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Wunderwaffe oder Mogelpackung?

Barbara Weise
Irgendwann trifft es jeden. Wer als Absolvent nicht durchs Assessment Center braucht, muss vielleicht als Mitarbeiter durch. Hier erfahren Sie, was im Assessment Center getestet wird, worauf es ankommt und wie Sie sich darauf vorbereiten können.
Anne Schwarzenbacher hat sich als Animateurin auf einem Luxusschiff beworben. Nach ein paar Tagen liegt die Einladung zu einem Assessment Center in ihrem Briefkasten. Darin steht, dass sie drei Minuten lang etwas auf einer Bühne präsentieren soll, ganz egal zu welchem Thema. Ansonsten hat sie keine Ahnung, was sie im Assessment Center erwartet.

Als sie dort ankommt, trifft sie auf viele Mitbewerber und eine ganze Gruppe von Beobachtern, unter ihnen Inka Peschke, Organisatorin des AC von See Live Tivoli, dem Betreiber mehrerer Clubschiffe. Sie begrüßt die Teilnehmer und erklärt ihnen den Sinn des Assessment Center: "Wir geben euch verschiedene Situationen vor, die für die Arbeit als Animateur auf unseren Schiffen typisch sind, und beobachten, wie ihr euch verhaltet. So erkennen wir, wer von euch am besten in unser Team passt." Danach gehtŽs sofort auf die Bühne: Jeder Teilnehmer hat drei Minuten Zeit, sich vorzustellen.

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Zu den üblichen Aufgaben eines AC gehören Präsentationen, Gruppendiskussionen, Rollenspiele, Fallstudien und die so genannte Postkorbübung. Bei dieser geht es darum, eine lange Liste von Terminen und Aufgaben nach ihrer Dringlichkeit zu sortieren und einen Zeitplan zur Erledigung der Arbeiten zu erstellen.

Zusätzlich zu diesen Übungen gibt es Tests, die sich in drei Gruppen aufteilen: Intelligenz-, Persönlichkeits- und Leistungstests. Mit den Intelligenztests werden neben der Allgemeinbildung auch logisches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen und die mathematische Fähigkeit geprüft. Bei den Persönlichkeitstests geht es um bestimmte Charaktereigenschaften, bei den Leistungstests um Konzentration und Ausdauer. Das Assessment Center gilt als besonders hartes Ausleseverfahren, denn die Prüfer beobachten die Kandidaten ununterbrochen. Die Gruppe der Prüfer setzt sich meist aus Führungskräften des Unternehmens und aus externen Beobachtern, oft Psychologen, zusammen. Einige Unternehmen lassen ihre Bewerber sogar in den Pausen oder beim gemeinsamen Abendessen nicht aus den Augen. Diplom-Psychologin Barbara Meier vom Kölner Institut für Managementberatung, die schon seit Jahren Assessment Center durchführt, sieht dies kritisch: "Ein seriöses AC zeichnet sich dadurch aus, dass den Teilnehmern klar ist, wann sie beobachtet werden." Wichtig ist ihr auch, dass die Kandidaten genau wissen, nach welchen Kriterien sie bewertet werden. "Transparenz, Fairness und ein ausführliches Feedback für die Teilnehmer sind die wichtigsten Merkmale für ein AC mit hoher Akzeptanz", so Meier.

Worauf kommt es an?

Die Übungen orientieren sich stark an den zu besetzenden Stellen, sie sollen eine möglichst authentische Situation aus der Arbeitsrealität widerspiegeln. Im AC für die Animation auf dem Luxusdampfer musste Anne Schwarzenbacher zum Beispiel zeigen, wie sie in kurzer Zeit ein Schlechtwetterprogramm auf die Beine stellt.

