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Wohin mit meiner Nervosität?

Da stehe ich nun in den Styroporkulissen und weiß nicht wohin mit meiner Nervosität. Ich bin Schauspielerin - für einen Tag. Produzent Grundy Ufa hat mir eine Komparsenrolle in der Daily-Soap "Unter uns" gegeben.
Joana Bieker, 20 Jahre: Traumberuf Schauspielerin

Da stehe ich nun in den Styroporkulissen und weiß nicht wohin mit meiner Nervosität. Ich bin Schauspielerin - für einen Tag. Produzent Grundy Ufa hat mir eine Komparsenrolle in der Daily-Soap "Unter uns" gegeben. Heute ist Außendreh, ich schaue mich um: Köln-Ossendorf, ein Industriegebiet, die Studiogebäude hinter mir sehen aus wie riesige Container - irgendwie hat diese Traumfabrik mehr was von Fabrik als von Traum. Überall Technik: Kameras, Beleuchtung, Stahlgestelle. Erstaunlich, dass man im Fernsehen später nichts mehr davon sieht

Am Set wird gerade umgebaut. Hauptdarstellerin Henrike Richter hat sich den Fuß verknackst, die komplette Szene muss noch mal gedreht werden, der lädierte Fuß ist jetzt Teil des Drehbuchs. Also warte ich einträchtig mit Stars, Komparsen, Kameraleuten, Visagistinnen, Regieassistenten, Beleuchtern und Tontechnikern darauf, dass es endlich weitergeht. Warten, lerne ich an diesem Tag, ist die wichtigste Übung für TV-Darsteller.
Ausbildung: Ohne Schauspielschule läuft auch in Serien kaum noch was. Jungmimen erhalten Coachings. Von der Straße weg wird heute kaum mehr jemand gecastet.
Gehalt: Komparsen steigen mit 50 Euro Tagessatz ein, als Serien- und TV-Darsteller verdient man ab 300 Euro pro Drehtag - nach oben gibt es kaum Grenzen.
Chancen: Frische Gesichter werden immer gesucht, allerdings ist der Run auf die Castingagenturen groß. Serienverträge laufen meist ein Jahr, dann wird neu verhandelt.
Doch außer mir ist hier offenbar keiner nervös. Alle wirken entspannt und sehr professionell. Produktionsassistentin Janna erzählt mir, dass die Schauspieler auf alles verzichten müssen, was die Produktion gefährden könnte: Ski und Motorrad fahren, spontane Wochenendtrips oder Friseurbesuche. Mir wird ganz mulmig, wenn ich an die drei Haarfarben denke, die ich allein im letzten halben Jahr ausprobiert habe. Entschädigt werden die Soap-Stars mit guten Gagen und der Chance, berühmt zu werden

Die besten Jobs von allen


Vier Stunden dauert es, bis ich drankomme. Erst will Serienhund Emma nicht so wie der Regisseur, dann stimmen die Lichtverhältnisse nicht mehr. Endlich ist es soweit. Die Regieassistentin winkt mich in die Kulisse. Mein Job ist es, auf Stichwort aus einer Telefonzelle zu kommen, zum inszenierten Zusammenstoß zweier Hauptdarsteller ein erstauntes Gesicht aufzusetzen und aus dem Bild zu gehen. Nicht gerade eine mimische Herausforderung, doch mein Herz klopft bis zum Hals. Als ich zum sechsten Mal wie zufällig mein Telefonat beende und Überraschung heuchelnd aus der Zelle marschiere, komme ich mir schon reichlich albern vor. Die vielen Leute, Scheinwerfer und Kameras irritieren doch mehr als ich dachte. Dann ist die Szene "im Kasten" - und ich unendlich erleichtert: Keiner der Patzer ging auf mein Konto

Ende September wird die Folge ausgestrahlt - mein erster TV-Auftritt! Und mein letzter. Nach dem Tag am Set steht für mich fest, Schauspielerei ist doch nichts für mich. Regisseurin oder Producerin - das schon eher. Filme und Serien werden ja zum Glück nicht nur vor der Kamera gemacht

Dieser Artikel ist erschienen am 02.09.2005