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Zahlendreher im Krieg der Algorithmen

Von Michael Maisch
Er gilt als Pionier des computergestützten Handels. Die von James Simons gefütterten Computer galten bislang als fast unfehlbar. Doch die Krise an den Kapitalmärkten macht auch dem Hedge-Fonds-Manager einen Strich durch die Rechnung.
Kettenrauchendes Zahlengenie: James Simons gilt als einer der besten Hedge-Fonds-Manager der Welt. Foto: AP
LONDON. James Simons ist es nicht gewohnt, sich zu entschuldigen. Aber in der vergangenen Woche musste der wahrscheinlich erfolgreichste Hedge-Fonds-Manager der Welt bei seinen Anlegern schriftlich Abbitte leisten. Die Sache scheint dem Gründer von Renaissance Technologies tatsächlich unangenehm zu sein. Zumindest redet Simons in seinem Brief an die Investoren erst einmal um den heißen Brei herum: ?Wie versprochen, möchte ich mit Ihnen einige Gedanken über die Entwicklung im August teilen, um den Blick auf eine außerordentlich ungewöhnliche Periode zu richten.?Was Simons seinen Anlegern damit eigentlich sagen will: Einige seiner Hedge-Fonds sind in den ersten August-Tagen empfindlich unter die Räder gekommen. So musste beispielsweise der Renaissance Institutional Equities Fund (RIEF) Verluste von fast neun Prozent verkraften. Das ist bedenklich, denn für Simons? Probleme sind nicht verängstigte Händler verantwortlich, die unter Druck falsche Entscheidungen getroffen haben. Sondern es sind Computer ? die von Simons gefüttert werden.

