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Zu nichts gezüchtet

Von Oliver Stock
Hans-Peter Fässler leitet seit 20 Jahren den legendären Luxusmöbelhersteller de Sede. Jetzt hat er ihn an einen Finanzinvestor verkauft. Damit sei die Zukunft gesichert, glaubt er und hofft, dass das nicht nur für ihn, sondern auch für die Möbelmanufaktur zutrifft.
KLINGNAU. Die Lebensgeschichte des Hans-Peter Fässler beginnt nicht zufällig mit einem Auto. In den 70er-Jahren kauft sich der gebürtige Schweizer einen BMW 3,0 CSI. Es ist ein schmuckes Coupé, das in Deutschland vergleichsweise günstig zu haben ist. Mit dem Wagen als Umzugsgut wandert er nach Rhodesien aus, wo die wenigen Wohlhabenden nach einem solchen Statussymbol auf vier Rädern alle zehn Finger ausstrecken.Er verkauft das Coupé für ein Vielfaches und erwirbt mit dem Geld eine Fabrik für Damenoberbekleidung. "Eine Halle und einen Schreibtisch", beschreibt Fässler das, was er sich da angeschafft hatte. Fünf Jahre später ist alles weg: Rhodesien versinkt in politischen Unruhen.

Die besten Jobs von allen

"Ich kam mit nichts, und ich ging mit nichts", sagt er heute. Doch die Geschichte hat zur "Lernkurve" seines Lebens beigetragen: "Du kannst durch die Wand gehen und dir eine Beule holen, oder du kannst vor der Wand verhungern." War Afrika eine Niederlage? Nein, natürlich nicht. "Eine Niederlage ist es dann, wenn du nicht mehr aufstehst."Hans-Peter Fässler. Heute sitzt er wahrscheinlich in einem der schnörkellosen Lederfauteuils von de Sede auf der Internationalen Möbelmesse (IMM) in Köln. Und wahrscheinlich trägt er wie vergangene Woche in seinem Büro im schweizerischen Klingnau einen goldenen Armreif, kommt ohne Socken daher und hat die Brille an einem Band um den Hals baumeln. Wahrscheinlich raucht er eine Camel, und möglicherweise hat er - ganz wie zu Hause in seinem Arbeitszimmer - eine mit vier lederbespannten Hockern und mit Jack Daniels, Campari und Baileys gut ausgestattete Bar im Rücken.Fässler ist seit 20 Jahren Chef bei de Sede. Bis zum vergangenen Jahr war er auch Eigentümer, dann stieg ein Finanzinvestor ein. Seither befindet sich der 57-Jährige ein wenig auf der Entschleunigungsspur - sofern sich das über einen sagen lässt, der vorne links neben dem Eingang zur Möbelfabrik seinen schwarzen Bentley geparkt hat und der zu Hause 25 historische Rennwagen in der Garage stehen hat, die bewegt werden wollen. Gegen Ende 2008 will er sich bei de Sede zurückziehen, auf ein paar Monate kommt es ihm dabei nicht an. Aber klar ist: "Mit den Gewohnheiten eines Hauptaktionärs kann man langfristig nicht an der Spitze eines Unternehmens bleiben, wenn es einem nicht mehr gehört."Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Chef ist RealistDer Chef ist Realist, auch wenn er seinem Leben gerne die große Romanform gibt. "Ich habe die Kneipen den Hörsälen vorgezogen", beschreibt er seine Lehr- und Wanderjahre. Schwarz auf weiß liest es sich im Lebenslauf gemäßigter: "In Brüssel begann Fässler ein Studium an der juristischen Fakultät, stellte jedoch sehr bald fest, dass er sich in der Praxis sehr viel besser weiterentwickeln konnte als in der Theorie." Als begnadeter Praktiker ist Fässler in der Branche bekannt. "Sie können mit ihm über Design diskutieren. Sie können übers Geldverdienen reden. Aber vergessen Sie eine Diskussion über Managementmethoden", sagt einer, der auch einen Stand auf der Möbelmesse hat. Bei Fässler hört sich diese Erkenntnis nach der vierten Zigarette so an: "Ich lerne von Menschen und nicht aus Büchern. Ich lerne von denen, die etwas getan haben, und nicht von denen, die etwas geschrieben haben."Damenoberbekleidung in Rhodesien, Damenunterwäsche in der Schweiz, Spielzeugautos in Hongkong (und zwar die von Matchbox) - die Stationen des Herrn Fässler klingen weniger nach System als nach Gelegenheit. Aber so wie der Mann, der irgendwann treu bleibt, hat der Manager Fässler das Datum 8. 