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Zivi-Tagebuch aus Uganda

Christopher Neumann aus Düsseldorf arbeitet als Zivildienstleistender in einem Kinderheim für AIDS-Waisen in Kampala/Uganda. Für karriere Abi schreibt Christopher regelmäßig Tagebuch.
11. September 2006
18. September 2006
24. September 2006
4. Oktober 2006
16. Oktober 2006
24. Oktober 2006
5. November
28. November
13. Dezember
28. Dezember
15. Januar 2007
10. April 2007
23. Mai 2007

7. September 2006 - 1. Bericht aus Uganda

Junk-Fruit. Unfassbar lecker, groß und schwer.
Heute ist der Donnerstag, der 7. September und ich bin seit vier Tagen hier. Was mir hier bisher widerfahren ist, lässt sich nur sehr schwer in Worte fassen und wenn überhaupt, dann nur in sehr viele?

Die besten Jobs von allen
?

Schon mein Start hier war sehr ungewöhnlich: Anstatt direkt in den Alltag des Ashinaga Projekts ?A Home For Aids Orphans? geworfen zu werden, hatte ich das Glück, am zweiten Tag zusammen mit ein paar anderen in ein ca. 300 Kilometer entferntes Dorf zu fahren. Unfassbar

Ashinaga liegt in Kampala, der Hauptstadt mit 1,2 Millionen Einwohnern. Der Stadtteil, in dem wir uns befinden, heißt Nansana und ist für hiesige Verhältnisse anscheinend durchschnittlich, was die Lebensqualität betrifft (nach deutschem Standard also völlig verarmt). Doch das 300 km entfernt liegende Dorf - dagegen leben wir hier im absoluten Luxus: über die Kakerlaken in unserer ?Toilette? (wenn man diese Vorrichtung so nennen kann) würden die Anwohner sich freuen, so hätten sie wenigstens etwas zu essen. Der hier ständig ausfallenden Strom würde sie gar in Euphorie versetzen, denn das würde bedeuten, dass sie wenigsten ab und an überhaupt welchen hätten. Dennoch, die Leuten beklagen sich nicht, obwohl ihre Lebensaufgabe darin besteht, aus dem ca. sieben Kilometer entfernten Brunnen Wasser zu holen und es zurück zum Dorf zu bringen ? um zu überleben

Blendet man einmal diese absolute Armut aus, dann habe ich wohl die schönsten Landschaften, die mir je begegnet sind, genießen dürfen. Ich vermag es wirklich nicht zu beschreiben, wie atemberaubend und überwältigend es ist, auf der Spitze eines Berges zu stehen (dort lag das Dorf) und kilometerweit seinen Blick über die nahezu unberührte Natur gleiten zu lassen. Hinzu kommt die unglaubliche Stille: keine Autos, Flugzeuge, Werkzeuge oder gar Elektronik, die irgendwelche Geräusche produzieren würden.

So wie ich ins Schwärmen gerate, müsste man denken, dass war schon das höchste der Gefühle. Aber natürlich kam es noch besser. Auf der Rückfahrt saßen und standen wir, Judith, eine andere Deutsche, Takaishu (ein ehemaliger japanischer Volunteer, der hier zu Besuch ist), zusammen mit drei gefesselten Ziegen, die wir gekauft haben, um sie bald zu schlachten (das wird auch noch auf mich zukommen) auf der Ladefläche von Kaz? (mein Chef) Pick-up, während er mit ca. 100 km/h durch völlig zerklüftete Gelände bretterte. Irgendwann gab?s dort wohl auch mal eine Strasse, aber mittlerweile ist es seine Off-Road Piste mit vereinzelten Strassenstücken. Besser als jede Achterbahnfahrt! Die Ziegen auf der Ladefläche begannen irgendwann, während der ca. dreistündigen Fahrt, zu pissen und schließlich zu koten?das ist AFRIKA? Wie hat sich also mein Alltag verändert seit ich Deutschland verlassen habe?

Mal sehen?

Hier gibt es verdammt leckeres Essen. Ich frag meistens erst, nachdem ich probiert habe, um was es sich handelt ? wirklich ratsam, da der Kopf einen schon mal einen Streich spielen kann. Herz, Ohren, Leber von diversen Tieren sind nur wenige der vielen kulinarischen Neuerungen, die mir hier bisher begegnet sind. Kennt jemand Junk-Fruit? Hab ich in Deutschland weder gegessen noch überhaupt von ihr gehört?delicious!

Ihr könnt euch allerdings nicht vorstellen, wie froh man über seine Hepatitis-Impfungen ist: Ohne sie wär? ich wahrscheinlich schon mutiert oder selbst auf einem Teller gelandet?

Zu meiner Arbeit hier im Ashinaga Haus kann ich noch nicht so viel sagen, außer, dass ich ihr gerade nicht nachgehe, weil ich Euch diese Mail schreibe

Mittlerweile ist es 19:30 Uhr, Judith kocht...diese Küche ist so abartig, aber wir werden in den kommenden Wochen eine Generalreinigung durchführen

Wir haben vorhin erfahren, was in den kommenden Monaten unsere Aufgaben sein werden

Hier ein kurzer Überblick:

  • Hausbesuche bei den Pflegeeltern (?Guardians?) der AIDS-Waisen
  • Lehrer in Primary oder Secondary School für Englisch, Deutsch oder was anderes
  • zwei Wochen bei einer Familie leben, anstatt hier im Ashinaga Haus
    So, das war?s erst einmal. Bin ziemlich ausgelastet hier und will Judith nicht allein in der Küche arbeiten lassen... 11. September 2006

    98 Teenager plus 20 Leute von der Ashinaga-Crew waren vor Ort, als wir am letzten Samstag zum Campen auf einem der schönsten "Campingplätze", den man sich vorstellen kann, waren. Weit und breit niemand außer uns, Blick auf den Victoriasee (zweitgrößtes Binnengewässer der Welt), wilde Tiere, alle Arten von Insekten, Raubvögel... wie man sich halt Afrika vorstellt. UND: Alles war durchgeplant, so richtig europäisch. Die ganze Ashinaga-Crew hatte, bevor es losging, ein Meeting. In diesem wurde strikt festgelegt, was jeder einzelne für Aufgaben im Camp haben würde, was mich natürlich überraschte, schließlich sind wir in Afrika

    Aber, wie Ihr wisst, habe ich nichts dagegen, gut vorbereitet zu sein, wozu auch eine klare Aufgabenverteilung gehört. Wie gesagt, diese Maßnahmen gefielen mir gut. Vor Ort merkte ich dann, was mir nicht gefiel: die Umsetzung. Denn abgesehen von zwei (von ca. 20 der im Meeting eindeutig und unmissverständlich zugeteilten Aufgaben) wurde gar nichts eingehalten, wir sind schließlich in Afrika..

    Um euch einen Eindruck zu vermitteln, was getan werden musste, bevor es dunkel wurde (hier ist es ab circa 19 Uhr so dunkel wie in der tiefsten Nacht in Deutschland):

  • zwei riesige Zelte aufbauen
  • Essen vorbereiten (Kartoffeln schälen, Ziegen töten, häuten, "zerkleinern")
  • Feuerstelle vorbereiten (Holz sammeln, arrangieren)
  • Wasser holen
  • Equipment abladen
  • Und hundert kleinere Sachen..

    Ihr glaubt gar nicht, wie überrascht ich war, als auf einmal meine Bosse, die uns in europäischer Manier eingebläut hatten, was zu tun (ich: verantwortlich für das Equipment und das Feuer) und was zu lassen (unbedingt vermeiden, dass alle Ashinaga Leute sich an einem Ort aufhalten, weil sonst die Übersicht über die "wilden Teenager" verloren ginge) sei, plötzlich alle verschwunden waren... Ratet, an wem die Arbeit hängen blieb: richtig, an uns Volunteers. Aber hey, ich beschwer mich nicht, schließlich bin ich zum arbeiten hier, und wir sind in Afrika... über Bord mit europäischen Wertvorstellungen! Außerdem kann ich wohl kaum behaupten, dass es in Deutschland gänzlich anders war..

    Nachdem also die Dunkelheit innerhalb von weniger als 20 Minuten über uns hineingebrochen war und keine der wichtigen Aufgaben vollständig erfüllt war, ging's irgendwie doch los. "Irgendwie" ist hier wohl ein recht treffender Terminus. Ein paar Programmpunkte liefen wohl nach Plan ab (z.B. das von uns einstudierte Fackelfeuerwerk), aber der Großteil war einfach zufällig

    Zwischendurch kamen ein paar Waisen mit einer ungefähr einen Meter langen Eidechse an, unfassbar, so was hab ich noch nie gesehen. Die ugandische Natur ist für mich Großstadtkind sowieso eine atemberaubende Erfahrung! Wenn ich hier das Haus verlassen, höre ich schon mehr Geräusche, die auf irgendwelche unbekannten Tiere zurück zu führen sind, als in Deutschland innerhalb einen Jahres. Aber in diesem Camp, also in der Natur hatte ich richtig ANGST. Eidechsen, Hunde, Schlangen, alle Arten von todbringenden oder zumindest krankheitserregenden Insekten, angeblich auch Krokodile... ja, es ist tatsächlich ein bisschen aufregender als auf dem SPLASH

    Apropos SPLASH. für die, die es nicht wissen: ich war bisher drei Mal in Chemnitz auf Europas größtem HipHop & Reggae-Festival (dort campen wir auch immer). Die letzten zwei Mail hat es apokalyptisch geregnet. In Afrika denkt man ja auch nicht so richtig an Regenkleidung oder warme Klamotten, wenn nicht gerade Regenzeit ist. Tja, ein Fehler, wie ich jetzt weiß. Dem um fünf Uhr morgens einsetzenden Regenschauern waren die für die 98 Kinder ohnehin viel zu kleinen Zelte nicht gewachsen. Und wo war das Ashinaga-Führungspersonal? Litten sie mit uns in diesem unfassbarem Schauer? Hatten sie wie wir die ganze Nacht kein Auge zugetan, weil es so abgesprochen war, um auf die Kinder aufzupassen? Nein, natürlich nicht, die Herren und Damen der Schöpfung, zumindest die meisten von ihnen, lagen schlafend, vor Wind und Wetter geschützt in ihren Autos...Das nenne ich Solidarität!

    Immerhin kann ich jetzt einschätzen, wie das hier abläuft, das ist auch gut. Nach diesem Schauer konnte sowieso niemand mehr schlafen (was sowieso nur die Hälfte der Kinder getan hatte, die andere tanzte und feierte die ganze Nacht am Lagerfeuer), weil es viel zu kalt war. Deshalb begann der neue Tag (ohne Schlaf für uns) gegen sechs Uhr morgens mit den "Morning Excercises" wie Fußball, Hacky, Wettrennen, usw. Gute Idee, denkt man eigentlich, um Müdigkeit und Kälte abzuschütteln. Keine gute Idee merkt man, wenn man sich vergegenwärtigt, dass wir seit 10 Stunden nichts mehr getrunken hatten, weil es einfach nix gab, und ihr könnt sicher sein, hier ist nicht mal eben ein Kiosk oder ne Tanke in der Nähe

    Folter also oder einfach nur zu wenig Geld für Wasser? Weder noch. Ganz komisch, bzw. biologisch verständlich, doch für mich sehr ungewöhnlich: Ugander, wie viele andere Afrikaner in dieser tropischen Region, trinken am Tag maximal ein Glas Wasser. Ihr Körper hat sich angepasst. Natürlich war genau so viel Wasser da, dass jedes Kind und wir ein Glas hatten, das war's dann auch. So wurden die "Morning Excercises" tatsächlich zur Folter. natürlich waren die meisten der Waisen wegen der durchgefeierten Nacht äußerst müde, doch das Programm ging weiter - und seltsamerweise hielt man sich auf einmal verhältnismäßig streng an den am Vortag besprochenen Plan.

