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Wo sind all die Wunder hin?

Jamie Mitchell
Im Land der Dotcoms kehrte eine tiefe Depression ein, und die Wunderprediger setzen ihre Suche woanders fort. Eine Parabel auf große Versprechungen und die ewige Suche nach dem zauberhaften Land.
Es war einmal in einem fernen Land, da befanden einige Männer und Frauen in feinem Tuch und Krawatten, dass ein Zauber über dem Land der Dotcoms liege. Es war ein Ort voller Begeisterung und Innovationen, an dem eine lockere Kleiderordnung herrschte. Und auch die Männer und Frauen in feinem Tuch, ihres Zeichens Wagniskapitalgeber, wechselten ihre Kleider - oder legten zumindest ihre Krawatten ab.

Im Land der Dotcoms machten sich die Menschen jeden Morgen mit fröhlicher Miene daran, die Welt zu verändern. Sie vertrauten darauf, dass ihnen die Menschen in der Wirklichen Welt Gehör schenken würden. Schließlich hatten sie doch bereits jene Männer und Frauen in feinem Tuch, die ihnen Geld und Unterstützung angeboten hatten, dazu überredet, ihnen bei dieser Aufgabe zu helfen.

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Doch der Zauber wollte sich nicht einstellen, und jetzt haben sich sogar die treuesten Glaubensanhänger vom Land der Dotcoms abgewandt.

"Was hatten wir uns nur dabei gedacht?", fragen sich die Männer und Frauen in feinem Tuch, während sie unbarmherzig alle Beziehungen zum Land der Dotcoms abbrechen. Und die Einwohner im Land der Dotcoms fragen einander: "Warum besuchen sie uns nicht mehr? Wir haben uns doch nicht so sehr verändert, oder?"

Früher hatten im Land der Dotcoms ganz unterschiedliche Menschen gelebt. Da waren zum Beispiel die wankelmütigen Männer, die die Banken leiteten. Es gab eine Zeit, da umschmeichelten sie die Einwohner, führten sie zum Essen aus und zeigten ihnen die spannende Welt der Kapitalmärkte.

Und dann war da noch der Fanclub von Experten und Beratern. Sie halfen den Menschen im Land der Dotcoms dabei, Mitarbeiter zu finden, die Produktion anzukurbeln und ihre Ware auf den Märkten der Wirklichen Welt zu vertreiben.

Doch aus irgendeinem Grund kauften die Menschen der Wirklichen Welt nicht so viele Produkte aus dem Land der Dotcoms, wie die Männer und Frauen in feinem Tuch es vorhergesagt hatten. Einigen fehlte das notwendige Spezialwerkzeug, um die Produkte zu erwerben. Aber selbst jene, die Werkzeuge besaßen, benutzten sie lieber für andere Zwecke. Das beunruhigte die Banken des Landes. Sie hatten gedacht, die Menschen der Wirklichen Welt würden nach ihrer Pfeife tanzen.

Nun weiß jeder in der Wirklichen Welt, dass die Menschen irgendwann im Land der Dotcoms einkaufen werden. Bis dahin hätten die cleveren Männer und Frauen in feinem Tuch den Menschen aus dem Land der Dotcoms helfen können. Aber sie wollten den Zauber schnell entdecken. Und schließlich versagten auch die Banken dem Land der Dotcoms ihre Unterstützung, warum also sollten die Männer und Frauen in feinem Tuch es anders tun?

Deshalb sind heute wieder Krawatten in Mode, und die Magie scheint aus dem Land der Dotcoms verschwunden zu sein. Die Menschen aus dem Land der Dotcoms sind nicht mehr begeistert, innovativ und locker gekleidet. Nein, sie sind niedergeschlagen. Und diese Niedergeschlagenheit pflanzt sich fort auf die Menschen in der Wirklichen Welt und bedroht ihren Lebensunterhalt, angefangen bei denen, die das Land unterstützten - und manchmal seine Ware kauften - bis zu den Bankern, die das Wunder versprachen.

Und dann gibt es noch jene Männer und Frauen in feinem Tuch und, auch wieder, Krawatten. Werden auch sie bestraft? Viele hoffen es. Doch es erscheint unwahrscheinlich. Stattdessen werden sie ermutigt, ihre Suche nach dem Zauber anderswo fortzusetzen. Sie tun es schon. Zum Beispiel entstand bei einer langen Reise in den äußersten Norden eine neue Glaubensbewegung, die überzeugt ist, die Magie sei in der Welt Ohne Kabel zu finden.

Einige Männer und Frauen in feinem Tuch und Krawatten meinen gar, es gäbe ein Immer-Land, in dem die Menschen ewig leben werden. Dort gibt es Wissenschaftler, die glauben, ihre Arbeit werde die Wirkliche Welt für immer verändern. Und die Männer und Frauen in feinem Tuch und Krawatten helfen nun diesen Wissenschaftlern, ihre Wunder Wirklichkeit werden zu lassen. Seltsamerweise glaubten die Menschen bislang, Immer-Land sei in den 80er Jahren entdeckt worden, nur um herauszufinden, dass sein Zauber auch nur Trug war.

Warum also wollen wir immer noch, dass diese Männer und Frauen in feinem Tuch und Krawatten ihre Suche nach der Magie fortsetzen? Und warum vergibt ihnen die Wirkliche Welt ihre Fehler? Diese Männer und Frauen in feinem Tuch und Krawatten, die uns an den Zauber glauben lassen, helfen uns, an uns selbst und unsere Zukunft zu glauben.

Sie mögen die Mode schneller wechseln als Italien seine Regierungen, aber die Suche nach dem Zauber erfordert nun mal Flexibilität, und wir sollten uns nicht zu sehr von ihrem leichtfertigen Umgang mit Mode irritieren lassen. Schließlich spürt jede Suche irgendwo ein bisschen Zauber auf, und dieses bisschen Zauber bringt in der Wirklichen Welt bemerkenswerte Veränderungen hervor - genug, um die ganze Suche lohnenswert zu machen.

Denn würden wir für die Aussicht auf ein bisschen Zauber nicht alle gern auf ein paar Traditionen verzichten?
Dieser Artikel ist erschienen am 09.04.2001