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Workaholismus

Uwe Böning
Gehören Sie auch zu jener Spezies, die als karriereorientierte Workaholics, also als Arbeitssüchtige, mal bewundert, mal bedauert werden?
Gehören Sie auch zu jener Spezies, die als karriereorientierte Workaholics, also als Arbeitssüchtige, mal bewundert, mal bedauert werden? Die sich in der Selbstbeschreibung gerne als solche outen, weil es in den Ohren mancher Kollegen statusfördernd klingt?Oder sind Sie eher jener Gattung der Selbstverwirklicher zuzurechnen, die sich dem verschleißenden Wettbewerbsverhalten der Konkurrenzgesellschaft verweigern wollen und in der Karibik ausgiebig Zen-Bücher lesen oder die griechischen Stoiker zitieren? Sind Sie etwa einer jener (grünen) Selbstständigen, die nicht etwa des Profits wegen, sondern allein wegen höherer Werte die selbstverständliche Selbstausbeutung betreiben?

Die besten Jobs von allen

Vielleicht ist alles falsch und Sie sind eher weiblich, cool, gehören der Internetgeneration an und investieren fast alle Ihre bisherige bewusste Lebenszeit in den Aufbau eines neuen E-Commerce-Unternehmens, das Sie in drei Jahren börsenfähig haben wollen.Möglich ist auch, dass Sie vielmehr ein abwägender, kritisch reflektierender Realist sind, der nach jahrelanger Selbstsuche und interkulturellen Vergleichen im fernen Osten Yin und Yang gefunden hat.Oder vielleicht haben Sie sich mit "Karoshi" beschäftigt und festgestellt, dass der "Tod durch Erschöpfung" selbst vor den arbeitsamen Asiaten nicht Halt macht, obwohl sie nicht die westliche Gewohnheit der Selbstdefinition durch Arbeit praktizieren. In einer Welt der Warner und Mahner vor übermäßiger Arbeit, in der die reflexionswütigen Innerlichkeitsspezialisten den handlungswütigen Machern Verirrung vorwerfen, ist man zur Prüfung und Selbstlegitimation gezwungen: Ist man nun beneidenswerter Lustarbeiter oder kranker Workaholic?Ist die Erfüllung das Kriterium oder die Menge der Arbeit? Darf man sich selbst mehr zumuten oder gar von sich verlangen als der Durchschnitt dies tut? Kann ich schnell regenerieren oder habe ich psychosomatische Reaktionen? Empfinde ich Freude oder eher Getriebensein beim ständigen Arbeiten? Kann ich gut schlafen und zwischendurch abschalten oder beschäftigt mich meine Arbeit ohne Wechsel von Freunden, Aktivitäten, Orten und Themen?Bin ich ein leidenschaftlicher Forscher oder Künstler, bei dem die erschöpfende Beschäftigung mit der Arbeit eher ein beneidenswerter Ausdruck der Auseinandersetzung mit Höherem zu sein scheint, oder bin ich einer jener vernagelten Börsianer, die zwar noch jung an Jahren, aber verbraucht in der Persönlichkeit sind? Bin ich wie zwanghaft auf Arbeitsthemen fixiert oder einer dieser kreativen, neugierigen Typen, die sich für dieses und jenes interessieren und mit Fun auf einer Innovationswelle reiten, die im Augenblick oben ist und die das volle Engagement verlangt?Ach, wohl dem, der kein schlechtes Gewissen hat und weiß, was er tut. Und die Wahl trifft, ob er so weitermacht oder nicht!Sie können sich Beraterstunden kaufen oder einfach in sich gehen. So oder so werden Sie unschwer erkennen, was über Lustarbeit oder Workaholismus entscheidet: nämlich Ihre innere Einstellung, Ihre persönliche Grenze und das Urteil Ihrer Freunde und Feinde. Workaholismus ist nur ein Wort. Was es bedeutet, liegt bei Ihnen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.02.2001