    So gab es noch Spiele, Aufräumen und ein neunzigminütiges Theaterstück komplett auf Luganda! Man stelle sich also vor, wie wir völlig übermüdet, nach 30 Stunden aufpassen, organisieren und arbeiten da sitzen und hoffen, dass endlich die Busse kommen, um uns wieder nach Hause zu bringen. Doch anstatt der Busse kommt dieses Stück, man versteht kein Wort, aus Respekt den Kindern gegenüber versucht man aber, sich wach zu halten... Es gelingt. allerdings ist noch immer kein Wasser in Sicht und mittlerweile ist es zwei Uhr nachmittags

    Endlich wieder am Rainbowhouse.
    Der Leidensweg dauert an. Gegen 15:30 Uhr erreichen wir endlich das Rainbowhouse, Heimat... Verpflegung, Wasser...! Doch für die Kinder geht die Folter weiter. Jetzt, sollen sie einen Essay zu der unbedeutenden Fragestellung verfassen, was sie bisher im Leben erreicht haben und was sie noch vorhaben. Ihr wisst mittlerweile, wir sind in Afrika

    Nach dieser letzten leichten Aufgabe erhalten sie endlich ihre Lunchpakete und machen sich auf den Weg. Für uns endet damit ein wahrlich langer Arbeitstag. Jetzt bin ich glücklich, das erlebt zu haben, denn jetzt mit vollem Magen und nicht mehr trockener Kehle erinnere ich mich auf einmal an die tollen Erlebnisse im Camp: wie ich mit einer kleinen Gruppe durch den Urwald streife, sie mir Pflanzen und Tierwelt erklären (in dieser Hinsicht sind sie unfassbar gebildet und Außerdem sehr im Englischen bewandert), wie ich abends mit ihnen am Campfeuer sitze und wir uns über Erfahrungen austauschen..

    Jetzt blick ich auch gerne auf die schlaflose, kalte und unangenehme Zeit zurück, weil es überstanden ist und man um so viele Erfahrungen reicher ist. Mein Körper ruft mich ins Bett. Morgen gibt es wieder so viel zu tun, am Samstag ist das größte, von Ashinaga organisierte Projekt des Jahres, das "Cultural Festival" mit 500 erwarteten Gästen. Ab nächstem Mittwoch werd ich hier an der "Alliance High School" als Lehrer anfangen, darauf freu ich mich schon. Ich werde berichten!

    Sla burungi!
    Chris

    18.09.06

    Das Wichtigste vorneweg: gestern ist es mir tatsächlich gelungen, den Kühlschrank zu reinigen. Leider war der Speicherplatz auf meiner Kamera schon voll, so dass es mir nicht möglich war, euch die ganze Kakerlakenfamilie im Detail vorzustellen. Ihr kennt doch alle diese Gummiabdichtung, die sich am Rand der Kühlschranktür befindet - Ihr wäret sicherlich erstaunt, wie viel Platz dort ist, eine ganze Kolonie zu gründen..

    Und damit herzlich Willkommen zu meinem dritten Erlebnisbericht aus Uganda

    Das Großereignis "Cultural Festival" liegt nun schon seit zwei Tagen hinter mir. Trotz meiner, in meinem letzten Bericht geäußerten Kritik an der Organisations(un-)fähigkeit meiner Mitbewohner ist es doch ein Riesenerfolg geworden. Da ich in der letzten Mail bereits ausführlich über das Camping berichtet habe, werd ich darauf verzichten, den Ablauf des Cultural Festivals zu erläutern, sondern stattdessen versuchen, auf mein Alltagsleben einzugehen, das sich nun abzeichnet

    Als ich frisch hier ankam - mittlerweile betrachte ich mich als fortgeschrittenen Neuling - fiel mir gar nicht auf, dass diese Kinder emotionaler Hilfe bedurften. Für mich sah es so aus, als seihen sie ganz normale (afrikanische) Teenager. Zwar arm und deswegen immer hungrig, aber trotzdem freundlich, hilfsbereit, verspielt und wissbegierig. Der normale, also arme und hungernde, afrikanische Teenager scheint also, so wie ich ihn kennen gelernt habe, trotz der widrigen Umstände glücklich und seines Lebens froh zu sein. Das ist allerdings ein verfälschter Eindruck. Denn die positive Lebenseinstellung ist das Werk von Ashinaga, von der emotionalen Hilfe, die sie hier erfahren, und entspringt also keinesfalls nur aus ihnen selbst

    Warum mir das bisher nicht aufgefallen ist? Weil ich bisher fast nur von diesen, wieder "auf den rechten Weg gebrachten" Jugendlichen umgeben war. Vielen von ihnen geht es trotz Verlust der Eltern oder eines Elternteils durch AIDS wieder recht gut. Verlässt man allerdings den sicheren Hafen Rainbowhouse, muss man einer anderen Realität ins Auge schauen. Kinder in zerfetzten Klamotten, mit aufgeblähten Bäuchen, die auf uns "Musungus" (so werden Weiße genannt) zugelaufen kommen, um zu betteln und zu flehen. Und es ist wahr, ich habe hier so viel Geld, dass ich immer, wann ich will, täglich das fünfzigfache von dem essen könnte, was diese Kinder zu sich nehmen. Ich merke schon, wie ich auf Preise achte. Ich ärgere mich, wenn ich dem hier üblichen "Musungu-Aufschlag" nicht entgehen kann und statt 800 ugandischen Schilling (Ush) 1.200 zahle (2.200 Ush entspricht ungefähr einem Euro). Für 500 Ush bekomme ich hier eine ausgezeichnete und riesige Portion Bohnen, Reis und zwei Chapati (eine Art Pfannkuchen)

    Viele der Kinder können sich nicht einmal diese Portion täglich leisten. Ich muss hier mit 150 Euro monatlich gut auskommen, davon lebe ich wie ein König. Ich schlafe in einem Bett unter einem Moskitonetz, kann mich auf eine europäische Toilette setzen, habe Strom und immer Essen und Trinken, Wasser, eine Dusche... alles, was viele der Afrikaner nicht oder nur selten haben. Trotzdem, man darf nicht anfangen, ihnen Essen zu schenken - das ist wahrlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sie hungern für einige Stunden weniger, aber ihr Leiden lindert das nicht. Es verschlimmert es vielleicht sogar, weil sie damit rechnen, dass sich das wiederholt. Aber das tut es nicht. Hier ist wahrhaftig strukturelle Hilfe notwendig.

    So hatte ich nach Ende des Culture Festivals ein einschneidendes Erlebnis. Wir, das sind die Japaner, Dänen und Deutsche, hatten riesige Mengen für die Kinder und andere Gäste gekocht - am Ende sogar so viel, dass noch einiges übrig blieb. Wir packten also das verbliebene Essen in Tüten und verteilten es - allerdings war nicht genug für alle da. Deshalb wurden zunächst jene versorgt, die uns so beflissen und unermüdlich beim Auf- und Abbauen, der Organisation und allem anderen geholfen hatten. Weil die Zeit eilte, viele der Kinder bereits im Begriff waren, sich auf ihren Heimweg zu machen, brachten wir die restlichen mit Essen gefüllten Plastiktüten vor das Tor des Rainbowhouses, wo sich zu diesem Zeitpunkt viel mehr Kinder aufhielten als Essensrationen zur Verfügung standen.

    Was folgte war eine beeindruckende Lektion über die Natur des Menschen. Vorher noch in Freundschaft verbunden, stürzten sich nun selbst die Kleinsten (vielleicht 5 Jahre jung) wie eine Horde ausgehungerter Tiere auf die Nahrung. Es wurde gerissen, geschrien, geschlagen - in ihren Blicken, und ich möchte hier wirklich nichts dramatisieren oder aufbauschen - erkannte man, es ging ums nackte Überleben. Survival of the fittest

    Wenn Ashinaga Essen zur Verfügung stellen würde, geriete alles außer Kontrolle. Man kann hier in Uganda scheinbar nur unfair handeln, was Hilfsmassnahmen betrifft, man vernachlässigt stets die Mehrheit. Deshalb ist es so wichtig, dass Ashinaga emotionale Hilfe bietet. Es ist essentiell, dass diese Kinder ihre Lebensfreude wieder finden, um zur Schule zu gehen und sich und ihre Familie eines Tages vielleicht selbst ernähren und womöglich nur anderen helfen können

    Hoffentlich wirkt dieser Bericht nicht wie die Worte eines Moralapostels. Aber was mich in Deutschland, wenn ich Nachrichten sah, Zeitung lass, nachdachte oder auf irgendeine andere Weise mit der Armut des Großteils der Welt konfrontiert war, schon berührte, wird hier tatsächlich exemplarisch vor Augen geführt

    Ein diesmal sinnierender Christopher mit besten Grüssen aus Uganda

    24.09.06

    William: "Are you sure you like that water?"
    Ich: "Ya, sure, why do you ask?"
    Will: "Really? Surprise, surprise, normally European stomachs aren't used to that kind of water?"
    Ich: "What kind of water??? What's wrong with that water?!"
    Will: "Oh, I'm sorry. You didn't know that this water is from the well??"
    Ich: "What?! You are kidding!"
    Will (laughing): "I'm sorry for your stomach...

    Dieser kurze Dialog spielte sich vor einigen Tagen im Lehrerzimmer der Alliance High ab. William ist einer der Lehrer. Er stellte mir diese Frage, nachdem ich während des Mittagessens hastig zwei Becher Wasser heruntergestürzt hatte. Leider war es dann zu spät. Vielleicht hätte es sich gelohnt, mir den Finger in den Hals zu stecken? Mag sein. Aber immerhin weiss ich nun, was afrikanische Keime mit meinem deutschen Magen anstellen können. Schöne, kräftige, plötzlich und unerwartet einsetzende Magenkrämpfe sind die Regel. Ich verzichte an dieser Stelle auf weitere unschöne Symptome. Von Tag zu Tag gehts mir aber wieder etwas besser. Ausserdem werd ich wohl kaum rumheulen, während meine japanischen Freunde abwechselnd alle paar Wochen an Malaria erkranken..

    Ein ausnahmsweise mal leerer
    Klassenraum.
    Wie Ihr an der kurzen Lehrer-Episode erkennen könnt, bin ich nun tatsächlich Lehrer, Deutsch-Lehrer um genau zu sein. Ich unterrichte jeweils zwei Secondary I (S1) und II (S2) Klassen. Secondary I und II entspricht in Deutschland der 8. bzw. 9. Klasse, da das ugandische Schulsystem ein wenig anders aussieht. Primary School geht von I bis VII. Secondary von I bis VI. Insgesamt also auch 13 Jahre Schule bevor man die Hochschulreife erreicht

    Bisher hatte ich erst vier Stunden, aber die haben mir schon richtig gut gefallen. In der Klasse sitzen schätzungsweise zwischen 25 und 45 Schülern in kleinen leine Räumen zusammengepfercht auf alten Holzbänken. Sonst gibt es außer Staub und Dreck nichts weiter in den Klassen. Immerhin ist ein Grossteil der Schüler mit kleinen Heften und Stiften ausgestattet. So viel also zu den Rahmenbedingungen

    Diese einfachen Bedingungen tun der Neugier und Lust auf die deutsche Sprache allerdings keinen Abbruch. Ich habe sogar den Eindruck, dass alle, ausnahmslos, wirkliches Interesse zeigen und sich grosse Mühe geben. Meine Aufgabe wird nun also darin bestehen, diese Faszination durch spannenden Unterricht aufrecht zu erhalten. Bisher haben wir in S1 vor allem die Aussprache der deutschen Buchstaben und einige wenige Begrüßungen gelernt. Mit S2 bin ich, weil ich sie häufiger unterrichte, sogar schon zu einigen kleineren Dialogen übergegangen:

    Guten Morgen. Wie geht es dir?
    Hallo. Mir geht es gut.
    Wie heisst du?
    Ich heisse...
    Ich komme aus..

    Kommende Woche werde ich sehen, wie viel davon hängen geblieben ist. Was mich zuversichtlich stimmt, ist allerdings das Aufeinandertreffen mit einem meiner Schüler (wie sich das anhört, "mein Schüler") hier im Rainbow House. Er konnte das Alphabet schon sehr gut herunterbeten und selbst die Begrüßungen und Verabschiedungen hatte er noch drauf. Ich war beeindruckt! Natürlich versuche ich den Unterricht so locker und spaßig wie möglich zu gestalten, vom Schüler für Schüler sozusagen. Vielleicht sollte diese Prinzip auch in Deutschland Schule machen?

