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Wunderwaffe mit Nebenwirkungen

Sebastian König
Wer in so genannte Derivate investiert, spekuliert auf die künftige Kursentwicklung von Wertpapieren. Mit diesen Geschäften lässt sich schnell viel Geld verdienen – oder kräftig verlieren. Optionen und Futures eignen sich auch hervorragend, um das eigene Aktiendepot abzusichern.
Carsten Krämers hatte sich das Anfang vergangenen Jahres so schön vorgestellt: Eine größere Wohnung und einen Trip durch Australien wollte er sich von seinen Aktiengewinnen leisten. Und anfangs sah es auch richtig gut für den 31-jährigen Polizisten aus: Die bunte Mischung aus Dax-Werten gewann in seinem Depot fleißig an Wert, ebenso wie die Neue-Markt-Aktien, an die er sich nach einigem Zögern rangetraut hatte.

Schließlich legte Krämers in Sachen Risikobereitschaft noch einen drauf und entdeckte sein Herz für Optionen: Er setzte auf weiter steigende Aktienkurse und profitierte über die so genannte Hebelwirkung der Option überdurchschnittlich an den Gewinnen einzelner Aktien. Die Geschäfte gingen gut, solange die Kurse stiegen.

Die besten Jobs von allen


Dass der Hebel auch in die andere Richtung wirkt, musste Krämers im Laufe der Jahre 2000 und 2001 feststellen. Mit zahlreichen Schieflagen setzte er viel Geld in den Sand. Vom einstigen Depotwert von knapp über 50.000 Mark Anfang 2000 sind derzeit weniger als 5.000 Mark übrig – viel Lehrgeld, das sich Carsten Krämers teilweise gespart hätte, wenn er die Optionen nicht zur Spekulation genutzt hätte, sondern um ein Sicherheitsnetz um sein Depot zu spannen.

Einer darf, der andere muss

Ganz allgemein gehören Optionen in die Kategorie der Derivate. Das sind Kapitalmarktprodukte, die sich aus anderen Finanzmarkttiteln ableiten: Gegenstand des Geschäfts ist immer die zukünftige Preisentwicklung einer Aktie, einer Anleihe oder eines anderen Gutes. Die beiden bekanntesten Derivateformen sind Optionen und Futures.

Bei Optionen gibt es wiederum zwei Typen: die Kaufoption, der Call, und die Verkaufsoption, der Put. Beide kann man jeweils kaufen oder verkaufen.
Der Käufer einer Option erwirbt grundsätzlich ein Recht, jedoch keine Verpflichtung zur Erfüllung des Optionsgeschäftes. Er kann wählen, ob er das Recht in Anspruch nehmen, das heißt die Option ausüben will, ob er es gewinnbringend oder verlustminimierend weiterverkaufen möchte oder aber ungenutzt verfallen lässt.
Demgegenüber geht der Verkäufer der Option eine Verpflichtung ein, auf Verlangen des Käufers, das heißt bei Optionsausübung, das Geschäft auf jeden Fall zu erfüllen. Von dieser Verpflichtung kann sich der Verkäufer nur lösen, indem er die Option zurückkauft

Wegen dieser ungleichen Verteilung der Rechte und Pflichten werden Optionen zu den bedingten Termingeschäften gezählt. Futures gehören dagegen zu den unbedingten Termingeschäften: Sowohl der Käufer als auch der Verkäufer gehen die Verpflichtung ein, das Geschäft auf jeden Fall zu erfüllen

Sicherheit und Spekulation

Wer in Derivate investiert, verfolgt in der Regel eines von drei Zielen:

  • Spekulation auf steigende, fallende oder stagnierende Kurse des entsprechenden Basiswertes

  • Absicherung des Depots gegen Verluste

  • Mitnahme von Arbitragegewinnen.


  • Bei letzterem Motiv nutzt ein Investor Preisungleichgewichte am Terminmarkt oder zwi.schen Termin- und Kassamarkt. Da diese meist nur in geringen Größenordnungen auftreten und zudem sehr kurzlebig sind, ist viel Kapital und technisches Equipment nötig, um überhaupt Profit zu erzielen – also nur eine Sache für Profis oder sehr reiche Privatleute.

    Für Normalverdiener kommen Optionen nur zur Kursspekulation und zur Absicherung, dem Hedging, in Betracht. Einfache Spekulationsstrategien sind die vier Grundpositionen des Optionsgeschäfts: Long und Short Call sowie Long und Short Put (siehe Grafiken). Eine klassische Absicherungsstrategie ist dabei der Long Put, der Kauf einer Verkaufsoption, auf eine einzelne Aktie oder einen Index. Der Käufer erwirbt das Recht, innerhalb einer bestimmten Frist Aktien zu einem bestimmten Kurs an den Verkäufer der Option zu verkaufen. Deshalb kratzen ihn an der Börse tiefer liegende Kurse wenig.

    Der Hebel macht’s

    Den ultimativen Kick sehen viele Anleger in der Hebelwirkung von Derivaten. Die Preisentwicklungen von Basiswert und Option sind stark miteinander verbunden. Bewegt sich die Aktie, zieht die Option in den meisten Fällen nach. Der Hebeleffekt ergibt sich dadurch, dass eine Kurssteigerung beim Basiswert auf den absolut geringeren Kapitaleinsatz für die Option bezogen wird: Wer für zehn Euro einen Long Call auf eine 100 Euro teure Aktie kauft, und diese steigt auf 200 Euro, profitiert mit der ?billigeren“ Option weit mehr als nur doppelt: Zehn Euro stehen jetzt 200 Euro gegenüber.

