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Yahoos Mann im Kampfgebiet

Von Frank Siering
Die meiste Zeit reist er allein. Auf dem Rücken 40 Pfund Gewicht: Kameras, Kassetten, Notizblock, Satelliten-Telefon und Taschen-PC. Kevin Sites ist Reporter, ?Multi-Media-Journalist?, wie sich der 42-Jährige selbst beschreibt. Ab heute wird er der erste Auslandskorrespondent von Yahoo. Exklusiv für das Internet-Portal soll er ab Ende des Monats aus den Krisengebieten dieser Welt berichten, alle Gegenden, in denen Konflikte mit Waffen ausgetragen werden, soll er innerhalb eines Jahres bereisen.
HB SANTA MONICA. Ab heute wird er der erste Auslandskorrespondent von Yahoo. Exklusiv für das Internet-Portal soll er ab Ende des Monats aus den Krisengebieten dieser Welt berichten, alle Gegenden, in denen Konflikte mit Waffen ausgetragen werden, soll er innerhalb eines Jahres bereisen. Es ist ein Internet-Experiment, das einen neuen Maßstab setzen könnte: Denn Sites will unter hotzone.yahoo.com Texte schreiben, Audio-Dateien und kleine Videofilme online stellen.Zweifelsohne ist die ?Hot Zone?, wie das Online-Journal heißen wird, ein ?Testprogramm für andere innovative Programme im Entertainment und auch Sportbereich?, meint Patrick Mahoney, Analyst des Medienforschers Yankee Group.

Die besten Jobs von allen

Schon heute hat Stiles Stempel in seinem Pass, die so mancher Grenzer nur selten sieht: Irak, Afghanistan und aus afrikanischen Staaten. Der gelernte TV-Journalist war der erste Reporter, der von toten Amerikanern in Afghanistan berichtete. Er entkam dem Tod nur knapp, als er und ein dreifköpfiges Fernsehteam im Irak von Rebellen gekidnappt wurden. Vier Stunden in Fesseln, vier Stunden zähe Verhandlungen durch einen kurdischen Übersetzer. Sein Equipment wurde ihm genommen. Seine Freiheit bekam er geschenkt.?Keine Frage, Kevin ist einer der letzten großen Abenteurer unserer Zeit?, sagt sein neuer Boss Lloyd Braun, der das Media and Entertainment Department bei Yahoo im kalifornischen Santa Monica leitet. Sites ist ein Querdenker, manche sagen ein Querulant. Der Mann, der vom äußeren eine Mischung aus Indiana Jones und Orlando Bloom abgibt, löste in den Staaten große Diskussionen aus, als er im vergangenen Jahr im irakischen Falludscha einen US-Marine dabei filmte, wie er einen verletzten und auf dem Boden liegenden Iraki erschoss. ?Vaterlandsverräter? und ?Terroristen-Freund? waren noch die harmloseren Vorwürfe, die er sich anhören musste.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hasstiraden und ewigen Auseinandersetzungen Die Hasstiraden und ewigen Auseinandersetzungen mit den Fernsehstationen ? Sites arbeitete als freier Mitarbeiter schon für CNN, NBC und ABC ? waren wohl ein Grund, Richtung Internet zu wechseln. ?Ein ehrliches Medium, ein Medium, das unzensiert das Publikum erreicht?, sagt Sites. Allerdings: Sein neuer Arbeitgeber hat gerade in Sachen Zensur ein Imageproblem. In China soll Yahoo geholfen haben, einen regierungsfeindlichen Journalisten zu verhaften, behauptet ?Reporter ohne Grenzen?.Sites selbst hat sich dazu noch nicht zu Wort gemeldet. Er ist nur froh, dass er mit dem ?nötigen Equipment ausgestattet wird?, um seinen Job erfolgreich und ungestört zu erledigen. Der Vollblutjournalist glaubt, dass das Netz die letzte Bastion der wirklichen Pressefreiheit ist. Nur in seinem Weblog www.kevinsites.net, sagt er selbst, konnte er ?wirklich in allen Einzelheiten erklären, warum wir gewisse Szenen senden müssen?.Die Route für seine anstehende Reise durch die Krisengebiete dieser Welt ist geplant. ?Ich habe mich gegen alles impfen lassen, von Malaria bis zur japanischen Encephalitis.? Ein ehemaliger Kollege von NBC wurde angeheuert, um seine ?Mission Control?, das Hauptquartier in Los Angeles, zu leiten. Hier laufen alle Fäden zusammen.?Ich will nicht nur die Schlagzeilen bringen?, sagt er. Vielmehr möchte er ?das menschliche Schicksal hinter den großen Nachrichten? zeigen. Wie geht eine Familie in Somalia mit den Konsequenzen der Rebellenaufstände um? Was richtet die US-Armee im Irak wirklich an? Wie fühlen sich die Kinder in Afghanistan heute? ?Das sind die Fragen, die mich wirklich beschäftigen?, sagt Sites.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.10.2005