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Wildwuchs in der Wirtschaftslehre

Von Monica von Wysocki, Handelsblatt
Wer in Deutschland Lehrer für das Fach Wirtschaft werden möchte, stößt auf ungeahnte Hindernisse. Die Studienangebote an den Hochschulen sind schier unüberschaubar. Die angehenden Pädagogen müssen sich zunächst einmal einen Weg durch das Bildungsdickicht der deutschen Universitäten schlagen.
Hintergrund ist das wachsende Angebot zum Thema Wirtschaft in den Lehrplänen der Bundesländer. So führte beispielsweise Nordrhein-Westfalen in diesem Schuljahr das Fach ?Sozialwissenschaften/Wirtschaft? in der Oberstufe ein. Hessen nahm das Fach ?Wirtschaft und Politik? in den Fächerkanon des Gymnasiums auf. Eine Entwicklung, die überraschenderweise auf fast ungeteilte Zustimmung der Jugendlichen stößt.Nach einer Studie des Bankenverbandes sind in der Altersgruppe der 14- bis 24-jährigen drei Viertel für die Einführung eines Schulfaches Wirtschaft. ?Die Hürde, ob wir Wirtschaft in der Schule brauchen, ist damit längst genommen, nun geht es nur noch um das Wie und Was?, sagt Gerd-Jan Krol, Professor an der Universität Münster und Direktor des dortigen Instituts für Ökonomische Bildung.

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Bislang wurde der Bedarf an neuen Lehrern für den Wirtschaftsunterricht meist durch Weiterbildungsmaßnahmen etwa für Politik- oder Geschichtslehrer abgedeckt. Inzwischen haben aber auch die Universitäten reagiert und bieten Studiengänge rund um ökonomische Bildung verstärkt an. Nach einer Studie der Universität Oldenburg kann das Fach Wirtschaft für die allgemein bildenden Schulen ? alle außer Berufsschulen ? inzwischen bundesweit an 28 Universitäten studiert werden. Ein enormer Anstieg im Vergleich zu den vorhergehenden Jahren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verwirrende Bezeichnung der SchulfächerDas Problem dabei: Nicht nur die Schulfächer haben die unterschied-lichsten Bezeichnungen und Inhalte, sondern auch die Studiengänge. Sie reichen von ?Wirtschaftslehre?, ?Arbeit-Wirtschaft-Technik?, bis hin zu ?Wirtschaft und Politik?. Die verwirrende Namensvielfalt spiegelt die föderale Ordnung in Deutschland wider. Die Bundesländer können selbst über Art und Umfang eines Studiums entscheiden. Dementsprechend verzwickt ist die Situation. So bietet die Universität Siegen den Studiengang ?Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaft? als Lehramtsstudium an. An der Universität Kiel heißt der Studiengang ?Wirtschaft/Politik für das Lehramt? und an der Universität Oldenburg kann man ?Ökonomische Bildung? als Bachelor/Master studieren. Ein Student, der später Wirtschaft in der Schule unterrichten will, muss sich also durch dieses Bildungsdickicht schlagen.Professor Hans Jürgen Schlösser von der Universität Siegen fordert deshalb ein Schulfach Wirtschaft, einen Studiengang Wirtschaft für Lehrer und eine Ansiedlung dieses Studiums in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten. ?Beim Fach Englisch würde ja auch keiner auf die Idee kommen, verschiedene Bezeichnungen für das Schulfach und den Studiengang einzuführen.?Wer sich solange allerdings durch den Bildungsdschungel erfolgreich einen Weg geschlagen hat, kann sich freuen: Die Zukunftsaussichten für angehenden Wirtschaftslehrer sind dank der wachsenden Nachfrage gut.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2005