    Wie mir sowohl verschiedene Lehrer als auch Schüler verrieten, sind die Kinder hier sehr wiss- und lernbegierig was neue Sprachen angeht. Ein gutes Gefühl von dem sowohl die Kinder als auch ich profitieren. Wenn ich nicht unterrichte, streife ich entweder über das Gelände und unterhalte mich mit den A-level Students oder bin im Lehrerzimmer und amüsiere mich dort. Die Lehrer sind verglichen mit deutschen Verhältnissen sehr jung. Zwischen 23 und 35. Es gibt wohl auch den ein oder anderen älteren, der ist mir aber bisher noch nicht begegnet. So ist es die Regel, dass im Lehrerzimmer stets irgendwelche Anekdoten erzählt und Witze gemacht werden. Ebenso ist es üblich, dass einige zu der oben genannten Musik tanzen - sehr viel spannender und lustiger also als die Kaffee-und-Kuchen-Altersheim-Atmosphäre unserer Schule

    Umso schockierender ist es, zu wissen, dass diese freundlichen und warmherzigen Menschen immer noch Gebrauch von der Prügelstrafe machen. Glücklicherweise habe ich das bisher noch nicht miterleben müssen. Weil mich die Elektrizität in wenigen Minuten höchstwahrscheinlich wieder einmal verlassen wird, belass ich es diesmal bei diesem kurzen Bericht und hoffe, dass ihr mir das nicht übel nehmt!

    Sulabulungi!
    Euer Chris

    4. Oktober 2006

    Einigkeit und Recht und Freiheit...

    Gestern jährte sich zum sechzehnten Mal der Tag der deutschen Einheit. Wie macht sich dieser Nationalfeiertag normalerweise in Deutschland bemerkbar? Man hat frei und muss auch sonst keinen anstrengenden Tätigkeiten nachgehen - ein schöner Tag, wie jeder andere Feiertag auch. Wenn ich schon so anfange, könnt ihr euch denken, was jetzt kommt: In Afrika ist alles anders! Ist es das? Ja, zumindest was die Rahmenbedingungen angeht! Die Party, zu der die deutsche Botschaft geladen hatte, brachte dann doch eher heilige Gefühle.

    Der deutsche Botschafter
    gibt sich die Ehre.
    Wir Via-Zivis (VIA e.V. ist unsere Versendeorganisation) Judith, Etienne, Jonathan, Maxi, Jan und ich trafen uns gestern Abend gegen 18 Uhr am Old Taxi Park. Das ist neben dem New Taxi Park die zentrale Anlaufstelle für Matatus (Sammeltaxis). Matatus muss man sich so vorstellen: ein japanischer Kleintransporter mit spartanischer Innenraum bestehend aus fünf Sitzreihen, die jeweils drei Sitze haben. Ein vollbesetztes Matatu würde demnach 15 Insassen Platz bieten. Aber wir sind ja in Afrika. Deshalb stellen, setzen, legen sich regelmäßig 20 bis 23 (mehr hab ich bisher noch nicht erlebt, doch es sollen auch schon 26 Menschen mit einem Matatu gefahren sein) Leute in den Innenraum

    Aber zurück zu uns. Wir trafen uns also am Old Taxi Park, um gemeinsam Richtung Kololo, dem Botschafts-Stadtteil, genauer zu Hill Lane Road IV zu fahren. Eigentlich hat man nie Probleme ein Matatu zu bekommen. Aber man kennt ja sein Glück, wenn man pünktlich zu einem wichtigen Termin kommen muss. In Düsseldorf-Heerdt ist es immer die U75, die nie pünktlich kommt oder einfach ausfällt, wenn ich sie unbedingt brauche, hier in Uganda waren es die Taxis in Richtung Kololo. Nach 20 Minuten herumstehen und warten kam dann doch endlich eins, in dem dann sechs Mzungus, also wir, auf einmal saßen - suspekt..

    Bevor wir allerdings einstiegen, hab ich es mir nicht nehmen lassen, mir mein Portemonnaie stehlen zu lassen... Dummheit muss bestraft werden: Wer seine Brieftasche in Uganda in der Gesäßtasche deponiert, muss damit rechnen! Als wir dann endlich losfuhren, besser gesagt, langsam los rollten, weil das Gewicht von 20 Menschen den Motor eines Matatus schon ordentlich in die Knie zwingt, kamen wir bald wieder zum Stehen. Stau. Danke. Zu spät kommen, ist ja halb so wild. Zur deutschen Botschaft zu spät zu kommen, wenn man sich ausmalt, was für Köstlichkeiten einen erwarten, ist dann aber eindeutig Folter

    Irgendwann trafen wir dann doch in Kololo, wo die Strassen (in Kololo gibt es asphaltierte Strassen ohne Löcher!!) bereits von luxuriösen Limousinen gesäumt waren. Mercedes, Mercedes, Mercedes, BMWs und Toyota Jeeps, ein Hummer - alles was sich das gemeine ugandische Volk nicht mal erträumen kann. Dass wir der Residenz des deutschen Botschafters näher kamen, merkten wir ganz schnell, als überwiegend Deutsch gesprochen wurde..

    Im Garten des Botschafters, den wir erst nach einem flughafenähnlichen Sicherheitscheck betreten durften, befanden wir uns dann kulinarisch wie sprachlich ganz und gar auf deutschem Boden. Als Fingerfood gab es: Steak-Stäbchen, Käse-Fischbällchen (zugegeben nicht ganz deutsch, aber dafür ganz köstlich), Würstchen und Frikadellen. Am Buffet gab es Baguette mit dicken Bratwürstchen, Senf und Ketchup. Auch die Auswahl an Getränken war umfangreich und der Vorrat scheinbar grenzenlos (gegen elf stießen wir dann doch an die Grenzen). - Ihr könnt euch nicht vorstellen, was für einen perversen Hunger ich auf Supermarktfleisch, Cerealien aller Art, Brot (!!!) und alle anderen westlichen Produkte hatte. Denn obwohl das Essen hier sehr gut ist - ist es recht einseitig. Will man Abwechselung, muss man schon tief in die Tasche greifen

    Im Grossen und Ganzen war unser hochgeschätzter Nationalfeiertag also ein Fress- und Saufgelage mit guter Stimmung dank afrikanischer Marching Band, die unter anderem auch die deutsche Nationalhymne spielte und später Schützenfestatmosphäre aufkommen ließ

    Weil ich völlig müde bin und mein Hirn streikt, mach ich für heute Schluss. Nächste Woche lass ich wieder ausführlicher von mir hören.

    Chris

    16. Oktober 2006

    Wasuze otya (= Guten Morgen)!

    Eine Weile ist es her, seitdem ich das letzte Mal aus dem Busch gefunkt habe. Zugegeben, Ashinaga ist eher eine westliche Hightech Zentrale verglichen mit dem, was in den kommenden zwei Wochen meine Behausung sein wird: Denn seit vorgestern schlafe und wohne ich bei Emma (eins der Waisenkinder, ja, das ist ein Jungenname), seiner Oma "Jjajja" und seiner kleinen Cousine Belinda. Jjajja spricht so gut wie gar kein Englisch, Belinda ist noch in der Grundschule, deshalb bleibt Emma mein einziger englischsprachiger Ansprechpartner und Dolmetscher. Für meinen Luganda-Wortschatz, der mittlerweile schon recht beachtlich angewachsen ist, ist dieser zweiwöchige "Homestay" natürlich äußerst förderlich

    Habe ich hier im Rainbow House zumindest jeden zweiten Tag Strom, meistens (kaltes) Wasser aus dem Wasserhahn, eine Küche mit diversen Küchengeräten (Kühlschrank, Wasserkocher, Herdplatte) und für die Tage ohne Strom zumindest immer genügend Petroleum, um den Gaskocher zu betreiben, finde ich von diesen zivilisatorischen Errungenschaften in meinem neuen Heim nichts vor. Ich habe ein Dach über dem Kopf (Wellblech), schlafe in einem Bett, was nicht selbstverständlich ist, und besitze ein Moskitonetz (zwar mit riesigen Löchern, aber immerhin), was alles andere als selbstverständlich ist. Ach ja, Besteck und ein bisschen Geschirr gibt es auch, aber das war's dann auch. Das "Badezimmer" ist ein Raum, der durch einen Vorhang vom Flur abgetrennt ist, in dem man, wenn man Glück hat, einen gefüllten Wasserkanister und ein Bassin vorfindet

    Lektion Eins: Es ist Wahnsinn, wie sehr man sich auf eine Dusche mit kaltem Wasser freuen kann! Des weiteren kommen wir auch nicht in den Genuss von elektrischem Strom, was nicht weiter von Bedeutung ist, da es ohnehin keine Geräte gibt, die Strom benötigen würden... Das Essen wird im kleinen Holzkohle-Ofen zubereitet. Lektion Zwei: Strom aus der Steckdose ist alles andere als selbstverständlich!

    Zu guter Letzt möchte ich noch auf eine wichtige sanitäre Anlage zu sprechen kommen: die Toilette. Jene ist ein kleiner betonierter Raum, in dem sich wahnsinnig viele bekannte und unbekannte Insekten um das in den Boden eingelassene Loch tummeln. Lektion Drei: Eine Toilette ist Luxus!

    Obwohl sich das alles relativ ärmlich anhört, bin ich sehr glücklich, gerade in dieser Familie unter diesen Umständen leben zu dürfen. Hier im Rainbow House bin ich zwar auch in Afrika, aber lebe nicht unter den Bedingungen, mit denen das Gros der Bevölkerung tagtäglich konfrontiert ist. Zudem ist es ein wunderschönes Erlebnis, mit diesen liebevollen, warmherzigen und stets zuvorkommenden Menschen zusammen zu leben. Erwähnt werden muss auch, dass Jjajjas Essen verdammt lecker ist und daher locker mit dem mithalten kann, was wir uns im Rainbow House zubereiten

    Aber nun mal zu den drei Personen, die mich vor allem in den Morgenstunden, abends und nachts umgeben: Mit Emma komme ich nach wie vor sehr gut klar. Obwohl er im Gegensatz zu einigen anderen Ashinaga Waisen sehr offen, selbstbewusst und auch äußerst beliebt ist, ist er doch ein sehr bescheidener Mensch, der sich stets um seine Familie kümmert. Essen vorbereiten, Aufräumen, Saubermachen und im Garten arbeiten sind nur einige der vielen Tätigkeiten, denen er täglich nachgeht. Hervorzuheben ist auch, dass er einen nagelneuen Fernseher, den er dieses Jahr bei einem Dance Contest im hiesigen Fußballstadion vor tausenden Zuschauern gewonnen hat, nicht behielt, sondern seinem Onkel zur Verfügung stellte

    Jjajja die Oma ist ebenfalls eine so liebenswerte Person, wie ich sie selten erlebt habe. Trotz der Tatsache dass sie oftmals nicht das Geld aufbringen kann, Emmas und Belindas Schulgebühren zu zahlen und sich auch sonst wohl keinen Luxus gönnt, hat sie mich herzlich empfangen und mir - das habe ich dank Dolmetscher Emma auch verstanden - sogar angeboten, länger als zwei Wochen bei ihnen zu wohnen. Selbst wenn ich ablehne, bekomme ich zum Abendessen immer meine Extraportion - was im Umkehrschluss natürlich heißt, dass einer von den drei weniger bekommt. Um das irgendwie auszugleichen, bringe ich ab und an ein paar Sachen mit, die sich die Familie sonst nicht so oft gönnen kann, wie Wassermelonen, Ananas, etc. Es ist nicht leicht die Balance zu finden, denn es soll nicht so aussehen, als seien diese Sachen Almosen

    Nächste Woche, ich habe das bereits mit Judith abgesprochen, werde ich sie zu uns einladen, damit wir zusammen was leckeres für die Familie kochen können, denn obwohl meine "Kochkünste" in einem stetigen Prozess der Verbesserung begriffen sind, bin ich noch längst nicht gut, weshalb ich auf Judiths Hilfe angewiesen bin

    Ein anderes "Großereignis" liegt ebenfalls hinter mir: meine ersten Examen (midterm exams) als Deutschlehrer. Gestern, also Samstag, waren diese für alle meiner vier Klassen fällig. Bisher habe ich nur ca. 20 von 140 korrigiert: die Ergebnisse sind sehr schwankend, zwischen einem und 32 Punkten von maximal 42 erreichbaren. Korrigieren ist übrigens die mitunter ermüdendste Arbeit überhaupt, obwohl es auch sehr vergnüglich sein kann, wenn ein Schüler auf die Frage nach der deutschen Hauptstadt mit "Manchester City" antwortet - eine Antwort, die auf die Begeisterung für die englische Premier League zurück zu führen ist.
    Soweit von mir!

