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Wunderheiler in Nöten

Matthias Eberle
Fred Hassan gelingt in seiner bisherigen Karriere eigentlich alles. Aber jetzt muss der 62-Jährige den US-Pharmakonzern Schering-Plough noch einmal sanieren. Dass er bei Unternehmen rigoros aufräumen kann, hat er in der Vergangenheit bereits mehrmals bewiesen.
NEW YORK. Ist Wunderheiler ein übertriebener Ausdruck für einen Mann, der schon ?Mr. Fix It? hieß (?Wall Street Journal?) und ?Dr. Feelbetter? (?Business Week?)?Fred Hassan blickt auf eine geradezu perfekte Karriere zurück: Der gebürtige Pakistani arbeitet sich in jungen Jahren zum Chef von Sandoz hoch, ehe er Pharmacia in Form bringt und sein ?Meisterstück? für 58 Milliarden Dollar an den Branchenriesen Pfizer abgibt. Dann nimmt er sich dem schwerkranken Patienten Schering-Plough an ? und wieder läuft alles wie am Schnürchen: Aus einer Milliarde Dollar Verlust wird bald eine Milliarde Dollar Gewinn: Er sei ?der beste Kopfchirurg der Pharmaindustrie?, lobt das US-Magazin ?Forbes?.

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Derart mit Lorbeer geschmückt, kürte das Fachmagazin ?Pharmaceutical Executive? den 62-jährigen Branchenveteranen sogar kürzlich zum Vorzeigechef der modernen Pharmaindustrie. Unter dem Titel ?Being Fred Hassan? werden Führungskräfte animiert, die Managementstrategie des Konzernchefs von Schering-Plough zu studieren. Konnte das noch besser werden? Im Falle von Fred Hassan erst einmal nicht.Montag, 31. März 2008: Die Aktie des 55 000 Mitarbeiterkonzerns aus Kenilworth, New Jersey, sackt um zeitweise 28 Prozent auf 14 Dollar in die Tiefe und erlebt den heftigsten Einbruch seit fast 30 Jahren. Eine enttäuschende Studie im Marktsegment der Cholesterinsenker reicht aus, um den Börsenkurs des Pharmakonzerns über Nacht um viele Milliarden Dollar zu erleichtern. Herzspezialisten haben die zwei wichtigsten Medikamente von Schering-Plough, Vytorin und Zetia, auf einem wichtigen Kongress in die Nähe eines wirkungslosen Placebos gerückt.Der Schlag geht schnell in die Breite: US-Fernsehstar und Börsenguru Jim Cramer, der die Schering-Plough-Aktie zuletzt wärmstens empfohlen hat (in erster Linie wegen Erfolgsmanager Hassan), muss sich noch am Montagabend bei seinen Zuschauern entschuldigen: ?Ich weiß, dass ich Sie im Stich gelassen habe?, jammert Cramer. Hassan lässt sich in Cramers TV-Show ?Mad Money? zuschalten und kündigt erstmals ?harte Einschnitte? an, um mit Schering-Plough profitabel zu bleiben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Man muss in die Herzen der Menschen vordringen" Drei Tage später macht es Hassan offiziell: Zehn Prozent der Belegschaft müssen gehen, Werke werden geschlossen. Gesamtvolumen der Sparmaßnahmen: 1,5 Milliarden Dollar. ?Keine Region wird von den Einsparungen und den Bestrebungen, die Produktivität zu steigern, ausgenommen sein?, sagt Hassan.?Mr. Fix It? muss von vorn beginnen. Dass er sanieren kann, hat er in der Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen. Der Mann mit dem offenen Lächeln und den charakteristischen Geheimratsecken über der breiten Stirn ist nicht nur die graue Eminenz der Pharmaindustrie, sondern auch ein Aufräumer für schwere Zeiten. Zwar ähnelt er mit seiner sanften Stimme einem Therapeuten. Doch als er bei Schering-Plough im April 2003 beginnt, wird auch schnell gehobelt: Manager müssen ihren Businessjet