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Worst Case: Alt, krank, Frau

Erhard Drengemann - Der Autor ist Redakteur beim Wirtschaftsmagazin DM.
Illustration: www.atelier-goral.de
Im Gegensatz zum Standard-Krankenschutz in der Gesetzlichen Krankenversicherung können sich Privatversicherte ihr Leistungspäckchen individuell zusammenstellen. Das bietet Chancen - und Risiken.
Mehr Leistung für weniger Geld - wer kann dazu schon "nein" sagen? Ein verlockendes Angebot, das die privaten Krankenversicherer da offerieren. Und tatsächlich ist an dem sirenenhaften Werbetamtam auch was Wahres dran: Statt zum Beispiel mit rund 800 Mark gesetzlich zur Kasse gebeten zu werden, ist eine 30-Jährige bei den Privaten ab 300 Mark pro Monat dabei.

Doch leider ist die Welt nicht ganz so einfach, wie man sich das gemeinhin wünscht. Denn selbst, wenn man sich zum Wechsel von der gesetzlichen (GKV) zur privaten (PKV) Krankenversicherung entschlossen hat, ist noch längst nicht Schluss mit der Wahlquälerei. Welche Versicherung soll's denn sein, mit welchem Tarif? Wie viel Schutz will ich haben, wie viel kann ich mir leisten? Auch bei den Privaten kann man für einen vergleichbaren Tarif 300, aber auch 800 Mark hinblättern.

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Der Teufel im Kleingedruckten

Private Krankenpolicen haben viele Vor-, aber auch manche Nachteile, die sich zu allem Übel gerne im Kleingedruckten verstecken. Das muss vor allem der wissen, der bislang in der GKV seinen Krankenschutz eingekauft hat und bestimmte Usancen erst kennen lernen muss. Anders als in der GKV, bei dem sich der Beitrag nach dem Beitragssatz und dem Einkommen richtet, kommt es in der PKV auf folgende Kriterien an:

  • Alter. Je jünger der Versicherte einsteigt, desto günstiger ist die Prämie. Und dieser Vorsprung bleibt auch in späteren Jahren. Der Beitrag steigt im Alter übrigens nicht linear, sondern eher progressiv in Form einer hügeligen Kurve.

  • Geschlecht. Männer zahlen grundsätzlich weniger als Frauen. Das liegt an der höheren Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts und am "Risiko", dass Frauen, die Kinder kriegen, Behandlungskosten verursachen.

  • Gesundheitszustand. Im Gegensatz zur GKV kommt in der PKV jeder potenzielle Versicherte auf den Gesundheits-Prüfstand. Folge des Checks: Die tatsächliche Prämie kann erheblich höher ausfallen als die Tarifprämie. Sogar Risikoausschlüsse für bestimmte Krankheiten können von den Versicherern verlangt werden.

  • Gewünschter Tarif. Wer Wert auf eine möglichst hohe Leistung und/oder viel Komfort legt, muss mit höherer Prämie rechnen als derjenige, der sich mit Standard-Leistungen auf GKV-Niveau zufrieden gibt.

    Lego lässt grüßen

    Wird in der Gesetzlichen das Versicherungspaket "en bloc" gekauft, so ist der private Versicherungsschutz modular aufgebaut. Der gewünschte Schutz wird aus verschiedenen (Teil-) Tarifen zusammengestellt. Die wesentlichsten Elemente sind:

  • Ambulanter Tarif. Er stellt praktisch die Grundversorgung dar und beinhaltet die ärztliche Versorgung in der Allgemein-Praxis bis hin zum Facharzt. Um die Prämie niedrig zu halten, hat sich schon seit Jahren die Kostenbeteiligung der Patienten an dem Gesamtaufwand eingebürgert. Zwei grundsätzliche Varianten bei der Selbstbeteiligung gibt es: Quotentarife mit einer prozentualen Selbstbeteiligung und Summentarife mit einer fixen Höchstbeteiligung, zum Beispiel 300, 600 oder 2.000 Mark jährlich. Quotentarife sind mit Vorsicht zu genießen, da sie mit steigenden Behandlungskosten ganz schön ins Geld gehen können. Tip: Wenn schon prozentuale Selbstbeteiligung, dann mit einem Summendeckel, also beispielsweise 20 Prozent Selbstbeteiligung, maximal jedoch 1.000 Mark. Besser, weil für den Patienten kalkulierbarer, sind die Summentarife.

  • Stationäre Tarif. Der zweite Versicherungsbaustein für einen privaten Krankenschutz verspricht Kostenersatz beim Krankenhausaufenthalt. Dabei gilt - je nach gewähltem Tarif - die Unterbringung im 1-, 2- oder Mehrbettzimmer, jeweils mit oder ohne Wahlarztbehandlung (Chefarzt) als möglichem Versicherungsschutz.

    Gerade die Behandlung durch den Obergott in Weiß treibt die Versicherungsprämie ordentlich in die Höhe, denn entsprechend qualifizierte Mediziner können schon mal das drei-, vier- oder gar sechsfache des normalen Gebührensatzes der Ärzte (GoÄ) abrechnen. Die Entfernung der Rachenmandeln kann dann statt rund 100 Mark auch 700 Mark kosten.

    Die sogenannten "Hotelkosten" - der Aufpreis für das Ein- oder Zweibett-Zimmer - halten sich dagegen in relativ überschaubaren Grenzen. Leider gibt es in vielen Kliniken die bessere Zimmerunterbringung nur im Paket mit der Chefarztbehandlung. Deshalb macht es kaum Sinn, im Versicherungstarif den Einzelzimmerzuschlag zu wählen und auf den Chefarzt zu verzichten. Selbstbeteiligungen bei stationären Tarifen sind nur bei sogenannten Kompakttarifen, die mehrere der hier genannten Module in einem Tarif bündeln, üblich.