    Tulabagane (= auf Wiedersehen)!
    Chris oder auch Ssenyonga

    24.10.06

    Sollzustand: Warme, saubere Dusche, Duschgel, Shampoo.
    Istzustand: kalte, schmutzige Dusche, kein Duschgel, kein Shampoo, dafür Kernseife?
    Es ist Dienstagmorgen, halb zehn, und ich bin schon seit mehr als vier Stunden wach. Warum? Emma, Joseph (Emmas Cousin) und ich waren in aller Herrgottsfrühe joggen. Völlig verschwitzt und ausgepowert freut man sich natürlich auf eine heiße Dusche? Tja, aber halb so schlimm, nach nunmehr fast zwei Monaten in Uganda und davon fast zwei Wochen in einer ugandischen Familie ist auch eine kalte Dusche ein Segen! Trotz meiner relativ langen Trainingsabstinenz sind wir drei ein gutes Tempo gelaufen - dank der gesunden Ernährung und der sonstigen köperlichen Betätigungen

    Es ist schon ein irres Gefühl, ungefähr eine Stunde vor Sonnenaufgang aus dem Bett zu fallen, übermüdet in die noch pechschwarze Nacht hinaus zu schleichen, um dann eine Stunde wohin-auch-immer zu laufen. Unser Weg führte uns an der um diese Uhrzeit kaum befahrenen Mainroad entlang über den noch nicht fertig gestellten "Northern Bypass" (eine noch nicht fertig gestellte Umgehungsstrasse, die den täglichen "Verkehrsinfarkt" in Kampala vermeiden soll) bis in ein anderes Dorf. Während ich auf meiner gewohnten Düsseldorfer Strecke am Rhein entlang eine nahezu ebene, von Laternen gesäumte Strasse gewohnt bin, die auch nächtliches Joggen ermöglicht, muss ich mich hier erst noch an die neuen Rahmenbedingungen gewöhnen. Keine Straßenlaternen, mehr Schlaglöcher als Strasse, Steigungen gefolgt von Gefällen und Autos, die einen entweder zu überfahren versuchen (so hat man zumindest ab und zu den Eindruck) oder deren Lichter so blenden, dass man wirklich gar nichts mehr sieht. Gerade deshalb ein Erlebnis, welches es wert ist, wiederholt zu werden. Joseph, Emma und ich wollen ab jetzt jeden Dienstag morgen und Donnerstag Nachmittag joggen gehen. Ich werde berichten, wie diszipliniert wir dieses Vorhaben verfolgen!

    Aber genug vom Joggen. Wenden wir uns lieber dem gestrigen Tag zu. Gestern wurde das Ende des Fastenmonats Ramadan gefeiert. Trotz des relative geringen Anteils der Muslime (12,1 Prozent laut Wikipedia; 8 Prozent laut meines Reiseführers) ist dieser Tag eine Art öffentlicher Feiertag. Soweit ich das verstanden habe, ist das zwar nicht offiziell, faktisch sind aber die meisten Geschäfte und öffentlichen Institutionen geschlossen.
    Emma und ich nutzten also den gestrigen Tag, um seine Mama, seinen Stiefvater und seine beiden Stiefgeschwister in Mukono, einem circa anderthalb Stunden (immer abhängig von der Verkehrslage und Fahrstil des Matatufahrers) entfernt liegenden Dorf, zu besuchen

    Mukono ist noch um einiges ruhiger, natürlicher und deshalb gemütlicher als Nansana. Emmas Mum hat eine kleine Weberei mit Webstühlen, wie sie wohl im pre-industrialisierten Europa benutzt wurden. Dort produzieren sie kleine Tischdecken und andere traditionelle (Kunst-)Gegenstände. Eine Reise in die Vergangenheit also? Keineswegs.
    Emma und seine beiden
    Halbgeschwister.
    Beim betreten der Wohnung fällt einem sofort der Fernseher, die Musikanlage, die gemütliche Couch und der Rest des für hiesige Verhältnisse ziemlich guten Mobiliars und Inventars ins Auge. Zwar ist auch dieses kleine Haus samt Gemüsegarten und kleinem Hof keinesfalls zu vergleichen mit einer deutschen Wohnung, aber ich muss schon sagen, dass es im Vergleich zu meiner derzeitigen Behausung sehr komfortabel ist. Ein bisschen stolz bin ich schon, dass ich ein wenig mit seinen Eltern Luganda reden konnte. Gerade Lob und Anerkennung von Ugandern ist ein riesiger Ansporn noch mehr und besser zu lernen. Nachdem wir gegen halb 11 in Mukono angekommen waren, eine Weile mit seinen Eltern und Geschwistern geredet bzw. Gespielt hatten, zeigte mir Emma die Umgebung seiner Heimatstadt.

    Wie überall hier in Uganda gibt es auch in Mukono zahlreiche Hügel, von deren Gipfel man einen umwerfenden Überblick über die nähere Umgebung hat. Da Mukono relativ nah am Viktoriasee gelegen ist, konnten wir trotz starker Bewölkung einen wunderbaren Ausblick auf diesen und die restliche Natur genießen. Auf dem Weg zur Spitze des winzigen Berges überquerten wir das Gelände einer richtig schön gepflegten, altmodischen Universität, deren Hauptgebäude wahrscheinlich noch zur britischen Kolonialzeit entstanden ist. Nur wenige Meter abseits des Campus` begegneten uns zahlreiche Affen und andere nie außerhalb des Zoos gesehene Tiere - selbst wenn man nicht auf Safari sondern "nur" in einer ländlichen Region ist, ist Uganda ein echtes Abenteuer

    Nach der beschwerlichen Gipfelstürmung, dem Abstieg und Rückweg erwartete uns ein köstliches Essen, zubereitet von Emmas Mutter. Matoke, Poshu und Talapia (das ist der Fisch, den wir kurz nach meiner Ankunft hier im Rainbowhouse schon einmal gegessen haben), dazu Passionsfruchtsaft?ich liebe das Essen hier!
    Neben den oben erwähnten Tischdecken produzieren sie auch Hüte. Weil ich sagte, dass mir einer gefällt, bekam ich ihn prompt von Emmas kleinem Bruder geschenkt, keine Chance abzulehnen oder dafür zu bezahlen? Ich nähere mich dem Ende dieses Berichts, weil ich mich heute noch um den Unterrichtsstoff der kommenden Deutschstunden kümmern will

    Die Examen sind übrigens mittlerweile korrigiert. Noch bin ich nicht zufrieden. Der beste hat 86 der möglichen 100%. Der Durchschnitt der einzelnen Klassen (bisher habe ich nur zwei Durchschnittsnoten von vier) liegt bei 37% bzw. 48%. Bis zu den nächsten Klausuren ist also noch einiges zu tun! Wünscht mir Glück. Außerdem muss ich gleich noch zur "German Ugandan Cultural Society", um mein Abizeugnis übersetzen zu lassen, was ich wiederum benötige, um endlich mein Visum zu bekommen, verrückte Einwanderungspolitik?

    Tulabagane!

    5. November 2006

    Mein "Home Stay" ist vorbei, ich wohne wieder im Rainbow House. Es ist so unglaublich komfortabel hier zu leben: ein richtiges Dach über dem Kopf (wasserundurchlässig und man hat nicht das Gefühl in oder neben einer laufenden Flugzeugturbine zu schlafen wenn es regnet - was bei Emma dank Wellblechdach der Fall war), Badezimmer mit Dusche und Toilette, Küche (!!), Wasserspender...es fiele mir leicht, diese Liste um weitere Punkte zu ergänzen, aber Ihr versteht auch so, was ich meine..

    Aber gerade wegen der einfachen Lebensbedingungen bei Emma und natürlich seiner offenen und warmherzigen Familie hat es mir dort so gut gefallen und ich habe so viele neue Freunde gefunden, dass ich definitiv ein zweites Mal zu ihnen gehen werde. Man lernt die für uns selbstverständlichsten Dinge auf einmal so sehr zu schätzen, wenn man beispielsweise mitten in der Nacht, nur um zur Toilette zu kommen, das Haus verlässt und einige Meter über den vom schweren Regen aufgeweichten Boden zur Latrine läuft, wo man herzlichst von diversen Insekten und anderen Kleintieren empfangen wird

    Abschiedsparty für Dea und
    Jeppe
    Zwar habe jetzt wieder mehr Komfort, dafür immer noch Probleme mit meinem Visum. Denn obwohl ich in Deutschland ein Dreimonats-Visum beantragt und bekommen habe, ist dieses wie jedes Andere nur einen Monat gültig. Man könnte sich vorstellen, dass es für jemanden, der freiwillig bei einer NGO arbeitet und folglich kein Gehalt erhält, ein Leichtes sei, an ein Visum zu kommen - weit gefehlt. Die Prozedur ist so langwierig, ermüdend und teuer, dass meine häufigen Besuche beim Immigration Office wahrlich die Laune verderben können. Von Dienstleistung haben Angestellten dort sicherlich noch nie was gehört - egal wie freundlich man auftritt, sie sind immer, so habe ich es bisher erlebt, unhöflich, abweisend und Hilfe bieten sie schon mal gar nicht - danke!

    Ebenso unerfreulich wie die ugandische Visa-Politik ist die Tatsache, dass Dea und Jeppe, die beiden Dänen, letzten Mittwoch Uganda verlassen haben. In ihnen habe ich wirklich gute Freunde gefunden und ich freue mich schon darauf, sie entweder in Dänemark zu besuchen oder sie in Deutschland zu empfangen. Insgesamt waren sie drei Monate hier, zwei Monate davon konnte ich mit ihnen verbringen, leider nur zwei von insgesamt elf für mich, sie waren wirklich meine Lieblings-Abaazungu (Plural von Omuzungu). Die letzte Woche gestaltete sich leider insbesondere für Jeppe äußerst grausam.

    Zuerst wurde er von der Diagnose überrascht, er leide unter Bilharziose (winzige Parasiten dringen, während man z.B. im Lake Victoria schwimmt, durch die Haut in den Blutkreislauf ein, reifen in der Magengegend zur adulten Form aus. Adulte Form heißt hier, dass sie sich zu SCHNECKEN verwandeln!! Man trägt dann also zentimetergroße Schnecken mit sich herum, welche die Adern verstopfen - eine beruhigende Vorstellung, wenn man zum Arzt geht und davon ausgeht, unter einer etwas stärkeren Erkältung zu leiden...). So geschwächt durch die Krankheit und das Abtöten der Schnecken (sein Arzt beschrieb diesen Prozess als den schlimmsten Kater überhaupt) bot sein Körper nun den idealen Nährboden für die zweite Krankheit, deren Namen ich vergessen habe, deren Wirkung aber der Tuberkulose ähnlich ist. Und das nur wenige Tage bevor er mit Dea nach Kenia und später Tansania reisen wollte, um dort Urlaub zu machen!

    Glücklicherweise konnte er sich in der kurzen Zeit genug erholen, sodass ihm der Doktor grünes Licht für den Flug gab. Die Hiobsbotschaften nahmen damit allerdings immer noch kein Ende... Vor drei Tagen erfuhr ich von seiner ugandischen Gastfamilie bei der ich zu besuch war, dass Jeppes Gepäck inklusive Reisepass in Nairobi geklaut worden ist. Trotzdem können sie wohl ihre Reise antreten, da die dänische Botschaft ihm ein Übergangsvisum ausgestellt hat

    Bevor Dea und Jeppe Uganda verließen feierten wir hier und and der Schule, an der sie unterrichteten, natürlich ausgiebig Farewell. Verdammt geiles Essen (japanisch und ugandisch), viel Bier (wobei das gar nicht nötig ist, so stark wie eins hier reinhaut...), viele Gäste und ein gutes Programm waren die hervorragenden Rahmenbedingungen für die beiden Abende. Da beide Partys (plus eine weitere) unmittelbar vor meinem Geburtstag stattfanden, waren wir zwar des Feierns noch nicht überdrüssig, aber dennoch von Müdigkeit gezeichnet. Das hatte zur Folge, dass mein Geburtstag eher klein gefeiert wurde - was keinesfalls schlimm war oder der guten Stimmung Abbruch tat. Im Gegenteil, das Highlight des Geburtstages war neben dem selbstgebackenen Mangokuchen das Geburtstagspaket meiner Familie, das ich am Abend zuvor am Post Office in Empfang nehmen durfte (PUMA Duschgel...ich hab mich schon so an die Kernseife gewöhnt, dass ich das nur zu speziellen Anlässen benutzen werde!)

