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Yahoos Feuerwehrfrau

Der Internet-Konzern Yahoo will den wachsenden Rückstand auf Branchenprimus Google mit einem alt-neuen Chef aufholen: Firmengründer Jerry Yang hat das Ruder vom zuletzt glücklosen Unternehmenschef Terry Semel übernommen. Den schwierigsten Job bei Yahoo hat indes eine Frau.
Yahoo-Präsidentin Sue Decker. Foto: PR
je/jkn/HB SAN FRANCISCO. Sue Decker wird Präsidentin von Yahoo, damit die Nummer zwei im Unternehmen und wird das Werbe- und Mediengeschäft des Unternehmens leiten. Decker galt seit langem als aussichtsreichste Kandidatin für den Chefposten, wenn Yahoo-Boss Terry Semel gehen sollte. Dass es jetzt ?nur? das Präsidenten-Amt wird, Susan L. Decker wird das kaum stören. Schließlich hat sie mit Firmengründer Jerry Yang jemanden an der Spitze, mit dem sie auch bislang schon klarkommen musste.Semel selbst hatte der 44-jährigen Blondine, die seit 2000 bei Yahoo ist, Ende vergangenen Jahres mehr Macht gegeben und sie so als seine potenzielle Nachfolgerin ins Spiel gebracht. Damals rückte die Finanzchefin an die Spitze des Geschäftes, in dem das Geld verdient wird und in dem Yahoo am stärksten hinter dem Rivalen Google hinterherhinkt: dem Verkauf von Werbung auf der eigenen und auf Partner-Sites.

Die besten Jobs von allen

Dass sie das Ruder herumreißen kann, davon ist Decker überzeugt. Die ersten Ergebnisse mit der neuen Anzeigenplattform Panama hätten die Erwartungen des Managements übertroffen, berichtete sie am Dienstag stolz. Auf jener Panama-Technologie ? die Software macht es möglich, Anzeigen ähnlich wie bei Google passend zu den Suchanfragen zu platzieren ? ruhen die großen Hoffnungen von Yahoo bei der Aufholjagd.Es wäre nicht die erste brenzlige Situation, die Decker meistern würde. Normalerweise läuft sie zur Hochform auf, wenn Feuer unter dem Dach ist. Als sie im Juni 2000 bei Yahoo einstieg, folgte kurze Zeit später die große Ernüchterung im Internet. Yahoo rutschte in die roten Zahlen. Innerhalb weniger Monate sackte der Börsenkurs von Yahoo um über 90 Prozent, Werbekunden schleuderten dutzendweise in die Pleite. Yahoo musste über zehn Prozent der Belegschaft entlassen.In dieser schwierigen Lage erwarb sich Decker an der Wall Street hohe Glaubwürdigkeit, weil sie nach innen wie nach außen nichts beschönigte. Sie übernahm die zentrale Rolle bei der Stabilisierung des Unternehmens. ?Sie war sehr wirkungsvoll beim Aufbau eines neuen Management-Teams?, sagt Analystin Mary Meeker von Morgan Stanley. Gnadenlos sortierte Decker zusammen mit dem neu angetretenen Semel unprofitable Geschäfte aus, sorgte für die dringend notwendige Bodenhaftung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Sie ist nicht nur brillant, sondern auch cool? Genau eine solche nüchterne Bestandsaufnahme ist es, was Yahoo erneut benötigt. Dass Decker das schaffen kann, daran zweifelt kaum einer. Ehemalige Mitarbeiter bescheinigen ihr eine starke Führungspersönlichkeit. Anleger-Legende Warren Buffett ist von ihr ebenso begeistert wie Craig Barrett von Intel, der sie in den Verwaltungsrat holte.Decker studierte Wirtschaft und Computerwissenschaft an der Tufts University. In 14 Jahren als Analystin für Medien und Werbung bei der Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette stieg sie zur Leiterin des globalen Aktienresearchs auf. Ihre Krisenerfahrung stärkte nach Aussagen von Insidern nicht nur ihre Führungsfähigkeiten, sondern auch ihre Neigung, sparsam zu wirtschaften.Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Zwar könne Decker anerkanntermaßen gut mit Zahlen umgehen, doch dass sie auch etwas von Werbung verstehe, müsse sie erst noch zeigen, wird kritisiert. Und so wird in den kommenden Monaten zu den dringlichsten Aufgaben von Decker gehören, aus der Reichweite und dem Angebot von Yahoo als meistgenutztem Internetportal mehr Werbedollar herauszuholen und Yahoos Position gegenüber Google zu verbessern.Bei der Belegschaft wird Decker geschätzt. ?Sie ist nicht nur brillant, sondern auch cool?, finden viele der Yahoo-Kollegen, nachdem die Managerin zu einer Belegschaftsversammlung auf einer schweren Harley-Davidson herandonnerte. Es ist eine ihrer Stärken, stets den richtigen Ton zu finden. Man müsse seinem eigenen Weg immer treu bleiben, rief sie den Mitarbeitern in einer Videobotschaft zu. Das habe ihr schon der eigene Vater beim Segeln erklärt, als er vom Nordpol erzählte, der seine Position ja auch nicht verändere.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.06.2007