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Wird schon wieder

Georg M. Oswald
Ich war bei einem Freund zum Essen eingeladen, der gerade seinen Job verloren hatte. Ich stellte mich auf einen etwas mühsamen Abend in der Rolle des vergeblichen Trostspenders ein. Mein Freund war Online-Redakteur.
Ich war bei einem Freund zum Essen eingeladen, der gerade seinen Job verloren hatte. Ich stellte mich auf einen etwas mühsamen Abend in der Rolle des vergeblichen Trostspenders ein. Mein Freund war Online-Redakteur. Bis zu dem Tag, an dem wir uns trafen, hatte er noch gehofft, die Firma würde durchhalten, aber den Gefallen tat sie ihm nicht. Die letzte Kündigungswelle spülte ihn hinaus.

Mein Freund, nennen wir ihn Jörg, hatte einen Nudelauflauf vorbereitet. So einen von der Sorte, wie sie in der Werbung präsentiert werden. Man wirft ungekochte Nudeln in eine Schüssel, vermischt den Inhalt eines Tütchens mit Wasser, was eine zähe, klebrige Masse ergibt, und kippt sie über die Nudeln. Nach 20 Minuten im Rohr erhält man etwas, das nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem hat, was auf dem Tütchen abgebildet ist, aber bitte, man kann es essen.

Die besten Jobs von allen


Also saßen wir im Wohnzimmer seiner Zweizimmerwohnung, schaufelten den Nudelauflauf in uns hinein und tranken dazu Chardonnay, den Jörg an der Tankstelle besorgt hatte, weil ihm erst nach Ladenschluss eingefallen war, dass er keinen zu Hause hatte.

Nachdem wir unseren Auflauf verdrückt und uns an den merkwürdigen Nachgeschmack des Weins – war das Benzingeruch? – gewöhnt hatten, kam Jörg zur Sache.

?Ich war die letzten acht Wochen Tag und Nacht in der Firma und habe gearbeitet. Ohne Gehalt, wie sich jetzt herausstellt. Aber das ist nicht das Schlimmste. Mir ist beigebracht worden, dass wir für unser Leben selbst verantwortlich sind. Es kommt auf uns an. Auf unseren Einsatz. Wenn der stimmt, ist alles möglich. Dachte ich immer. Aber jetzt, jetzt bezweifle ich das."
Ich beschäftigte mich mit dem Korken der zweiten Weinflasche, der aus irgendeinem Grund zerbröselte und in Einzelteilen in die Flasche hineinfiel. Ich bemühte mich, die Bröckchen mit einem Messer herauszufischen.

?Hörst du mir überhaupt zu?", fragte Jörg. Seine Nerven lagen wirklich ziemlich blank.

?Du wirst doch nicht glauben, dass deine Qualifikation oder die Qualität deiner Leistung darüber entscheidet, ob du einen Job bekommst oder verlierst?", sagte ich und lächelte ihn an. ?Was denn sonst?", fragte er verblüfft. Ich zuckte die Achseln:

?Du wirst eingestellt, weil dort, wo du dich gerade bewirbst, Geld da ist und jemand dich mag. Da geht es viel mehr darum, wie du riechst, als um deine Zeugnisse. Und wenn kein Geld mehr da ist, musst du leider wieder gehen. Das ist nichts Persönliches."
Jörg glaubte mir nicht. Wer seinen Job verlor, hatte einen Fehler gemacht, davon war er fest überzeugt. Vielleicht hatte er ihn schon früher gemacht, und vielleicht war er schwer zu erkennen, aber es musste ihm ein Fehler passiert sein.

?Hat dir irgendjemand etwas vorgeworfen?"

?Nein, das nicht."

?Na, was denn? Du verlierst einen Job, du findest einen Job. Was ist daran außergewöhnlich?"

?Dass ich keinen Job finden werde. Online-Redakteure sind zurzeit so gefragt wie Kopfschmerzen."

?Na siehst du. Also ist es nicht deine Schuld." Endlich waren wir beim eigentlichen Thema des heutigen Abends angelangt - der Schuldfrage. Eine von Jörgs anstrengenden Eigenschaften war, dass er in den Kategorien von Schuld und Sühne dachte. Es war ihm nicht begreiflich zu machen, dass es Strukturen gab, Konjunkturen, Tendenzen, gegen die man mit Fleiß nichts ausrichten konnte. Der Abend wurde langsam aber sicher so zäh wie Jörgs Nudelauflauf, und als wir am Boden des zweiten Chardonnays angekommen waren, stand Jörg auf, um wenig später, leicht wankend schon, mit einer Schnapsflasche und einer edel aussehenden kleinen schwarzen Schachtel anzukommen.

?Sieh dir das an" sagte er und klappte den Deckel auf. Seine Stimme klang ehrfürchtig und weinerlich zugleich. In der Schachtel lag eine Goldmedaille - echt, zweifelsohne - mit der Prägung: ?Als Dank für 40 Jahre Mitarbeit".
?Die hat mein Vater geschenkt bekommen, bevor er pensioniert wurde. 40 Jahre hat er im gleichen Laden gearbeitet. Er hat immer alles richtig gemacht, verstehst du?"

Ich gab`s auf. Den Rest des Abends tranken wir Schnaps. Mit den Worten ?Ich bin ein totaler Versager" schlief Jörg schließlich auf dem Esstisch ein.

Einige Wochen hörte ich dann nichts mehr von ihm. Ich dachte, es ginge ihm schlecht und er würde sich schon melden, wenn er mich sprechen wollte. Eines Tages aber rief er an und trällerte geradezu ins Telefon. Gut gehe es ihm, sagte er. Er sei wieder in einer Online-Redaktion untergekommen, mit einem noch besseren Gehalt. Alle Probleme hätten sich erledigt. Das Ganze sehe jetzt aus wie ein Wechsel in einen besser bezahlten Job. Sein Lebenslauf habe wieder einen Sinn. Sein Vater wäre stolz auf ihn. Ich gratulierte. Aber der nächste Nudelauflauf kommt - darauf wette ich.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2002