Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Wie wird man eigentlich vom Techi zum Millionär?

Die Fragen stellte Jörg Hackhausen.
Sein Werdegang erinnert ein bisschen an den von Bill Gates: In der elterlichen Garage eine IT-Bude hochgezogen, Studium geschmissen, Millionär geworden, munter weitergegründet. Michael Greve wurde mit web.de reich und steckt seine Leidenschaft jetzt ins neue Baby Combots.

Der Alltag

Wie ein Multimillionär sieht Michael Greve nicht gerade aus. Raspelkurze Haare, offenes Hemd, Jeans. Auch sein Büro in der alten Nähmaschinenfabrik im Karlsruher Stadtteil Durlach wirkt schlicht bis praktisch. Dabei ist Greve einer der erfolgreichsten IT-Unternehmer hierzulande. Vor zwölf Jahren gründete er mit Bruder Matthias Web.de. 2005 verkauften sie das Internet-Portal für rund 400 Millionen Euro an United Internet. Während Matthias mit zum neuen Eigentümer wechselte, blieb Michael in der alten Fabrik und startete eine neue Firma. Combots heißt sein Projekt - eine Plattform, die E-Mail, Instant Messenger, Telefon und vieles mehr vereinen soll.
Sie wollen Combots zur weltweit führenden Kommunikationsplattform im Internet machen. Ganz schön ambitioniert.

Die besten Jobs von allen

Absolut! Es reicht nicht, einfach nur zu sagen: Ich mache mal was Nettes und vielleicht wird es ein Erfolg. Nein, es muss heißen: Ich will in meinem Markt die Nr. 1 sein. Dafür kämpfen wir. Wir müssen einfach besser sein als alle anderen. Wir sind damals bei Web.de auch nicht angetreten, um nur das siebtgrößte Portal in Deutschland zu werden. Wir wollten die Nr. 1 werden - und das haben wir auch geschafft.Kommunizieren Sie denn heute schon über Combots?Mit meinen engsten Freunden, meiner Freundin, Bekannten. Combots ist für die Kommunikation mit den fünf oder zehn besten Freunden gedacht. Sie können Fotos per Drag&Drop verschicken, Emotionen teilen, anrufen oder Nachrichten austauschen - alles mit nur einem Klick. Darüberhinaus dient Ihnen ComBOTS als Brücke zu all den Kontakten, die sich bei Instant Messengern wie ICQ, MSN oder Jabber tummeln.Das ist doch nichts Neues.Bis jetzt brauchen Sie zehn verschiedene Anwendungen, die technisch auch noch kompliziert sind. Genau da setzen wir an. Wir fragen: Was kommt nach Skype, nach Instant Messaging? Nach SMS, Anrufbeantworter und File Sharing? Combots ist der Versuch, diesen nächsten Schritt zu gehen. Auch wenn wir E-Mail oder was es sonst noch alles gibt nicht ersetzen, kommen wir damit auf jeden Schreibtisch, zu jedem Menschen. Und dann haben wir unser Ziel erreicht.Was macht Sie da so sicher?Sicher ist nichts im Leben. Ich gebe mein Bestes und wenn das nicht reicht, muss ich es noch einmal probieren und einen anderen Weg finden. Dazu gehört auch, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Man sollte nicht in Selbstzweifel verfallen, aber, wenn nötig, auch mal einen Schritt zurückgehen.Viele Internetunternehmen haben den Hype nicht überlebt. Warum sind Sie noch da?Mein Bruder und ich waren nie die typischen New Economy-Größen. Schillernde Gestalten mit exklusivem Lebenswandel und allem Drum und Dran. Der Erfolg eines Unternehmens hängt davon ab, ob die führenden Leute die nötige Energie aufbringen. Ohne Energie geht nichts. Das überträgt sich auf alle Mitarbeiter. Auch wenn es mal nicht so läuft, muss einer vorne stehen und sagen: Komm, das schaffen wir noch. Als Unternehmer bist du die Lokomotive.Heißt das, morgens um 6 Uhr anfangen und bis in die Nacht arbeiten?Nein, nicht länger arbeiten, aber härter. Den unangenehmen Dingen nicht aus dem Weg gehen. Die eigene Trägheit überwinden. Die Energie aufbringen zu sagen: Eigentlich müssten wir das jetzt noch besser machen. - Dann zählt man zu den wirklich Guten.Haben Sie sich jemals gesagt: Ach, hätte ich doch was Ordentliches gelernt?Nein, absolut nicht. Um Software zu entwickeln oder Produkte zu machen, ist ein abgeschlossenes Studium nicht zwingend notwendig. In der IT-Branche gibt es so viele Autodidakten.