8. 1988 nicht zum Heiraten genutzt, sondern mit de Sede einen Bund geschlossen, der bis zum heutigen Tag hält. "Ich bin geblieben, weil es Spaß macht, schön zu arbeiten."Damals war die Schweizer Möbelmarke ein Sanierungsfall. Die Zeiten, in denen Mick Jagger öffentlichkeitswirksam auf der De-Sede-Sitzlandschaft Terrazza herumtrampelte, waren definitiv vorbei. Das Unternehmen drohte in die Falle zu laufen, in der sich auch andere verfingen, die auf Masse umschwenkten, aber den Luxusmarkt nicht aufgeben wollten, die mit der Produktion ostwärts zogen, aber nicht an Qualität und Transportkosten dachten und die bei Formen auf Ideen setzten, aber nur Imitate produzierten.Die Spätfolgen dieser Entwicklung sind in der Branche noch immer zu besichtigen: Mit Schieder verabschiedete sich im vergangenen Jahr der größte und mit Flötotto einer der prominentesten Möbelhersteller Deutschlands in die Insolvenz. Die 80er-Jahre, das war auch die Zeit des Aufstiegs von Ikea zum Lieblingsmöbelkaufhaus für die Massen. Gehen Sie zu Ikea, Herr Fässler? "Nein, ich gehöre nicht zur Zielgruppe. Aber meine Töchter, die dürfen selbstverständlich da hin."Bei de Sede läuft es seit einigen Jahren wieder rund. So genau lässt sich Fässler allerdings nicht über die Schulter gucken. Stattdessen spricht er ohne Anflug von Selbstzweifeln von einem "Megatrip", auf dem sich das Unternehmen befinde. Zu den rund 70 Millionen Euro Jahresumsatz, die die 240 Mitarbeiter erwirtschaften, sollen jährlich sechs Prozent dazukommen. Wie? "Indem wir die Besten sind", sagt Fässler. Produziert werden soll weiter in der Schweiz, nur eine Näherei steht in Tschechien. Dazu kommt die Strategie, Möbel so zu bauen, dass sie Funktionen haben, die sich patentieren lassen - das schützt vor Nachahmern. Und Konjunkturkrisen kennt der Luxushersteller mit Sofas für 10 000 Euro nur vom Hörensagen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Capvis besitzt bereits eine feine AdresseJetzt kommt mit Capvis ein Finanzinvestor. Offenbar soll, um bei Fässlers Wortwahl zu bleiben, aus dem Megatrip ein Gigatrip werden. Capvis besitzt mit dem süddeutschen Möbelhersteller Machalke bereits eine feine Adresse in der Branche und wird versuchen, von beiden Firmen zusammenzulegen, was zusammenpasst.Außerdem hat sich damit die Nachfolgeregelung für Fässler erledigt. Seine zwei Töchter sitzen bislang lieber auf Sofas von de Sede, als dass sie sich um deren Herstellung und Verkauf kümmern. Capvis sei einer von mehreren Interessenten gewesen. "Und als Schweizer Investor, der noch nie etwas zerstört hat, was er gekauft hat, passt er zu uns", glaubt Fässler.Und er selbst? Bleibt er in der Schweiz? In Pfäffikon? Dort, wo die Steuern schön niedrig und die Verwaltungsratsmandate im Nebenberuf so reichlich im Angebot sind wie anderswo die Posten fürs Zeitungsaustragen in den frühen Morgenstunden? Dort, wo der Bentley so prächtig über gut asphaltierte Straßen am Zürichsee gleitet? Oder zieht es ihn noch mal nach Afrika, wo er die Menschen mag, die, wie er es beschreibt, "das Leben lieben, gerne lachen, Zeit haben und meistens ehrlich sind"?Fässler legt sich nicht fest. Eine neue alte Heimat wird ihm Afrika aber nicht werden. Mit dem Wohlstand ist die Distanz gewachsen: "Afrika ist politisch versaut", sagt er. Er verabschiedet sich, indem er seine Hände für den Bruchteil einer Sekunde faltet und dazu ein Nicken andeutet. Die Geste passt etwa so gut zu ihm und in eine Schweizer Kleinstadt wie ein Eskimo in die Wüste. Sein Abschiedsgruß lässt alles offen: "Denken Sie daran," sagt er, "ich bin zu nichts gezüchtet worden."
Dieser Artikel ist erschienen am 14.01.2008