    Die Marathonstrecke
    So feierten wir meinen Geburtstag im kleinen Kreise und genossen, dass an diesem Tag außer Köstlichkeiten zu verschlingen (ich hab mir zum Frühstück zum ersten Mal Cornflakes, Baguette und Salami gegönnt) nicht viel los war und wir uns von den ausgedehnten Feiern und kurzen Nächten der Vortage erholen konnten. Ich tat dies unter anderem in unserem neu angelegten Gemüsegarten und beim Anheizen des Ofens (dauert Stunden)

    Weil ich langsam müde werde, fasse ich die restlichen mitteilenswerten Neuigkeiten zusammen. Einen Tag vor meinem Geburtstag willigte ich ein, dass ich am 19. November am MTN Marathon in Kampala (42,195 Km) teilnehmen werde. Einhergehend mit der Einwilligung vereinbarten Kaz und ich eine Wette: Sollte ich es schaffen, den Marathon innerhalb von 2 œ Stunden zu beenden (unmöglich) oder erster werden (genauso unmöglich), dann bekomme ich eine Millionen Dollar, sollte es mir nicht gelingen den Marathon innerhalb von dreieinhalb Stunden zu beenden (fast unmöglich) verpflichte ich mich, wann immer nötig, für Ashinaga irgendwo (Löcher) zu graben (angesichts des neu erworbenen, komplett unbearbeiteten Ashinaga Grundstücks eine Aufgabe, die meinen restlichen Aufenthalt hier bestimmen könnte...). Wir werden sehen, wer gewinnt.
    So trainieren wir, Joseph, Emma und ich seit mittlerweile 1 œ Wochen jeden Tag entweder um halb 6 in der Früh oder Nachmittags/Abends. Bis zum nächsten Mal!
    Tulabagane!

    Chris

    28. November

    "On your marks. Get set. Go!", mit diesen Worten fiel der Startschuss für den Marathon. Ja, es ist geschafft und ich lebe noch. Ich bin in Uganda, habe am MTN Marathon 2006 teilgenommen und ihn zu Ende gebracht - so viel zu den guten Nachrichten.
    Nun die schlechte: Leider habe ich die angepeilte Zeit nicht annähernd geschafft, sondern mit (katastrophalen) 5 Stunden und 29 Minuten ins Ziel gehumpelt. Die Enttäuschung über diese doch enorme Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität habe ich mittlerweile allerdings weitestgehend überwunden und bin stattdessen froh, erfolgreich teilgenommen zu haben. Hier also ein Bericht des großen Tages, damit Ihr im Bilde seid

    Es war 4:45 als mich das klingeln des Weckers jäh aus meinen angsterfüllten Marathonträumen riss. Trotz großer Müdigkeit, die auf den ereignisreichen Vortag (wozu ich später noch kommen werde) zurück zu führen war, war die Aufregung groß genug, um so schnell wie möglich mein "Team" zu wecken. Dieses bestand aus Kouske, Yuki, Kanu und - glücklicherweise hatte er sich am Abend des Vortages bereit erklärt uns zum "Assembly Point" zu fahren - Mr. Sato. Nach dem zweiminütigem Sportlerfrühstück bestehend aus Apfel (geradezu das Luxusobst hier!), Banane, trockenem Brötchen und einigen Gläsern Wasser ging es dann mit Verzögerung los. In unserem Minibus herrschte Totenstille, nicht etwa weil wir uns meditativ auf den bevorstehenden Lauf vorbereiteten, sondern weil wir viel zu müde waren. Gegen halb 6 erreichten wir Emmas Haus, um ihn und Joseph abzuholen. Obwohl wir bereits mit 15-minütiger Verspätung ankamen, waren Joseph und Emma natürlich noch nicht aufbruchbereit - African Time..

    Bereit für den Höllenlauf
    Als sie nach kurzem Warten dann doch endlich kamen, war die Totenstille in unserem Bus erstmal vorüber: Emmas Müdigkeit konnte gegen seine Aufregung nicht bestehen.
    Plappernd und ausgelassen bemerkte er nach einigen Minuten, dass er den Computerchip, den jeder Läufer am Schuh zu befestigen hatte, um seine Zeit während des Marathons zu messen, zu Hause vergessen hatte. In solchen Situationen merkt man dann doch, dass er erst 16 ist. Am Tag zuvor hatte ich ihm - weil ich ihn mittlerweile gut kenne - nicht nur einmal klar zu machen versucht, dass er am Abend VOR dem Marathon alles vorbereiten solle, damit wir unverzüglich los konnten. Er hat seine Lektion jetzt gelernt, hoffentlich. Dank Satos wagemutigem Fahrstil erreichten wir den Treffpunkt nur mit 15-minütiger Verspätung. Im Vorfeld hatte ich erfahren, dass der ugandische MTN Marathon von der IAAF (das ist nicht die Internationale Atomenergie Behörde, sondern die Internationale Leichtathletik Föderation) nicht anerkannt ist. Gestern durfte ich dann live miterleben, weshalb das so ist. Alles ist noch ziemlich unorganisiert. Es gibt zwar beispielsweise Zelte, wo man sein Gepäck aufbewahren kann, doch konnte uns bis 10 Minuten vor dem Start niemand sagen, wo man diese findet. Als wir sie dann endlich - in recht weiter Entfernung von der Startlinie - gefunden hatten, waren wir natürlich nicht die einzigen, die ihre Sachen dort hinterlegen wollten, mit uns warteten dort hunderte weitere Athleten und solche, die es gern sein würden. Trotz dieser Widrigkeiten schafften wir es, uns zwei Minuten vor offiziellem Startschuss an der Startlinie einzufinden.

    Dass der Start um ca. 10 Minuten verschoben wurde, weil noch so viele an den Zelten waren, erklärt alles? So hatten wir, die 42, 195 Km Crew bestehend aus Kouske, Joseph, Emma und mir, zumindest noch genug Zeit, uns einzuschwören - Teamwork war angesagt, wir wollten als Gruppe laufen. Los ging's.
    Erster Checkpoint: 10 Km. Zeit: 53 Minuten
    Zweiter Checkpoint: 20 Km. Zeit: 106 Minuten

    Die ersten zwanzig der 42 km liefen wir also in perfekt gleichmäßiger Geschwindigkeit. Die Vier-Stunden-Marke schien also erreichbar, wenn auch mit großer Anstrengung verbunden. Bis zu diesem Zeitpunkt lief alles rund: gutes Tempo, daher nur ansatzweise erschöpft. Das sollte sich für mich bei Kilometer 23 ändern, leider. Ich weiß nicht weshalb, aber plötzlich begannen die Muskeln in meiner linken Kniekehle so zu schmerzen, dass ich kaum noch gehen, geschweige denn rennen konnte -..

    Während Emma und Joseph auf meine Bitte hin weiterliefen, blieb Kou bei mir. Weil ich nicht einmal mehr schnell gehen konnte, hoffte ich, dass an der nächsten Wasser- oder Schwammstation (Schwämme zur Abkühlung) ein Arzt mit Icespray mir weiterhelfen würde - leider sind wir in Uganda und nicht beim Berlin oder New York Marathon. Soll heißen, dass Icespray war natürlich leer. Nach 20 Minuten humpeln konnte ich Kou endlich überzeugen, ohne mich weiterzulaufen. Nach weiteren 20 Minuten kam mir zufällig ein Helfer entgegen, ausgestattet mit Icespray! Ich sagte ihm, er solle die ganze Flasche draufpacken, damit ich einfach gar nichts mehr fühle - ich hoffte nämlich immer noch, dass ich mein Ziel irgendwie erreichen konnte, auch wenn das beinah unmöglich erschien nach 40 Minuten gehen, humpeln, kriechen, was auch immer..

    Das Spray entfaltete, wider Erwarten, seine Wirkung ausgesprochen gut. Mein Bein bzw. der stechende Schmerz war betäubt und so begann ich - mit der gleichen Euphorie wie während des Starts beseelt - meine Aufholjagd auf Kouske. Ja, die erfahrenen Marathonläufer unter euch oder auch diejenigen mit gesundem Menschenverstand werden nun sagen: "tja, das war dein Fehler" und ich muss gestehen, Ihr habt recht! Meine Überheblichkeit, ich könne nach bereits 20 absolvierten Kilometern Kou ein- und meinen Rückstand aufholen, brachte mich für die folgenden 50 Minuten weit nach vorne im Feld der ungeübten Marathonrenner.

    In dieser fast schon Sprintphase überholte ich zahlreiche andere Läufer und wurde von den Zaungästen am Straßenrand so sehr unterstützt, dass ich meine Müdigkeit und Erschöpfung kaum noch spürte. Zum ersten Mal freute man sich, wenn hunderte kleiner Kinder "Muzungu" schreiend neben einem herliefen! Das war wahrscheinlich die beste Phase während des ganzen Laufes. Dass ich das Tempo nicht halten konnte, hätte ich wissen sollen. Nicht nur das, als Kou schon wieder in meinem Blickfeld war, also nach besagten 50 Minuten, verkrampften plötzlich beide Waden so sehr, dass ich erstmal gar nicht mehr gehen konnte. DANKE, Körper! Und das bei Kilometer 35

    Was folgt könnt ihr Euch denken. Ich raffte mich wieder auf, humpelte weiter, weil laufen nun wirklich nicht mehr ging - das Ganze spielte sich so bei Kilometer 35 ab - und hatte nach einer halben Stunde wirklich keinen Bock mehr, aufgeben und von einem der drei Krankenwagen (ja, kein Scherz, drei Krankenwagen für 4000 Läufer) zum Ziel gefahren werden, das wollte ich. Vielleicht lag es daran, dass keiner der drei in meiner Nähe war, vielleicht daran, dass mich andere Läufer motivierten, weiter zu machen - jedenfalls wollte ich die Schmach, den Marathon nicht zu Ende gebracht zu haben - nicht über mich ergehen lassen. So kroch ich mehr oder weniger gen Ziel und schaffte es auf dem letzten Kilometer noch, mit minimal regenerierten Waden ins Ziel zu laufen

    Ich hätte lieber auf diesen dramatischen Verlauf verzichtet und war in meiner angepeilten Zeit ins Ziel gelaufen, aber nun bin ich einfach nur froh, dass dieses Ereignis hinter mir liegt. Auch wenn der Marathon - und die damit verbundenen Schmerzen am ganzen Körper (ich dachte, man renne nur mit den Beinen...) - für mich nun ein für alle mal mit Uganda verknüpft ist, heißt das nicht, dass ich es in Deutschland nicht noch einmal versuchen werde - diesmal mit mehr Training und besser ausgerüstet!

    Aber kommen wir noch einmal zum gestrigen Tag zurück, der nach diesem Ereignis noch nicht vorbei war. Leider war es uns nicht vergönnt, ins Rainbow House zurückzufahren zu duschen, uns ins Bett zu legen, Essen in unsere Geschundenen Körper zu stopfen und uns in Bier zu ertränken, noch nicht. Zuerst hieß es warten, warten auf die Zertifikate. Mittlerweile wisst Ihr ja, dass hier alles "ein bisschen anders" zugeht, als wir es gewöhnt sind. In diesem Fall hieß das, dass aufgrund des plötzlich einsetzenden Regens (während des Laufs knallte fast die ganze Zeit die Sonne) die Computer ausfielen. Jedenfalls warteten wir über eine Stunde im nicht wasserfesten Zelt stehend... Nach dieser vor sich hinkriechenden Wartezeit - alle hockten einfach nur schweigend und völlig erschöpft auf dem Boden - erfuhren wir dann, dass die fehlenden Zertifikate an diesem Tag nicht mehr ausgestellt werden konnten

    Cooking
    Competition
    Wer denkt, dass wir immerhin froh über diese Information endlich nach Hause fuhren, und der oben angedeuteter Prozedur frönten, liegt gänzlich falsch, leider. Kaz hatte vor einigen Wochen für eben diesen Tag anlässlich Okazakis (wer sich erinnert, dass ist Mr. Big Boss aus Japan) Besuch eine "cooking competiton" angekündigt. Teilnehmer waren Kanu, Yuki, Yuka, Kouske, Yassu und ich. Bedingung war, dass wir einzig auf "local food" zurückgreifen, was den Supermarkt natürlich ausschließt. Also hieß es erstmal Zutaten auf dem Markt (eigentlich wie immer) einkaufen - in meinem Fall:
    500g Schweinefleisch 1500Ug Shs (Ug. Sh.= Uganda Schilling)
    Kartoffeln 500Ug Shs
    Tomaten 500Ug Shs
    Zwiebeln 500Ug Shs
    Eier 500Ug Shs
    Brötchen 100Ug Shs
    Gesamt 3600 Ug Shs (= 1,50Euro)

    Kaz hatte mich gebeten, Würstchen zu machen. Nun habe ich Würstchen bisher immer nur im Supermarkt gekauft. Glücklicherweise gibt es das Internet und meine Mama. Sie gab mir nämlich den Tipp, wenn man keinen Darm zur Verfügung hat, auf Ei und altes Brot zurückzugreifen. Gesagt, getan.
    Natürlich kann man hier in Nansana auch kein Hackfleisch kaufen (und wenn doch, dann ist es viel teurer), also machten wir, Emma half mir, es selbst, was wunderbar funktionierte. In der Zwischenzeit hatte ich (allerdings als Einziger vom Ashinaga Staff) natürlich geduscht..