Die Ausbildung

Ende der Siebziger schenkt Vater Felix seinen Söhnen einen der ersten Apple-II-Computer. Damit ist die Leidenschaft für Computer geweckt. Die Brüder beginnen zu programmieren - zuerst Software, dann Internetseiten wie Lastminute.com. Nebenbei beginnt Michael Greve Elektrotechnik in Karlsruhe zu studieren. An der Uni hält er es nicht lange aus; im Hauptstudium wirft er das Handtuch und wird Vollzeit-Unternehmer.
Ist es schwer gefallen, das Studium zu schmeißen?Es war eigentlich gar keine bewusste Entscheidung. Mehr so ein fließender Übergang. Ich war ewig immatrikuliert, irgendwann war ich auch mal zum Hauptstudium angemeldet, aber das hat alles nicht so recht geklappt.Was passte Ihnen nicht an der Uni?Zusammen mit meinem Bruder habe ich neben dem Studium angefangen, Software zu entwickeln, Produkte zu entwerfen und erstes Geld zu verdienen. Das hat hundert Mal mehr Spaß gemacht als das Studium. In den Vorlesungen dachte ich ständig: Da haben jetzt schon 100.000 Studenten die gleichen Geschichten durchgekaut. Und wie ewig das immer alles dauerte. Ich wollte lieber etwas ganz Neues machen, was noch nie jemand vorher gemacht hat.Wer hat Ihre ersten Projekte finanziert?Wir hatten unser erstes Büro daheim im Wohnzimmer. Dann im Obergeschoss und später in der Garage, wie sich das gehört. Das erste Startkapital hat uns unser Vater geliehen: 50.000 Mark. Das Grundkapital für die erste GmbH. Das haben wir aber nach zwei Jahren zurückgezahlt und seitdem haben wir uns aus den laufenden Projekten finanziert.Gab es Rückschläge?Oh je, wir waren ein paar Mal praktisch pleite... Wir haben die ersten paar Jahre kaum Geld verdient, uns kein Gehalt gezahlt, sondern nur das Nötigste aus der Firma rausgenommen. Einmal standen wir bei der Bank mit 2.500 Mark in der Kreide, ohne Sicherheiten. Ein Zulieferer hatte die Teile nicht fertig gekriegt hat und wir konnten unser Produkt nicht liefern. Die Bank wollte uns den Geldhahn endgültig zudrehen.Aber dann ging's doch irgendwie weiter?Klar. Wir haben mit der Bank geredet und gesagt: Wenn ihr uns jetzt kein Geld mehr gebt, dann wird es überhaupt nichts. Ihr müsst uns vertrauen. Wir haben dann einen Plan vorgelegt, das nächste Produkt gemacht und mehr Erfolg damit gehabt.