Die besten Jobs von allen

Diese Computer galten bislang als fast unfehlbar. Jetzt allerdings, im Sog der großen Krise an den Kapitalmärkten, ausgelöst durch strauchelnde Hypothekenfinanzierer in den USA, laufen die Maschinen plötzlich Amok. Jahrelang erprobte Modelle spucken falsche Ergebnisse aus und sorgen für empfindliche Verluste. Dabei ist James Simons nicht irgendwer. Er gilt als der Herr der Zahlen, als der Pionier des ?algorithmischen Handels?.Das Hauptquartier von Renaissance Technologies im beschaulichen Städtchen East Setauket, eine Autostunde von New York entfernt, ähnelt eher dem Campus einer Eliteuniversität als der Zentrale eines Finanzkonzerns. Unter den Mitarbeitern finden sich kaum Börsenfachleute, stattdessen heuert Simons lieber Astrophysiker, Mathematiker oder Linguisten an. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Bei Renaissance bestimmen nicht Händler, was gekauft wird, sondern Wissenschaftler, die mathematische Modelle entwickeln. Modelle, die im riesigen Datenstrom, den die Kapitalmärkte jede Stunde, Minute und Sekunde des Tages produzieren, nach Signalen für kleine und kleinste Fehlbewertungen suchen, die sich gewinnbringend ausnutzen lassen.Algorithmischer Handel ist längst nicht mehr die Ausnahme. In den USA läuft bereits ein Drittel des Aktienhandels über quantitative Modelle. Bis 2010 wird dieser Anteil auf 50 Prozent steigen, schätzen Analysten. Ähnlich sieht die Lage an anderen Märkten aus. Längst sprechen Experten von einem ?Algo-War? an der Wall Street, von einem Krieg der besten Algorithmen, und der Technologiekonzern IBM sagt voraus, dass bis 2015 rund 90 Prozent der menschlichen Händler verschwunden sein werden, ersetzt durch Großrechner und durch die Wissenschaftler, die die Maschinen füttern.Wer den Renaissance-Gründer Simons auf der Straße treffen würde, hätte Mühe zu glauben, dass der ältere Herr mit dem weißen Bart und den schütteren Haaren ein Vermögen angehäuft hat, dass das Magazin ?Forbes? auf vier Milliarden Dollar schätzt. Allein 2006 hat er 1,7 Milliarden Dollar verdient ? 100-mal mehr als Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Dabei schien Simons weit eher für eine Karriere im Elfenbeinturm der Forschung prädestiniert. Nach dem Studium der Mathematik wurde das kettenrauchende Zahlengenie Professor am renommierten Massachusetts Institute of Technology, später in Harvard. Simons? Spezialgebiet ist die Differenzial-Geometrie, die Erforschung gekrümmter Räume und Oberflächen. Für seine bekannteste Arbeit ?charakteristische Formen und geometrische Invarianten? erhielt er gemeinsam mit Shiing-Shen Chern 1976 den Veblen-Preis der Amerikanischen Mathematischen Gesellschaft, eine der höchsten Auszeichnungen für geometrische Mathematik. Heute sind die Formeln wichtiges Handwerkszeug für Physiker, die damit nach den Ursprüngen des Universums fahnden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Erschreckende: Die Märkte spielen weit öfter verrückt. Aber der akademische Star langweilte sich schnell. Mehr Aufregung versprach sich Simons von einem neuen Job. Während des Vietnamkrieges heuerte er als Code-Knacker beim US-Verteidigungsministerium an. Die Arbeit lieferte wichtige Anregungen für seine spätere Aufgabe als Fondsmanager. Ähnlich wie bei der Analyse der Finanzmärkte geht es beim Knacken von Codes darum, relevante Muster aus einer riesigen Menge nutzlosen Informationsmülls herauszufiltern.Simons hatte offenbar keine Mühe, die Modelle der Codeknacker auf die Finanzmärkte zu übertragen. Das Flaggschiff unter den Renaissance-Hedge-Fonds läuft unter dem Namen Medallion und bescherte den Anlegern seit der Gründung 1989 im Schnitt eine jährliche Rendite von 36 Prozent. 2006 soll die Wertsteigerung sogar bei 44 Prozent gelegen haben. Allerdings verwaltet Medallion seit Jahren nur noch das Geld von Simons und den Angestellten von Renaissance Technologies. Für außenstehende Investoren ist der Fonds geschlossen. Deshalb legte Simons mit dem Renaissance Institutional Equities Fund 2005 einen neuen Fonds auf. Zunächst mit durchaus beachtlichem Erfolg. 2006 soll die Rendite nach Informationen aus der Branche bei 20 Prozent gelegen haben.Die Modelle von Renaissance und der anderen algorithmischen Fonds sind seit vielen Jahren erprobt. Was ging in den vergangenen Wochen plötzlich schief? Die Krise, die seit Mitte Juni über die Finanzmärkte hinwegfegt, hat die gewohnten statistischen Korrelationen an den Börsen so durcheinandergewirbelt, dass die Modelle plötzlich nicht mehr funktionierten, meinen die Analysten der Investmentbank Lehman Brothers. Für Simons wird es deshalb kaum ein Trost sein, dass viele andere computergesteuerte Fonds mit den gleichen Problemen kämpfen. Zu Wochenbeginn musste die US-Bank Goldman Sachs einräumen, dass ein wichtiger Hedge-Fonds innerhalb einer Woche 30 Prozent an Wert verloren hat. Goldman Sachs spricht von einem Vorkommnis, das ?25 Standardabweichungen? entspricht. In der Sprache der Statistiker heißt das, es geht um Ereignisse, die nur alle 100 000 Jahre vorkommen dürften.Das Erschreckende ist, dass die Märkte weit öfter verrückt spielen. Simons zitiert in seinem Brief an die Investoren allein drei große Krisen innerhalb von 20 Jahren. Ein weiteres Problem scheint zu sein, dass die Computer-Fonds selbst den Abwärtstrend verstärken. In seinem Schreiben räumt Simons ein, dass offenbar viele Fonds die gleichen Kauf- und Verkaufssignale generieren. Und auch Goldman Sachs glaubt, dass die Fonds, wenn sie in Zukunft erfolgreich sein wollen, individuellere Modelle entwickeln müssen. Bis dahin bleibt Simons zumindest ein Trost. Sein RIEF-Fonds hat in den vergangenen Tagen nach Informationen aus der Branche zumindest einen Teil der Verluste wieder wettgemacht.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.08.2007