    Die Japaner bereiteten die herrlichsten japanischen Gerichte zu. Würstchen waren natürlich - obwohl das die einzige Bedingung für mich als Kochanfänger war - nicht genug. Bratkartoffeln und - weil leider keine Zeit für Bohnen war - Tomaten mussten das Schweinefleisch flankieren... Am Ende, das heißt nachdem alles gekocht und das Bier geöffnet war, hatten wir dann doch noch unseren gelungen Abend und meine Enttäuschung verflog ganz und gar, als sich herausstellte, dass ich mit meinem "Gericht" gewonnen hatte. Das freute mich natürlich besonders, weil ich mir fest vorgenommen habe, mich, was Kochen angeht, stark zu verbessern - auch wenn das bei Weitem noch nicht das Königsgericht ist, ein Schritt in die richtige Richtung ist getan ;-)

    Gegen zehn fiel ich dann nach einem getrunkenen aber zehn gefühlten Bier (folglich sturzbetrunken) in mein Bett, nur um am nächsten Morgen, meinem freien Tag, wieder um neun auf zu stehen und das Regal, welches wir letzte Woche angefangen hatten, fertig zu bauen.
    Bis zum nächsten Mal!

    Chris 13. Dezember

    Wie ich gerade sehe, ist es schon drei Wochen her, seitdem ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Zwar war es diesmal kein Marathon, der mich mit Vorbereitung und durchfuehrung am Schreiben hinderte, doch war ich wie immer ? Ihr kennt mich ? gut beschäftigt.
    Meine wohl aufwändigste, zeit- und vor allem nervenraubendste Tätigkeit der letzten Woche war die Korrektur der Final Examinations. Ich erinnere mich, in der letzten Mail berichtet zu haben, ich hätte die ganzen Ferien, also bis Mitte Februar, Zeit, die ca. 300 Tests zu korrigieren und zu bewerten. Das war mein Irrtum, ein großer

    Ich weiss nicht mehr, wie ich auf die abstruse und gänzlich abwegige Idee kam, ich hätte so lange Zeit. Denn natürlich gibt es in Uganda Zeugnisse ? wie wohl überall (mal abgesehen von Walldorf Schulen). Und Zeugnisse gibt es, wie ich mich eigentlich noch recht gut erinnern sollte, natürlich immer vor den Ferien. Ich hatte also 6 Tage Zeit, ca. 300 zwei- bzw. dreiseitige Tests zu korrigieren, zu benoten und schliesslich die Noten in eine Liste einzutragen. Dass es außergewöhnlich ermüdend ist, fast immer die gleichen Fehler (in hoher Anzahl) zu berichtigen, brauch ich wohl nicht extra zu erwähnen? Nachdem diese Mammutaufgabe dann nach ca. 16 Stunden, verteilt auf mehrere Tage, beendet war, brachte ich Examen und Notenlisten, wie es mir aufgetragen war, pünktlich zur Deadline in die Alliance High. Pünktlich zur Deadline bedeutet, es war ein Montag. Wer die letzten Mails aufmerksam verfolgt hat, weiss, dass Sonntags und Montags meine freien Tage sind ? die ich natürlich auch mit korrigieren zugebracht hatte. Glücklich, die Strapazen der Vortage überstanden zu haben und mich auf einen schönen und langen Tag in der Sonne (der erste Tag, an dem endlich wieder nur die Sonne schien!) freuend, betrat ich das Büro der Direktorin, reichte die Unterlagen ein und wollte gleich darauf wieder gehen, um die Sonne, Musik und ein gutes Buch anzubeten. Mein nächster Irrtum

    Hope, eine der Lehrerinnen, informierte mich lächelnd, dass meine Aufgabe damit noch nicht beendet sei. ?Was könnte ich vergessen haben??, schoss mir durch den Kopf. Nein, diesmal war es nicht ich, der etwas vergessen hatte, sondern meine verehrten Lehrerkollegen. Natürlich besteht die Aufgabe eines jeden Lehrers auch darin, Noten, Kommentar und Unterschrift auf das Zeugnis eines jeden Schülers einzutragen. Das mich diese Aufgabe nochmals sechs Stunden kosten würde, wusste ich nicht, als ich gegen Mittag damit begann. Da es hier gegen sieben so dunkel ist, wie wahrscheinlich zu dieser Jahreszeit in Deutschland, war natürlich nichts mehr mit Sonnenbaden.
    Stattdessen lagen die Nerven blank, ein Scheisstag?
    Egal, mittlerweile ist es vergessen und die Alliance High sieht mich eine Weile ? zumindest bis zum Wiederbeginn des Unterrichts ? nicht wieder

    Kommen wir lieber zu erfreulicheren Ereignissen der letzten Zeit. Letzten Freitag erfuhr ich spontan, dass Sato mich zum japanischen Botschafter mitnehmen würde. Zu feiern gab es den Geburtstag des japanischen Kaisers. Zunächst fühlte ich mich ein wenig unbehaglich, was daran lag, dass ich der jüngste Gast war und lediglich Zivildienstleistender, während mich Minister, Botschafter, Vertreter aus Wirtschaft und Medien und andere ?Menschen? umgaben. Das es sich bei diesen tatsächlich um Menschen handelt, merkte man angesichts der durch köstliches Essen und diverese alkoholische Getränke geförderten heiteren Stimmung schnell. In zahlreichen Gesprächen zeigten sich viele dieser offiziellen Gäste erstaunt, dass ich ?nur? Zivi bin ? ich kann nicht leugnen, dass mir der Abend mehr als gefallen hat

    Das mir Viele auch noch ihre Karte zusteckten und mich einluden, ?mal vorbeizuschauen?, war ebenfalls ein netter Nebeneffekt. Müde, angeheitert und zufrieden wurde ich dann von Sato zurück ins Rainbow House chauffiert.
    Die kurze Nacht wurde genutzt, um die nötigsten Kräfte für die zwei bevorstehenden Tage wieder zu erlangen. Das vergangene Wochenende war nämlich Anlass für das ?Ashinaga staff outing? zum Murchison Falls National Park. Trotz der relativ geringen Entfernung von ca. 230 km brauchten wir geschlagene sechs Stunden pro Fahrt. Aufgrund dieser Fehlkalkulation (wir hatten mit vier Stunden gerechnet) war es uns nicht möglich, den Nil zu überqueren und die Vielfalt der Tierwelt zu genießen.

    Das heißt allerdings in keinster Weise, dass sich der Ausflug nicht gelohnt hätte oder sogar als eine Enttäuschung herausgestellt hätte. Es war, im Gegenteil, im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Ich werde sobald wie möglich versuchen, einige Fotos hochzuladen, um zu illustrieren, wie wunderschön ist dort ist. Auch wenn die Reise dorthin beschwerlich ist ? die Autofahrt ist eine einzige Offroad-Tour ? werde ich nächstes Jahr entweder wieder in den Murchison Falls NP oder Queen Elizabeth NP fahren. Vor Ort schlugen wir unsere Zelte auf, kochten verdammt lecker, tranken viel (vor allem Nyombi) und blieben (Eddie, Nyombi und ich) beinah die ganze Nacht wach, während der Rest im Zelt schlief und Nilpferde, Hyänen und sonstiges Getier um uns schlich. Die restliche tropische Tierwelt blieb uns, wie gesagt, leider vorenthalten. So blieb uns immerhin ein Einblick in die wunderschöne, nahezu unberührte Natur Ugandas und der Anblick einiger Vertreter exotischer Tiere, wie Affen und Nilpferde

    Kommenden Samstag ist das letzte offizielle Programm diesen Jahres. Wir fahren mit 200 Waisen (13 Jahre und jünger) nach Entebbe an den Strand. Für diesen Ausflug proben wir zur Zeit eine Zirkusshow...ihr werdet sehen!
    Weil die Zeit drängt, komme ich diesmal schon so früh zum Ende. Ich habe gestern meinen zweiten Homestay bei Emma begonnen. Die Aufregung des ersten Mals ist dem ?Heimischfühlen? bei Jjajja gewichen. Das Schöne ist, dass diesmal neben Jjajja, Emma, Belinda und mir auch Tadeo, Emmas jüngerer Bruder, und Francis, Emmas noch jüngerer Stiefbruder, hier sind. Ich werd heute beginnen, ihnen ?Das kleine Gespenst? auf Englisch vorzulesen, besonders Belinda hat nämlich Nachholbedarf in Sachen Englisch

    Bevor ich aber zu Jjajja gehe, jogge ich noch meine ueblichen 12 km mit Joseph ? für Deutschland 2007 muss schließlich früh genug trainiert werden...
    Ich melde mich auf jeden Fall vor Neujahr nochmal. Wünsche Euch einen schönen Ferien- bzw. Urlaubsbeginn! In Gedanken in Deutschland,

    Chris 28. Dezember

    Zurück in der Zivilisation!

    Wow, ich bin zurück. Obwohl ich gerade erst wieder von meinem Kurzurlaub zurück bin, sitz ich jetzt schon am Rechner und schreibe Euch. Das nicht etwa weil ich ein technikabhängiger Freak wäre, sondern weil das Gefühl wieder unter Menschen zu sein, sowie einigen Luxus zu genießen gerade so überwältigend ist, dass meine Erschöpfung von der fünftstündigen Reise wie weggespült ist. Eine ideale Gelegenheit also, um mich vermutlich ein letztes Mal in diesem Jahr 2006 via Rundmail bei Euch zu melden

    Zivilisation, so sehr wie jetzt war dieser Begriff - im Sinne Kants - für mich noch nie mit Anschauung gefüllt. Aber langsam, ich fang mal am Anfang an, wie sich das so gehört...
    Am 24. kamen wir nach viereinhalb Stunden Matatufahrt an der Abzweigung der Hauptstrasse in Nakasongola (das ist der District) an, an der es zu Josephs Jjajjas gehen sollte. Wir, das waren leider nur Joseph und ich, weil Tadeo, geschwächt von einer Malariaerkrankung, nicht mitkommen konnte

    Einsamkeit pur
    Ich weiß nicht, ob ich es schon in einer der vorherigen Mails erwähnt habe, aber um sicher zu gehen, muss ich noch einmal die Beschaffenheit der meisten "Dörfer" umreißen. Sobald man Kampala auf der Hauptstrasse (Mainroad) verlässt, kann man auf einer nahezu völlig geraden Strecke den Rest des Landes bereisen. Viele "Dörfer" liegen direkt an einer dieser zahlreichen, durch die Wildnis geschlagenen Hauptstrassen. Diese Art von Dorf errinnert stark an eine Reihe von Motels, Apartments und kleineren Geschäften, die man oft in amerikanischen Filmen sieht, ihr wisst schon was ich meine, diese heruntergekommenen Absteigen, die immer als Kulisse für einen Horrorfilm dienen. Von der Hauptstrasse zweigen an einem solchen Dorf immer zahlreiche Wege ab. Wenn ich Wege schreibe, meine ich Wege. Um Strassen handelt es sich bei diesen Trampelpfaden wohl kaum - was sich gerade in der Regenzeit bemerkbar macht, wenn sich diese Wege in unpassierbare Tümpel verwandeln

    An der besagten Abzweigung angekommen, wollten wir gerade ein Bota nehmen, welches uns für den exorbitanten Preis von 10.000 Schilling (für die ca. 180km lange Matatufahrt hatten wir bisher ca. 6000 Schilling, weniger als 3 Euro, bezahlt) zu unserem Ziel bringen sollte. Glücklicherweise hielt sich gerade "einer" von Josephs Jjajjas (Jjajja meint sowohl Opa als auch Oma, Luganda kann auch zwischen beiden differenzieren, allerdings glaube ich kaum, dass Ihr an einem linguistischen Exkurs interessiert seid...) auf. Ich sage einer, weil Joseph nicht nur (maximal) vier Menschen Jjajjas nennt, sondern ALLE Alten bzw. Älteren, die irgendwie mit ihm verwandt sind - die große ugandische Familie..