Das Assessment Center soll die Bewerber möglichst objektiv bewerten. Deswegen gilt das so genannte Mehraugenprinzip, erklärt Meier: Die Prüfer beobachten reihum jeden Kandidaten, so dass die persönlichen Vorlieben nicht ausschlaggebend sind. Trotzdem bleibt es fraglich, ob die Entscheidungen wirklich objektiv sind. Es gibt immer auch subjektive Eindrücke, die die Entscheidung beeinflussen. "Doch erstaunlich oft sind die Prüfer sehr schnell einig, wer die geeigneten Kandidaten sind", berichtet jedenfalls Inka Peschke. Die Prüfer beobachten jedes Kriterium in mehreren Übungen, so dass eine verpatzte Übung nicht gleich das Ende bedeutet. "Auch wer die Präsentation am Anfang des Assessment Centers verhaut, bei den anderen Aufgaben aber gut abschneidet, hat noch Chancen", weiß Peschke. Nur nicht stressen lassen!

In allen Übungen geht es darum, ruhig zu bleiben, sich einen Überblick zu verschaffen und mit den anderen Kandidaten gekonnt umzugehen. Dabei bewerten die Beobachter nicht nur, was man sagt, sondern auch wie man es sagt. Mimik, Gestik und Körperhaltung spielen eine ebenso wichtige Rolle wie das Sozialverhalten.

Eine beliebte Übung ist das Rollenspiel. Hier spielt einer der Beobachter beispielsweise einen unzufriedenen Kunden, der dem Kandidaten schlechte Arbeit vorwirft. Aufgabe des Bewerbers ist es, die Lage zu entspannen und sich freundlich, aber bestimmt zu rechtfertigen. Viele Kandidaten haben Angst vor solchen Übungen, doch die Managementberaterin Meier beruhigt: "Die AC sind stressig, aber fair. Das AC soll dazu dienen, das Potenzial der Kandidaten zu ermitteln, da macht ein zu großer Druck keinen Sinn." Trotzdem empfinden viele Bewerber das AC als psychischen Stress, dem sie nicht standhalten können.

Ein Tipp von Meier: ein gutes Verhältnis zu den anderen Teilnehmern entwickeln und sich gegenseitig unterstützen! Man sollte in ihnen nicht die Konkurrenz, sondern nette Kollegen sehen. Davon schwärmt auch Anne Schwarzenbacher: "Weil wir alle in der gleichen Situation waren, haben wir uns gleich verbunden gefühlt. Mit einigen der Kandidaten bin ich heute noch befreundet." Natürlichkeit zählt

Zur Vorbereitung auf das Assessment Center gibt es zahlreiche Handbücher und Tipps im Internet (siehe Liste). Sicher ist es hilfreich, sich auf diesem Wege auf die Prüfungssituation vorzubereiten und sich mit den Aufgabentypen vertraut zu machen. Wer wenig Erfahrung mit Präsentationen hat, sollte diese auf jeden Fall üben, denn dabei merkt man selbst, worauf man besonders zu achten hat.

Doch wichtiger als die Vorbereitung ist, natürlich zu bleiben und sich nicht zu verstellen, rät Barbara Meier. "Wer sich zu sehr nach den Tipps der Handbücher richtet, spielt eine Rolle und versteckt sein natürliches Verhalten, und das werden die Beobachter sehr schnell merken." Sinn des AC ist es, den Bewerber und seine Potenziale kennen zu lernen, deshalb sollte man so viel wie möglich von sich selbst zeigen.

Anne Schwarzenbacher ist nicht genommen wurden. Im Nachgespräch erklärt ihr Peschke die Entscheidung. Die Präsentation am Anfang habe ihr gut gefallen, aber bei den Gruppenaufgaben habe sie sich zu wenig beteiligt. Anne ist enttäuscht, aber sie kann die Kritik nachvollziehen. "Ich hatte den Eindruck, dass die Prüfer mich richtig eingeschätzt haben." Trotz der Ablehnung erzählt sie begeistert vom AC, da ist von Stress keine Spur: "Die Stimmung war super, und wir haben alle viel Spaß dabei gehabt."
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2003