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Wir Garagenkinder

Peter Nederstigt
Die Entlassungswelle trifft alte wie junge Arbeitnehmer. Einige warten nicht auf einen Job, sondern schaffen sich eine eigene Existenz. Die Hamburger Garage macht Arbeitslose unter 30 Jahren in sieben Monaten fit für die Selbstständigkeit.
Montag ist Beichte in der Garage. 40 Männer und Frauen sitzen im Kreis in der Mitte des Großraumbüros. Hamburgs Nachwuchsunternehmer tragen Bermuda-Shorts statt Bundfaltenhose, anstelle teurer Uhren schmücken Tätowierungen den einen oder anderen Arm. Drei Dinge haben alle gemeinsam: Sie sind unter 30, waren arbeitslos und bauen sich jetzt in der Garage eine Existenz als Selbstständige auf. Auf Position 4 Uhr sitzt Elke Scheurich und blickt auf den grauen Teppich, während die anderen erzählen, was seit letztem Montag passiert ist. Einem ist ein Kunde abgesprungen, ein anderer hat eine Festanstellung gefunden, ein Musiker hat seine erste CD fertig.

Gelegentlich kritzelt Scheurich in den Terminkalender auf ihrem Schoß. Nach 45 Minuten ist sie endlich an der Reihe: ?Den Auftrag für die Internet-Seite habe ich nicht bekommen. Ich hätte aber auch gar keine Zeit mehr. Dafür sind meine Visitenkarten so weit, dass ich sie in die Druckerei geben kann.?

Früher hatte die 27-Jährige mit Akquise und Visitenkarten nichts am Hut. Nach dem Grafik- und Design-Studium hatte sie zwei Jahre in einer Multimedia-Agentur gearbeitet. Im vergangenen September wurde sie entlassen. ?Ich hatte schon damals an Selbstständigkeit gedacht. Aber auf eigene Faust hätte ich mir das nicht zugetraut.? Doch im November 2001 entdeckte die Grafikerin auf der Multimedix, der Hamburger Messe für Aus- und Weiterbildung in Medienberufen, Informationen über das Gründerzentrum Enigma (?Eine neue Idee gibt Menschen Arbeit?), zu dem auch die Garage gehört

Die besten Jobs von allen


Jobs schaffen statt Job suchen
Leiter und Gründer von Enigma ist Hajo Streitberger. 1996 hatte der ehemalige Geschäftsführer einer Bildungseinrichtung für Jobsuchende die ersten Seminare für Arbeitslose angeboten, die sich selbstständig machen wollen. Aus Schweden importierte Streitberger die Idee, Leute unter einem Dach zusammenarbeiten zu lassen. ?Die Leute bilden ihr erstes kleines Netzwerk?, erläutert Streitberger. 1998 zog er mit sechs Arbeitslosen in ein tristes Bürohaus in einem Gewerbegebiet am Hamburger Stadtpark

Heute beherbergt Enigma dort auf vier Etagen und 4 500 Quadratmetern 100 Existenzgründer und bildet das Dach für sieben Einzelinitiativen, darunter seit 1999 die Garage, die 45 Arbeitslosen unter 30 Jahren Platz bietet. Seit einem Jahr beobachtet Streitberger ?eine dramatische Nachfragesteigerung? bei den Info-Veranstaltungen von Enigma. Mittlerweile kommen alle 14 Tage bis zu hundert Interessenten. Im vergangenen November war auch Elke Scheurich dabei. In der Garage unterhielt sie sich mit einigen Teilnehmern. ?Es herrschte eine Super-Stimmung. Ich hatte das Gefühl, dass es kaum möglich ist, in der Garage einen Karren gegen die Wand zu fahren.? Für Dezember erhielt sie die Einladung zum hauseigenen Assessment Center

Mit Rollenspielen in der Gruppe und Präsentationen der Geschäftsidee testet Streitbergers Truppe, ob die Bewerber zur Gründung im Team taugen und sich nicht nur aus der Not heraus selbstständig machen. ?Mit dem Rücken zur Wand ist auch eine stabile Position, aber nicht die beste?, sagt Streitberger. Elke Scheurich hat das Assessment Center in schlechter Erinnerung: ?Ich hatte mich eher auf ein Kaffeekränzchen eingestellt. Aber dann habe ich richtig die Breitseite gekriegt.?

