität eines Angebots auf andere Angebote des selben Anbieters schließen kann, und dass unterschiedliche Niederlassungen des selben Anbieters oft sehr unterschiedliche Qualität bieten. Auch gemeinsame Dachverbände oder Qualitätsringe bieten keine Garantie. Jedes in Frage kommende Angebot muss - zumindest derzeit - einzeln überprüft werden

Gibt es Bildungsfelder, auf denen man nur mit elektronischen Medien die Lernziele erreichen kann?

Fragt man Bildungsforscher, sagen die sofort, dass elektronisches Lernen alleine es nicht bringt. Auch betriebliche Anwender haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leute so nicht richtig lernen. Ein Großteil der Menschen, die sich weiterbilden wollen, ist beispielsweise mit einem nur virtuellen Klassenraum nicht zufrieden. Sehr selbständigen Lernern kann es aber durchaus reichen, zuhause oder am Arbeitsplatz elektronisch zu lernen. Die Produkte werden auch immer besser. Zum Beispiel gibt es inzwischen Englisch-Programme auf CD-ROM, die über ein Mikrofon die Aussprache überprüfen können. Ob ein elektronischer Kurs Sinn macht, hängt aus meiner Sicht mehr von der Persönlichkeit des Lernenden als vom Bildungsfeld ab.

Das Arbeitsamt vergibt Weiterbildungsgutscheine nur noch für zugelassene Anbieter und Maßnahmen. Wie bewerten sie die Zulassungskriterien des Arbeitsamtes?

Das Arbeitsamt hatte schon in den letzten Jahren einen Qualitätskatalog, der wirklich gut war. Offenbar wurde die Auswahl der Anbieter und Angebote aber nicht streng gehandhabt. Es gab früher, höre ich, die politische Vorgabe, möglichst viele Leute in Weiterbildung reinzubringen. Im Moment sieht es so aus, dass dieser alte Katalog in überarbeiteter Form Grundlage für die Zertifizierung wird. Wenn er künftig konsequent durchgesetzt wird, sichert das bestimmt eine Mindestqualität. Aber selbst dann wird es immer noch deutliche Qualitätsunterschiede geben, die den Verbraucher brennend interessieren - da werden wir also trotzdem dran bleiben. Und wir werden zudem auch Angebote testen, die keine Zulassung des Arbeitsamtes haben

Sind sie mit ihrer Arbeit bisher zufrieden? Derzeit wird ihre Abteilung vom Bund finanziert. Wie könnte es weitergehen?

Wir haben mit mehreren Projekten in den vergangenen Jahren gezeigt, dass Weiterbildungstests leistungsfähige Instrumente sind, um für die Verbraucher Transparenz auf dem Weiterbildungsmarkt zu schaffen und das Qualitätsniveau der Angebote insgesamt anzuheben. Und es hat sich gezeigt, dass beides dringend nötig ist. Die Verbraucher, aber auch die qualitätsbewussten Anbieter schätzen unsere Arbeit sehr. Ob den Weiterbildungstests deshalb nach 2005 eine dauerhafte Rolle zukommen wird, ist jedoch noch offen. Für sinnvoll halten wir das auf jeden Fall. Wenn sich etwa herausstellt, dass die Verbraucher bereit sind, für Weiterbildungstests zu bezahlen - so, wie sie das bei unseren Tests für Waschmaschinen, Camcorder und Autoreifen tun - könnten wir unsere Arbeit beispielsweise ohne Drittfinanzierung einfach fortsetzen. Diese Möglichkeit zu prüfen ist übrigens Teil unseres Auftrags

Die Testberichte der Abteilung Weiterbildungstests kann man im Netz unter der Rubrik Bildung + Soziales nachlesen: www.stiftung-warentest.de
Dieser Artikel ist erschienen am 17.04.2003