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Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dirk Schreiber

Annette Michel-Zielke
Zwischengeparkt: Auf dem Weg zum Deutschlehrer schob der Germanist die Promotion ein.
"Das Dumme in der Welt bekämpfen" - so lautete das Ziel von Dirk Schreiber zu Studienbeginn. Sein Berufswunsch: Lehrer für Deutsch und Geschichte. Damals, 1989, hieß es, dass Mitte der 90er Jahre Lehrer gebraucht würden. So immatrikuliert er sich an der Bonner Uni für Germanistik, Geschichte und Erziehungswissenschaften. Nach dem Grundstudium wechselt Schreiber an die Marburger Uni. Neben der elterlichen Unterstützung sorgt er selbst für seinen Unterhalt, als Rudertrainer, Bauarbeiter, Kellner und geht auch schon mal Rasen mähen. An der Uni besucht Schreiber vor allem Veranstaltungen, die "für viele langweilig klingen oder Freitags um 16 Uhr beginnen" - und deshalb leer sind. Schon bald kennt er einige Dozenten persönlich. Die guten Kontakte erleichtern ihm das Studium - und werden sich noch bis in das Berufsleben auswirken.

"Ich weiß, das klingt abgedreht"

Die besten Jobs von allen


Nach 14 Semestern und drei Schulpraktika macht sich Dirk Schreiber an seine Examensarbeit: "Die Fischnamen in der Physica von Hildegard von Bingen". Dass dieser Titel die unterschiedlichsten Reaktionen hervorruft, daran hat sich Schreiber längst gewöhnt: "Das klingt abgedreht, ist es vielleicht auch. Aber das ist echte Grundlagenforschung. Die Physica ist ein mittelalterlicher Text und bis heute noch nicht textkritisch veröffentlicht. Er ist in einem lateinisch-deutschen Mix verfasst. Da sind teilweise Wörter drin, die noch nie jemand gesehen, geschweige denn erforscht hat." Und deshalb auch in keinem Wörterbuch zu finden sind. Schreiber wagt sich an die erstmalige Übersetzung dieser eigenwilligen Wortschöpfungen und überzeugt damit seinen Professor: Examensarbeit bestanden.

Nach dem Ende des Studiums - wir schreiben mittlerweile das Jahr 1996 - stehen die Chancen zur "Bekämpfung der Dummheit" jedoch schlecht: Es gibt kaum freie Stellen für Lehrer, und eine große Zahl arbeitsloser Pädagogen bevölkert das Arbeitsamt. Dirk Schreiber aber braucht sich dort nicht einzureihen. Sein Professor, der sein Examen betreute, forscht über den rheinisch-fränkischen Wortschatz der Hildegard von Bingen. Und er weiß, dass Schreiber mit diesem Gebiet vertraut ist. Der Professor bietet dem frisch gebackenen Akademiker eine Stelle an der Marburger Uni an, mit der Möglichkeit zur Promotion. Jetzt machen sich die exotischen Kenntnisse bezahlt: Vier Wochen nach dem Examen tritt Schreiber seine Arbeit an. Nur schade, der Job an der Uni ist befristet und Gelder zur Verlängerung der Forschungsarbeit bleiben aus. So steht er nach anderthalb Jahren auf der Straße - ohne Einkommen, und unterm Arm eine halbfertige Doktorarbeit.

"Man muss auf dem Teppich bleiben!"

Acht Monate dauert diese Durststrecke, in der er "den üblichen Behördentriathlon - Nummer ziehen, warten, frustriert heimgehen" - beim Arbeitsamt macht. Seine Doktorarbeit mutiert in dieser Zeit zum Klotz am Bein, da sie viel von seiner Zeit beansprucht. Potenzielle Arbeitgeber befürchten, dass er deshalb nicht voll einsatzfähig ist. Schließlich nimmt er ein Archivpraktikum an. Neben seiner Promotion stöbert Schreiber nun im Keller seiner ehemaligen Schule in Bonn herum, wenn auch unbezahlt: "Ich wühle eben gern in alten Sachen, auch wenn die nur 100 Jahre alt sind." Als das Praktikum zu Ende geht, kommt die gute Nachricht: An der Uni ist wieder Geld für Forschung da und Dirk Schreiber wird für drei Jahre wieder eingestellt.

Seit Mai 2001 ist seine Doktorarbeit fertig. Der Forschungsauftrag an der Uni läuft noch ein Jahr weiter. "Forschen macht Spaß", findet er, "man muss aber auf dem Teppich bleiben. Außerhalb des Instituts interessiert diese Arbeit nur sehr wenige." Das eigentliche Ziel, Lehrer zu werden, verlor er daher nie aus den Augen und plant sein Referendariat am Studienseminar Bonn für 2003. Jetzt werden Lehrer in Nordrhein-Westfalen nämlich händeringend gesucht.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.12.2001