    Jjajja - den richtigen Namen erfahre ich meist nicht oder vergesse ihn gleich wieder - ist stolzer Besitzer eines Pick-Ups, der uns kostenfrei an unser Ziel brachte. Auf der Ladefläche versteht sich. Warum der Bota-Fahrer 10.000 Schilling für den Weg von der Hauptstrasse zu Jjajjas Haus haben wollte, wurde mir spätestens nach der 30-minütigen, halsbrecherischen Geländefahrt klar, die selbst mit unseren Jeep vor einige Herausforderungen stellte. Wie gesagt, in der Regenzeit sind diese abseits gelegenen Pisten unpassierbar. Von einer dicken Staubschicht bedeckt, erreichten wir endlich unser Ziel - den Garten Eden, so ungefähr. Völlig abgeschnitten von Strom, Leitungswasser, sauberen Grundwasser und beinahe auch anderen Menschen dafür aber ausgestattet mit vermutlich mehr Vieh als auf der Arche Noah Platz fände, Hühnern, Milch, Honig und erntereifen Orangenbäumen waren die biblischen Rahmenbedingungen nahezu geschaffen. Auch das weltumspannende Mobilfunknetz weist über diesem Ort ein riesiges Loch auf..

    Eine Kuh zum Fest
    Wieder einmal erlebte ich einen ganz besonderen Empfang von meinen neuen Jjajjas - voller Freundlichkeit, Dankbarkeit (das ich gekommen war) und mit dem Ziel, mir den angenehmsten Aufenthalt überhaupt zu ermöglichen. Neben Josephs Großeltern waren auch zahlreiche seiner "Brüder" und "Schwestern" (wie Ihr Euch denken könnt, wird auch hier jeder als Bruder bzw. Schwester bezeichnet, der irgendwie verwandt ist und zur selben Generation gehört) anwesend, die ebenfalls einen Teil ihrer Ferien hier verbrachten. Wie sieht also Weihnachten im Paradies aus?

    Wie bereits in der letzten Mail vor Reisebeginn angekündigt, wurde tatsächlich eine Kuh geschlachtet, von deren Fleisch wir uns fünf Tage lang ernährten und welches wohl noch weitere Tage Nahrungsgrundlage darstellen wird. Allein die Tatsache fünf Tage hintereinander wunderbar zartes Rindfleisch essen zu dürfen, stellt für den Otto-Normal-Ugander den puren Luxus dar. Dass es auch noch - dank des riesigen, mehrere Hektar umfassenden Farmlandes - Süßkartoffeln und Kassawa in nie gesehener Menge gab, unermesslich viele Eier und Milch brachte dann für beinah alle wohl wahrlich paradiesische Zustände mit sich. Wie Ihr seht, bestand Weihnachten hauptsächlich aus einer Beschäftigung: Essen.

    War ich von der Hektik, vom Planen und Durchführen der letzten Tage vor meinem Kurzurlaub ziemlich gestresst, fühlte ich mich nach einem Tag dort wie neu geboren - was sich im selben Moment zu meinem Problem herauskristallisierte. Denn abgesehen von Essen und dem Herumlaufen im Niemandsland gab es dort wirklich nichts zu tun. Zum Glück hatte ich zumindest ein Buch ("Afrikanisches Fieber"), was ich nur empfehlen kann, im Gepäck. Ohne dieses wäre ich wohl vor Langeweile umgekommen

    Beinahe zumindest... Ich kann nur sagen, Nakasongola bzw. der Ort, an dem ich war, der nicht einmal einen Namen besitzt, ist wahrhaftig schön. Besonders als ich ankam, hatte ich das Gefühl, wirklich in Afrika zu sein - in der Serengeti oder sonstwo (mal von den fehlenden Tieren abgesehen: eine wunderschöne Landschaft, die ich mit Worten gar nicht zu beschreiben vermag, Sonnenuntergänge wie es sie (wahrscheinlich) nur in Afrika gibt, in denen die Sonne wie ein riesiger Feuerball wirkt, der zusehends vor dem violetten Abendhimmel von der Erde verschluckt wird und, und, und..

    Gar keine Frage also, dass ich die Natur genossen und die Menschen geschätzt habe - doch fühlte ich mich ganz und gar abgenabelt vom Rest der Welt nicht vollständig. Der Dritte Weltkrieg hätte ausbrechen können, oder zumindest Buergerkrieg im Rest des Landes, ohne das wir Wind davon bekommen hätten... Die Rückkehr ins Rainbow House heute und damit der Zugang zu Strom, fließendem Wasser und dem Internet - meiner oftmals einzigen Verbindung zu Euch - riefen in mir ein durch und durch gutes Gefühl hervor. Wie Ihr seht, bin ich (noch) nicht zu in den afrikanischen Kontinent oder dieses Land verliebt, dass ich gedenke, hier zu bleiben..

    Ein frohes neues Jahr wünscht
    Chris

    15. Januar 2007

    Gestern war einer dieser außergewöhnlichen Tage, an die ich mich noch lange errinnern werde. Das liegt nicht etwa daran, dass wir einen National Park besucht, einen Ausflug gemacht oder etwas anderes Aufregendes gemacht hätten, vielmehr stand der Tag im Zeichen unserer Pizza...
    Zugegeben, es ist bestimmt nicht leicht, sich vorzustellen, was für eine großartige Belohnung eine Pizza am Abend sein kann, wenn man daran gewöhnt ist, entweder zum Italiener nebenan zu gehen oder eine in wenigen Minuten aufgewärmte Tiefkühlversion zu verschlingen. "Hier in Uganda", wie die Ugander, wenn sie über ihr Land sprechen, häufig zu sagen pflegen, ist das, wie Ihr Euch mittlerweile vorstellen könnt, jedoch anders

    Die Superpizza
    Der Vorschlag, den ich am späten Freitag Abend meinen leider bald abreisenden japanischen Freunden und meinen beiden Landsmännern unterbreitete, endlich mal wieder unseren selbstgebauten Ofen zu nutzen, um das köstliche italienische Nationalgericht zu backen, stieß, wie zu erwarten, auf große Zustimmung. Weil es dieses Mal besser werden sollte als unser erster Versuch, der ja schon einige Monate zurückliegt, wollte ich gestern besonders früh nach Kampala fahren, um rechtzeitig alle Zutaten sowie neues "Equipment" zu besorgen

    Neues Equipment bedeutet in diesem Fall ein Backblech - Betonbeigeschmack und Verbrennungen ersten und zweiten Grades (beim Einführen und Herausnehmen der Pizza aus dem Ofen) an Händen und Armen sollten diesmal vermieden werden. Nachdem ich Freitag besonders früh ins Bett ging, was nach einer verdammt anstrengenden Woche auch nötig war, dazu später mehr, war der erste Teil des Vorhabens, früh aufzustehen, kein Problem. Natürlich, wie konnte es anders sein, regnete, nein, schüttete, goss es... Moment, die Regenzeit sollte doch spätestens seit Ende letzten Jahres der gnadenlosen Trockenzeit gewichen sein? So war das auch bis gestern Morgen, jeden Tag Hitze pur. Klar dass ausgerechnet an dem Tag, an dem man auf trockenes Feuerholz und einen trockenen Ofen angewiesen ist, die tropische Sturmflut über uns hereinbricht. Manchmal fühlt man sich verarscht..

    Resigniert verbrachte ich den gestrigen Morgen zunächst mit geduldigem Abwarten. Warum alles stehen und liegen gelassen wird und jedwedes geschäftiges Treiben zum Erliegen kommt, sobald es hier zu regnen beginnt, ist angesichts der so genannten "Strassen", von denen ich ja bereits das ein oder andere Mal berichtet habe, verständlich. Diese verwandeln sich nämlich binnen weniger Minuten in wahre Schlammströmungen. So musste auch ich meine Zeit zunächst mit Warten fristen und hatte sogar begonnen, eine neue Rundmail zu schreiben, als der Regen dann doch unerwartet aussetzte. Gedrängt von Judith, es trotz durchnässten Ofens und Feuerholzes zu versuchen, und ein Anruf bei Nyombi, brachten neue Motivation. Gemeinsam mit Nyombi, bei dem ich wirklich das Gefühl habe, "nichts ist unmöglich", seiner Frau Oliver, seinem Sohn Musashi und Judith ging es dann glücklicherweise mit Jeep nach Kampala.

    Das Backblech gaben wir an einem der zahlreichen "Geschäfte" in Auftrag, die auf die Herstellung verschiedener metallischer Gegenstände sowie Schweißen spezialisiert sind - Kostenpunkt nach kurzer aber intensiver Verhandlung: 8.000 Schilling (weniger als vier Euro). Weiter ging's nach Kampala, wo wir uns aufteilten, um die verschiedenen Zutaten zu besorgen. Der letzte Satz suggeriert den Eindruck, Samstags Vormittags nach Kampala zu kommen, sei eine ganz normale Reise, ein Leichtes, gleichsam kein Problem - es ist jedes Mal ein Abenteuer: Verkehr, Stau (wobei "traffic jam" wirklich ein passenderer Ausdruck ist) Schlaglöcher (besonders nach heftigen Regenfällen), Menschenmassen..

    Jedenfalls schafften wir es trotz der Widrigkeiten in Kampala anzukommen, womit zwar das Abenteuer Autofahrt überstanden, das Abenteuer Einkaufen aber erst zu bewältigen war. Nach einer ca. dreistündigen Tour durch diverse (Super-)märkte und mitunter zähen Verhandlungen (größtenteils auf Luganda versteht sich ) mit hartnäckigen Verkäufern, hatten wir alle Zutaten beisammen. Auf dem weniger erschwerlichen Rückweg - es ist immer leichter aus Kampala raus, als rein zu kommen - konnten wir dann sogar unser Backblech in Empfang nehmen und neues, trockenes Feuerholz besorgen

    Die Vorbereitungen für Pizza und Salat, ebenfalls ein äußerst seltenes Vergnügen, da man den nur in Kampala auf dem "Nakasero" Markt kaufen kann, begannen gegen drei und endeten gegen sieben. Die erste von sechs Pizzen verzehrten wir gegen acht. Ich bin mir sicher, mit dieser Prozesshaftigkeit kann nicht einmal der Römertopf meines geschätzten Philosophielehrers mithalten - ich hoffe, Ihr versteht, was ich meine..

    Aber es ist wahr, was ich hier am Beispiel des gestrigen (Pizza-)Tages deutlichen machen will, ist, dass nach derart langen Vorbereitungen - die hier Regel und nicht Ausnahme sind, wenn auch selten so langwierig wie gestern - das gemeinsame Essen, Trinken und Beisammensitzen am Abend eine wahre Belohnung ist. Dass es außerdem sehr schön ist, mitten in der Nacht vor der langsam erlischenden Glut zu sitzen, weiß jeder, der ein Freund von Lagerfeuern ist. Das sind vermutlich Tage und Abende, die einen noch prominenteren Platz in meiner Erinnerung einnehmen werden als viele andere

    Ich lebe noch!

    Ich hatte mir ja vorgenommen, euch im neuen Jahr nicht mehr mit mehrseitigen Berichten und Eindrücken aus meiner temporären Wahlheimat Uganda zu behelligen. Aber? Hehe?ich habe mich kein Stückchen verbessert und werde weiterhin den vermeintlichen Moralapostel spielen!

    Eine Weile ist es her, seitdem Euch die letzte ausführliche Mail aus Uganda, ?the Pearl of Africa? (Winston Churchill), erreicht hat. Letztendlich wollte ich es aber doch nicht versäumen mitzuteilen, wie es mir geht, was in letzter Zeit passiert ist und was meine Pläne für die finale Phase meines Aufenthaltes sind

    Seit letzter Woche habe ich nämlich nicht nur mein Visum, sondern auch mein Rückflugticket. Am 6. Juli geht?s nachmittags vom Entebbe International Airport über Addis Abeba in die Vereinigten Arabischen Emirate nach Dubai. Dort werde ich nach durchzechter Nacht schlaf- und alkoholtrunken am Morgen des 7. Juli den Airbus nach Düsseldorf betreten und dort Nachmittags ankommen. Rückflug! Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie verrückt es für mich ist, bereits jetzt an meine Rückreise zu denken. Es ist mir unbegreiflich, dass ich schon seit mehr als sieben Monaten hier bin und mich so sehr an alles gewöhnt habe, dass ich gar nicht mehr weiß, was ?Leben? in Deutschland heißt.

    Doch was ist seit der letzten Nachricht von mir passiert?

    - Ich war in Gulu
    - Ich war auf den Ssese Inseln im Viktoria See
    - Meine japanischen Freunde sind abgereist
    - Ich bin der Direktor der ?Chris & Heritage School of Computing and Designing?

