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Zahlenmeisterin

Von Diana Fröhlich
Alexandra Hartmann ist eine der erfolgreichsten Fondsmanagerinnen Deutschlands und das ganz ohne Studium und MBA. Den Grundstein für ihre Karriere legte sie bereits vor 20 Jahren als junge Frau in Hongkong. Über das Leben einer erfolgreichen Globetrotterin.
An Mut hat es Alexandra Hartmann noch nie gefehlt. Mit 21 Jahren, direkt nach der Ausbildung zur Bankkauffrau, steigt sie mit einem One-Way-Ticket in den Flieger nach Hongkong. Ohne Job, ohne auch nur die geringste Aussicht auf ein Vorstellungsgespräch in der fremden Welt.Sie will einfach nur möglichst weit weg von ihrer Heimatstadt Bremen und endlich auf eigene Faust die Welt entdecken. Ihre Eltern lassen sie ziehen, in der Hoffnung, sie komme zurück, wenn ihr das Geld ausgeht. Drei Monate haben sie der Tochter bis zur freiwilligen Rückkehr gegeben, maximal. Doch die will damals "mit dem Kopf durch die Wand": Ihre Suche nach einem Job gestaltet sich in den ersten Wochen zwar schwierig, nach ein paar missglückten Bewerbungen allerdings heuert Hartmann erfolgreich bei der Deutschen Bank an, Abteilung Aktienverkauf.

Die besten Jobs von allen

Heute, rund 20 Jahre nach der Ankunft in Asien, lebt Hartmann wieder in Deutschland und ist eine der erfolgreichsten Fondsmanagerinnen des Landes. Das Besondere: Sie hat nie eine Universität besucht, keinen MBA gemacht. Ihre Banklehre in Bremen und vor allem die Reise nach Hongkong waren die Ausgangspunkte für ihre Karriere.Insgesamt vier Jahre lang bleibt sie in der chinesischen Metropole und lernt das Geschäft von der Pike auf. Mit Lineal und rotem Stift bewaffnet, liest sie Geschäftsberichte, kauft sich Fachbücher und die Börsenzeitung und fällt durch ihren Fleiß bei den Vorgesetzten auf. Denn ein junges deutsches Mädel, das einfach in ein Flugzeug steigt und sich in Hongkong erfolgreich durchbeißt, das gibt es Ende der 1980er-Jahre eher selten. "Ich wurde ins kalte Wasser geworfen", sagt sie heute. "Ich habe unglaublich viel Energie in den Job gesteckt, aber ich spürte dabei riesige Freude."Dabei hat Hartmann noch zu Schulzeiten überhaupt nichts mit Zahlen am Hut. Als Kind will sie Tierärztin werden, liebt Kühe und findet Pferde toll. Heute tut sie den Traum als "Mädchensache" ab. Als Teenager dann möchte sie Schneiderin werden. Nach einem Praktikum näht sie zwar stolz ihre eigene Bluse, entscheidet sich aber trotzdem gegen eine Ausbildung.Der Job, so glaubt sie, ist "brotlose Kunst, wenn man nicht ganz nach oben kommt". Ihre Eltern legen ihr nach dem Abitur deshalb eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Sparkasse ans Herz. Ein solider, sicherer Beruf, mit festem Einkommen und Ansehen. Die Tochter stimmt zu, trotz der Abneigung gegen Mathe.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wenn Hartmann über ihre Arbeit spricht, kommt die knallharte Geschäftsfrau in ihr durchMittlerweile hat die heute 40-Jährige Zahlen lieben gelernt und ihren absoluten Traumjob gefunden. Unternehmen zu analysieren, Aktien zu kaufen und zu verkaufen, im Sinne ihrer Kunden Geld vermehren: für sie ist der Job "Erfüllung, Herausforderung und Spaß" zugleich.Ihr Arbeitgeber ist die Kapitalanlagegesellschaft Fidelity, in ihren Fonds verwaltet sie zurzeit mehr als fünf Milliarden Dollar. Hartmann legt Wert darauf, dass sie ihre Karriere mit Anfang 20 nicht bewusst geplant hat, im Gegenteil: Sie selbst nennt es "falling into place" - Fügung.Auf den ersten Blick wirkt Hartmann heute ein bisschen schüchtern und entspricht dem Klischee einer Norddeutschen. Die blonden Haare hat sie am Hinterkopf zusammengeknotet, das beigefarbene Kostüm ist unauffällig, am Finger glänzt der goldene Ehering. Mit Small Talk kann man sie nicht aus der Reserve locken.Das Vorurteil der knallharten Geschäftsfrau kommt genau dann durch, wenn sie über ihre Arbeit spricht. Dann zieht sie die Augenbrauen leicht nach oben, nimmt mit ihrem Gesprächspartner Augenkontakt auf und lässt sich bei ihrem Monolog über die perfekte Auswahl von Aktien nicht unterbrechen.Positive Unternehmensnachrichten, ein hoher freier Kapitalfluss