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Wo Feinsinn mehr zählt als Härte

Von Katharina Slodczyk
Detlef Wetzel, der nordrhein-westfälische IG-Metall-Chef, steigt in die Führungsspitze der Gewerkschaft auf. Auch wenn er gelegentlich mit althergebrachten gewerkschaftlichen Ritualen spielt, steht er eigentlich seit Jahren für etwas anderes und ist dabei ein Mann mit unkonventionellen Ideen.
Detlef Wetzel im März 2007 beim Start der Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen. Foto: ap
KÖLN/DÜSSELDORF. Er strafft sich, ballt die Faust und härtet die Wangenmuskeln. Dann greift Detlef Wetzel zum Mikro. Blechern scheppert die Stimme des nordrhein-westfälischen IG-Metall-Chefs über das Gelände der Kölner Ford-Werke: "Die Politiker haben doch völlig den Bezug zum richtigen Leben verloren, wenn sie die Rente mit 67 fordern", sagt sie. Sie redet davon, dass Widerstand jetzt Pflicht sei. Sie ruft in die Menge: "Wir wollen doch gesund in Rente gehen. Wer das nicht versteht, der gehört nicht ins Parlament." Beifall. Danke, Gewerkschaftsführer.Detlef Wetzel gibt an diesem kalten Morgen Anfang dieses Jahres den kernigen Arbeiter-Agitator. Die Mimik wechselt zwischen sympathieheischendem Lächeln und grimmiger Entschlossenheit. Er sagt, was die Massen hören wollen. Er gibt plumpe Parolen von sich, spielt mit bei den althergebrachten gewerkschaftlichen Ritualen.

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Dabei steht der Mann eigentlich seit Jahren für etwas anderes: für moderne und unkonventionelle Ansätze in seinem Gewerbe, für individuelle und pragmatische Lösungen, für eine Abkehr von einem zentral organisierten Konfrontationskurs der Gewerkschaften gegen das Kapital. Und dieser Mann mimt jetzt und hier den unnachgiebigen Arbeiterführer.Wie passt das zusammen? "Er ist stets Realo genug", sagt ein ehemaliger Weggefährte, "und weiß, was man von ihm erwartet." Bereits seit gut zwei Jahren wird Detlef Wetzel für ein Spitzenamt in der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt gehandelt. "Und dafür reichen unorthodoxe Ideen nicht aus. Man muss gelegentlich auch den Spagat zwischen Tradition und Moderne hinbekommen", heißt es aus Wetzels Umfeld.Das hat er offenbar geschafft. Denn jetzt steht der Karriereschritt, über den schon lange spekuliert wurde, tatsächlich kurz bevor: Detlef Wetzel wird Zweiter Vorsitzender. Darauf hat sich der Vorstand der IG Metall gestern geeinigt. Die Wahl steht im November an, beim Gewerkschaftstag in Leipzig. Dort soll auch Berthold Huber zum Ersten Vorsitzenden gekürt werden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mehr Offenheit ist angesagtMit Huber und Wetzel an der Spitze signalisiert die IG Metall: Die Zeiten der gegenseitigen Blockade zwischen Modernisierungslager und den Traditionalisten sind vorbei, mehr Offenheit ist angesagt, möglicherweise sogar eine grundlegende Neuausrichtung. Schließlich haben jetzt zwei Modernisierer die obersten Ämter inne. Anders als bisher mit dem Hardliner Jürgen Peters als Erstem Vorsitzendem und Huber als seinem Stellvertreter, die in der Regel konträre Meinungen vertreten.Wie könnte die neue Politik der IG Metall aussehen? Einiges hat Detlef Wetzel bereits in Nordrhein-Westfalen vorgemacht, was die Gewerkschaft auch auf Bundesebene voranbringen könnte. So propagiert der 53-Jährige unter anderem die Übertragung gewerkschaftlicher Anliegen in die Betriebe. "Die Zeiten, in denen die Gewerkschaftszentralen allmächtig als Stellvertreter für alles stehen, sind vorbei", sagt Wetzel. "Wir müssen einen Teil der Verantwortung an unsere Mitglieder in den Betrieben abgeben, um langfristig erfolgreich zu sein." Schließlich seien die Probleme der Unternehmen in Zeiten der