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Zu früh gepokert

Von Katharina Kort
Fulvio Conti will in Europa zukaufen. Doch bei den großen Übernahmen in Frankreich und Spanien hat der Chef des italienischen Energiekonzerns Enel schlechte Karten.
MAILAND. Bei Fulvio Conti ist es keine abgedroschene Metapher, wenn man sagt, dass er früher kleine Brötchen gebacken hat. Denn der Vorstandsvorsitzende des italienischen Stromkonzerns Enel hat als junger Mann in einer Bäckerei gearbeitet, um sich das Taschengeld und später das Wirtschaftsstudium zu finanzieren. Im Gegensatz zu vielen Top-Managern Italiens stammt der gebürtige Römer nicht aus einer der einflussreichen Familien der Hauptstadt, sondern aus einfachen Verhältnissen.Im vergangenen Mai ist der heute 58-jährige Conti durch den überra-schenden Wechsel des damaligen Enel-Chefs Paolo Scaroni zum Ölkonzern Eni an die Spitze aufgestiegen. Zuvor war Conti als Finanzvorstand des drittgrößten börsennotierten Stromkonzerns in Europa mit Sitz in Rom vor allem für die Zahlen zuständig. Die große Strategie lag in Scaronis Hand. Nun aber muss Conti grundlegende Entscheidungen zur Expansion des Unternehmens treffen.

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Noch im Juni des vergangenen Jahres hat er sich in einem Interview mit der italienischen Wirtschaftszeitung ?Il Sole 24 Ore? als ?Mann der Kontinuität? bezeichnet. Doch die jüngsten Ereignisse deuten darauf hin, dass es mit der Kontinuität nicht allzu weit her ist. In den vergangenen Wochen hat der Enel-Chef gleich zwei Mal beim Übernahmepoker im europäischen Energiemarkt mitgemischt ? oder das zumindest angekündigt. Nun sieht es so aus, als sei er der Verlierer im Milliardenspiel.In Spanien hat Anfang der vergangenen Woche die deutsche Eon ein Angebot für den Versorger Endesa vorgelegt und damit Zukaufspläne von Conti durchkreuzt. Denn Enel hatte auf die Übernahme von Endesa durch den spanischen Konkurrenten Gas Natural spekuliert und wollte jene Unternehmensteile kaufen, die Gas Natural aus Wettbewerbsgründen hätte abgeben müssen. Als Reaktion auf das Eon-Gebot erwägt Conti nun, sich an einem möglichen zweiten Angebot von Gas Natural für Endesa zu beteiligen.In Frankreich signalisierte Conti Interesse am Versorger Suez, wurde aber am Wochenende von einem Angebot der französischen Gaz de France (GdF) überrascht. Da Frankreichs Regierung die GdF-Suez-Fusion unterstützt, gilt ein Gegenangebot von Enel für Suez in Unternehmenskreisen als unwahrscheinlich.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Conti erntet auch Kritik für sein VorgehenConti kann zwar mitten im italienischen Wahlkampf auf die Unterstützung der Politiker beider Lager zählen. So empfing gestern Industrieminister Claudio Scajola den Enel-Chef. Und auch Wirtschaftsminister Giulio Tremonti machte sich nach Brüssel auf, um bei der Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes vorzusprechen.Doch Conti erntet nicht nur Verständnis und Mitleid als möglicher Verlierer des Fusionspokers in der europäischen Strombranche. Er erhält auch Kritik für sein Vorgehen, seine Übernahmepläne in einem Fernsehinterview anzukündigen, ohne dass eine konkrete Offerte vorlag. Denn nach dem Übernahmeangebot von Eon für Endesa verkündete Conti im Fernsehen, er werde ein zweites Angebot der spanischen Gas Natural unterstützen. Zudem ließ das Unternehmen ein Interesse an Suez durchsickern. Als wenige Tage später die GdF ihr Angebot für Suez vorlegte, war der Aufschrei groß, dabei hatten die Italiener formal noch nicht geboten.?Ich habe noch nie erlebt, dass ein Übernahmeangebot angekündigt wird, bevor es vorgelegt wird?, rügte der ehemalige Wirtschaftsminister Domenico Siniscalco das Vorgehen des Enel-Managements und sprach von schwerer Schuld. Ohne ein vorliegendes Angebot sei es schwer, Enel in Frankreich oder vor der EU-Kommission in Brüssel zu verteidigen.Das Vorgehen des Enel-Managers ist umso erstaunlicher, als Conti durchaus Verhandlungsgeschick nachgesagt wird, das er nicht zuletzt bei seinen Aufenthalten im Ausland gelernt hat. Schon als junger Mann verlässt der Italiener sein Heimatland und geht für die Erdölgesellschaft Mobil Oil nach Brüssel, London und New York. Heute spricht er drei Fremdsprachen fließend: Französisch, Englisch und Spanisch.Im Konzern ist Conti beliebt, ?auch weil er nie laut wird?, sagt ein ehemaliger Enel-Mitarbeiter. Der stets elegant gekleidete Vorstandschef gilt als wenig eingebildet und plaudert im Aufzug mit allen. In seinem Büro legt der Kunst- und Musikliebhaber auch mal gerne klassische Musik auf. Zum Abspannen raucht er kubanische Zigarren, und am Wochenende flüchtet er in sein Haus am Meer in Sabaudia in der römischen Provinz. Dort frönt der Vater eines Sohnes auch seinen Hobbys, dem Lesen und dem Segeln.Als Manager beschreiben ihn seine Untergebenen eher als Delegierer denn als Alleinentscheider. Er gilt als höflich und geduldig, einer, der erst überlegt, bevor er Entscheidungen fällt. Umso überraschter waren Beobachter über die jüngsten Ankündigungen im Fernsehen.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Vielleicht liegt Contis Stärke eben doch bei den Zahlen. Bei Mobil Oil, beim Energiekonzern Montecatini, bei der italienischen Eisenbahn, Fer-rovie dello Stato, und später bei Telecom Italia machte er sich vor allem als Finanzchef einen Namen.Jetzt, an der Spitze des Konzerns angekommen, will er den Auslandsanteil am Umsatz von zehn Prozent im Jahr 2004 mittelfristig auf 40 Prozent steigern. Die Zukäufe in Spanien beziehungsweise Frankreich wären da eine willkommene Gelegenheit. Doch daraus wird wohl nichts. So muss er die 15 Milliarden Euro für Zukäufe im Ausland in Osteuropa und Russland investieren ? wie bisher. Er bleibt also doch ein ?Mann der Kontinuität?.
VITA: FULVIO CONTI1947
Er wird am 28. Oktober in Rom geboren. Später macht er seinen Abschluss an der Universität Rom ?La Sapienza? in Wirtschaft.
1969
Er beginnt bei Mobil Oil, wo er Führungsaufgaben in Italien und im Ausland übernimmt, zuletzt als Finanzchef für Europa.
1991
Conti leitet die Finanzabteilung von Montecatini. 1993 wird er Finanzchef von Montedison-Compart.
1996
Er wird Finanzchef der italienischen Bahngesellschaft.
1998
Er wechselt als Finanzchef zu Telecom Italia.
1999
Er wird Finanzvorstand des italienischen Energiekonzerns Enel.
2005
Im Mai steigt er zum Vorstandschef von Enel auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.03.2006