und eine überzeugende Strategie - das sind ihre Investitionskriterien. Dabei ist es ihr wichtig, keinen Trends hinterherzulaufen, sondern nüchtern an ein Unternehmen heranzugehen und es gründlich zu analysieren. Zwei- bis dreimal pro Tag trifft sie sich deshalb mit Wertpapierhändlern, den Finanzchefs der Unternehmen, die in ihren Fonds vertreten sind oder telefoniert mit Managern in aller Welt.Peter Noé, Vorstandsmitglied des Baukonzerns Hochtief, hat Hartmann vor zwei Jahren bei verschiedenen Investorenmeetings kennengelernt und schätzt ihre professionelle Art. "Wenn sie zu einer Konferenz erscheint, ist sie ab der ersten Minute voll da. Sie konzentriert sich auf die wesentlichen Themen, Privates bleibt komplett außen vor", sagt er. Ihre steile Karriere, die bei der Deutschen Bank in Hongkong beginnt, sie vier Jahre später zu Fidelity nach London und schließlich zum deutschen Firmensitz in den Taunus führt, überrascht ihn nicht. Hartmann habe eben "das richtige Gespür fürs Geschäft".Lesen Sie weiter auf Seite 3: Hartmann wühlt sich durch die Unterlagen, überzeugt ihren Chef und tritt kurz danach den neuen Job anAuch Alan Hippe, Finanzvorstand beim Autozulieferer Continental, ist voll des Lobes. Er kennt die Managerin seit knapp vier Jahren aus verschiedenen beruflichen Treffen. "Sie ist eine ausgezeichnete Investorin, die sich trotzdem nie in den Vordergrund drängt." Was ihren weiteren Lebensweg und ihre Karriere als Fondsmanagerin betrifft, sieht Hippe "kein Limit nach oben. Was sie will, das schafft sie auch."Und dass sie gut ist in dem, was sie tut, belegen ihre Auszeichnungen: Im Fondsmanager-Ranking des britischen Branchendienstes Citywire, Kategorie "Deutsche Aktien", wurde sie im Jahr 2006 mit dem ersten Platz für ihre Arbeit bewertet, ihr Fidelity Germany Fund wurde von der Ratingagentur Feri im Jahr 2007 mit A ausgezeichnet, der besten Note auf einer Skala von A bis E.Die Auszeichnungen sieht sie als Bestätigung, aber bewusst darauf hingearbeitet hat Hartmann in ihrer Karriere nie. "Ich war damals eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt sie. In Hongkong hat sie Blut geleckt, viel gelernt - und will schnell mehr. Ihr Ziel ist es, nicht mehr nur den Analysten die richtigen Fragen zu stellen, denn das ist ihr zu oberflächlich. Das Spannende sei doch, die Analysen selbst zu machen, sagt sie im Rückblick.Hartmann bewirbt sich 1994 bei Fidelity in London und überzeugt beim Einstellungstest. Die Aufgabe ist für die junge Deutsche eine Herausforderung: "Ich musste zwar das tun, was ich immer wollte, aber zu diesem Zeitpunkt noch nie gemacht hatte: eine eigene Analyse der Aktie von SKF, einem Kugellagerhersteller aus Schweden." Hartmann wühlt sich durch die Unterlagen, überzeugt ihren Chef und tritt kurz danach den neuen Job an.Acht Jahre lang bleibt sie in der britischen Hauptstadt und entwickelt zu London, wie sie es sagt, eine Hassliebe. Denn sie arbeitet von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends, danach fällt sie meist übermüdet ins Bett. "Was hat man dann von einer Stadt wie London?" fragt sie. 2001 geht sie schließlich als Portfolio-Managerin für Fidelity nach Frankfurt.Eine Universität hat Hartmann nie besucht, geschweige denn einen MBA gemacht. In ihren ersten Berufsjahren läuft für sie alles wie am Schnürchen - eine akademische Ausbildung ist einfach nicht nötig. Ob sie heute alles noch mal genauso machen würde? "Ja. Gerade die Zeit an der Uni bekommt doch im Laufe der Jahre etwas sehr Nostalgisches und wird manchmal überbewertet. Für mich wäre ein Studium in Deutschland nicht das Richtige gewesen", sagt sie.