aufgeben, die breite Belegschaft ihren Halbtagsjob an Freitagen im Sommer.Zu den herausragenden Qualitäten des Konzernchefs gehört die Tatsache, dass er stets Perspektiven aufzeigt und die Belegschaft auf seinem Sparkurs mitnimmt. O-Ton Fred Hassan: ?Man muss in die Herzen der Menschen vordringen ? das lernt man nicht auf der Business-School.? Gelernt hat er es unter anderem von seinem Vater, der Botschafter war und viel von der Kunst der Diplomatie erzählte.Der Werdegang des gebürtigen Pakistani ist typisch für einen Spross aus der Elite der früheren britischen Kolonien: 1945 wird er als Farid Hassan in Multan im Punjab geboren. Mit 17 Jahren wird er nach London geschickt, um Chemie zu studieren. Fünf Jahre später kehrt er zurück und heiratet. 1970 schreibt er sich an der renommierten Havard Business School in Boston ein, die ihm als Brücke zur Welt der großen Pharmaspieler dient. Bei seinem ersten Arbeitgeber, der heute zum Novartis-Konzern zählenden Sandoz-Gruppe, macht er sich schnell einen Namen. Er reorganisiert eine Marketingsparte in Nebraska, dann bringt er das Geschäft in Pakistan auf Vordermann. Im Alter von 42 Jahren schafft er es bereits an die Konzernspitze.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er hat viele Weggefährten zum Konzern mitgebracht Über mehr als 20 Jahre zementiert er dann den Ruf eines Spitzenmannes der Branche, der vertraute Weggefährten regelmäßig zu neuen Stationen mitnimmt. Die heutige Führungsriege von Schering-Plough ist nahezu komplett ausgetauscht und besteht weitgehend aus Managern, die gemeinsam mit Hassan bereits bei Pharmacia arbeiteten. Sie legten mit Schering-Plough elf Quartale in Folge ein prozentual zweistelliges Gewinnplus hin und machten aus einer am Boden liegenden Firma, die 2002 nach dem Patentablauf des Bestsellers Claritin 70 Prozent Umsatz einbüßte, das am schnellsten wachsende Unternehmen der Branche.Während zahlreiche Analysten Schering-Plough nur noch als Übernahmeopfer sahen, griff Hassan im Vorjahr selbst zu: Er kaufte Organon Bio Sciences. Die Ex-Pharmasparte der niederländischen Akzo wird nun, da die Milliardenumsätze in der Cholesterinsenkersparte bröckeln, zum Rettungsanker. Organon hofft auf die baldige Zulassung von fünf Projekten. Hassan glaubt deshalb, dass der Konzern ?in einer deutlich stärkeren Position? ist als nach dem Einbruch des Allergiemittels Claritin.Experten sind da mit Blick auf den fast 70-prozentigen Gewinnbeitrag der Cholesterinsenker nicht so sicher: Hassan müsse ?von vorn beginnen?, sagt Pharma-Analyst Michael Krensavage von Raymond James.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Er wird als Sohn eines Diplomaten geboren Fred Hassan 1945Er wird in Pakistan als Sohn eines Botschafters und einer Frauenrechtlerin geboren. Später studiert Fred Hassan Chemie- ingenieurwesen an der Universität London und dann Wirtschaft an der renommierten Harvard Business School.1972Fred Hassan startet beim Pharmakonzern Sandoz und arbeitet sich bis zum Vorstandschef nach oben (1987).1997Hassan wird Chef des fusionierten Konzerns aus Pharmacia/Schweden und Upjohn/USA. Er saniert den Konzern und verkauft ihn für 58 Milliarden Dollar an Pfizer, den neuen Weltmarktführer.2003Er wird Chief Executive Officer (CEO) und Chairman des US-Pharmakonzerns Schering-Plough. Fred Hassan holt ihn aus tiefroten Zahlen.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2008