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"Wir kennen keine Katastrophen mehr"

Nach seinem Studium an der Filmakademie hätte der preisgekrönte Berliner Nachwuchsregisseur Alain Gsponer Tatort-Krimis drehen können, wollte aber lieber etwas Individuelles und musste sich mit allerlei Aushilfsjobs durchschlagen. Der Durchbruch gelang dem gebürtigen Schweizer mit dem Kinofilm "Das wahre Leben" .
Gsponer studierte von 1997 bis 2002 an der Filmakademie Baden-Württemberg. Von 1993 bis 1996 war er Teilhaber des Kinos Freier Film in der Schweizer Stadt Aarau, wo er auch als Rundfunkjournalist arbeitete. Sein Abschlussfilm "Kiki & Tiger" wurde preisgekrönt, der Film "Rose" mit Corinna Harfouch erhielt einen Förderpreis. Der Durchbruch gelang dem gebürtigen Schweizer mit dem Kinofilm "Das wahre Leben" (mit Ulrich Noethen, Katja Riemann, Josef Mattes und Hannah Herzsprung), der am 1. März in Deutschland anläuft. karriere sprach mit ihm über Energie, Workaholics und das Schöpfen aus der Krise


Ist Ihr Akku gerade voll?

Wie bitte?

Die besten Jobs von allen
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Ich spreche von Ihrer Energie, einem Ihrer zentralen Themen. Braucht man als einer der besten Nachwuchsregisseure in Deutschland nicht viel davon?

Ja, das ist ein zentrales Thema geworden. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, wie viel Energie man braucht, um einen Film zu stemmen - normal sind 20 Stunden am Tag

In "Das wahre Leben" spielt Energie eine Hauptrolle: Vorstellungsgespräche platzen, Bomben krachen in Nachbars Garten. Ist das die Realität?

Nein. Im Film geht es um Menschen, die nur noch funktionieren und nicht mehr wirklich leben. Da war es wichtig, dass überhaupt etwas passiert

"Die Welt brennt, und ich spüre nichts", heißt es im Film. Fühlen Sie ähnlich?

Es ist die Not des Künstlers und somit auch ein bisschen mein Problem. Und ein westeuropäisches Problem dazu. Wir kennen keine Katastrophen mehr. Unser Leben ist fast zu einfach. Die Filmkunst aber schöpft aus der Krise. In Zeiten vor, während oder nach einem Krieg sind - künstlerisch gesehen - die besten Filme entstanden. Weil man Geschichten hat. Weil man etwas zu erzählen hat. Und weil es dabei wirklich um etwas geht. Wir Filmemacher haben uns ja in dem Ansatz verrannt, die Welt verändern zu wollen

Was wollen Sie ändern?

Ich habe längst eingesehen, dass ich die Welt nicht ändern kann. Ich kann nur etwas aufzeigen und Leute zum Selbstreflektieren bewegen. Zum Beispiel meine Hauptfigur, eine Galeristin. Sie merkt selbst, wie begrenzt sie ist. Und dann nutzt sie ein kleines Mädchen aus, das offensichtlich mehr Schmerz hat, mehr erlebt hat als sie. Und tiefer in seine Abgründe gehen kann, als sie noch fähig ist. Sie spürt dabei eine Energie wie ein Vampir, der das Blut der anderen für sich selbst braucht

In Ihren Filmen geht es immer auch um Familie. Warum?

Das ist das Thema, das alle kennen. Und im Prinzip ist es auch der Bereich, wo viele Menschen schweigen

Und es ist auch ein Thema, dass dieser Gesellschaft abhanden kommt?

Genau. Dieser Film ist auch ein Entwurf dafür, dass eine nicht funktionierende Familie am Ende eine Möglichkeit erfährt, wieder zum Leben erweckt zu werden

Ist das Ihr Wunsch für die Gesellschaft?

Ich sage nicht: Eine Familie muss zusammenbleiben. Ich kämpfe nur gegen die Weigerung, in der Familie zu reden. Dieses Erkalten im Umgang schleicht sich oft ein. Es geht um Ehrlichkeit zu sich selbst. Es ist teilweise so bequem, so weiterzuleben, wie das Leben ist. Und dann gibt es die regelmäßigen Midlife-Krisen. Die sind ein Beweis dafür, dass der Trott, in den man geraten ist, bequemer war, als die eigenen Wünsche zu erfüllen

Sie beschreiben im Film einen Vater, einen Workaholic im Risikomanagement, der seine Familie kaum kennt und kulturell eine Null ist?

