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"Wir kriegen einen neuen Baby-Boom"

Die Fragen stellte Martin Roos
Deutschland, wo bleiben deine Kinder? Einer weiß es. Zukunftsforscher Matthias Horx prognostiziert in seinem aktuellen Trend-Report nicht nur neuen Kindersegen, sondern ebenso Zeiten, in denen Väter statt Manager auch gerne Hausmann sind. Und das schon sehr bald.
"Wir leben in Deutschland noch immer in einer Männer-zentrierten Industriegesellschaft", sagt er. "Bis sich dieses System wirklich verändert werden noch drei oder vier Jahrzehnte vergehen. Die Geburtenrate wird jedoch früher steigen - im Jahr 2010 von heute 1,36 Kinder auf etwa 1,6 Kinder."
Herr Horx, alle klagen, dem Land fehlt der Nachwuchs, die Deutschen sterben aus. Und Sie?

Matthias Horx: Ich sage, es wird einen neuen Baby-Boom geben. Natürlich nicht von heute auf morgen..


Wann ist es denn soweit?

Wir leben in Deutschland noch immer in einer Männer-zentrierten Industriegesellschaft. Bis sich dieses System wirklich verändert und damit auch die Bedingungen für eine akzeptable Vereinbarkeit von Beruf und Familie, werden noch drei oder vier Jahrzehnte vergehen. Die Geburtenrate wird jedoch früher steigen - im Jahr 2010 von heute 1,36 Kinder auf etwa 1,6 Kinder

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Woran machen Sie Ihre Prognose fest?

Da gibt es bestimmte Indikatoren: Zum Beispiel die "Kinder-Cluster". Sie verbreiten sich immer mehr: Die Stadt Laer in Nordrhein-Westfalen hat flächendeckende Betreuungsmodelle für Kinder ab zwei Jahren entwickelt. Die Geburtenrate stieg auf 2,1 Prozent. In den Berliner Bezirken Prenzlauer-Berg und Friedrichshain brach 2003 eine regelrechte Fruchtbarkeitswelle aus - dank der hohen Zahl junger Frauen, die in den Stadtteilen leben. Sie hat die Infrastruktur viel familienfreundlicher gemacht


Bundesweit mangelt es aber noch stark an familienfreundlichen Strukturen.

Ganz klar. Aber darum geht es ja in der immer stärker werdenden öffentlichen Debatte. Auch sie veranlasst uns, einen Boom vorherzusagen. Die verstärkte Diskussion um die Ganztagsschulen sorgt heute in Politik und Gesellschaft für ein neues Verständnis für die Bedürfnisse von Familien. Das alte Schulsystem wird radikal überprüft


Muss sich nicht auch in den Köpfen der Männer was tun?

Das Verhältnis von Mann und Frau verändert sich ja schon heute. Männer sind bei der Geburt dabei, schieben regelmäßig ihren Nachwuchs im Kinderwagen durch die Gegend und signalisieren, verstärkt in der Familie mitmachen zu wollen. Das Modell der alten Industriegesellschaft kippt


Woher kommt der Gesinnungswandel?

Der Baby-Boom bezieht sich vor allem auf Frauen in der Hochbildungsgesellschaft, also Akademikerinnen, Frauen mit Künstlerberufen oder handwerklicher Meisterklasse. Mehr als 40 Prozent von ihnen haben heute keine Kinder. Und zwar, weil sie sich für ihren Ausbildungsberuf entschieden haben. Das Fortpflanzungsbedürfnis aber ist deswegen nicht ausgelöscht. Nur die Bedingungen, Kind und Beruf unter einen Hut zu bekommen, waren bisher schlecht. Der Wunsch, sie zu verändern, ist heute stärker denn je


Gibt es nicht bald auch einen Boom der Fruchtbarkeitskliniken?

Ja. Es wird zukünftig immer mehr Frauen geben, die mit Ende 30 ihr erstes Kind bekommen. Aber gleichzeitig gehen wir davon aus, dass viele Frauen der Hochbildungsgesellschaft wieder zwischen 20 und 25 Jahren erstmals Mutter werden. Das hat mit unserer Langlebigkeit zu tun. Angesichts der gestiegenen Lebenserwartung wollen junge Frauen das "Kapitel Kinder" möglichst früh beginnen, weil sie wissen, dass es nach 20-jähriger Erziehung des Nachwuchses noch viel zu leben gibt


Sie sagen, der "Krieg der Geschlechter" sei ein Grund für die aktuelle geringe Geburtenrate. Was meinen Sie damit?

