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Wissenschaftliche Arbeiten vermarkten

Viel Schweiß und Arbeit hat die Diplomarbeit gekostet - zu schade, sie nur im Regal einstauben zu lassen.
Noch ein letzter Kontrollblick: Alle Seiten sind vorhanden und sauber nummeriert. Schnell zum Copy-Shop. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Saubere Klebebindung, roter Pappdeckel - fertig ist die Diplomarbeit. Ein paar Wochen später: Ein banger Blick aufs Schwarze Brett, wunderbar: Bestanden! Später im Diplomzeugnis gibt es einen kurzen Vermerk mit Titel der Arbeit und Note.Und das soll alles gewesen sein? Ein paar Professoren, ein paar Freunde, sonst hat niemand die Arbeit zur Kenntnis genommen. Doch das muss nicht so sein: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Leser für eine Haus-, Diplom-, Magisterarbeit oder auch Dissertation zu gewinnen und daran auch noch etwas zu verdienen.

Die besten Jobs von allen

Auftragsarbeiten
Auf Nummer sicher geht, wer sich schon einen Sponsor oder Auftraggeber sucht, bevor er sein Thema festlegt. Zahlreiche Unternehmen suchen Diplomanden und Doktoranden für ein Praktikum oder einen Werkvertrag, damit die in Zusammenarbeit mit dem Professor ein für das Unternehmen interessantes Thema untersuchen.
"Bei Ingenieuren sind es schätzungsweise schon um 60 Prozent der Absolventen, bei BWLern immerhin noch 30 bis 40 Prozent, die ihre Arbeit direkt in Unternehmen schreiben. "Tendenz steigend", sagt Christiane Konegen-Grenier vom Institut der deutschen Wirtschaft. Manche Unternehmen bieten Themen in Diplomarbeitsbörsen an. Die Handelskammern vermitteln ebenfalls zwischen Diplomand und Unternehmen. Wunder oder gar eine Sanierung der eigenen Haushaltskasse sollte man sich davon aber nicht versprechen. Wer um die 700 Mark pro Monat bekommt, kann sich glücklich schätzen. Wirklich interessant an dieser Zusammenarbeit sind die Jobmöglichkeiten, die sich aus solchen Kontakten ergeben können.Im nachhinein verkaufen
Wer das Vorher-Anfragen verpasst hat, kann trotzdem noch Kapital aus seiner Diplomarbeit schlagen, so wie Oliver Tüngeler aus Offenbach. "Ich wurde schon während der Literaturrecherche und bei Telefonaten mit zahlreichen Unternehmensberatern immer wieder gefragt, ob ich ihnen ein Exemplar meiner Arbeit zukommen lassen könnte."
Tüngeler verkaufte seine Arbeit vier Mal für je 300 Mark und beschloss gleichzeitig, daraus ein größeres Geschäft zu machen: Mit einem Partner gründete der 29-Jährige die Agentur Inter-Ned (www.inter-ned.com).1998 startete das Angebot mit zehn Arbeiten - heute sind über 500 im Angebot. Neben deutschsprachigen Arbeiten vermarktet Tüngeler auch Dissertationen, Diplomarbeiten, Magister- und Staatsexamensarbeiten in Fremdsprachen im In- und Ausland.Die Agentur Bedey, Haschke & Meyer (www.diplom.de) startete bereits 1996: "Aus einem studentischen Projekt mit drei Teilzeitkräften und einer Vision ist eine Existenzgrundlage für heute zehn feste Mitarbeiter geworden", erzählt Mitgründer Björn Bedey aus Hamburg.Arbeiten aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich, aus den Ingenieurwissenschaften oder auch der Informatik lassen sich besser vermarkten als solche mit geisteswissenschaftlichem Bezug. "Unternehmensberatungen fragen Management- und Personalthemen an. Bei der Konsumgüterindustrie sind es Marketing- und EDV-Themen", hat Marc-Oliver Lux vom Vermittlungsdienst für Diplomarbeiten (VDD, www.vdd-online.com) festgestellt. Marketingthemen gefragt
"Nach wie vor sind Diplomarbeiten mit Marketingthemen angesagt, neuerdings verstärkt über die New Economy", hat Uwe Tribian festgestellt. Sein Hamburger Vermittlungsbüro für Diplomarbeiten hat vor vier Jahren mit Karriere Studies for Sale gestartet.
Das Angebot umfasst mittlerweile rund 700 Diplomarbeiten. Marketingthemen sind mit knapp 40 Prozent Anteil bei den Käufern besonders beliebt. Stark steigt die Nachfrage nach Studien aus der Themenrubrik "Banking und Finanzen", insbesondere rund um den Neuen Markt. "Diese aktuellen und zum großen Teil hochqualifizierten Studien mit einem Notendurchschnitt von 1,5 entwickeln sich zu richtigen Bestsellern, da häufig noch keine einschlägige Literatur zu den Themen existiert", sagt Tribian.Mehrfach verwerten
Die Preispolitik bei den Vermarktern ist sehr unterschiedlich. Die Aufnahme der Arbeiten in den Vertriebskatalog ist in der Regel kostenlos. Den Verkaufspreis kann der Verfasser entweder selbst bestimmen, oder die Agentur legt wie Inter-Ned den Preis auf 464 Mark fest. Hinter dem Festpreis stehen Erfahrungswerte: "Diplomarbeiten sind preisunelastische Güter. Weder höhere noch niedrigere Verkaufspreise bringen einen größeren Absatz", stellte Oliver Tüngeler fest.
Der Autor erhält zwischen 50 und 60 Prozent des Verkaufspreises ausbezahlt. Keine Agentur macht einen Exklusivvertrag. Jeder kann seine Arbeit also mehreren Vermittlern andienen. Die Agenturen übernehmen in der Regel das Marketing und den Vertrieb. Sie vervielfältigen und versenden die Arbeiten. Wird eine Zusammenfassung gewünscht, empfiehlt es sich, diese nicht unbedingt aus der Arbeit zu übernehmen, sondern sie lieber etwas werbeträchtiger zu formulieren. Dass eine Agentur eine Arbeit hinter dem Rücken des Verfassers verkauft, davor ist natürlich niemand gefeit. Die Vermittler versuchen Vertrauen zu schaffen, indem sie zum Beispiel dem Käufer die Adresse des Verfassers liefern und umgekehrt, so dass beide miteinander in Kontakt treten können. Doch im Prinzip bleibt nur, auf die Seriosität zu vertrauen. Der VDD wiegelt ab: "Wenn bekannt würde, dass wir unsauber arbeiten, wären wir sofort raus aus dem Geschäft."Auf eigene Faust
Natürlich kann jeder Absolvent seine Arbeit auf eigene Faust vermarkten. Doch das macht viel Arbeit, und der Erfolg ist zweifelhaft. Die Agenturen verfügen über gute Kontakte und bieten - das ist am wichtigsten - den Suchenden Hunderte von Arbeiten an. Ein Besuch auf der Web-Site lohnt sich also für Unternehmen fast immer.

