Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Zeugnisnoten

Arnulf Weuster
Ein Arbeitnehmer, dessen Leistung nie beanstandet wurde, hat Anspruch auf eine gute Bewertung seiner Leistung. Die Aussage "Er/Sie hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet" ist ein Hauptstreitpunkt in Prozessen um Arbeitszeugnisse.
Die Formel "Er/Sie hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet" ist ein Hauptstreitpunkt in Prozessen um Arbeitszeugnisse. Liebhaber der deutschen Sprache stört es zu Recht, dass es sich um eine sprachlich inkorrekte Formulierung handelt, da "voll" wie "ganz" oder "rund" zu den logisch nicht steigerbaren Adjektiven gehört. In der Zeugnissprache hat sich diese Formulierung dennoch eingebürgert.Selbstverständlich stellt sich das Problem mit "vollst" nur, wenn es um eine sehr gute Beurteilung geht. War die Leistung nur gut oder nur befriedigend, so lauten die Formulierungen "stets zu unserer vollen Zufriedenheit" oder "zu unserer vollen Zufriedenheit".

Die besten Jobs von allen

Ein Arbeitnehmer, dessen Leistung nie beanstandet wurde, hat Anspruch auf eine gute Bewertung seiner Leistung. Bei einer unterdurchschnittlichen Beurteilung muss der Arbeitgeber beweisen, dass der Arbeitnehmer Fehler gemacht hat und dass er den Arbeitnehmer wegen dieser Fehler ermahnt oder abgemahnt hat. Ein Vorgesetzter, der die Leistungen des Arbeitnehmers vorher lange Zeit nicht beanstandet hat, kann bei der Zeugnisausstellung nicht argumentieren, der Arbeitnehmer habe die Anforderungen des Arbeitsplatzes nicht erfüllt. Ein Arbeitnehmer dagegen, der eine sehr gute Bewertung fordert, kann sich vor Gericht nicht mit dem Argument begnügen, er sei nie kritisiert worden. Er muss mehr als eine nur beanstandungsfreie Arbeit geleistet haben und beweisen, dass er überdurchschnittliche Leistungen erbracht hat.Aber auch für sehr gute Leistungen kann der Aussteller des Zeugnisses im Rahmen seiner Formulierungssouveränität eine sprachlich korrekte Form wählen. Zum Beispiel den Klartext: "Die Leistungen von Herrn/Frau X waren stets sehr gut." Verwendet der Aussteller aber die klassische Formel, so muss er "vollst" verwenden, da er sonst seinen Sprachpurismus auf Kosten des Arbeitnehmers betreibt. Ein Tipp an Arbeitnehmer, die auf eine sehr gute Beurteilung klagen: Fordern Sie eine alternative Formulierung wie "Mit den Leistungen waren wir stets äußerst / höchst / außerordentlich zufrieden". Manche Arbeitsrichter lehnen die sprachlich falsche Formel nach wie vor ab, so dass der Prozess deswegen verloren gehen kann.Es gibt aber auch andere Aussagen, die volle Aufmerksamkeit verdienen. Die Zeugnisliteratur spricht von der Briefträgerthese. Ebenso wie Briefträger, die wegen des Briefgeheimnisses nicht den Inhalt der Briefe, die sie zustellen, kennen, kennen viele Arbeitnehmer auch nicht die eigentliche Botschaft ihres Zeugnisses. Ein einfaches Beispiel: Die Aussage "Wir bestätigen, dass Herr Mustermann die Aufgaben, die wir ihm übertrugen, stets zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt hat" drückt keine sehr gute Bewertung aus. Die Einleitung des Satzes macht dem Kenner klar, dass die sehr gute Beurteilung nur auf Drängen des Arbeitnehmers erfolgt. Der Relativsatz macht zudem deutlich, dass der Arbeitnehmer keine Eigeninitiative entwickelte, sondern nur das tat, was ihm ausdrücklich aufgetragen wurde.Für eine sehr gute Beurteilung ist erforderlich, dass im Zeugnis differenziert auf die Arbeitsmotivation, die Fähigkeiten, das Fachwissen, die Weiterbildung, den Arbeitsstil und insbesondere auf Erfolge eingegangen wird. Besser als die Zufriedenheitsformel und eine Überhäufung des Zeugnisses mit anderen Superlativen wirken konkrete Erfolgsbeispiele, etwa dass der Mitarbeiter wichtige Kunden gewonnen, Kosten gesenkt, Abläufe beschleunigt, Verbesserungsvorschläge gemacht oder entscheidend zum Erfolg von Projekten beigetragen hat.Arbeitgeber können sich nicht oft genug vergegenwärtigen, dass viele Zeugnisaussteller bei der Zufriedenheitsformel Zugeständnisse machen, um Auseinandersetzungen oder gar Klageschriften zu vermeiden. Sie hat daher häufig nur einen niedrigen Wahrheitsgrad und geringen Informationswert. Bei der Zeugnisanalyse und bei der Personalauswahl muss ein akribischer Blick auf das Umfeld dieser Formel geworfen werden. Denn der Gesamteindruck eines Zeugnisses ist entscheidend.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001