Ja, der fällt doppelt durch. Beruflich ist er ein toller Fachmann, aber er kann nur seine Firma "verkaufen", nicht aber sich selbst, weil er vom Leben im Grunde nichts weiß. Er hat die Verschlankung eines Unternehmens vorangetrieben, damit es im Markt bestehen kann. Er war nur zu gut und ist übers Ziel hinausgeschossen, denn durch die Firmenübernahme wurde er selbst überflüssig

Seine Frau, die Galeristin, ist davon überzeugt, kein einziges Mal etwas gemacht zu haben, was Substanz hat.

Sie hat einen eigenen Ansatz gehabt, hat Kunstgeschichte studiert, wollte Künstlerin werden. Doch sie hat sehr schnell verstanden, dass sie nicht das Talent dazu hat. Und hat sich dann dieses Hobby zum Beruf gemacht. Aber als Galeristin ist sie im Lokalsumpf verrottet

Ein Gesellschaftsproblem?

Nein. Eher ein Künstlerproblem. Ich habe mal einem assistiert, der hat zu mir gesagt: Man kann nur Kunst machen, indem man Kunstgeschichte schreibt. Der hat sich dann irgendwann umgebracht. Weil er seinen Anspruch nicht erfüllen konnte. Ganz tragisch

Ist das auch Sucht nach Anerkennung?

Nein, in diesen Kreisen ist das die Suche nach der Position in der Welt. Dass man nicht überflüssig ist. Die Sinnsuche ist sehr groß. Die Suche danach, etwas Bedeutendes zu machen, ist auch eine Suche, die man in der Religiosität finden könnte. Die ist aber nicht relevant, weil man doch zu egozentrisch ist, weil es da ja zu wenig um die Person selber geht

Was reizt Sie besonders am Filmen?

Inszenieren, Leute an die Hand nehmen, mit ihnen etwas erschaffen. Und zwar mit allen zusammen, auch mit den Kameraleuten und dem ganzen Kreativteam. Filmemachen geschieht immer in einer Gruppe. Der Regisseur ist der, der es arrangiert. Wenn man es böse formuliert: Der die Energien von allen klaut und damit ein gutes Produkt zusammenstellt

Was sind Ihre Vorbilder?

Ich bin vom asiatischen Kino geprägt. Zum Beispiel von Ang Lee. Der ist jetzt bekannt geworden durch Brokeback Mountain

Was ist das Besondere?

Die Kombination zwischen Entertainment und Tiefe. Und eine Wahrhaftigkeit in der Stilisierung zu haben

Kann man als Nachwuchsregisseur gut leben?

Wenn man den Weg einschlägt, den ich gewählt habe, nein. Nach dem Studium hatte ich zwei Möglichkeiten: Einmal hatte ich ganz konkrete Angebote für Polizeiruf, Tatort und andere Fernsehfilme - da hätte ich auch ganz gut verdient. Aber ich wollte ein individuelles Produkt zusammen mit meinen Autoren machen. Als Fördermöglichkeit gibt es da Debütgeld. Dann entwickelt man über Jahre so ein Buch und kann kaum davon leben. Man verdient erst Geld, wenn man wirklich Regie führt. Als ich nach meinem Studium meinen ersten Film gemacht habe, hab ich drei Jahre lang eigentlich nichts verdient. "Das wahre Leben" ist ja der zweite, seither geht es gut

Wie haben Sie sich durchgeschlagen?

Ich war zum Beispiel dramaturgischer Berater bei "Die fetten Jahre sind vorbei". Es gibt immer kleine Jobs, die dem Film nicht ganz fern sind

Haben Sie neue Projekte?

Geplant ist im Sommer eine Literaturverfilmung: Martin Suter und dessen Roman "Lila, Lila". Das ist wie immer noch eine Frage der Finanzierung. Man kann leider erst so sechs Wochen vor Drehbeginn sagen, ob man einen Film wirklich machen kann oder nicht

Wie sehen Sie als Schweizer Deutschland?

Ich bin ein klarer Vertreter vom deutschsprachigen Kulturraum. Ich lebe mit einer Marokkanerin zusammen, die in Deutschland aufgewachsen ist. Ich werfe ihr immer vor: Du bist unglaublich deutsch. Ich fühle mich da als Schweizer manchmal eher südländisch

Was ist denn so unglaublich deutsch?

Die Deutschen diskutieren sehr gern und handeln nicht, und die Schweizer handeln schon in kürzester Zeit, bevor man es ausdiskutiert hat. Die Deutschen hören sich gerne selber reden

Die Fragen stellte Anne Koschik
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2007