Thorsten Trede

Finden Sie das Thema Ihrer Diplomarbeit unter: www.karriere.de/diplomarbeiten



Rezension/Buchtipp der Redaktion:

Wie schreibe ich eine Seminar- oder Examensarbeit?

Autor: Walter Krämer

Wie schreibe ich eine Seminar- oder Examensarbeit? Das ist die Preisfrage - für jeden Studenten. Schließlich zählt das Schriftliche wenigstens 50 Prozent. Walter Krämer ist zwar Professor und Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften - verspricht aber Antworten zu geben, die für alle Fächer gelten. Woher das Thema für eine wissenschaftliche Arbeit kommt, wie man es sinnvoll eingrenzt - damit beginnt das Buch. Es gibt nützliche Recherchetipps, ausführliche Hinweise zum Schreibstil und zu Schaubildern, Regeln fürs richtige Zitieren. Kurz - alle Grundlagen. Wobei sich Leser trotz der Vielzahl der hier erteilten Ratschläge zusätzlich an ihrem Lehrstuhl erkundigen sollten. Denn manchmal gibt es eben doch von Uni zu Uni Besonderheiten, die solch ein Buch natürlich nicht im Detail erfassen kann. Da kommt es dann auf die Hartnäckigkeit jedes Einzelnen an.

Campus concret

Dieser Artikel ist erschienen am 11.10.2000