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Wirtschaft im Abitur ist kein Tabu mehr

Von Henning Schumacher, Handelsblatt
Beim Thema Wirtschaftsunterricht in der Schule kocht jedes Bundesland sein eigenes bildungspolitisches Süpplein. Ob Pflichtfach, Wahlfach oder fächerübergreifenden Unterricht ? jedes Land wählt seine eigene Rezeptur.
DÜSSELDORF. Doch eines steht fest: Ökonomische Bildung gewinnt an deutschen Schulen an Bedeutung. In den Lehrplänen wächst die Zahl der Fächer mit wirtschaftlichen Inhalten.?Die Bundesländer haben das Problem erkannt und beginnen, Defizite im Bereich ökonomische Bildung zu beseitigen?, sagt Professor Hans Kaminski, Leiter des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg. Der Nachholbedarf sei vor allem im Gymnasialbereich enorm. ?Je höher der schulische Abschluss, desto weniger Wirtschaft steht in der Regel auf dem Stundenplan?, kritisiert Kaminski. An Haupt- und Realschulen sehe es besser aus, weil sich dort Fächer wie ?Arbeitslehre? oder ?Arbeit/Wirtschaft? fest etabliert hätten.

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Bewegung im Lehrplan hat es zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen gegeben. Das Schulministerium hat beschlossen, dass im kommenden Schuljahr landesweit alle Gymnasien in der Oberstufe bis zum Abitur das Fach ?Sozialwissenschaften/ Wirtschaft? als Wahlfach anbieten dürfen.Die Neuregelung ist das Ergebnis eines Modellprojekts für praxisnahen Wirtschaftsunterricht (?Prawis?), das auf eine Initiative der IHK-Nord-Westfalen zurückgeht: Im Rahmen von ?Prawis? haben 380 Schüler an sechs Gymnasien seit dem Schuljahr 2001/2002 im Fach Sozialwissenschaften schwerpunktmäßig Wirtschaft gelernt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: In Bayern gibt es zwei Stunden "Wirtschafts- und Rechtskunde" pro Woche:Daneben besuchten die Jugendlichen Firmen, absolvierten betriebliche Praktika und übernahmen eigenverantwortlich Projekte zu wirtschaftlichen Themen, wie zum Beispiel die Planung einer Existenzgründung. ?Das Modell hat sich als sehr positiv erwiesen. Im Rahmen des neuen Schulfachs wollen wir das Konzept auf das ganze Land übertragen?, sagt Nina Schmidt, Pressereferentin des Schulministeriums in Düsseldorf.Auch im Saarland geht der Trend zu einem Wahlfach ?Wirtschaft? in der Oberstufe. Die Zahl der Gymnasien mit diesem Angebot sei zwar noch gering, sagt Wolfgang Reus vom Bildungsministerium. ?Die Nachfrage hat aber in den letzten Jahren zugenommen.? Daneben sollen wirtschaftliche Themen in anderen Fächern ? zum Beispiel in Sozialkunde und Politik ? vertieft behandelt werden. Auf Wirtschaft als Pflichtfach setzen beispielsweise Bayern und Hessen. Die Hessen haben das Fach ?Wirtschaft und Politik? vor zwei Jahren in den Fächerkanon fürs Gymnasium aufgenommen. Im Freistaat lernen Gymnasiasten sogar bereits seit 1976 ?Wirtschafts- und Rechtskunde?. In der neunten und zehnten Klasse stehen zwei Stunden pro Woche auf dem Lehrplan. In der Oberstufe können die Schüler das Fach ?Wirtschafts- und Rechtslehre? belegen.Der Vorteil in Bayern: Die meisten Lehrer haben ein Wirtschaftsstudium an der Uni absolviert. In anderen Ländern müssen fachfremde Pädagogen, zum Beispiel Sozialkunde- oder Erdkundelehrer, oft erst Fortbildungskurse belegen.Doch das Modefach ?Wirtschaft? stößt nicht überall auf Gegenliebe: Rheinland-Pfalz etwa bevorzugt weiterhin eine fächerübergreifende ökonomische Bildung. ?Wirtschaftliche Themen sollten in fast allen Fächern ? von Sozialkunde bis hin zu Mathe ? eine wichtige Rolle spielen. Die verschiedenen Aspekte der Wirtschaft können so besser vermittelt werden?, sagt Wolf-Jürgen Karle, Pressesprecher des Bildungsministeriums.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Lehrerfortbildung läuft auf HochtourenDie Lehrerfortbildung im Fach Wirtschaft läuft zurzeit auf Hochtouren. Die Kultusministerkonferenz hatte die ökonomische Bildung bereits im Herbst 2001 zu einem einen ?unverzichtbaren Bestandteil der Allgemeinbildung? erklärt.Ein Novum in der Bildungslandschaft stellt die Initiative ?Ökonomische Bildung Online? dar: Rund 350 Lehrer werden hier über das Internet für den Wirtschaftsunterricht in den Sekundarstufen I und II fit gemacht. In Präsenz- und Online-Phasen lernen die Pädagogen Grundzüge der Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Wissenschaftspropädeutik und Fachdidaktik. ?Ziel ist es, an jeder Schule, mindestens zwei Lehrer für den Wirtschaftsunterricht zu qualifizieren. Das entspricht bundesweit einer Gesamtzahl von 12 000 Lehrkräften?, sagt Bildungsexperte Kaminski, dessen Oldenburger Institut das Vorhaben gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung betreut.Finanziert wird die Initiative von öffentlichen und privaten Geldgebern. Nach einer Pilotphase in Niedersachsen und Baden-Württemberg haben sich mittlerweile acht weitere Bundesländer der Initiative angeschlossen. ?Vor dem Hintergrund des Kulturföderalismus in Deutschland ist das eine kleine bildungspolitische Sensation?, sagt Kaminski.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.06.2004