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Zähmung eines Unangepassten

Von Thomas Fuster
Innerhalb weniger Jahre war der japanische Internet-Unternehmer Takafumi Horie zu immensem Reichtum gelangt. Mit seiner Verhaftung vergangenen Januar nahm die Erfolgsstory des Querkopfs ein abruptes Ende. Nun drohen dem ehemaligen Livedoor-Chef vier Jahre Haft.
Takafumi Horie: Dem Internet-Unternehmer droht eine vierjährige Haftstrafe. Foto: dpa
TOKIO. Ein Nagel, der heraussteht, gehört eingeschlagen. Die konkrete Bedeutung dieses Imperativs, der in Japan einem jedem Kind schon im Vorschulalter eingebläut wird, spiegelt sich derzeit auf besonders erhellende Weise am Beispiel des Strafprozesses gegen Takafumi Horie, den ehemaligen Chef des Internet-Unternehmens Livedoor. Der innerhalb weniger Jahre zu immensem Reichtum gelangte Horie war im vergangenen Januar verhaftet worden, was damals an Tokios Börse ein mittelschweres Erdbeben auslöste. Am Freitag vor Weihnachten hat die Staatsanwaltschaft nun ihre Dokumente zusammengefasst und eine Haftstrafe von vier Jahren für den Angeklagten gefordert.Zwar streitet der heute 34-Jährige die ihm zur Last gelegten Verstöße gegen das Wertpapiergesetz allesamt ab. Dies ändert aber wenig daran, dass zumindest Japans Medien, die den unorthodoxen Jungunternehmer noch vor kurzem hatten hochleben lassen, sich längst von Horie abgewandt haben und den Angeklagten bereits wie einen abgeurteilten Schwerverbrecher behandeln. Ist die öffentliche Stimmung ein Indiz für die Härte der zu erwartenden Strafe ? und in Japan kann zwischen diesen zwei Dingen durchaus eine Korrelation festgestellt werden ?, dann sieht es gar nicht gut aus für Horie. Gleichwohl bleibt mit Blick auf die bisher bekannte Faktenlage unklar, ob Horie in der Tat direkt beteiligt war an angeblichen Betrügereien, mit denen Livedoor Bilanzzahlen manipuliert und falsche Finanzinformationen zu einer Firmenübernahme verbreitet haben soll.

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In ihrer Anklageschrift zeigte sich die Staatsanwaltschaft dennoch davon überzeugt, dass der Angeschuldigte, nur mit einer Gefängnisstrafe vor neuerlichen Gesetzesverstößen abgehalten werden könne. Schließlich sei er nicht bereit, für seine Verfehlungen Reue zu zeigen. Auf diesen Vorwurf wird die Verteidigung in ihrem Abschlussplädoyer am 26. Januar reagieren können. Doch schon jetzt steht fest: Horie wird sich weiterhin als unschuldig bezeichnen. Das muss die Staatsanwälte besonders irritieren ? denn in japanischen Strafprozessen unterschreiben die Verdächtigen oft Geständnisse, um so eine mildere Bestrafung zu erwirken. Etwas Mitgefühl auch mit den Anklägern gehört hier fast schon zum guten Ton.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Horie geht medienpolitisch in die Offensive.Horie scheint demgegenüber bereit, bis zum Schluss für die von ihm behauptete Unschuld zu kämpfen. Dabei ist er jüngst auch medienpolitisch in die Offensive gegangen. In verschiedenen Interviews mit ausländischen Zeitungen bezeichnete er sich in der vergangenen Woche als Angriffsziel von Japans ?eifersüchtigem Establishment?, das sich weder mit seinem rasch erworbenen Reichtum noch mit seinen Geschäftsmethoden anfreunden konnten. Manchem konservativen Beobachter sei sein Stil wohl als allzu angelsächsisch und somit unjapanisch erschienen. In Japan etwas Neues zu wagen bedeutet laut Horie fast zwangsläufig, etwas anzupacken, das vom Rechtssystem nicht vorgesehen ist und deshalb auf Widerstand stößt ? etwa von der mächtigen Ministerialbürokratie oder den einflussreichen und primär am Status quo interessierten Mediengiganten.Man mag in diesen Aussagen die bloße Häme eines ehemaligen Senkrechtstarters erkennen, dem innerhalb weniger Monate sein Vermögen und vor allem seine Reputation zusammengebrochen ist. Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass es bei dem in seine Endphase gelangenden Prozess um weit mehr geht als nur um vermeintliche Verstöße gegen das Wertpapiergesetz.Mit Horie sitzt letztlich vor allem auch ein in vielerlei Hinsicht unbequemer Provokateur auf der Anklagebank, der Japans bestehendes Wirtschaftsmodell und seine vielen ungeschriebenen Gesetze ? etwa jene zur Seniorität oder zur Feinmechanik zwischenbetrieblichen Konsenssuche ? in einer Radikalität in Frage stellte, wie dies vor ihm noch niemand gewagt hatte.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.12.2006