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Wolf-Dieter Baumgartl: Rebell einer biederen Branche

Von Caspar Dohmen
Der Talanx-Chef Wolf-Dieter Baumgartl ist ein extravaganter Typ, den man nicht unmittelbar für einen Versicherungsmanager halten würde. Doch sein Erfolg in der Branche ist unbestritten. Und die Übernahme von Gerling könnte seine Karriere noch krönen.
Chef des Versicherungskonzerns Talanx, Wolf-Dieter Baumgartl. Foto: dpa
Baumgartl gibt sich gerne als kantiger, Rotwein liebender Bayer, hat stets einen kernigen Spruch auf den Lippen. Viele Branchenkollegen empfinden den Talanx-Chef als arrogant, doch neidlos attestieren sie ihm seinen Erfolg. Die Krönung dürfte die Übernahme von Gerling sein, der einstigen Industrieversicherungsperle. Diesen Erfolg hat sich Baumgartl lange erarbeitet.Anfang der 90er-Jahre spricht nichts dafür. Damals übernimmt Baumgartl einen angeschlagenen Versicherer namens HDI. Die Gesellschaft kämpft mit Verlusten in der von Diebstählen gebeutelten Autoversicherung sowie mit roten Zahlen in der Industrieversicherung. Der Versicherer ist sehr einseitig aufgestellt ? dies macht ihn anfällig. Baumgartl hält dagegen. Geld in die Kasse spült der Börsengang der Tochtergesellschaft Hannover Rück, des heute weltweit viertgrößten Rückversicherers.

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Mit den Mitteln kann Baumgartl das Lebensversicherungsgeschäft aufbauen, zunächst durch die Übernahme der Versicherungsaktivitäten der Citibank in Deutschland. Bis heute läuft das Geschäft der CIV über deren Bankschalter. Dann folgt die Transleben, ein Lebensversicherer mit schlechtem Leumund. Doch unter neuen Eigentümern und dem Namen Aspecta erwirbt sich das Unternehmen schnell einen guten Ruf. Zudem expandieren die Hannoveraner, machen vor allem in Osteuropa gute Geschäfte.Letztes Jahr folgt dann die Übernahme der Neuen Leben. Damit bekommt der HDI einen Fuß in die Tür bei den Sparkassen, der größten Bankengruppe in Deutschland. Zielstrebig baut Baumgartl die Talanx zum hinter der Allianz und Münchener Rück drittgrößten Versicherungskonzern aus.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gleichwohl fehlt das Meisterstück.Gleichwohl fehlt das Meisterstück, einige Pläne kann Baumgartl nicht umsetzen. So scheitert die weit gediehene Fusion mit der HUK Coburg auf den letzten Metern. Die Mitglieder des als Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit organisierten Unternehmens widersetzen sich. Über das Spekulationsstadium hinaus kommt auch der Übernahmeversuch bei der DBV Winterthur nicht. Auch die Übernahme von Gerling kam nicht zustande ? vor zwei Jahren verhandelte der Talanx-Chef mit den Kölnern ? und sagte ab.Vor einem Jahr nimmt er die Gespräche dann wieder auf. Er pokert. Zwischenzeitlich spricht vieles für eine Übernahme von Gerling durch den Finanzinvestor Cerberus. Doch Baumgartl arbeitet im Stillen weiter an einer deutschen Lösung. In den Verhandlungen dürfte Baumgartl auch mit seiner Sensibilität gepunktet haben, die er öffentlich nur selten zeigt. Am Ende bietet er aber schlicht mehr Geld als der Konkurrent.Nach getaner Arbeit dürfte er sich bald zurückziehen ? als Aufsichtratschef der Talanx? Dafür müsste aber erst der Börsengang her.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2005