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Zeigt her Eure Mappen

Liane Borghardt
Zwei Mal im Jahr sichtet eine Prüfungskommission an der Fachhochschule Pforzheim Hunderte von Bewerbungsmappen für das Design-Studium. Wie sieht die beste Eintrittskarte aus? Wer muss draußen bleiben?
Wären die Studienbewerber jetzt hier, würden sie garantiert nervöses Magendrücken bekommen. Und schwarz sehen. Ziemlich viel schwarz sogar: Schuhe, Rollis, Jacketts und Brillengestelle. Die stilsicher gekleidete Prüfungskommission schreitet mit ernster Miene durch das Foyer ? leise Unterhaltung hallt von den hohen Wänden wider.

So ähnlich muss es aussehen, wenn die Gaultiers und Armanis dieser Welt über ihre Kollektionen fachsimpeln. Aber das ist nicht Paris oder Mailand, sondern Pforzheim, Baden-Württemberg. Trotzdem drängen jährlich mehrere hundert Bewerber hierher: zum Design-Studium, an die renommierte Fachhochschule für Gestaltung. Nur für durchschnittlich zehn Prozent geht der Wunsch in Erfüllung, so die Statistik

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Heute spielen fünf Professoren und ihre Assistenten wieder mal Schicksal. Sie entscheiden darüber, wer würdig ist, auf Grund seiner Arbeitsproben zu Klausur und Auswahlgespräch für das nächste Sommersemester zugelassen zu werden. Um die 300 Mappen liegen in der lichtdurchfluteten Aula auf langen Tischreihen ausgebreitet. Unterschiedliche Motive, stapelweise: Tulpen neben Skelett, Schwarz-Weiß-Foto neben Screenshot und Schneckenhaus...

Technische Bandbreite ist wichtig

"Wir machen unseren Bewerbern keine Vorgaben, wir legen Wert auf freie Mappen", erklärt Uli Cluss. Der Professor für visuelle Kommunikation ist 39 Jahre alt, wirkt jedoch viel jünger. "Eine gewisse Bandbreite ist uns aber wichtig: In der Mappe sollten beispielsweise Zeichnungen und malerische Arbeiten vorkommen, ein- und mehrfarbig in verschiedenen Techniken ? Bleistift, Kohle und Farbe."

Mit seinen Kollegen aus den Studienrichtungen Mode, Schmuck und Gerät sowie Industrial Design schaue er die Mappen "grundsätzlich auf ihren künstlerischen Gehalt durch. Denn unabhängig von ihrem Studienschwerpunkt erwerben unsere Studenten alle zunächst dieselben künstlerischen Grundlagen. Deshalb beraten uns bei der Mappenschau auch immer Dozenten aus der freien Kunst."

Nicht nur Schularbeiten

Zehn extravagante Köpfe, jeder mit einer eigenen Meinung zu Tausenden von Arbeitsproben: Wie soll die Auswahl da an nur einem Tag über die Bühne gehen? "In der Regel kristallisiert sich ganz schnell ein Bild über einen Bewerber heraus", sagt Cluss mit wissendem Lächeln. Und dann fängt er an, Mappe für Mappe im Schnellverfahren durchzublättern ? jede enthält zwischen zwölf und 20 Arbeitsproben ? und packt dabei sechs Jahre Prüfungserfahrung aus. Schon am Papier erkenne er, ob ein Bewerber seine Zeichnung in einem so genannten Mappenvorbereitungskurs an einer freien Kunstschule angefertigt hat. "Das ist nicht nachteilig, weil man sieht, dass sich jemand wirklich fürs Designstudium interessiert. Außerdem empfiehlt sich eine Kursteilnahme, um die Zeit zwischen Abitur und Bewerbung sinnvoll zu nutzen." Eine Garantie, an einer Hochschule angenommen zu werden, erwerbe man damit aber nicht. Was bei der Jury gar nicht gut ankommt: "Mit dem x-ten ,Stilleben mit Schnürstiefeln? belagert zu werden, so dass wir unschwer die Lehrpläne der Gymnasien erkennen können.

Bloss nicht naiv

Vernichtende Urteile zischen aus der linken Raumecke. Geballte Empörung über Porträtfotos, die eine Bewerberin bauchfrei und in Räkelpose zeigen. "Völlig infantil." "Also Kreativität muss man schon mitbringen." Ein paar Tische weiter hält Matthias Kohlmann, Professor für Zeichnung, einen DIN-A-3-Bogen in der Hand und legt bekümmert die Stirn in Falten. "Zu dieser akkurat gemalten Weinflasche nebst Trauben und Glas würde der Freundeskreis sicher sagen: ,Toll, wie du das hinkriegst.? Das geschulte Auge sieht aber sofort, dass die Materialunterschiede überhaupt nicht ausgereizt sind."

Kohlmann zückt einen Bleistift, versieht den Beurteilungsbogen mit seinem Kürzel und einem schwungvollen Fragezeichen. Das verheißt nichts Gutes. Ob er zur Abwechslung mal ein positives Beispiel zeigen kann? "Diese Kohlezeichnung. Man liest an ihr die Körperhaltung des Zeichners ab: Das ist keine lineare Abbildung, sondern es besteht eine Dialektik zwischen Gegenstand und Person.

Mappenberatung nutzen

Damit Bewerber ein Gefühl für solche Auswahlkriterien bekommen, rät Kohlmann ihnen, die öffentlichen Mappenberatungen der Hochschulen zu besuchen. Die Prüfungsämter geben Auskunft, wann sie statt finden; an der FH Pforzheim etwa werden pro Jahr zwei Termine angeboten. "So manch einer ist da zwar schon unter Tränen raus gegangen. Aber man hat die Gelegenheit, innerhalb von zwei, drei Stunden ungefähr 30 andere Mappen zu sehen", sagt Kohlmann. Diese Art von Hilfestellung sollte man unbedingt nutzen.

Lügen haben kurze Beine

Unerlaubte Fremdhilfe dagegen fliegt schnell auf. James Kelly, Professor für Transportation Design, vermerkt auf einer Mappe: Eigene Arbeiten? "Die Linienführung ist von Zeichnung zu Zeichnung verdächtig unterschiedlich. Aber spätestens bei der Klausurprüfung kommt die Wahrheit ans Licht.

Mit Liebe zusammenstellen

Kelly, der in Newcastle und London studiert hat, gibt noch einen formellen Tipp seiner Lehrer weiter: "Wer eine Mappe zusammenstellt, darf nicht vergessen, dass die Prüfungskommission seine Kundschaft ist. Mit vielen Wettbewerbern buhlt er um sie ? genau wie später im Job." Eine schlampige Heftung beispielsweise werde in der Mappe zur schwer wiegenden Botschaft.

Klar, dass junge Leute Fehler machen dürfen, betont Kelly. Deshalb würden die Pforzheimer im Zweifel immer für den Angeklagten entscheiden. "Das Wichtigste ist, dass wir an den Arbeiten ein gewisses Entwicklungspotenzial des Kandidaten feststellen können. Und wenn Grenzfälle sich im Studium mausern, ist das besonders schön."

Was die Pforzheimer Professoren heute zu ihren eigenen Bewerbungsmappen sagen würden? Geniertes Lächeln, Räuspern. Prüfungs-Vorstand Cluss bekennt: "Meine war ... grauenhaft."
Dieser Artikel ist erschienen am 24.01.2002