  • Zahntarif. Hier sind Zahnbehandlung, Zahnersatz und Kieferorthopädie gebündelt. Selbstbeteiligungen sind üblich und nicht nur nach Summe, sondern auch nach Zeit gestaffelt: In den ersten drei Jahren nach Vertragsabschluss wird zum Beispiel Zahnersatz nur bis zu 1.000 Mark erstattet, im 4. und 5. Jahr bis 1.500 Mark. Wenn man weiß, dass eine Zahnkrone zwischen 300 und 600 Mark kosten kann, eine Brücke leicht 1.000 bis 3.000 Mark, dann zeigen sich schnell die Grenzen des Versicherungsschutzes.

    Außerdem werden grundsätzlich bei der Zahnersatz-Behandlung nur prozentuale Erstattungen geleistet; leistungsstarke Tarife bieten rund 80 Prozent, besonders preisgünstige Tarife tragen dagegen oft nur 60 Prozent der Kosten.

    Eigentlich sollten die Kosten der Zahnbehandlung 100prozentig erstattet werden. Von dieser Regel weichen aber immer mehr Gesellschaften ab und offerieren abgespeckte Tarife mit Summen- oder Quotentarifen.

  • Krankentagegeld. Hinter dem unscheinbaren Namen versteckt sich einer der wichtigsten (Teil-)Tarife. Er dient als Rettungsanker bei krankheitsbedingtem Verdienstausfall. Für Arbeitnehmer reicht es, eine Absicherung erst mit dem 43. Tag, dem Ende der Entgeltfortzahlung, beginnen zu lassen.

    Berechnungsgrundlage für die Höhe des Verdienstausfalls und der Krankentagegegeld-Police ist das Netto-Monatseinkommen dividiert durch 30 plus dem Arbeitnehmer-Anteil zur Krankenversicherung.

  • Krankenhaustagegeld. Gezahlt wird hier ein Tagegeld bei stationärem Aufenthalt. Das kann beispielsweise dazu genutzt werden, um die Kosten für ein Telefon am Bett zu finanzieren oder die Anreise der lieben Angehörigen. Zum absoluten Muss gehört ein solcher Tarif nicht - zumindest bei Arbeitnehmern.

    Penibel checken

    Wer aus der obigen Modul-Palette das herausgesucht hat, was er sich für seinen Krankenschutz leisten kann und möchte, muss nun jeden einzelnen Baustein in den Versicherungstarifen auf den Prüfstand stellen und gemäß seiner Risikoneigung entscheiden: mit welchen Konditionen kann und will ich leben, mit welchen nicht?

    Hier sollte ein Versicherter auf keinen Fall schludern. Die privaten Versicherungsgesellschaften haben ihre Vertragsautonomie ausgiebig genutzt und Dutzende ähnlicher, aber keinesfalls gleicher Tarife entworfen. Und ein winziger Passus im Kleingedruckten kann fatale Folgen auf den Versicherungsschutz haben. Da sollte man sich vorher klar machen, worauf man sich einlässt. Welche Vertragsbestandteile wie aussehen sollten und welche Fallstricke lauern, haben wir auf den folgenden Seiten zusammengestellt.

    Schlaumacher

    - Die private Krankenversicherung. Herausgeber Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände, Bonn 2000, 18 Mark. Tel. 0228/6489-0, vz.nrw@vz-nrw.de
    - Checklisten "Private Krankenversicherung" und "Billigtarife". Herausgeber Stiftung Warentest. Per Faxabruf: 01905/100108-632/-638. Individuelle Versicherungsanalyse. 36 Mark. Infos unter: www.warentest.de.

    Internet:
    www.dm-online.de
    www.abc-der-krankenkassen.de
    www.fss-online.de

    Service unter der Lupe: Beschwerden von Versicherten

    Gesellschaft Zahl 1) Quote 2)
    Cosmos 0 0,000
    Globale 8 0,014
    HUK-Coburg 36 0,036
    Familienfürsorge 3 0,040
    Generali 5 0,050
    UKV 33 0,055
    DEVK Kranken 4 0,056
    R+V 5 0,057
    Hanse Regional 3 0,062
    Concordia 3 0,066
    SDK 21 0,067
    Victoria 51 0,069
    Albingia 2 0,070
    Europa 15 0,081
    Quelle 11 0,084
    BBV Kranken 1 0,084
    Zürich Agrippina 1 0,088
    Berlin-Kölnische Speziale 15 0,089
    Nürnberger 11 0,095
    Signal 164 0,096
    Württembergische 1 0,108
    LVM 19 0,116
    Inter 46 0,117
    ARAG 16 0,120
    Bayer. BKK 83 0,121
    Alte Oldenburger 13 0,123
    Münchener Verein 27 0,124
    Dt. Ring 77 0,125
    Barmenia 96 0,138
    ContinentalE 157 0,139
    Universa 58 0,145
    Vereinte 336 0,149
    Hanse-Merkur 56 0,152
    DKV 452 0,157
    DBV-Winterthur 130 0,158
    Hallesche Nationale 80 0,164
    Mannheimer 10 0,179
    Central 222 0,180
    Berlin-Kölnische 76 0,217
    LKH 91 0,223
    AXA 126 0,299
    Debeka 106 0,400


    1) Anzahl der Beschwerden (absolut)
    2) Beschwerdenquote (in %o). Anzahl der Beschwerden bezogen auf die Anzahl der Versicherten.

    Quelle: BAV-Geschäftsbericht 2000/ZfV 18/01
  • Dieser Artikel ist erschienen am 30.11.2001