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Für die Kinder den Job an den Nagel hängen?Noch einmal für längere Zeit ins Ausland zu gehen kann sie sich zurzeit auch nicht vorstellen. Hartmann fühlt sich wohl in Deutschland. Sie hat es nach mehr als zehn Jahren im Ausland satt, ständig in Hotels zu leben oder mit dem Flugzeug durch die Welt zu jetten. Irgendwann habe man keine Lust mehr auf Room-Service und alleine fernsehen, sagt sie.Die 40-Jährige hat sich selbst mit ihren Jobs in Hongkong und London bewiesen, dass sie auch in anderen Kulturen gut klarkommt. "Viele Leute aus der Finanzbranche pflegen ihren Globetrotter-Stil, ich habe genug davon gesehen", sagt sie. Hartmann kennt heute das Gefühl, angekommen zu sein - nicht nur im Beruf. Seit ein paar Jahren lebt sie mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern außerhalb Frankfurts und genießt es, am Wochenende mit der Familie im Taunus spazieren zu gehen und einfach in der Natur zu sein.Obwohl sie ständig an den Aktienmarkt denkt, kann sie trotzdem ganz gut abschalten. Auch wenn sie ab und an am Wochenende nach einem Konzert noch "regelmäßig die Voice-Mail leer macht". "Ich finde meine Aufgabe total interessant", sagt sie. Ihr Job beschäftigt sie rund um die Uhr, sieben Tage pro Woche. Sie ist sich der Verantwortung für die Gelder ihrer Kunden durchaus bewusst - und kann trotzdem nachts gut schlafen. Sie sagt, auch Fehler müsse man wegstecken können. "Es passieren Dinge, die man nicht vorhersehen kann. Da darf man sich nicht aufregen", sagt Hartmann.Über ihre Kinder spricht sie im Gegensatz zu ihrer Arbeit nur ungern in der Öffentlichkeit. Für sie ist es "keine große Sache", Familie und Beruf miteinander in Einklang zu bringen. Schließlich seien doch viele Frauen - erfolgreich oder nicht - berufstätig und versorgen trotzdem liebevoll ihre Kinder. "Eine Lagerarbeiterin im Schichtdienst hat auch nicht mehr Zeit als ich", macht sie ihren Standpunkt deutlich.Für die Kinder den Job an den Nagel hängen? "Das käme für mich nicht infrage. Wenn Frauen nach der Geburt ihrer Kinder zu lange zu Hause bleiben, geht doch immens viel Potenzial verloren", sagt sie. Auch ein Job hinter dem Bankschalter von neun Uhr morgens bis nachmittags um fünf ist nichts für sie. Da wäre sie zwar immer pünktlich zum Abendessen zu Hause, aber das würde sie auf die Dauer einfach nicht ausfüllen.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Fußball bei Pizza und BierDie wenige Zeit, die ihr bleibt, verbringt Hartmann mit der Familie. Es sei purer Luxus, 15 Minuten lang einfach nur im Garten zu sitzen - und nicht in der Welt herumzufliegen. Ihr ist es wichtig, ein gesundes Familiengefühl zu entwickeln. Zum Beispiel mit Hilfe von Musik. Zu Weihnachten gab es im Hause Hartmann erstmals ein kleines Konzert. Sie und ihr Mann und die zwei Kinder haben gemeinsam ein Quartett aus Blockflöte, Gitarre, Klarina und Geige eingeübt.Für andere Hobbys bleibt Hartmann dagegen nur wenig Zeit. Sie liebt es, tauchen zu gehen und unter Wasser die Ruhe zu genießen, doch mit "kleinen Kindern ist Australien einfach sehr weit weg", sagt sie.Alexandra Hartmann hat drei Gesichter: ein leidenschaftliches, wenn sie über ihren Job spricht, ein zurückhaltendes, wenn es um ihr Privatleben geht - und ein soziales. Vor einigen Jahren hat sie Bekannte dabei unterstützt, ein Familienmitglied aus der Ukraine nach Deutschland zu bringen.Das junge Mädchen ist Halbwaise, die Mutter starke Alkoholikerin in der Entziehungskur. "Sie ist ohne Mutterliebe aufgewachsen, das konnte ich nicht mit ansehen", sagt Hartmann. Heute lebt das Mädchen bei der Oma im Taunus, zu der sie ein liebevolles Verhältnis aufgebaut hat. Der Kontakt besteht noch heute, Hartmann unterstützt ihre schulische Laufbahn und kümmert sich auch um private Dinge. Sie ist stolz auf ihr Engagement. "Für mich gibt es nichts Schöneres als Hilfe zur Selbsthilfe."Deshalb hat ihr auch die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land so gut gefallen. Das Ereignis habe eine positive Stimmung in der Bevölkerung ausgelöst. "Die Menschen in Deutschland haben ein Bewusstsein für dieses Land entwickelt und sich mit der bunt gemischten Mannschaft identifiziert, die für Deutschland gespielt hat", sagt sie.Der Funke ist damals auch auf Hartmann übergesprungen. Die Spiele der Deutschen hat sie mit ihrem Mann vor dem Fernseher verfolgt - bei Pizza und Bier. "Vor und nach der WM habe ich aber nie wieder Fußball geguckt", sagt sie heute. Die WM allerdings hat ihr so gut gefallen, dass sie sogar für ein paar Stunden ihre Voice-Mail ganz vergessen hat.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.03.2008