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Wirtschaftsprüfer konkurrieren um Nachwuchs

Von Chris Löwer, Handelsblatt
Karriere im Mittelstand oder im internationalen Konzern? Wie kaum in einer anderen Branche hat der Wirtschaftsprüfer-Nachwuchs die Wahl. Er kann sich aussuchen, wo er anfängt, weil werdende WPs gefragt sind.
Karriere im Mittelstand oder im internationalen Konzern? Wie kaum in einer anderen Branche hat der Wirtschaftsprüfer-Nachwuchs die Wahl. Er kann sich aussuchen, wo er anfängt, weil werdende WPs gefragt sind.Wie kaum in einer anderen Branche hat der Wirtschaftsprüfer-Nachwuchs noch Wahlfreiheit: Er kann sich aussuchen, wo er anfängt, weil werdende WPs gefragt sind. Und damit fangen die Probleme an. Die grundlegende Frage, über die entschieden werden muss, ist: Gehe ich zu einer großen, international tätigen Gesellschaft oder besser zu einem Mittelständler?

Die besten Jobs von allen

?Die Größe des Unternehmens allein kann nicht das entscheidende Kriterium sein?, sagt David Thorn, Sprecher der Wirtschaftsprüferkammer Berlin (WPK). ?Im Vordergrund sollten die Interessen des Bewerbers und die speziellen Tätigkeitsbereiche der Prüfungsgesellschaft stehen.?Schlagender Vorteil bei einem Job im Mittelstand ist das breite Einsatzgebiet. Ein Fall für Generalisten. ?Das große Plus liegt darin, dass hier auch Prüfungsassistenten einen umfassenden Überblick über Aspekte der Mandantenbeziehung erhalten?, erläutert Thorn. Und: ?Es besteht nicht die Gefahr, zu früh zum Spezialisten für einzelne Teilaspekte einer Prüfung zu werden.?Als Teil der Big Four, den vier größten Firmen der Branche, ist ein solcher Werdegang, weg vom Allgemeinen, eher wahrscheinlich. Allerdings locken hier illustre Namen im Mandantenstamm. ?Sich zu spezialisieren, kann ein Vorteil oder Nachteil sein. Deshalb sollte man früh entscheiden, was man will. Wer bei einer großen Gesellschaft einsteigt, wird im Lauf seiner Karriere zum Spezialisten - und das muss man wollen?, sagt Frank M. Hülsberg, Partner Assurance & Advisory, bei Deloitte & Touche, einem der Branchenriesen.Hülsberg wirbt für einen Einstieg bei den Großen, weil deren Ausbildungsprogramme umfangreich, aktuell und strukturiert seien: ?Je nach Karrierefortschritt begleiten wir unsere Mitarbeiter mit Seminaren und Trainingsprogrammen.? Bei Deloitte ruht die Ausbildung auf vier Säulen: Seminare, deren Inhalte wichtig für eine globale Tätigkeit sind, lokale Trainings, die aktuelle Themen aufgreifen, spezielle Fachseminare und externe Fortbildungen, die zur Vertiefung belegt werden können.?Ein derart breit gefächertes Angebot kann ein WP-Mittelständler nicht bieten. Dort muss sich der Nachwuchs meist selbst um die Ausbildung kümmern. Ihm stehen dazu häufig nur eine Bibliothek und Fachzeitschriften zur Verfügung?, schildert Hülsberg seine Erfahrung.Ein Vorzug durch Größe, den auch WPK-Sprecher Thorn sieht: ?Interessant bei den großen Gesellschaften sind die internen Aus- und Fortbildungsprogramme.? Bei international agierenden Prüfern wird der Nachwuchs gleich auf das globalisierte Geschäft geeicht. Allein schon, weil Konzerntöchter weltweit verstreut und in der Ausbildung meist Ortswechsel vorgesehen sind. Dieser Blick über das HGB hinaus wird künftig überlebenswichtig, weshalb auch WPs in kleineren Kanzleien notfalls in Eigenregie ihren Horizont erweitern müssen.Aber auch jenseits der Branchenriesen lassen sich internationale Erfahrungen sammeln. Bei Rödl & Partner, mittlerweile auf 2 300 Mitarbeiter angewachsen, stehen Auslandserfahrungen bei den Niederlassungen in den USA sowie Mittel- und Osteuropa auf dem Programm. Außerdem wird gezielt internationale Rechnungslegung sowie Wirtschaftsenglisch unterrichtet. ?Alle Mitarbeiter können hausinterne- und externe Schulungsangebote nutzen?, berichtet Sprecher Matthias Struwe. Sein Chef, Bernd Rödl, gibt mit Blick auf die Big Four zu bedenken: ?Eine zu große Spezialisierung kann von Nachteil sein, Generalisten sind nach wie vor gefragt.?In die Spezialisierungsfalle kann man aber auch bei kleineren Gesellschaften tappen: ?Zieht es den Bewerber hier zu einem ausgewiesenen Spezialisten oder eher in eine etwas breiter aufgestellte Gesellschaft??, merkt Jochen Rölfs an, Vorstandssprecher von Rölfs-Partner. Seine Argumente für den Mittelstand: ?Flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege, Partnerschaftlichkeit im Umgang miteinander, Nähe zum Mandanten, flexibles Arbeiten frei von starren Regelungen, eine schnell wachsende Übernahme von Verantwortung.?Peter Kaldenbach, Geschäftsführer bei der 400 Mitarbeiter starken Gesellschaft Warth & Klein, kann dem nur zustimmen: ?Schon recht früh wird dem WP-Nachwuchs die Möglichkeit geboten, bei Mandanten Eigenverantwortung zu übernehmen und so schnell in Führungspositionen hineinzuwachsen.? Dies sei nur durch das überschaubare, persönliche Umfeld möglich, durch das Berufsanfänger rasch alle WP-Aufgaben wahrnehmen können.Das sieht zwar auch Deloitte-Partner Hülsberg so, aber er hält den raschen Aufstieg in den Kreis der Partner bei Mittelständlern eher für Glückssache, wohingegen die Stationen der Karriereleiter bei den Großen klar vorgezeichnet seien: ?Es gibt feste Kriterien, nach denen Mitarbeiter bewertet werden und aufsteigen können.?Idealtypisch sieht das so aus: Nach zwei bis drei Jahren Tätigkeit als Prüfungsassistent wird der Einsteiger zum Prüfungsleiter. Bei entsprechender Qualifikation ist nach fünf bis sechs Jahren der Schritt zum Prüfungsleiter vorgesehen und nach acht bis elf Jahren die Ernennung zum Partner.Spätestens dann spielt man in der Liga der Spitzenverdiener ? in der Region von 200 000 Euro aufwärts. Fraglich ist, ob dann der Unterschied von 50 000 Euro, den Hülsberg zwischen dem Einkommen eines Partners einer mittleren und dem einer großen Gesellschaft ausgemacht hat, noch arg ins Gewicht fällt.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.10.2003