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Wolfgang Sprißler: Der Meister der Grundrechenarten

Von Frank Wiebe
Unter den Italienern wurde er Bankchef und gelangte in den obersten Führungszirkel. Nun muss der Vorstandschef der Hypo-Vereinsbank,Wolfgang Sprißler, der italienischen Konzernmutter das Deutschlandgeschäft erklären. Ein später Karrierespurt für den 60-Jährigen.
Hat arbeitsreiche Jahre vor sich: Hypo-Vereinsbank-Chef Wolfgang Sprißler.
HB DÜSSELDORF. Andere, jüngere Manager verabschiedeten sich mehr oder minder freiwillig, auch ein Star der Szene wie Christine Licci, der viele das Amt der Deutschlandchefin zugetraut hätten. Sprissler dagegen bleibt und steigt sogar auf. Aus Pflichtgefühl oder aus Ehrgeiz? Beides war im Spiel, das sagt er jedenfalls selbst: ?Trotz aller Nebengeräusche? habe es ihn gereizt, ?mitzuarbeiten am Aufbau der ersten wirklich europäischen Bank?. Aber er habe auch ?die 25 000 Mitarbeiter nicht im Stich lassen? wollen. Und mit Blick auf jüngere Kollegen mit weniger Allround-Erfahrung dachte er: ?Menschenskind, wie soll das gehen?? Also sagte er zu, als die Italiener ihn fragten.Ein später Karrierespurt für diesen großen, schlaksigen Mann, der nie allzu viel Wirbel um sich gemacht hat ? noch heute geht er gerne in der Kantine essen. Ein Banker, dessen Sprache auch in München die Herkunft aus Tübingen nicht verleugnete. Ein Mann, der manchmal linkisch wirkt mit seinen überlangen Armen und Beinen, die er allerdings sehr effektiv beim Tischtennis einzusetzen weiß. Ein Analytiker, der bei jedem Geschäft gleich die Bilanzposition vor Augen hat. Ein Finanzexperte, den ein ehemaliger Vorstandskollege als sehr umgänglich, aber wenig charismatisch in Erinnerung behalten hat.

