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Wirtschaftsgröße mit sozialem Engagement

Der Hanauer Unternehmer Jürgen Heraeus soll das durch Finanzquerelen in die Schlagzeilen geratene Kinderhilfswerk Unicef Deutschland aus der Krise führen. Der gebürtige Hesse gilt als einer der großen Wirtschaftspersönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte ? und als äußerst familienfreundlich. Ein Porträt.
Jürgen Heraeus, der neue Vorsitzende der deutschen Sektion des Kinderhilfswerks Unicef. Foto: ap
HB BERLIN. Der Unicef-Vorstand wählte Jürgen Heraeus überraschend am Freitag in Berlin einstimmig zum neuen Vorsitzenden. Er wolle in zwei bis drei Monaten das Vertrauen der Spender zurückgewinnen, sagte der 71-Jährige. Dennoch könnte das Spendenaufkommen der Hilfsorganisation nach seinen Worten in diesem Jahr um etwa 20 Prozent einbrechen. In der Vergangenheit habe Unicef jährlich bis zu 100 Millionen Euro an Spenden erhalten.Heraeus ist Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Familienunternehmens. Der Technologie-Konzern beschäftigt rund 12 000 Mitarbeiter. Die Geschäftsfelder erstrecken sich über Edelmetalle, Sensoren, Dental- und Medizinprodukte, Quarzglas und Speziallichtquellen. Der Umsatz liegt nach Unternehmensangaben bei mehr als zehn Milliarden Euro. Jürgen Heraeus war an der Erstellung eines Kodex für gute Unternehmensführung im Mittelstand beteiligt. Diese Erfahrung wolle er für mehr Transparenz bei Unicef nutzen.

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Der neue Vorsitzende des Kinderhilfswerkes gilt als familienfreundlicher Manager mit sozialem Engagement. Über Stiftungen fördert er die Jugend- und Erwachsenenbildung. Im November 2007 wurde Heraeus als ?Familienunternehmer des Jahres? geehrt. Die Auszeichnung erhielt der 71-Jährige von der Intes-Akademie für Familienunternehmen und dem Wirtschaftsmagazin ?impulse? ? für den Führungsstil des Unternehmens, dessen Eigentümerfamilie mehr als 190 Mitglieder umfasst. ?Wir können nicht alle Aufgaben der nächsten Generation überlassen?, lautet sein Credo.Heraeus studierte Betriebswirtschaft in Freiburg und München und promovierte im Jahr 1963 über "Direct Costing als Grundlage kurzfristiger Unternehmensentscheidungen". Im Jahr darauf trat er als Vertreter der vierten Generation in die familieneigene Hanauer W. C. Heraeus GmbH ein. Als zentrales Ziel erachtete er es, die Unabhängigkeit des Konzerns als Familiengesellschaft langfristig zu sichern und den Konzern gleichzeitig global auszurichten. Die Ursprünge des Unternehmens gehen auf den Chemiker und Apotheker Wilhelm Carl Heraeus zurück, der 1856 ein Verfahren zum Schmelzen von Platin entwickelte. Von 1983 bis 2000 war Jürgen Heraeus Vorstandschef. Dann übergab er die Führungsposition an familienfremde Manager. Ebenfalls im Jahr 2000 wurde Heraeus vom damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau für seinen persönlichen Einsatz in wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Bereichen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnetLesen Sie weiter auf Seite 2: Für Aufsehen sorgte Heraeus 2003 als Aufseher der mg technologies AGFür Aufsehen sorgte Heraeus 2003 als Aufseher der MG Technologies AG, ehemals Metallgesellschaft, wo er den umstrittenen Chef Kajo Neukirchen feuerte. Der neue MG-Hauptaktionär, der mit Heraeus befreundete Unternehmer Otto Happel, setzte den Führungswechsel in dem überschuldeten Technologiekonzern durch. Im Oktober 2004 kam es erneut zu Turbulenzen: Der Vorstandschef der MG Technologies AG, Udo Stark, wehrte sich in einem offenen Kampf gegen die Eingriffe von Aufsichtsratsmitglied und Großaktionär Happel, der sich wiederholt ins operative Geschäft eingemischt haben sollte. In der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung wurden weder über Happels noch über Starks weiteren Verbleib entschieden. Zwei Wochen später verließ Stark dann den Frankfurter Technologiekonzern.Neben den Aufsichtsratsposten bei Heraeus Holding, Heraeus Tenevo und MG Technologies gehörte der Unternehmer auch den Kontrollgremien von Messer Griesheim, Epcos, Buderus, Heidelberger Druckmaschinen und IKB Deutsche Industriebank an und engagierte sich als stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung, dem Hochschulrat der TU Darmstadt, als Präsidiumsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde und als Vorsitzender des Arbeitskreises China der Deutschen Wirtschaft.Bei Unicef hat er viel vor: ?Die neuen Vorstandsmitglieder wollen ein neues Bild von Unicef Deutschland abgeben?, sagte Heraeus nach seiner Wahl. In der Vergangenheit sei ?ein bißchen schlampig gearbeitet worden?. Unicef war wegen angeblicher Verschwendungen in die Schlagzeilen und ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. In der Folge waren nach heftigen internen Auseinandersetzungen die Vorsitzende Heide Simonis und später auch Geschäftsführer Dietrich Garlichs zurückgetreten. Die Organisation verlor zudem das Spenden-Siegel, das ihr einen seriösen Umgang mit Spenden bescheinigte.Neu im Vorstand sind unter anderem die im Vorfeld als Favoritin für den Vorsitz gehandelte Ex-Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff und die Fernsehjournalistin Maria von Welser. Sie sollen Heraeus als Vizevorsitzende unterstützen. ?Er ist ein Unternehmer mit großem Herzen und klugem Verstand?, sagte von Welser dem Handelsblatt. ?Wir wollen im nächsten halben Jahr das Schiff wieder in die richtige Richtung bringen.? Ann Kathrin Linsenhoff ergänzte: ?Er bringt die nötige Erfahrung mit, um Unicef auch wirtschaftlich nach vorne zu bringen.? Linsenhoff und von Welser waren am Donnerstag in den neuen Vorstand des Hilfswerks gewählt worden. Ein neuer Geschäftsführer wurde bisher nicht bestimmt. Diesen Posten solle künftig eine Person außerhalb des Vorstands übernehmen, erklärte Heraeus.Heraeus ist verheiratet und hat fünf Töchter. Der Kulturliebhaber schätzt moderne Kunst, Ballett, Theater und Konzerte. Er betätigt sich sportlich beim Skilaufen und Segeln.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.04.2008