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ZDF-Moderator soll künftig ?Spiegel? leiten

H.-P. Siebenhaar
Der Leiter des ZDF-?heute journals? Claus Kleber soll neuer Chefredakteur des Nachrichtenmagazins ?Der Spiegel? werden und damit den bisherigen Chefredakteur Stefan Aust ablösen. ?Er ist der Wunschkandidat der Gesellschafter?, sagte ein Insider in Hamburg.
Claus Kleber soll Nachfolger von Stefan Aust werden. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Auch das ZDF bestätigte, dass dem 52-jährigen Journalisten ein Angebot für den Chefsessel in Hamburg vorliegt. Kleber selbst war am Wochenende wegen einer USA-Reise für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die ?Spiegel?-Gesellschafter lehnten einen Kommentar ab.Eine Entscheidung soll nach Ansicht von Beteiligten noch vor Weihnachten fallen. Möglicherweise wird sogar noch am Montag die Nominierung Klebers offiziell bestätigt. Der ?Spiegel? gehört mehrheitlich der Mitarbeiter KG. Außerdem sind daran die Bertelsmann-Zeitschriftentochter Gruner + Jahr mit 25,5 Prozent und die Erben des Gründers Rudolf Augstein mit 24 Prozent beteiligt.

Die besten Jobs von allen

Die Nominierung des ZDF-Moderators ist eine Überraschung. Bislang wurde von einer internen Lösung ausgegangen. Offenbar haben sowohl die Reputation als auch das diplomatische Geschick Klebers den Ausschlag gegeben. Sowohl die Mitarbeiter KG als auch Gruner + Jahr hat sich für den populären Fernsehjournalisten stark gemacht, berichten Beteiligte.Für Kleber, den Nachrichtenmann mit den stahlblauen Augen und dem sympathisch-schiefen Gesicht, ist der Magazinjournalismus a la ?Spiegel? komplettes Neuland. Der promovierte Jurist arbeitet schließlich seit 31 Jahren beim Fernsehen. Über eine freie Mitarbeit kam er zum Südwestfunk und stieg dort schnell auf. Nach einem Intermezzo als Studioleiter in Konstanz ging er 1986 als Hörfunkkorrespondent nach Washington. Mit Ausnahme einer kurzen Zeit als Chefredakteur des Rias in Berlin blieb er bis 2002 in den USA ? zuletzt als Leiter des ARD-Studios Washington. Für seine kritische und hintergründig-analytische Berichterstattung erntete Kleber auch bei Konkurrenten viel Respekt.Von seinem Talent als Journalist und Moderator war ZDF-Intendant Markus Schächter zutiefst überzeugt, als er Kleber im Februar 2003 als Nachfolger von Wolf von Lojewski beim ZDF-?heute Journal nach Mainz lockte. Mit seinen charmant-ironischen Moderationen schuf er sich schnell eine treue Fangemeinde vor dem Bildschirm. Er baute das ?heute Journal mit einer verstärkten Hintergrundberichterstattung und einer größeren Internationalität zur wichtigsten Nachrichtensendung neben der ARD-?Tagesschau? aus.Der geborene Reutlinger Kleber ist verheiratet und zwei Töchter. Im Kölner Vorort Bensberg machte er Abitur. Für den Journalismus konnte er sich sehr früh begeistern. Bereits mit 16 Jahren wurde er freier Mitarbeiter beim ?Kölner Stadtanzeiger?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beim ?Spiegel? wartet auf Kleber viel ArbeitBeim ?Spiegel? wartet auf Kleber viel Arbeit. Er muss dem Blatt wieder neues Selbstbewusstsein und besseren Zusammenhalt geben. Die Mitarbeiter KG, die 50,5 Prozent am Spiegel-Verlag hält, hatte Mitte November entschieden, den Ende 2008 auslaufenden Vertrag des langjährigen Chefredakteurs Stefan Aust nicht mehr zu verlängern. Es gab seitdem kaum einen prominenten Journalisten, der nicht als Aust-Nachfolger hinter den Kulissen gehandelt wurde. Die unglückliche Chefsuche drohte dem Ansehen des Hamburger Nachrichtenmagazins zu schaden. Der Druck auf die Gesellschafter schnell einen Nachfolger zu präsentieren, wuchs von Tag für Tag.Zuletzt galt Spiegel-Online-Chef Matthias Müller von Blumencron als Favorit für den Chefredakteursposten. Blumencron hat den Online-Auftritt des Spiegel zum führenden Informationsportal im Internet gemacht. Doch der Onliner Blumencron stieß in den Reihen der Mitarbeiter nicht auf uneingeschränkte Zustimmung, berichteten Beteiligte. Deshalb soll der Spiegel-Online-Chef offenbar nun zum Stellvertreter von Kleber berufen werden.Der vorzeitige Rauswurf von Aust stärkte zuletzt den ?Spiegel?-Geschäftsführer Mario Frank. Der Manager , der erst seit Anfang 2007 im Amt ist, wollte zuletzt vergeblich durchsetzen, dass der ?Spiegel? 50 Prozent der Anteile an der defizitären Wirtschaftszeitung ?Financial Times Deutschland? (FTD) kauft. Die andere Hälfte der FTD gehört Gruner + Jahr. Die Mitarbeiter KG machte damals seine Pläne zunichte.Dass mit Kleber wieder ein Fernsehmann die Chefposition beim Nachrichtenmagazin ?Spiegel? offenbar übernimmt, ist keine neue Erfahrung. Auch Aust war ein langjähriger Fernsehjournalist, als er 1994 von ?Spiegel?-Gründer Rudolf Augstein auf den Chefsessel gesetzt wurde. Damals gab es in den eigenen Reihen durchaus Widerstand. Dem Journalisten des ARD-Magazins ?Panorama? traute man zu dieser Zeit die Führung des Blattes nicht zu.Kleber wird es da einfacher haben. Der Machtkampf beim ?Spiegel? hat viele Beteiligte müde gemacht. Sie sehnen sich nach einem Moderator im besten Sinne des Wortes. Mit dem stets freundlich-verbindlichen Kleber an der Brandswiete, dem Sitz des ?Spiegels?, könnte durchaus eine neue Zeitrechnung anbrechen: mehr Harmonie statt Autokratie.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.12.2007