Die besten Jobs von allen

Ein Manager aber auch, hinter dessen gefurchter Stirn sich eine gute Portion Bauernschläue verbirgt. Er beherrscht die Tricks der Bilanzierung ebenso wie die Kniffe des Nahkampfs im Büro. Seine Taktik bei internen Besprechungen formulierte er einmal so: ?Wir müssen immer sehen, dass einer aus unserer Abteilung Protokoll führt. Dann können wir beeinflussen, was drin steht ? die meisten Leute erinnern sich nicht so genau, was sie gesagt haben.?In seiner Zeit als Finanzvorstand hatte Sprißler wenig Gelegenheit, sein Image zu polieren. Er kam in den Vorstand der Bayerischen Vereinsbank, die im wesentlich konservativ und gesund war. Das Problem für den Bilanzmann bestand hier eher darin, Gewinne zu verstecken. Dann folgte die Fusion mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank ? daraus entstand 1998 die heutige HVB. Danach wurde der Job sehr ungemütlich. Nach und nach kamen Milliardenprobleme ans Licht.Warum hat er so lange nichts bemerkt? Wieso tauchten immer neue Löcher in der Bilanz auf? Keine angenehmen Fragen für einen ausgewiesenen Rechnungslegungsexperten. Sprißler macht im Nachhinein auch den schwachen Immobilienmarkt für die Misere verantwortlich. ?Unser Fehler war zu sagen: Jetzt ist alles erledigt?, erklärt er. ?Wir hätten sagen sollen: Nach heutigem Stand sind die Probleme ausgestanden. Aber wenn der Markt weiter heruntergeht, wird es noch einmal genauso schlimm.? Mit ?wir? meint er seinen damaligen Chef Dieter Rampl und sich. Und er fügt hinzu: ?Wir wissen, wie das nach außen gewirkt hat.?Sprißler hat in den nächsten Jahren zwei Aufgaben. Er muss seine Bank führen. Und er muss den Italienern erklären, wie das deutsche Geschäft funktioniert. Vor allem der zweite Teil des Jobs gilt als schwierig. Denn in Italien sprudeln die Gewinne üppiger als hierzulande, die Kunden sind höhere Gebühren und Zinsmargen gewöhnt.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Gute Argumente wird er brauchen.Auch wenn Sprißler jeglicher romanischer Charme abgeht, dürfte er aber keine Probleme haben, seine Position in Mailand zu vertreten. Denn es war immer seine Stärke, dass er jedem ? egal ob Mitarbeiter, Aufsichtsrat oder Arbeitnehmervertreter ? auf eine vernünftige Frage eine vernünftige Antwort geben konnte. Gute Argumente wird er brauchen. Denn er weist selbst auf einen wichtigen Punkt in der Führungsstruktur hin: Unicredito-Chef Alessandro Profumo trifft die Entscheidungen allein verantwortlich, die anderen Vorstände beraten ihn laut Satzung nur. Das gibt dem Big Boss sehr viel Macht, aber dieses System funktioniert auch stromlinienförmiger als das deutsche Konsensprinzip.?Als locker, aber sehr zielorientiert? beschreibt Sprißler Profumo und lobt: ?Der kann komplexe Zusammenhänge auf den Punkt bringen.? Eine Tugend, die Sprißler auch bei Mitarbeitern schätzt ? einer seiner Lieblingsratschläge an Sachbearbeiter: ?Wenn Sie an den Vorstand berichten, stellen Sie sich vor, Sie müssten es einem kleinen Kind erklären.?Sprißler sieht als größte Herausforderungen, die unterschiedlichen Kulturen der Banken einander anzugleichen. ?Wir sprechen auf Englisch?, sagt er, ?auch über Themen, die auf Deutsch schon kompliziert genug sind ? aber das Problem haben wir alle.? Er macht sich keine Illusionen: ?Da wird es hin und wieder knallen. Aber wir werden uns aneinander gewöhnen.?Und wie gut ist er als Bankchef? Sprißler hat seine Karriere im Stabsbereich gemacht ? das unterscheidet ihn von vielen seiner Leute. Hin und wieder gilt er als ruppig. Aber letztlich haben seine Mitarbeiter gute Erfahrungen mit ihm gemacht. Seine Stärke: Er schätzt abweichende Meinungen, verachtet Indifferenz.Bleibt noch die Frage des Alters: Jung-dynamisch ist er nicht mehr, wenn man bedenkt, dass sein Vertrag um drei Jahre verlängert wurde. Aber das hat auch seine Vorteile. Wie heißt es in der Bank? ?Der muss nicht mehr bei den Italienern schleimen.?Lesen Sie weiter auf Seite 3:In drei Jahren wird er mehr Zeit für sein Privatleben haben.In drei Jahren wird er mehr Zeit für sein Privatleben haben. Zum Beispiel für seine Tochter Sabrina, die jetzt 23 ist. Vor zwanzig Jahren hockte er bis spät abends im Büro, um Karriere zu machen ? aber an ihrem Geburtstag ging er früh nach Hause. Heute studiert sie Finanzmathematik an der TU München. Der stolze Vater: ?Das mathematische Talent hat sie von ihrer Mutter. Ich kenne mich eher mit den Grundrechenarten aus ? aber das ist für einen Banker auch wichtiger.?
Sprisslers Vita
Vor der Bank1945: Wolfgang Sprißler wird am 3. Dezember geboren.1966 bis 1971: Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, anschließend wissenschaftliche Tätigkeit und Promotion.In der Bank1976 kommt er zur Bayerischen Vereinsbank, rückt 1996 in den Vorstand auf, bleibt auch nach der Fusion zur Hypo-Vereinsbank Finanzchef.2006 wird er Chef der HVB, die mittlerweile eine Tochter der italienischen Unicredito ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2006