Einer für alle und jeder für sich
Doch sie kam durch und trat Ende Februar im so genannten ?Synergieraum?, dem Großraumbüro, in dem auch die Montagsrunde stattfindet, zum ?Bootcamp? an. In zwei Wochen sollen die Teilnehmer ihre Idee auf den Punkt bringen und eine Marktforschung durchführen. Knapp drei Tage verbrachte Scheurich fast ausschließlich in einem der spärlich möblierten Rückzugsbüro, um mehr als 100 potenzielle Kunden anzurufen. ?Das war eine ziemlich stressige Zeit?, erinnert sich Scheurich

?Was mir sehr geholfen hat, waren die anderen Leute. Die Teilnehmer lernen sich gerade in der Bootcamp-Phase gut kennen, weil sie sich den ganzen Tag zusammen um die Ohren schlagen.? Zum Abschluss präsentieren die Teilnehmer ihre Idee und die Ergebnisse der Marktbefragung in der Gruppe. ?Es ist unglaublich, wie sich die Leute gegenseitig Feedback geben. Das ist etwas, das die Garage für mich auszeichnet?, sagt Scheurich

Danach werden die monatlich etwa acht neuen Teilnehmer in zwei Gruppen geteilt. Gründer, die viel Startkapital benötigen, gehen in die Gruppe ?Risk-and-Fun? und müssen erst einmal einen Businessplan schreiben. ?Ich gehöre zur Gruppe Instant Cash und kann sofort Aufträge abwickeln?, sagt Scheurich. Zusätzlich zu den Einnahmen ihrer Multimedia-Agentur ?Basisrose? erhält sie ?Super-Plus?, eine Hilfe zum Lebensunterhalt, die sich am Bafög orientiert. Im März ist sie ins Büro von Bekannten gezogen. Jeder Zweite genießt diesen Satellitenstatus. Etwa alle anderthalb Wochen besucht sie ein kostenloses Seminar bei Enigma: ?Da war einiges, wo ich Bedarf hatte. Steuern, Kalkulation. Zeitmanagement. Verkaufstraining. Es war ziemlich wertvoll, was ich da gehört habe.?

Immer wieder montags
Ansonsten ist Scheurich seit dem Bootcamp nur montags in der Garage. ?Ich bin dankbar für den Montag. Sonst wurschtelt man vor sich hin?, sagt sie. ?Ich höre immer Sachen, auf die ich nicht gewartet habe, aber die hilfreich sind. Allerdings geht auch viel Zeit drauf.?

Während sich die anderen Teilnehmer nach der Montagsrunde auf die drei Computerinseln und die einzelnen Schreibtische im Hintergrund des Synergieraums verteilen, muss Scheurich zum Fokus-Gespräch, wo sie mit einer Psychologin von Enigma über private Probleme reden kann. Damit sich die Fahrt zur Garage lohnt, legt sie möglichst viele Termine auf den Montag. Mittags ist Elke Scheurich wieder im Stress. Während sie ihre Zigarette ausdrückt und ihre Tasche schultert, verabredet sie sich im Weggehen mit einer Styling-Beraterin aus der Garage. Sie soll ihr die Haare schneiden, dafür will Scheurich ihre Visitenkarten gestalten.

Elke Scheurich läuft die Treppe hinab. Unter der Garage befindet sich die Gesellschaft für Dienstleistungen und Management (GDM), die ebenfalls zu Enigma gehört. Hier haben sich etwa 40 Gründer zusammengeschlossen. Gleich hinter dem Eingang liegt das Büro von Benina Arend, die als Verkaufstrainerin für Enigma arbeitet. Sie ist Scheurichs Coach und trifft sich etwa einmal die Woche mit ihr

Ein Coach, ein guter Coach
Scheurich lässt sich Arend gegenüber an dem rustikalen Holztisch nieder, setzt die Brille ab und legt das Kinn auf die rechte Hand: ?Benina, ich habe nichts von dem erledigt, was wir beim letzten Mal ausgemacht haben. Ich habe meine Visitenkarten noch nicht gemacht, und ich bin noch nicht bei den Sportgeschäften gewesen, die ich als Kunden gewinnen wollte.?

