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Winterkorns Weihnachtsbotschaft

Von Mark C. Schneider
Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hat eine Mission: Bis zum Jahr 2015 will er den Konkurrenten Toyota einholen und den Thron der Autobranche erklimmen. In Dresden muss er heute den wichtigsten Managern des Konzerns erklären, wie er dieses ehrgeizige Ziel erreichen will.
Will Branchenführer Toyota einholen: VW-Chef Martin Winterkorn. Foto: ap
DÜSSELDORF. Die Volkswagen -Manager sprengen den Rahmen. Die Gläserne Manufaktur in Dresden, Geburtsstätte des technisch exzellenten, aber schwer verkäuflichen Oberklassemodells Phaeton, ist zu klein. Ein geräumiger Zeltbau muss auf der Wiese errichtet werden, um die mehr als 1 200 Spitzenkräfte der Kernmarke VW und des Kornzerns unterzubringen. Die internationale Führungsriege bildet die Kulisse des bedeutendsten Auftritts des Jahres für den Mann an der Spitze.Martin Winterkorn, seit dem 1. Januar im Amt, muss am Dienstag seine Mannschaft überzeugen, dass der Plan, bis zum Jahr 2015 den Konkurrenten Toyota einzuholen und damit den Thron der Autobranche zu erklimmen, mehr ist als bloß Wunschdenken. "In Dresden wird anschaulich werden, mit welchen Ideen und konkreten Autos wir erfolgreich sein wollen", sagt der VW -Chef. Der Abstand ist groß: Im vergangenen Jahr verkaufte das Unternehmen 5,7 Millionen Fahrzeuge. In diesem Jahr schafft es die Marke von sechs Millionen Stück. Aber Toyota kam 2006 auf mehr als neun Millionen und kratzt bald an der Marke von zehn Millionen Fahrzeugen.