Dieser Konflikt verzögert die Familiengründung, und manchmal verhindert er sie ganz: So erwarten Frauen von Männern die Hälfte der Frauenarbeit. Männer erwarten von Frauen immer noch die Aufgabe der Berufstätigkeit im Falle einer Familiengründung. Da Männer aber zunehmend beruflich unter Druck stehen und Frauen aufgrund ihres Bildungsniveaus immer seltener auf die eigene Karriere verzichten wollen, passiert in punkto Familie oft erst einmal gar nichts


Oder sie fallen mit dem ersten Kind in Traditionsrollen zurück. Die Folgen sind Konflikte und nicht selten Scheidung.

Wenn die Bedingungen in einem Staat nicht stimmen, läuft es so. Schauen Sie nach Skandinavien oder Frankreich: Ganztagsschule, flexible Arbeitszeiten, extreme Steuervorteile für Familien. Die Folge sind hohe Geburtenraten innerhalb kurzer Zeit. In Frankreich liegt die Geburtenrate derzeit auf Rekordniveau von zwei Kindern pro Frau - und das in einem Land, wo das Frauenideal eindeutig an der Berufstätigkeit hängt. Auch das angelsächsische Modell diskriminiert nicht die berufstätige Frau


Die staatlichen Hilfen sind in England und den USA nicht besser als bei uns.

Dafür gibt es dort umso mehr private Serviceleistungen. Gleichberechtigung wird sehr groß geschrieben. Die angelsächsische Familie ist zwar oft überfordert, den komplexen Alltag zu organisieren, aber unglaublich vital


Wie altbacken ist Deutschland?

Wie in Österreich, Japan und Spanien gibt es in Deutschland eine Familienverheiligung. Aller organisatorische und finanzielle Druck wird bei uns auf die Familie übertragen. Es existiert eine idealisierte Vorstellung der Mutter-Kind-Bindung. Die Mutter - teils freiwillig, teils unfreiwillig - ist die Oberprofimutter, die sich wie eine Managerin um Tagesablauf, Versorgung und Bildung der Kinder kümmert


Wie sehen die deutschen Eltern des Jahres 2010 aus?

Männer, die beruflich zurückstecken können, verbinden sich mit Frauen, die ihre Karriere schon gehabt haben


Das ist ja wie in den 50er Jahren - nur andersherum.

Stimmt. Aber das soll ja nicht heißen, dass alle Paare so sein werden. Es trifft vor allem auf solche zu, bei denen sich die Frau entscheidet, mit Mitte 30 erstmals Mutter zu werden. Frauen haben schon heute den schnelleren Karriereantrieb. Sie wissen, dass ihnen, wenn sie Kinder haben wollen, nicht viel Zeit bleibt. Bis zu ihrem 30. Lebensjahr sind Frauen viel ehrgeiziger als Männer


Sie sagen auch voraus, dass sich Eltern "lustvoll dem Chaos der Wirklichkeit ergeben werden". Was heißt das?

Viele Eltern werden wieder entdecken, dass es sich lohnt, entspannt mit Kindern umzugehen. Kinder brauchen Grenzen. Aber sie brauchen keine Super-Mami oder den Generalmanager, der ihnen täglich vorgibt, was zu tun ist. Kinder brauchen Humor


Welche Konsequenzen wird der Baby-Boom für Politik und Wirtschaft haben?

In der Politik wird die Familien- und Kinderfrage künftig zum entscheidenden Kriterium für Wahlen. In Unternehmen wird man viel mehr über Work-Life-Balance nachdenken. Und in der Industrie boomen kinderfreundliche Dienstleistungen und Produkte


Zum Beispiel PC-Software für Kleinkinder. Da fängt die Verdummung früh an.

Es wird sicher neue Baby-Computerprogramme geben, "Lapware" - vom englischen Wort für Schoß ("Lap"), wo die allerjüngsten User sitzen, weil sie sich noch nicht allein auf dem Stuhl halten können. Dass Computer blöd machen, ist aber Unsinn. Es kommt darauf an, wie Sie sie nutzen. Ich habe zwei Kinder. Beide haben mit zweieinhalb Jahren zum ersten Mal am Computer gesessen. Ein Riesenspaß für sie. Dümmer sind sie dadurch nicht geworden


Dieser Artikel ist erschienen am 06.01.2005