    Gulu:

    Nachdem ich so viel über die Krisenregion Gulu gelesen hatte, war es sehr bereichernd und lehrreich, mit eigenen Augem zu sehen, wie es dort zugeht. Die ?Stadt? Gulu ist ein guter Ort ? sauber, nette Menschen, organisiert, günstig, leckeres Essen und verdammt heiß. Es gibt keine Rebellen in der Stadt, wie beinahe alle Ugander in und um Kampala fürchten. Die zwei Flüchtlings-Camps, die wir besuchten, waren ebenfalls ganz anders als in meiner Vorstellung. Zwar herrschten dort bessere Bedingungen als ich angenommen hatte, doch waren diese bei weitem nicht als akzeptabel zu bezeichnen.
    Ehemalige Kindersoldatinnen


    Gewohnt haben wir beim Boss einer der hiesigen NGOs Terra Renaissance, Mr. Ogawa, dessen Organisation ehemalige Kindersoldaten und heutige Mütter wieder in die Gesellschaft zu integrieren versucht. Diese Menschen, heute meist Mitte 20, wurden als Kinder von der Lord Resistance Army (LRA) entführt und ihrer Terrorgruppe einverleibt. Ich weiß nicht, ob sie dieses Trauma jemals verarbeiten werden, aber anders als man annehmen könnte waren alle, mit denen ich zum Teil lange und ausführliche Gespräche geführt habe (mit denen das aufgrund guter Englischkenntnisse möglich war) ausgesprochen offen, warmherzig und gewillt, für ihre Zukunft hart zu arbeiten

    Ssese Islands: Paradies ? Das Bild sagt ja wohl alles?

    Traumhaftes Sseese Island
    Die Japaner sind weg: Mittlerweile ist es schon wieder einen Monat her, seitdem Yukio, Kouske, Kaku und Yuka abgereist sind. Anfangs war es echt schwer ohne sie, jetzt hab? ich mich daran gewöhnt und freue mich darauf, die neue Gruppe, die in neun Tagen kommen wird, zu ?drillen?. Habe kürzlich mit Yukio telefoniert und von ihm erfahren, wie seltsam es ist, nach 10 bis 11 Monaten in Uganda wieder in die Heimat zurückzukehren. Klar genießt er den Luxus (warmes, sauberes Wasser und Strom 24/7, Essen, etc.) und wieder mit seiner Familie und Freunden zusammen zu sein ? doch kommt ihm vieles ?komisch? vor: ?so many Japanese I deal with now are fools?? Man wird sehen, wie das in drei Monaten bei mir sein wird?

    Direktor der Computerschule: Ja, ich hab mich von meinem Kumpel Brian breitschlagen lassen, ihm bei seinem Projekt ?computing school? zu helfen.
    Er hat mich kurzerhand zum ?director? ernannt. Das war vor ungefähr drei Wochen. Seitdem habe ich drei Mal vor hunderten ?Born Agains? in der Nansana Redemmed Church (die direkt neben unserem Office ist) unsere Computerschule beworben ? in Luganda versteht sich. Da wir günstig sind und einen Muzungu als Lehrer haben, haben wir mittlerweile recht viele Kunden, die aber leider ziemlich anstrengend sind, da die meisten von ihnen noch nicht wissen, wie man einen Computer richtig ein- bzw. ausschaltet (zum Glück gibt es mittlerweile Windows und nicht mehr den MS DOS ?Hausmeister??). Ich hoffe, mit meiner Hilfe kann Brian auch nach meiner Abreise gut weiterarbeiten

    Was mache ich sonst? Mein Terminkalender ist damit ziemlich voll gepackt. Dienstags, mittwochs und donnerstags bin ich weiterhin als Lehrer an der Alliance High tätig ?Mittwochs nehme ich außerdem am Literaturunterricht teil ? ein außergewöhnliches Fach hinsichtlich der Teilnehmerzahl. Wir sind inklusive mir und unserm Lehrer (sechs, der Unterricht findet nicht im Klassenraum sondern am ?Beach?, einem kleinen Wald statt.

    Donnerstags und freitags unterrichte ich Computer. In der Zeit, die noch bleibt, bin ich natürlich hier im Rainbow House und arbeite. Auch wenn sich das nach viel anhören mag, bin ich nicht im deutschen Sinne gestresst, sondern eher gut beschäftigt

    Seit diesem Jahr, seitdem wir unser ?Saturday Care Program? umstrukturiert haben, sind wir Freiwilligen viel mehr eingebunden und haben viel mehr zu tun So viel zu dem, was in den letzten Monaten grob passiert ist

    Nächsten Monat werde ich vermutlich für ein oder zwei Wochen nach Rakai fahren, um dort beim Bau eines Waisenhauses zu helfen und mich noch mal mit härteren Lebensbedingungen auseinanderzusetzen. Wenn ich Glück habe, kann ich im Juni zusammen mit Gloria, einer guten Freundin, Urlaub in ihrer Heimatstadt Dar es Salaam in Tansania machen. Dazu werde ich mich natürlich noch mal ausführlicher äußern, sobald es soweit ist

    Ich hoffe, Ihr verzeiht mir, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe & lest diese Mail gerne

    Tulabagane Edda (see you soon)

    Ssenyonga Christopher

    23.05.07

    Der Mai neigt sich langsam seinem Ende zu und mit ihm mein Aufenthalt in Uganda. Ich weiß, ich habe es bestimmt schon hundert Mal gesagt, aber es scheint nach wie vor unglaublich, dass ich schon fast 9 Monate hier bin und noch unglaublicher, dass ich demnächst wieder in Deutschland sein werde.

    Was ist in letzter Zeit so passiert?

    Einschneidend, im wahrsten Sinne des Wortes, war meine Reise nach Rakai, wo ein neues Waisenhaus entsteht.

    Unzählige kleine Käfer, "Bed Bugs" genannt, haben meinen Körper im wahrsten Sinne des Wortes zerfressen?.. abartig! Mittlerweile - eine Woche bin ich nun schon wieder in Nansana - sind die meisten "Wunden" glücklicherweise verheilt. Bis vor einigen Tagen war mein Oberkörper aber noch mit dunklen, juckenden Flecken übersät. Und wieso das ganze? Ich schlief in einer echt ugandischen Lehmhütte beinahe ohne alles - ohne Bett, ohne Tür, ohne Hygiene.

    Rakai war aber vor allem deshalb eine so einschneidende Erfahrung, weil es mir trotz harter Arbeit nie möglich war, mich nachts schlafend zu erholen.

    Christopher muss bald Abschied nehmen von Afrika.
    Tagsüber - der Tag begann gegen sechs bei Sonnenaufgang - hieß es Feuerholz sammeln, Wasserkanister schleppen und vor allem das Fundament für alle Gebäude des Waisenhauses graben. Das mag sich nach viel anhören, aber an diese Arbeit bin ich durch meine Zeit in Nansana gewöhnt. Der Unterschied besteht nur darin, dass ich in Nansana ein - wenn auch viel zu kurzes - Bett habe, in dem ich schlafen und folglich Kraft für den nächsten Tag sammeln kann. In meiner aus Ästen, Schlamm und Heu zusammengebastelten Hütte in Rakai, die ich mir mit fünf Kindern und ihrer Mutter teilte und die einen Durchmesser von vielleicht zwei Metern hatte, war das leider nicht so ohne weiteres möglich. Ich schlief in der "Küche", die sich im "Eingangsbereich" befindet, weil der eigentliche Schlafplatz von sechs anderen Menschen eingenommen wurde! Da es keine Tür gibt, sondern nur ein Stück Holz, mit welchem wir nachts die Öffnung notdürftig verdeckten, war es zum einen ausgesprochen kalt, zum anderen ermöglichte es Tieren (ich konnte sie nicht sehen, aber ich denke es waren Ratten und/oder Mäuse), unseren Zufluchtsort beinah ungehindert zu betreten. Dank mitgebrachtem Moskitonetz und Schlafsack sitze ich nun hier und schreibe Euch diese Mail, ansonsten hätte ich wohl nicht überlebt. Die vier Nächte verbrachte ich also Kälte und Juckreiz ausharrend in "buddhistischer Geduld", wie mein Vater sagen würde. Mein Respekt und meine Anerkennung gilt in erster Linie meiner und den anderen Familien, die unter solchen Umständen leben, sich nicht beschweren und immer noch zu lachen wissen; beides gilt aber auch Yuki, der vor seiner Abreise unter wahrscheinlich ähnlichen Umständen fast einen Monat in Rakai gelebt hat - Hut ab!

    Rakai ist der ugandischen Mundpropaganda zufolge der Ursprung der AIDS Epidemie. Ob das wirklich der Fall ist, sei dahingestellt. Dass AIDS dort aber mehr gewütet hat als beispielsweise hier in Nansana zeigt das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen: ich habe keine wissenschaftlich gestützten Zahlen, aber auf 10 bis 15 Kinder in meiner Nachbarschaft kam ca. ein (sehr alter) Erwachsener. Kinder und Alte, kaum 20- bis 40-Jährige!

    Dass es keinen Strom gibt (selbst für diejenigen, die es sich leisten könnten), brauche ich ja nicht zu erwähnen. Aber Strom gehört nun wirklich zu den Dingen, auf die man getrost verzichten kann. Das Fehlen von Leitungswasser (ebenfalls für diejenigen, die es sich leisten könnten) macht das Leben dort sowie den Bau des Waisenhauses aber natürlich sehr schwer. Dank rudimentärer Lugandakenntnisse konnte zumindest ein gewisses Maß sprachlicher Kommunikation stattfinden. "Man kann nicht nicht kommunizieren", sagte Watzlawick. Stimmt. Zeichensprache wirkt in einer solchen Situation Wunder! Das Waisenhaus soll spätestens Ende des Jahres fertig gestellt werden Vielleicht werde ich, bevor es nach Deutschland geht, noch einmal für ein paar Tage dorthin fahren - obwohl es sehr hart war, wachsen einem die Kinder besonders schnell ans Herz.

    Einen Tag nach meiner Rückkehr vom Überlebenstraining in Rakai ging es mit 180 Kindern zuerst in die Coca Cola Fabrik nach Jinja, dann zu den Bujagali Fällen. Dieser, mein letzter, Ausflug mit unseren "Orphans" gab mir vorläufig den Rest. Schlafdefizit + endlos langes Reisen sind eine tödliche Kombination. Trotzdem war auch das sehr schön. Letzen Sonntag ging es dann auch zum letzten Mal nur mit unserem Mitarbeiterstab auf Reisen, nach Entebbe zum Grand Imperial Resort Beach. Im an den Strand angrenzenden Hotel residierte vor ein paar Jahren auch Bill Clinton, während er Uganda besuchte. Cool! Wie Ihr seht, hatte ich einige sehr kontrastreiche Wochen.

    Gestern Abend habe ich endlich meinen "Homestay" bei Sende David begonnen, den wir schon so lange geplant hatten. Obwohl seine Familie unter vergleichsweise guten Umständen lebt (Strom, Wasser, Betten), ist noch keine Erholung angesagt. David steht sechs Tage die Woche gegen halb vier auf, um Chapati vorzubereiten, die seine Mutter dann im Laufe des Tages an einer Schule verkauft. Dann muss natürlich noch der Abwasch gemacht und der "Garten gepflegt" (Unkraut jäten, umgraben, Neues pflanzen, etc.) werden. Wenn ich gegen 10 oder 11 im Rainbow House ankomme, zur Schule gehe oder sonst was mache, bin ich also schon eine Weile wach?

    Doch wie gesagt, so langsam geht mein Aufenthalt dem Ende zu? Am 24. Juni findet höchstwahrscheinlich unsere Abschiedsparty hier im Rainbow House statt, bevor wir Deutschen uns vereinzelt auf den Heimweg machen...

    So unwirklich das für mich jetzt noch ist, habe ich mir aber dennoch Gedanken über meine weitere Zukunft gemacht: Nach wirklich langem Hin und her bin ich mir immer sicherer, dass ich was ziemlich Verrücktes studieren will. Ab diesem Wintersemester gibt es in Köln den Zwei-Fach-Bachelor "Sprachen und Kulturen Afrikas". Ja, ok?ich weiß, Jobaussicht - alles nur Vorurteile! Darin werde ich mich, das ist der Plan, auf Suaheli und Ost-Afrika spezialisieren.

    Nicht vergessen - 07.07.07, 13:30 Uhr, Terminal B, Düsseldorfer Flughafen.
    Chris aka Ssenyonga aka Corporal Clean will be back!

    Ssenyonga
  • Dieser Artikel ist erschienen am 10.10.2006