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Zu jung fürs Nichtstun

Von Joachim Hofer
Es ist Michael Dell nicht anzusehen, dass er gerade einige der anstrengendsten Wochen seines Lebens hinter sich hat. Sicher, sein Haar ist etwas dünner geworden in jüngster Zeit, und die Schläfen werden langsam grau. Doch wenn der Unternehmer sein spitzbübisches Lächeln aufsetzt, dann gelingt es ihm wie eh und je, seine Zuhörer zu fesseln.
Konzernchef Michael Dell will Kosten sparen und das Unternehmen wettbewerbsfähiger machen. Foto: dpa
PARIS. ?Natürlich sind die Veränderungen, die wir jetzt in Angriff nehmen, eine Herausforderung für eine über Jahre hinweg sehr erfolgreiche Firma?, sagt Dell. In solchen Momenten wirkt der Mann im offenen Hemd wieder wie jener energetische Firmengründer, der er schon vor 23 Jahren war, als er in einem Wohnheim im texanischen Austin eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt ins Leben rief.Dass die Manager, die er in Paris Ende vergangener Woche zum jährlichen Erfahrungsaustausch eingeladen hat, dem Chef des Computerkonzerns wie früher an den Lippen hängen, ist nicht selbstverständlich. Denn wie glaubwürdig ist einer, der in diesen Tagen so ziemlich genau das Gegenteil von dem erzählt, was er zwei Jahrzehnte lang gepredigt hat? Wie seriös ist ein Unternehmensführer, der stets getönt hat, mit Dell gehe es nur bergauf ? dessen Unternehmen jetzt aber mit sinkenden Margen zu kämpfen hat?

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Als sei es die normalste Sache der Welt, kündigt der 42-Jährige nun im vornehmen Hotel Intercontinental an der Pariser Oper die Abkehr vom bisherigen Geschäftsmodell an: dem Direktverkauf per Telefon und Internet oder über eigene Vertreter. Mit diesem Konzept war es ihm gelungen, IT-Riesen wie Hewlett-Packard (HP) und IBM in die Enge zu treiben und Einzelhändler zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.Jetzt soll das nicht mehr gelten. Der Firmengründer hat eine völlig neue Unternehmensstrategie entworfen. Er will seine Computer jetzt auch in die Läden bringen: ?Wir werden uns mit vielen Handelspartnern verbünden.? Gestern startete er den Verkauf von zwei Desktop-PC-Modellen für je unter 700 Dollar in mehr als 3500 Wal-Mart-Stores sowie über die Tochter Sam?s Club in den USA.Ja, jetzt ist er wieder mittendrin im Tagesgeschäft. Eigentlich hatte er anderes vor. Im Sommer vor drei Jahren trat er von der Konzernspitze ab und übergab den Posten an seinen Weggefährten Kevin Rollins.Doch als Dell seinem Freund erst einmal die Macht übergeben hatte, war es mit der Erfolgsgeschichte des Unternehmens bald vorbei. Neue Produktkategorien wie Fernseher floppten, in anderen kam Dell langsamer voran als erwartet, etwa bei Druckern. Vergangenes Jahr löste HP dann Dell nach drei Jahren als größten PC-Hersteller der Welt ab. Und es folgte ein Bilanzskandal.Ende Januar wurde es Dell zu viel: Er setzte Rollins vor die Tür und mit ihm das halbe Top-Management. ?Es war Zeit für einen Wechsel?, begründet er heute den Schritt. Als Gründer sei er verantwortlich für die Firma und die Mitarbeiter. Zudem hält er selbst noch immer knapp zehn Prozent der Aktien.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Sein Herz hängt an der Firma?Finanziell hat es der Milliardär schon lange nicht mehr nötig zu arbeiten. Sich als Frührentner zur Ruhe zu setzen kommt ihm trotzdem nicht in den Sinn. ?Dafür bin ich mit 42 viel zu jung?, sagt Dell. ?Sein Herz hängt an der Firma?, ergänzt ein Manager, der ihn seit Jahren kennt. Offenbar gelingt es Dell derzeit gut, trotz des Personalabbaus für Aufbruchstimmung zu sorgen. ?Der Wille zur Veränderung war schon lange nicht mehr so stark wie in den letzten Wochen, seit Michael wieder die Führung übernommen hat?, sagt zumindest Dave Marmonti, der neue Europa-Chef.Im persönlichen Gespräch ist Dell freundlich und zuvorkommend. Stets blickt er seinem Gegenüber dabei in die Augen. Meist überlegt er ein wenig, bevor er antwortet. Er kennt sich auch in Details seiner Geräte gut aus, so als habe er sie selbst entwickelt.Das ist die eine Seite des Konzernchefs. Mitarbeiter berichten, dass er ausgesprochen ruppig auftreten kann, wenn sein Gesprächspartner nicht gleichfalls gut vorbereitet ist.Inzwischen ist aber klar, dass sich Michael Dell in den vergangenen Jahren verschätzt hat. Stets hat er seine Rechner lieber an Firmenkunden verkauft als an Privatleute. Doch weltweit brummt der Verkauf an Konsumenten. Die kaufen zudem lieber in Supermärkten ein als übers Internet. Deshalb ziehen Wettbewerber an Dell vorbei. ?Natürlich hätten wir früher gegensteuern müssen?, sagt Dell.Solche Selbstkritik ist neu für den Mann, der in der Computerbranche immer noch als Großmaul gilt. Den deutschen Marktführer Fujitsu Siemens hat Dell schon vor Jahren für tot erklärt. Und auch HP gab er nach der Milliardenübernahme des Wettbewerbers Compaq kaum eine Chance. In beiden Fällen hat er sich getäuscht. Kritiker registrieren dies sehr genau, vielleicht auch, weil es Dell ohne eine der berühmten Wirtschaftsunis nach oben geschafft hat.Seine Karriere ist außergewöhnlich. Als Medizinstudent der University of Texas in Austin beginnt er 1984, Computer zu verkaufen. Das Startkapital: 1000 Dollar. Seine Idee, die Geräte ausschließlich direkt anzubieten, ist damals in der Branche revolutionär. In 23 Jahren errichtet er so ein Imperium, das inzwischen fast 60 Milliarden Dollar im Jahr umsetzt.Nach den schlechten Erfahrungen mit dem Machtwechsel will Michael Dell das Heft jetzt nicht mehr aus der Hand geben. ?In den nächsten Jahren bleibe ich in jedem Fall an Bord?, sagt er im Interconti in Paris. An die Nobelherberge hat der Unternehmer gute Erinnerungen. 1996 startete er dort das Geschäft mit Servern. Es war eine jener Entscheidungen, mit denen der Unternehmer seinen Weltruf begründet hat.Jetzt hat Dell in Paris wieder große Veränderungen verkündet. Ob er sich jedoch im Einzelhandel gegen die starke Konkurrenz ebenso durchsetzen kann, ist offen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Michael DellVita von Michael Dell1965 wird er am 23. Februar 1965 in Houston/Texas geboren.1984 bricht Dell das Medizinstudium an der University of Texas ab und gründet mit 1 000 Dollar Startkapital seine eigene Computerfirma.1992 steigt die Firma in die Liste der 500 größten US-Unternehmen auf. Heute sorgen knapp 90 000 Mitarbeiter für einen Jahresumsatz von rund 60 Milliarden Dollar.1993 lässt sich Dell von Bain beraten. Zuständiger Partner ist Kevin Rollins, der 1996 zu Dell wechselt.2004 gibt Dell seinen Chefposten an Rollins ab und wird Chairman.2007 setzt er Rollins vor die Tür und übernimmt selbst die Führung.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.06.2007