Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Zeugniscodierung

Arnulf Weuster
Arbeitszeugnisse müssen wahr und wohlwollend zugleich formuliert sein. Sie sollen einerseits potenziellen Arbeitgebern als Hilfe bei der Bewerberauswahl dienen und andererseits Bewerbern helfen, eine neue Position zu erhalten. Dieser Konflikt zwischen Informationsfunktion und Werbefunktion hat dazu geführt, dass die Zeugnissprache zu einer Spezialsprache wurde.
Arbeitszeugnisse müssen wahr und wohlwollend zugleich formuliert sein. Sie sollen einerseits potenziellen Arbeitgebern als Hilfe bei der Bewerberauswahl dienen und andererseits Bewerbern helfen, eine neue Position zu erhalten.Dieser Konflikt zwischen Informationsfunktion und Werbefunktion hat dazu geführt, dass die Zeugnissprache zu einer Spezialsprache wurde. Man kann zwar nicht von einem konspirativen Geheimcode der Arbeitgeber sprechen, denn Informationen zur Zeugnissprache sind im Buchhandel erhältlich, doch allein mit alltäglichem Sprachverständnis können Zeugnisse nicht mehr richtig interpretiert werden.

Die besten Jobs von allen

Es gibt folgende Techniken: Die Positivskala-Technik - wer sie nutzt, macht selten negative Aussagen. Doch die Tatsache, dass eine Aussage positiv klingt, besagt noch nicht viel. Das bekannteste Beispiel ist die Zufriedenheitsformel, bei der selbst noch bei völliger Unzufriedenheit Formulierungen wie "Mit seinen Leistungen waren wir im Großen und Ganzen zufrieden" verwendet werden.Die Leerstellen-Technik besteht darin, statt einer negativen, gar keine Aussage zu machen. Eine Super-Leerstelle sind Zeugnisse ohne Beurteilung. Auch das Fehlen einer ganzen Zeugniskomponente, etwa der Verhaltensbeurteilung, ist ein "beredtes Schweigen".Eine bekannte Leerstelle ist die lückenhafte Formulierung "Sein Verhalten zu den Mitarbeitern war immer einwandfrei" - die Vorgesetzten werden nicht erwähnt. Fehlt die Dankes-Bedauern-Formel im Schlussabsatz, wird daraus oft geschlossen, dass eine gute oder sehr gute Leistungsbeurteilung doch nicht so gut gemeint war. Bei Leitenden Angestellten oder Mitarbeitern in Vertrauenspositionen sollte im Zeugnis ihre Zuverlässigkeit oder Vertrauenswürdigkeit erwähnt werden, um entsprechende negative Vermutungen zu verhindern. Fehlen schließlich die Zukunftswünsche, so deutet dies meist auf eine schwere Verstimmung zum Ende des Arbeitsverhältnisses hin.Bei der Reihenfolge-Technik erfolgt eine Abwertung dadurch, dass weniger Wichtige vor wichtigen Aussagen platziert werden. Wird eine ausführliche Verhaltensbeurteilung vor eine knappe Leistungsbeurteilung gesetzt, so kann der Eindruck eines zwar angenehmen, aber nicht sehr leistungsfähigen Arbeitnehmers entstehen. Werden die Aufgaben aufgezählt, muss die Reihenfolge der Gewichtung entsprechen und darf nicht lauten: "Er war für die Beschaffung von Büromaterial, Werkzeugen und Investitionsgütern zuständig."Die Ausweich-Technik besteht darin, weniger Wichtiges oder Selbstverständlichkeiten hervorzuheben. Die Aussage "Sie setzte sich für die Belange des Unternehmens ein" beschreibt für Führungskräfte eher eine Selbstverständlichkeit. Bei Vorgesetzten irritiert es, wenn nach der vielversprechenden Einleitung "Besonders hervorzuheben ist, dass ..." nur gesagt wird, dass der Vorgesetzte klare Anweisungen gab. Wird einem Produktionsleiter mit Ingenieurdiplom "technisches Verständnis" attestiert, so klingt dies ironisch.Die Einschränkungs-Technik besteht in einer subtilen Einschränkung der räumlichen oder zeitlichen Geltung von Aussagen: "Er engagierte sich in unserem Fachverband und galt dort (= nicht bei uns) als Fachmann." Oder: "Sie engagierte sich in diesem Projekt und zeigte dabei (= sonst nicht) ihr organisatorisches Talent." Oder: "Für den weiteren Berufsweg in einem anderen Unternehmen (= nicht bei uns) wünschen wir ihm alles Gute." Einschränkend wirken auch Relativsätze: "Die Aufgaben, die wir ihm übertrugen (= sonst keine), bewältigte er zu unserer vollen Zufriedenheit." Vorsicht auch bei Positionsbezeichnungen in Anführungszeichen. Beispiel: "Herr X ist als Produktmanager in unserer Vertriebsabteilung tätig."Bei der Andeutungs-Technik werden dem Leser negative Schlüsse nahe gelegt. So kann die Formulierung "Das Arbeitsverhältnis dauerte von/bis" die rechtliche Existenz eines Arbeitsverhältnisses und damit umfangreiche Fehlzeiten betonen.Die Formulierung "Frau X war eine anspruchsvolle und kritische Vorgesetzte" kennzeichnet meist eine überzogene Ansprüche stellende und nörgelnde Vorgesetzte. Die Formulierung "Er verstand es geschickt, seine Interessen mit denen des Unternehmens zu verbinden" deutet Unregelmäßigkeiten zu Lasten des Arbeitgebers an.Bei Weiterbildungsaussagen drückt das Wort "Gelegenheit" Erfolglosigkeit aus. So bei einem Trainee: "Er war in den Abteilungen A, B und C tätig und hatte dort Gelegenheit, Arbeiten und Abläufe in diesen Abteilungen kennen zu lernen." Die scheinbar neutrale Beendigungsformel "Das Arbeitsverhältnis endete am ..." beschreibt eine arbeitgeberseitige Kündigung.Die Widerspruchs-Technik besteht aus Widersprüchen in einzelnen Sätzen oder im Kontext: "Wir bestätigen (= weil verlangt; ist nicht unsere Meinung), dass Frau X unsere Anforderungen stets in bester Weise erfüllt hat."Schließlich kann man die Knappheits- Technik nennen. Enthält ein Zeugnis nach einem mehrjährigen Arbeitsverhältnis mehr oder minder Floskeln wie "Er hat stets zu unserer vollsten Zufriedenheit gearbeitet" oder "Sein Verhalten zu Vorgesetzten und Mitarbeitern war immer einwandfrei", so liegt trotz dieser sehr guten Einzelaussagen keine sehr gute Bewertung vor. Eine gute Beurteilung erfordert das Eingehen auf Motivation, Fähigkeiten, Fachwissen, Arbeitsstil und Erfolge.Angesichts der großen Bedeutung, die Zeugnisse insbesondere im Mittelmanagement bei Bewerbungen haben, sollten Sie ein Zeugnis bei Verdacht auf verdeckte Aussagen unbedingt fachkundig analysieren lassen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001