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"Wir brauchen Mutmacher"

Peter Nederstigt
Nur wenn die Unternehmen Verantwortung übernehmen, werden wir Arbeitslosigkeit und Konsumschwäche überwinden, meint Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Er wirbt damit, dass Trigema nur in Deutschland produziert. Der Textilhersteller beschäftigt rund 1.200 Mitarbeiter, verspricht allen Angestellten einen Ausbildungsplatz für ihre Kinder und hat nach eigenen Angaben noch nie jemanden aus betriebsbedingten Gründen entlassen
Viele Unternehmen bauen im großen Stil Stellen ab und verkünden gleichzeitig Rekordgewinne. Wie passt das zusammen?
Das ist die Folge des Shareholder-Value-Denkens anonymer Großunternehmer. Diese Wirtschaftsform hat nichts mehr mit sozialer Marktwirtschaft zu tun. Wir brauchen wieder mehr Unternehmer mit Verantwortungsbewusstsein

Bauen Sie niemals Arbeitsplätze ab?
Auch bei uns fallen Funktionen weg. Aber ich überlege rechtzeitig, wie ich die Mitarbeiter anders einsetzen kann. Wenn ich eine Maschine kaufe, die fünf Leute einspart, weiß ich das mindestens ein Jahr im Voraus und kann die Betroffenen an einer anderen Stelle einarbeiten

Die besten Jobs von allen


Die Probleme, über die Arbeitgeber hierzulande klagen, sind also hausgemacht?
Die Unternehmen stecken in Schwierigkeiten, weil sie in guten Zeiten Weichen falsch gestellt und dem Größenwahn gefrönt haben. Wer in schwierigen Zeiten Kosten einsparen kann, hat aus meiner Sicht schon versagt, weil er damit zugibt, dass er in guten Zeiten sinnlose Kosten hatte

Welche Kosten meinen Sie?
Die Unternehmer haben den Gewerkschaften in guten Zeiten Zugeständnisse gemacht, die man besser abgelehnt hätte. Damals hätte ich erwartet, dass die Unternehmer mit der Verlegung ihrer Fabriken drohen. Aber nein, man hat allem zugestimmt: Nachtzuschlägen ab mittags um zwölf, Überstundenzuschlägen in allen Kategorien. Jetzt, da die Mitarbeiter auf vieles verzichten, geht man ins Ausland

Sie werben ja nun auch damit, dass Sie nur in Deutschland produzieren...
Ich nicht. Die Medien haben es mir auf die Zunge gelegt. Ich tue das, was vor 30 Jahren selbstverständlich war. Aber heute wird man damit zur Sensation

Aber es gibt sicher Leute, die gerade deshalb Ihre Produkte kaufen.
Ich glaube, wenn jedes Unternehmen in Deutschland produzieren würde, ginge es uns allen wesentlich besser. Es wird nicht funktionieren, dass wir woanders produzieren lassen und nur noch kassieren. Ohne Produktion werden auch Dienstleistungen und Bereiche wie Forschung und Entwicklung nicht überleben. Wir brauchen aber keine Massenprodukte, sondern Artikel, die unserem Status als High-Tech-Land und unseren höheren Löhnen entsprechen.

Haben denn Unternehmen die Pflicht, Arbeitsplätze zu schaffen?
Ich würde nicht von einer Pflicht reden. Aber ich würde mich schämen, wenn ich das Gewinnstreben an erste Stelle gesetzt hätte. Ein Unternehmen muss den Gewinn maximieren unter den Voraussetzungen einer menschlichen Betriebsführung. Das Hauptproblem ist, dass wir heute dem Kommunismus viel näher sind als einer sozialen Marktwirtschaft. Hasardeure wie Schneider und Flowtex können sich bereichern und den Ballast unserer Gesellschaft hinschmeißen. Wir brauchen mehr Mutmacher, die Jobs sichern. Dann kriegen wir auch die Konsumschwäche in den Griff und schaffen neue Arbeitsplätze.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2006