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Zeilers Schaulaufen

Von Hans-Peter Siebenhaar
Mit dem Einzug in den Bertelsmann-Vorstand wird der RTL-Chef zum Kandidaten für die Nachfolge von Gunter Thielen. Der 50-Jährige gilt als ehrgeizig und politisch raffiniert.
Der Vorstandsvorsitzende der RTL-Group Gerhard Zeiler. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Der Mann hat sich noch nie um Spitzenjobs gerissen. In seiner Heimat Österreich wurde er im April vergangenen Jahres bereits als nächster Bundeskanzler gehandelt. Wollte er nicht. Dem Wiener ?Standard? sagte Zeiler damals: ?Ich habe mir abgewöhnt, zu solchen Spekulationen Stellung zu nehmen.?Doch nun will der mächtigste TV-Manager Europas und Vorstandsvorsitzende der RTL Group zumindest noch eine Treppenstufe nach oben: Ab 1. Oktober zieht der 50-Jährige in den Vorstand der Bertelsmann AG ein. Bisher war er dort nur Gast.

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Gern vermittelt der clevere Österreicher den Eindruck, seine steile Karriere sei vom Himmel gefallen. Tatsächlich ist der im Wiener Arbeiterbezirk Ottakring geborene ehemaligen Redakteur der ?Sozialistischen Korrespondenz? ehrgeizig und gilt als politisch raffiniert.Bereits mit 28 Jahren wurde er Sprecher des damaligen Bildungsministers und späteren Bundeskanzlers Fred Sinowatz. Es war der politische Rückenwind der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) der Zeiler auch zum Einstieg ins österreichische Fernsehgeschäft verhalf. Filmhändler Herbert Kloiber, ebenfalls ein gebürtiger Wiener, holte ihn dann ins Privatfernsehen nach Deutschland.Mit Zeilers Einzug in den Vorstand der Bertelsmann AG hat Konzernchef Gunter Thielen das Rennen um seine Nachfolge eröffnet. Der bodenständige Sanierer wird zum 31. August 2006 seinen Chefsessel in der Konzernzentrale verlassen.In der ostwestfälischen Kleinstadt Gütersloh, dem Sitz von Europas größtem Medienkonzern, will derzeit offiziell niemand ein Sterbenswörtchen über die Zeit nach Thielen verlieren: Denn wer sich zuerst aus der Deckung wagt, hat schon verloren ? so lautet das ungeschriebene Gesetz bei Bertelsmann. Hinter den Kulissen hat hingegen das Schaulaufen der Kandidaten am Hof der Patriarchenfamilie Liz und Reinhard Mohn aber bereits begonnen.Nun dreht sich das Karussell um die Nachfolge seit gestern noch ein wenig schneller. Denn Thielen hatte frühzeitig klar gemacht: Sein Nachfolger muss aus den eigenen Reihen kommen.In Gütersloh sehen viele Hartmut Ostrowski, Chef der Druck- und Mediendienstleistungssparte Arvato, als Nachfolger Thielens. ?Ostrowski hat derzeit einen hauchdünnen Vorsprung?, sagt ein Insider. Der gebürtige Westfale genießt das uneingeschränkte Vertrauen des Konzernchefs und der Familie. Ostrowskis Bilanz kann sich sehen lassen: Der Westfale hat den Mediendienstleister zu einer Erlös- und Ertragsperle im Bertelsmann-Reich gemacht.Als weiterer Kandidat für die Thielen-Nachfolge gilt Ewald Walgenbach, Chef der Direct Group. Der frühere RTL-Manager muss aber mit der Sanierung des Buchclubs in Deutschland und Großbritannien noch sein Meisterstück abliefern.Mit der Berufung in den Bertelsmann-Vorstand ist Zeiler nun wieder im Rennen. Er kommt mit seiner bescheidenen Art bei den Mohns gut an. Am liebsten ist er in Jeans und Polo-Shirt unterwegs. Wenn er in Los Angeles nach millionenschweren Filmeinkäufen mal ausspannen will, geht er lieber zu Starbucks um die Ecke, als nur in seinem streng abgeschirmten Luxushotel zu weilen. Dem Reichenghetto Beverly Hills kann Zeiler ohnehin nicht viel abgewinnen.Doch nicht alles läuft bei dem erfolgsverwöhnten Manager rund, mit seinen Zahlen konnte er zuletzt nicht mehr glänzen. Der Umsatz der RTL Group sank im ersten Halbjahr um 2,4 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) ging sogar um fünf Prozent auf 378 Millionen Euro zurück.Vor allem das deutsche Fernsehgeschäft bereitet Zeiler Kopfzerbrechen. Für die enttäuschende Bilanz kann er nicht alleine den rückläufigen Werbemarkt verantwortlich machen. Auch eine Reihe hausgemachter Fehler hat der Sendergruppe (RTL, Super RTL, Vox, N-TV) geschadet. Der Fehlgriff mit dem Fernsehproduzenten Marc Conrad als Nachfolger an der Spitze der deutschen RTL-Familie hat Zeiler geschadet.Auch die internationale Expansion stockt. Der britische Bezahlsender BSkyB versucht im Bieterwettbewerb um die Fernsehkette Flextech, die RTL Group auszustechen. Die TV-Tochter des Medienriesen News Corp. hat derzeit die Nase vorn. Sollte Zeiler, der mit seiner Frau Amanda und seiner Tochter in der britischen Hauptstadt zu Hause ist, in Großbritannien nicht zum Zuge komme, wäre das eine herbe Schlappe.Schließlich hat Thielen den Geldbeutel weit aufgemacht für Zukäufe, ist doch RTL der größte Umsatz- und Gewinnbringer im Bertelsmann-Reich. So wird Zeiler, der sich privat gerne unter Palmen in Kalifornien oder auf den Malediven entspannt, weiter rastlos durch Europa jetten ? auf der Suche nach neuen Märkten und Kaufgelegenheiten.Er weiß: Klappen weitere Übernahmen, braucht er sich um den nächsten Karrieresprung nicht zu sorgen. Und der würde ihn an die Spitze des Bertelsmann-Konzerns bringen.VITA: Gerhard Zeiler
  • 1955 wird er am 20. Juli in Wien geboren. Er studiert Psychologie, Soziologie und Pädagogik.
  • 1979 wird er Pressesprecher der österreichischen Bundeskanzler Sinowatz und Vranitzky.
  • 1986 wechselt er als Generalsekretär zum ORF.
  • 1991 macht ihn der Münchener Sender Tele5 zu seinem Geschäftsführer, später geht er zum Konkurrenten RTL 2.
  • 1994 wird er ORF-Intendant.
  • 1998 geht er als Geschäftsführer zu RTL nach Köln.
  • 2003 steigt er zum Vorstandschef der RTL Group auf.
  • 2005 zieht er sich als Geschäftsführer der RTL-Senderfamilie in Deutschland zurück.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.09.2005