Die besten Jobs von allen

Winterkorns Weihnachtsbotschaft soll die Mannschaft in Dresden motivieren. Details zu Themen wie Finanzen und Produktion liefern vier hochkarätige Arbeitsgruppen. Der Chef selbst stellt die 16 Hoffnungsträger der nächsten Monate vor ? von den Kleinwagen Fox und Up über den neuen Golf, die Coupévarianten des Brot-und-Butter-Modells ("Scirocco") und des Passat bis hin zu Konzeptfahrzeugen.Der 60-Jährige soll Volkswagen zur Nummer eins machen. Doch viele Manager, die aus Barcelona, Heimat der spanischen Tochter Seat, aus Mladá Boleslav, dem Sitz der tschechischen Tochter Skoda, oder der Wolfsburger Konzernzentrale nach Dresden gereist sind, wollten es anfangs nicht wahrhaben. Ausgerechnet der technikverliebte Ingenieur "Wiko", wie sie ihn intern nach seinem Kürzel nennen, muss die wirtschaftliche Zukunft entscheiden. Der frühere Qualitätssicherer, der sich laut ungezählter Anekdoten mehr um Spaltmaße als um den Aktienkurs schert.Mancher pflegte seine Klischees noch, als der Mann im Chefsessel des VW -Hochhauses längst handelte. Die Vorbehalte haben viel mit Wolfgang Bernhard zu tun. Trotz oder gerade wegen seines oft an Brutalität grenzenden Auftretens hatte die mittlere VW -Führungsebene das Wolfsburger Intermezzo des Enfant terribles der Autoindustrie als Befreiung geschätzt. "Es war, als würde jemand ein Fenster öffnen, um den Mief der Ära Piëch zu vertreiben", sagt ein VW -Manager. Und dann kam Winterkorn, der Meisterschüler des Patriarchen, des langjährigen VW-Vorstands - und heutigen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch ? augenscheinlich als Übergangslösung geschickt, um die Zeit zurückzudrehen und Piëchs Erbe zu sichern. Oder etwa nicht?Was die Kritiker übersahen, möchte ein Wiko-Mann umso ausgeschmückter notiert wissen: "In den Jahren bei Audi ist aus Winterkorn ein Konzernchef geworden, der 1 000 Führungskräften, Politikern und Investoren gleichermaßen Rede und Antwort stehen kann." Belegschaft und Branche erlebten in den vergangenen elf Monaten die Wiedergeburt des ehemals drögen VW?Ingenieurs als strahlender Vorstandschef des Volkswagen -Konzerns.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wenn man will, geht alles"Wenn man will, geht alles", sagt Winterkorn in einer Ruhe, die den möglichen Sturm im nächsten Moment nicht verbirgt. Was hat er in seinem ersten Jahr erreicht? "Wir haben die Stimmung innerhalb kürzester Zeit gedreht. Die Menschen merken, dass das Gerede von der Existenzkrise aufhört." Sie war die Folge von Bernhards kompromisslosem Auftreten. Er hatte mit seinen Charts die Belegschaft aufgerüttelt. Die Präsentationen des ehemaligen McKinsey -Beraters veranschaulichten Volkswagens "dramatische Nachteile" gegenüber Toyota.Am Ende ist Bernhard gescheitert. An seinem Unvermögen, Kompromisse zu schließen. Unbedingt wollte er die Komponenten-Werke wie die Braunschweiger Achsen-Produktion verkaufen. Die Hausfabriken seien "von jeglicher Wettbewerbsfähigkeit weit entfernt". Damals ließen die wesentlichen Wolfsburger Machtfaktoren Betriebsrat und IG Metall, die Bernhard anfangs gestützt hatten, ihn fallen. Umso lautstärker loben nun Betriebsratschef Bernd Osterloh und Winterkorn, der in Personalunion Markenchef von VW ist, unisono die "strategische Bedeutung" der Produktion von Achsen und Getrieben."Im Moment gibt es zur Doppelfunktion keine Alternative", sagt Winterkorn, der auch das Konzernressort Forschung und Entwicklung verantwortet und Aufsichtsratschef von Audi ist. Osterloh steht demonstrativ hinter "Herrn Dr. Winterkorn" und freut sich, dass der ihm im Gegenzug beim Konflikt mit dem neuen Großaktionär Porsche um die Machtverteilung den Rücken stärkt.Der bekennende Schwabe Winterkorn hält sich ansonsten öffentlich möglichst raus. Auf Querelen mit dem turbogeladenen Porsche -Chef Wendelin Wiedeking angesprochen, hebt Winterkorn erst einmal das Verbindende hervor. "Wir ticken ähnlich, auch in Bezug auf unseren Respekt gegenüber Toyota. Und wir haben das gleiche Interesse ? unsere neuen Modelle wettbewerbsfähig aufzustellen."Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der Chef macht die TagesarbeitAn einem lässt der VW -Chef keinen Zweifel: Die Tagesarbeit macht er. Und die Stuttgarter Dauerkritik am tumben Großkonzern? "Mir ist das gleich, so lange sie mein Geschäft nicht stört." Der in seinen dunklen Zweireihern eher kompakt wirkende Winterkorn beherrscht die Kunst der feinen Nadelstiche. Sein Meisterstück zum Abschied als Audi -Chef war der Supersportwagen R8 ? der den Porsche -Managern ein Riesendorn im Auge ist. Winterkorn ist stolz auf seine Arbeit, preist die "Handwerkskunst der deutschen Zulieferer", lobt Volkswagens Qualität und Technik verbunden mit dem italienischen Design von Walter da Silva. VW sieht er so bestens gerüstet für die Aufholjagd. "Ich bin fest davon überzeugt, dass keiner auf der Welt mehrere Marken so gut führen und sauber trennen kann wie wir."Ein Winterkorn überlässt nichts dem Zufall. "Man kann ihm nicht ein X für ein U vormachen. Dazu steckt er viel zu tief in den Themen", sagt Continental -Chef Manfred Wennemer. Auf ein Gespräch mit dem VW -Chef müsse man 100 Prozent vorbereitet sein. "Ein ,Vielleicht? reicht ihm als Antwort nicht", sagt Wennemer."Ich muss Disziplin zeigen", sagt Winterkorn. "Der ganze Konzern richtet sich danach." Aus seiner Jackentasche zieht er einen Ausdruck seines Kalenders. Bis April ist der längst dicht. Im Schnitt ist jeden Tag eine andere Marke dran, meist warten gut 50 Menschen auf den Konzern-Chef.Das wichtigste Thema seines zweiten Amtsjahres? "Wir müssen in den USA erfolgreich werden. Dort gelten andere Spielregeln."Vita1947Er wird am 24. Mai in Leonberg geboren. Martin Winterkorn promoviert in Metallkunde und beginnt 1977 als Fachreferent im Forschungsbereich Verfahrenstechnik bei Bosch.1981Er geht zu Audi als Assistent des Vorstands für Qualitätssicherung.1990Winterkorn leitet die Audi-Qualitätssicherung und 1993 die konzernweite Qualitätssicherung bei Volkswagen.1996Er wird Markenvorstand für die technische Entwicklung der Marke Volkswagen. Von Juli 2000 an ist er VW-Konzernvorstand für den Geschäftsbereich Forschung und Entwicklung.2002Winterkorn steigt zum Vorstandschef von Audi auf und wird gleichzeitig Vorstandsmitglied bei VW.2007Er rückt an die Spitze des VW-Konzerns. Winterkorn ist außerdem Honorarprofessor der Technischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität Budapest und der TU Dresden sowie Ehrenprofessor der Tongji-Universität in Schanghai.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.12.2007