    Der Hebel spiegelt demzufolge das Wertveränderungsverhältnis zwischen der Option und dem Basiswert wider. Ein Hebel von ?drei“ bedeutet, dass mit einem Call dreimal so viel verdient werden kann wie mit einem Investment in den Basiswert. Aber Vorsicht: Der Hebel wirkt in beide Richtungen. Der Anleger kann auch entsprechend viel verlieren, wenn die erwartete Kursrichtung nicht eintritt.

    Große Verwirrung herrscht unter Anlegern bei der Abgrenzung von Optionen zu Optionsscheinen. Optionsscheine, oder auch Warrants, werden nur allzu oft in den großen Derivate-Topf geworfen. Zwischen beiden Instrumenten existiert jedoch eine klare Trennung: Optionsscheine sind Wertpapiere, verbriefte Urkunden mit Wertpapierkennnummer und eigenem Gesetz. Optionen und Futures sind es nicht.

    Ein weiterer wichtiger Unterschied besteht in der Möglichkeit von (Leer-)Verkäufen. Derivate-Positionen können mit einem Verkauf begonnen werden, das heißt der Anleger verkauft eine Option, ohne die betreffenden Wertpapiere oder das notwendige Geld zur Verfügung zu haben. Dies ist mit Optionsscheinen nicht möglich. Sie können grundsätzlich nur gekauft und später wieder verkauft werden. Infolgedessen haben Anleger auch nicht die Möglichkeit, das umfangreiche Strategiespektrum einzugehen, das sich mit Optionen realisieren lässt.

    Schweinehälften und das Wetter

    An den internationalen Terminbörsen werden Optionen und Futures auf diverse Finanzmarkttitel wie Aktien, Aktienindizes, An.leihen, Rentenindizes, Währungen, Agrar.produkte, Rohstoffe, Edelmetalle und Industriemetalle gelistet. An der Terminbörse Eurex können Anleger zum Beispiel Optionen auf deutsche Standardwerte und Aktien des Neuen Marktes kaufen und verkaufen. Ab September sind auch Optionen auf US-Aktien zu haben. Darüber hinaus gibt es Kontrakte auf gängige Börsenbarometer wie Dax, Stoxx, Euro-Stoxx oder Nemax 50.

    Neben diesen eher klassischen Derivaten offerieren die Märkte mittlerweile auch Terminkontrakte auf Schadstoffemissionen, Instrumente zur Absicherung von Risiken aus Naturkatastrophen oder Wetterderivate.
    Bei bestimmten Geschäften müssen Anleger Sicherheitsleistungen bei der Börse hinterlegen, damit diese die möglichen Kursverluste tagtäglich ausgleichen kann.

    Langsam angehen lassen

    Derivate eignen sich nicht für jeden Anlegertyp. ?Der Rentner, der bislang nur Staatsanleihen und Festgeldkonto kannte und sein Erspartes für den Lebensunterhalt im Ruhestand braucht, ist mit Sicherheit kein Kandidat für spekulativ motivierte Derivatepositionen“, betont ein Bankexperte. ?Der 30-jährige Jungunternehmer mit der Million im Rücken und einigen Jahren Erfahrung im Umgang mit spekulativeren Aktienpositionen kommt da eher in Frage.“
    Dazwischen verlaufen die Grenzen fließend. Der eine kann ein paar Tausend Mark schon mal verschmerzen, den anderen treibt ein solcher Verlust in den finanziellen Ruin.

    Nicht selten investieren Anleger in Produkte, deren Konstruktion und Preisbewertungsmechanismen sie nicht komplett verstanden haben. Selbstüberschätzung und Eitelkeit hindern sie nachzufragen. Was zur Folge hat, dass sie Marktbewegungen fehlinterpretieren und falsch reagieren.
    ?Man muss nicht gerade Wirtschaftswissenschaften studiert haben, bevor man einen Call kauft. Wer jedoch daran denkt, über die einfachen Grundpositionen hinaus auch kompliziertere Strategien einzugehen, sollte sich vorher gründlich informieren“, meint Markus Koch, Investmentexperte bei UBS Warburg.

    Der Mangel an Information und Kenntnissen ist zwar die Hauptursache vieler Bruchlandungen. Gründe für Verluste gibt es jedoch weit mehr: Ein Fehler, den viele Anleger begehen, ist das vergleichsweise hohe Kapitalvolumen, das in Optionen und Futures gesteckt wird. Fachleute raten, dass Derivate mit Spekulationsmotiv maximal zehn Prozent des Depotwertes ausmachen sollten.
    Kritisch wird es auch, wenn man versucht, Verluste einfach auszusitzen. Da die Laufzeit von vornherein begrenzt ist, wird aus dieser Strategie meistens ein Wettlauf mit der Zeit. Je knapper die Zeit, desto stärker gerät die Option unter Druck

    Neulingen rät Holger Bosse, Leiter Strukturierte Produkte bei der Dresdner Bank, den Tatendrang zunächst zu zügeln und sich durch Trockenübungen den realen Geschäften zu nähern. ?Die entgangenen Gewinne sind vielleicht ärgerlich. Aber dafür sind die auf dem Papier erlittenen Verluste auch nicht so schmerzlich.“

    Weitere Informationen finden Sie unter:
    www.os-investor.de
    www.onvista.de
    www.eurexchange.com
    www.optionsschein.de
    www.numa.com
    www.optionetics.com
    Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2001