Die Laufbahn

Ihren Durchbruch schafften Michael und Matthias mit dem Internet-Portal Web.de, das sie im Jahr 2000 an die Börse brachten. Selbst das Ende der Dotcom-Blase überlebten die beiden relativ unbeschadet. Die 400 Millionen Euro, die durch den Verkauf von Web.de in die Kasse kamen, stecken nun in Combots - in Deutschland gibt es derzeit wohl kein zahlungskräftigeres Start-Up. Wie früher bei Web.de schlägt das Herz der Firma im Keller der Durlacher Nähmaschinenfabrik. Dort stehen reihenweise blinkende Server mit einer Speicherkapazität von acht Terabyte. Genug, um eines Tages die digitale Datenflut von etwa 100 Millionen Menschen zu bewältigen. Noch sind die Umsätze allerdings bescheiden, an Gewinn ist überhaupt noch nicht zu denken.
Sie haben Web.de gegründet und aufgebaut. War es schwer zu gehen?Es ist ein lachendes und ein weinendes Auge dabei. Aber wenn man erfolgreich sein will, muss man auch mal alte Dinge hinter sich lassen können. Man muss sich sagen: Hey, das war früher und jetzt mache ich etwas Neues.Ihr Bruder Matthias ist bei Web.de geblieben. Wie ist das, zum ersten Mal ohne ihn auszukommen?Das war zuerst ungewöhnlich. Aber wir telefonieren jeden zweiten Tag miteinander, sehen uns total oft.Bei Combots sind Sie nun der alleinige Chef. Wo haben Sie das Geschäft gelernt?Ich glaube, das ist etwas, das man kaum lernen kann. Es ist so eine Art Wesenszug. Entweder hat man den oder man hat ihn nicht. Natürlich wirst du nicht von heute auf morgen ein erfolgreicher Unternehmer. Du arbeitest dich da Stück für Stück hin. Man fängt mit ein paar Leuten an und dann wächst es langsam. Ich musste auch nicht gleich vor 500 Leuten stehen und eine Ansprache halten.Sollte man nicht auch ein bisschen was von Zahlen und Bilanzen verstehen?Klar, kann ich eine Bilanz lesen. Aber die Feinheiten - wie müssen wir etwas genau abschreiben oder so -, die lasse ich mir vom Steuerberater oder von meinem Finanzchef erklären. Für die Dinge, die man nicht selber machen kann, muss man eben die richtigen Leute suchen. Wichtig ist, mit gesundem Menschenverstand, Intelligenz und Energie an die Dinge ran zu gehen.Wie sind Sie so als Chef?Ich hinterfrage die Dinge bis zum bitteren Ende. Wischiwaschi ist nicht bei mir. Mit der Zeit entwickelt man auch ein Gespür, ob jemand einem Mist erzählt oder ob der seinen Job wirklich im Griff hat. Auf der anderen Seite habe ich noch nie jemandem den Kopf abgerissen. Auch Fehler gehören dazu.Was würden Sie jungen Leuten raten, die ein Unternehmen gründen wollen?Die meisten Menschen können viel mehr leisten, als sie sich zutrauen. Was kann denn schlimmstenfalls passieren, wenn es nicht klappt? So lange man jung und gesund ist: Gar nichts. Einfach mal machen, würde ich sagen.

Das Privatleben

Der 43-Jährige ist in festen Händen und verbringt seine Freizeit wider Erwarten nicht nur vor dem Computer: Regelmäßig geht er ins Fitnessstudio oder Joggen. Er reist gerne - bevorzugt nach Afrika, um Tiere zu beobachten. Greve liebt sie, zu Hause hält er Katzen. Er liest Science Fiction, Wissenschaftsbücher und über "alles, was gerade in vorderster Front der Technologie passiert".
Sie sind Millionär. Warum arbeiten Sie noch?Mich treibt nicht das Geld verdienen. Ich will Produkte entwickeln.Nie daran gedacht, einfach aufzuhören?Natürlich gibt es Zeiten, in denen ich denke: Verdammt noch eins, brauche ich das alles? Und dann gibt es noch die Momente, in denen alles schief geht. Die gibt es oft. Aber die sind nicht so schlimm. Ich werde eher nervös, wenn nichts schief geht, sondern alles super gut läuft.Haben Sie Zeit für ein Privatleben?Ja, ich nehme mir ganz bewusst Zeit für meine Beziehung, für Freunde und auch für mich. Es ist wichtig, nicht im luftleeren Raum zu hängen. Diese Ausgeglichenheit, die muss sein, sonst kann man das auf Dauer nicht durchhalten. Um langfristig die Energie aufzubringen, muss ich im Gleichgewicht sein. Wenn ich Zeit für mich selbst habe, habe ich meine besten Ideen.Früher waren eher Pizzakartons um Mitternacht, einige Kilo Übergewicht und drei Schachteln Zigaretten pro Tag angesagt.Die Zeit gab es auch, aber die habe ich dann mal irgendwann hinter mir gelassen. Wenn du jung bist, machst du halt solche Dinge.Wieso dieser Gesinnungswandel?Irgendwann sagst du dir: Hmm, so geht es nicht ewig weiter. Du kannst nicht immer von deinem Kräftekonto abbuchen. Das hat bei mir vielleicht was mit dem Alter zu tun.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2007