Arend macht sich Notizen, hakt nach, als Scheurich erzählt, dass eine Agentur sie zwei Monate fest buchen will: ?Habt ihr irgendetwas schriftlich gemacht?? Scheurich klemmt resigniert den Kopf zwischen die Hände und Benina Arend lacht: ?Irgendeine schriftliche Vereinbarung fände ich schon gut. Nachher stehst Du ohne alles da.? Das Gespräch erinnert eher an das Treffen von zwei Freundinnen. ?Es ist Elkes Gründung. Ich sehe mich eher als Katalysator?, erklärt Arend hinterher. ?Am besten ist, wenn der Teilnehmer nach Abschluss der Garage sagt: Wofür hatte ich eigentlich einen Coach?? Dass das Garage-Konzept des Forderns und Förderns aufgeht, zeigen die Zahlen. Von den 154 Teilnehmern, die bislang die Garage verlassen haben, waren bei Projektaustritt nur zwölf wieder arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger, 119 hatten sich selbstständig gemacht. Von diesen wiederum sind 89 Prozent nach mindestens einem halben Jahr immer noch selbstständig. Die Übrigen haben überwiegend eine neue Anstellung gefunden

Nie wieder Angestellte
Solche Erfolge kann Enigma-Leiter Streitberger im Moment brauchen: Ende Oktober läuft das Pilotprojekt Garage nach drei Jahren aus. Und dann? Hajo Streitberger erhebt sich aus dem türkisfarbenen Sofa in seinem Büro, geht zu der weißen Magnettafel neben der Eingangstür und malt darauf mit rotem Stift einen Zeitstrahl. Hinter das Datum 31.10.2002 schreibt er: ?Arbeitsamt Hamburg und Behörde für Wirtschaft und Arbeit?. Dahinter markiert er den 31.10.2003 und schreibt darunter: ?210 000 Euro?

Während er vor der Wand auf und abläuft und mit dem Stift in der Hand spielt, erläutert er, wie er sich die Zukunft der Garage vorstellt. ?Bis 2003 werden wir von Arbeitsamt und Wirtschaftsbehörde finanziert. Danach müssen wir zusätzlich 210 000 Euro von privaten Sponsoren auftreiben.? Hamburger Behörden und Arbeitsamt haben schon zugestimmt, am 23. August entscheiden die Wohlfahrtsverbände, ob das Projekt ab November weiterlaufen soll

Bis dahin wird Elke Scheurich die Garage schon verlassen haben. Am 24. September ist ihr letzter Tag. Ein Jahr, nachdem sie ihren Job verloren hat, ist sie guten Mutes: ?Ich habe den Schritt in die Selbstständigkeit nie bereut. Wenn mir jetzt jemand einen Job anbieten würde, würde ich ihn nicht annehmen.?


Enigma Gründungszentrum und Garage, Mexikoring 27 ? 29, 22297 Hamburg, Tel.: 0 40.6 33 06-5 60, Fax: -5 51, Email: beratungsdienst@enigmah.de, Internet: www.enigmah.de, www.wasistgarage.de

Mittlerweile haben auch weitere Gründungszentren spezielle Angebote für junge

Arbeitslose, zum Beispiel: Dresdner Exis Europa e.V., Bergstraße 2, 01069 Dresden, Tel.: 03 51.43 70 70-0, Fax: -70, Email: post@exis.de, Internet: www.exis.de

Monex im Existenzgründerzentrum Exzet, Industriestraße 51, 70565 Stuttgart, Tel.: 07 11.78 19 32-13, Fax: -10, Email: Info@Monexnet.de, Internet: www.monexnet.de

?Auf geht?s? in der KIZ Zentrale für Existenzgründung, Odenwaldring 38, 63069 Offenbach,
Tel.: 4 0 69.59 79 11 99, Email: petrabuenz@kiz.de oder larskissner@kiz.de, Internet: www.aufgehts-online.de

Enterprise Brandenburg, Magdeburger Straße 15, 14770 Brandenburg,
Tel.: 0 33 81.66 34-02, Fax: -20, Email: enterprise@iq-consult.com, Internet: www.iq-enterprise.de.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.09.2002