Globalisierung immer komplexer geworden. Individuelle, flexible Lösungen müssten erarbeitet werden. "Das geht häufig besser auf dezentraler Ebene, in den Betrieben", sagt Wetzel. Die IG-Metall-Zentrale in Düsseldorf könne aber die Anstöße dafür, das Know-how liefern - und einen passenden Slogan."Besser statt billiger" hat Wetzel beispielsweise eine wichtige Initiative genannt - eine Reaktion auf die zahlreichen Forderungen der Unternehmen nach Tarifabsenkungen, nach Abweichungen vom Flächentarifvertrag. "Irgendein Konkurrent ist immer billiger, über den Preis können deutsche Firmen deshalb nicht langfristig konkurrieren", sagt der Gewerkschafter. "Sie müssen besser, innovativer werden."Daher versucht die Gewerkschaft in Nordrhein-Westfalen, gemeinsam mit den Unternehmen umfassendere Lösungen zu finden, längerfristige Pläne zu entwickeln, die die Firma wettbewerbsfähig machen und die Kundenorientierung verbessern.Die Strategie zahlt sich aus: Seit Juli 2004 ist Wetzel Leiter der IG Metall Nordrhein-Westfalen - des größten Bezirks der Gewerkschaft mit gut 600 000 Mitgliedern. Und bereits nach zwei Jahren ist es ihm gelungen, die Mitgliederverluste zu stoppen. Und nicht nur das: Ein Großteil der Betriebe, die in Wetzels Amtszeit aus dem Tarifsystem geflüchtet sind, hat sich wieder zu einer Rückkehr bewegen lassen.Auch als Tarifpolitiker hat sich der knapp Zwei-Meter-Mann profiliert - spätestens im vergangenen Jahr mit dem Pilotabschluss für die bundesweit 3,5 Millionen Metaller: Drei Prozent Lohnerhöhung plus Einstieg in eine gewinnabhängige Sonderzahlung hat er rausgeholt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Seine Karriere hat in Siegen angefangen Angefangen hat seine Karriere in Siegen. 1997 übernahm er als Erster Bevollmächtigter die Siegener Verwaltungsstelle und machte sie zu einer der wenigen im IG-Metall-Reich mit steigenden Mitgliederzahlen.In Siegen ist Wetzel auch aufgewachsen - bis heute verrät das rollende R seine Herkunft. Bei dem Anlagenbauer SMS Demag, in der Nähe seiner Heimat, ging er in die Lehre - als Werkzeugmacher. Später studierte er Sozialarbeit. "Ich bin groß geworden mit dem Spruch: Geht es der Firma gut, geht es auch der Belegschaft gut", sagt Wetzel. "Dieser Zusammenhang ist heute aufgehoben."Wie sollen Gewerkschaften damit umgehen? "Sie müssen härter werden, konfliktbereiter." Da ist er wieder, der unnachgiebige Arbeiterführer. Doch das ist nur ein kleiner Teil einer langen Antwort, die Wetzel auf diese Frage gibt und die deutlich macht: Er ist kein Mann der einfachen, plakativen Lösungen; er ist kein Apparatschik, der seine Positionen dekretiert. Sondern einer, der sich mit Argumenten beschäftigt, diese abwägt, Gegenargumente findet, noch mal abwägt und alles in Sätze verpackt, über die man länger nachdenken muss.Er ist eben kein traditioneller Gewerkschaftler, der erst umgeben von Gelsenkirchener Barock so richtig auflebt. In seinem Büro im Düsseldorfer Norden hängt auch nicht das Porträt eines Arbeiterführers, sondern moderne Kunst. Und wer ihn nicht neben den in rot-weißen Plastiktüten eingewickelten IG-Metall-Leuten bei Großkundgebungen gesehen hat, würde ihn eher an einer soziologischen Fakultät vermuten oder sonst wo, wo Feinsinn mehr zählt als Härte.Es ist seine eher leise, bedachte Art, die ihm Erfolg brachte. Temperamentsausbrüche und unbedachte, spontane Äußerungen sind eher selten. Eine der wenigen Situationen, in denen Wetzel mal in Wallung geriet und die öffentlich dokumentiert sind, spielte sich 2003 ab, mitten in der Krise der IG Metall während des Flügelkampfes. Da forderte Wetzel laut und deutlich: "Peters muss weg." Vier Jahre später ist es so weit.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.09.2007