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Wo Gründer Angestellte finden

Hans Emge
Am Anfang steht die Euphorie. Doch kaum beginnt der Alltag in einem neu gegründeten Unternehmen, kommt auch der Stress: Helfer gesucht! Wo aber finden Gründer geeignete Mitarbeiter?
Am Anfang steht die Euphorie. Doch kaum beginnt der Alltag in einem neu gegründeten Unternehmen, kommt auch der Stress: Helfer gesucht! Ein Gründer greift meist zuerst auf das Naheliegende zurück - Familienmitglieder einzustellen ist unkompliziert und billig. Selbst wenn die Familie hoch und heilig schwört, kräftig mitzuarbeiten - der gute Wille weicht meist schnell der Realität. Die Familie als Kräftereservoir für Kleinunternehmen ist stark geschrumpft - nicht nur bei deutschen Gründern. Im Regelfall kann sich der Gründer dauerhaft nur auf seinen Lebenspartner verlassen. Und auch dieser hat meist ein Eigenleben.

Nach den Familienmitgliedern geraten oft Freunde und ehemalige Arbeitskollegen als Rekrutierungsreserve in den Blickpunkt. Doch eine gemeinsame langjährige Zeit vor dem Tresen ist noch lange keine Basis für eine erfolgreiche Arbeit hinter dem Tresen. Früher schweißte es zusammen, mit den Kollegen über den Chef zu schimpfen - jetzt ist der Gründer selbst Chef und steht in seiner neuen Rolle plötzlich im Abseits. Kollegialität gerät in Konflikt mit dem Aufbauwillen des Gründers. Hinzu kommen oft unklare Absprachen, ob über Qualifikation, Zeiteinsatz oder Entlohnung: Das Konfliktpotenzial ist enorm, ein Ende der Freundschaft schnell eingeläutet.

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Notgedrungen schaut sich der Gründer dann auf dem Arbeitsmarkt um. Dabei stößt er erstmals auf Fremde. Aber Einzelgründer suchen im ersten Angestellten oft eher den Teampartner zur Kompensation der eigenen Unsicherheit. Eine unerfüllbare Hoffnung!

Das Bewerberpotenzial ist meist dürftig. Warum auch aus gesicherter Position in einem Kleinbetrieb anheuern, in dem noch nicht einmal das Kündigungsschutzgesetz gilt?

Angestellte fühlen sich schnell überfordert, wenn der unerfahrene Gründer sie an der Aufbauarbeit beteiligen möchte. Zu Recht: Es ist nicht die Aufgabe eines Angestellten, Strukturen des Betriebs zu entwickeln, Arbeitsabläufe aufzubauen und im Konfliktfall Entscheidungen zu treffen. Tun sie es doch, sind die Ergebnisse oft chaotische Arbeitsabläufe, ungeklärte Kompetenzen und heftige Wechselbäder der Gefühle bei allen Beteiligten. Die wenigsten Angestellten wollen das. Nicht umsonst sind sie Angestellte geblieben.

Besonders Mitarbeiter in Großbetrieben lieben ihr Bienenwaben-Dasein, auch wenn sie häufig darüber lamentieren. Sie mögen das geregelte Leben, von Arbeitszeit bis Tarifvertrag, von Urlaubsregelung bis Pensionskasse - und nicht zuletzt auch die feste Hierarchie und den Kreis der Kollegen. Auf sich alleine gestellt und mit Handlungsvollmacht konfrontiert erleben sie in Kleinbetrieben eine Freiheit, die sie meist gar nicht vertragen.

Die Suche über das Arbeitsamt ist ernüchternd: Arbeitslose stammen häufigst aus dem Personalabbau der Großbetriebe. In Kleinbetriebe sind sie schwer integrierbar - nicht nur wegen finanzieller Ansprüche. Gleiches trifft auf Problemgruppen wie Behinderte oder Langzeitarbeitslose zu. Ein Gründer sollte sie erst in Erwägung ziehen, wenn er über eine funktionierende Struktur mit mehreren Mitarbeitern verfügt. Doch wie dahin kommen?

Personalführung in Kleinbetrieben muss gelernt sein. Anfangs herrscht meist eine Zeit lang Chaos. Ratsam ist es, Angestellten über Teilzeitarbeit, freie Mitarbeit oder ein Feierabendpraktikum den Einstieg zu ermöglichen. Vorteilhaft ist außerdem, wenn die Mitarbeiter die Strukturen kleinerer Betriebe kennen. Die Signale müssen klar sein: wenig Tarifangebot und ein hoher Erfolgsanteil sind eine Hürde, die nur risikobereite Angestellte vertragen können. Die ersten Arbeitsverhältnisse nach einer Unternehmensgründung sind in der Regel nicht für die Ewigkeit angelegt, sondern enden deutlich früher als die Durchschnittsehe zwischen Betrieb und Angestelltem.

Gründer machen in den ersten Jahren Erfahrungen wie kaum ein Angestellter in seinem gesamten Berufsleben. Ein Leben ohne Langeweile ist ihr Mindestlohn.

Dieser Artikel ist erschienen am 09.07.2001