Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Wie wird man eigentlich Top-Berater?

Die Fragen stellte Ulrike Heitze
Den Unternehmergeist hat Jochen Kienbaum, Chef des gleichnamigen Personalberatungskonzerns, mit der Muttermilch aufgesogen. Doch so ohne weiteres rutschen auch Gründersöhne nicht auf den Chefsessel. Und halten sich vor allem nicht so lange oben.
Ein Idyll in Grün im oberbergischen Gummersbach. Von hier leitet Kienbaum eine der führenden Personal- und Managementberatungen.
Der Alltag
Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Privatleben

Die besten Jobs von allen


Der Alltag

Vor dem Fenster eine kleine Terrasse mit Bistrostühlchen, dahinter blühende Büsche. Tannen markieren den Waldrand. Ein Idyll in Grün im oberbergischen Gummersbach. Von hier leitet Jochen Kienbaum eine der führenden Personal- und Managementberatungen. Der Schreibtisch bricht unter den Stapeln aus bunten Unterschriftenmappen, Zeitungen, Büchern, Aktenordnern fast zusammen. Dazwischen, wo man geht und steht, farbenfrohe Kunst. Sage noch einer, Beraterbüros seien grau.
Sind Sie noch in Projekten beim Kunden tätig?
Ja, aber leider höchstens noch zu 20 Prozent. Wir sind in den letzten Jahren sehr stark gewachsen, und die strategischen Aufgaben nehmen naturgemäß einen sehr großen Raum ein. 40 Prozent Projektarbeit wäre mein Ideal - ich arbeite daran.
Haben Sie da noch Hoffnung?
Ich bereite das sogar schon konkret vor. Ich sehe die Gesamtführung für die Kienbaum-Gruppe weiter als meine ureigenste Aufgabe, aber die operationalen GmbHs gebe ich jetzt langsam ab.
Warum machen Sie Ihren Job?
Weil es mir Spaß macht, jeden Tag für die Marke "Kienbaum" zu kämpfen, damit wir noch besser und bekannter werden, auch international. Ich möchte, dass unser Name weiter mit Kompetenz und hoher Qualität verbunden wird - und dass auch von allen Mitarbeitern so gelebt wird.
Wie gehen Sie mit schwierigen Entscheidungen um?
Ich nehme mir Zeit und diskutiere mit Kollegen darüber, um mir eine fundierte Meinung bilden zu können. Aber ich bin kein Typ, der eine Entscheidung in hundert kleine Scheibchen teilt und dann alles auf die Waage legt. In manchen Fällen entscheide ich dann auch aus dem Bauch heraus.
Wie wollen Sie bei Ihren Mitarbeitern und Kunden rüberkommen?
Mir ist wichtig, dass man mir die Dinge, die ich sage, auch abnimmt; dass sie von Herzen kommen und dass man sich drauf verlassen kann.
Was würde sie bei einem Mitarbeiter rasend machen?
Unzuverlässigkeit. Was wir als Dienstleister in Sachen Qualität und Terminen versprechen, müssen wir auch einhalten.
Was war Ihr größter Erfolg im Berufsleben?
Das ich für Kienbaum einen enormen PR- und Imagezuwachs verbuchen kann. Und für mich persönlich, dass mein Vater das auch noch mitbekommen hat. Er hat allerdings auch ziemlich gelitten, als er die Verantwortung abgegeben hat.
Das wird Ihnen dann irgendwann auch blühen, oder?
Nein, so schlimm nicht. Dass ich auch noch im Krankenhaus Konferenzen abhalte, wird mir nicht passieren. Ich habe viele Hobbys.
Wie steht es mit Ihrer Nachfolgeregelung?
Wir haben ein gutes Management Team für die Gruppe und operativen Gesellschaften. Es wird sich alles zeigen.
Wie gehen Sie mit Fehlschlägen um?
Das hat sich im Laufe der Zeit sehr verändert. In jungen Jahren war ich sehr temperamentvoll. Ich musste mich beim Sport immer beherrschen, dass ich nicht irgendwo vorgetreten habe und dann mit einem Knochenbruch eingeliefert wurde. Das merkt man zum Glück heute nicht mehr. Als Leistungssportler lernt man irgendwann, Niederlagen zu verarbeiten und in Stärke für einen neuen Aufbruch zu verwandeln.
Sind Sie viel unterwegs?
Zurzeit geht's. Etwa 40 Prozent meiner Zeit. Auf jeden Fall keine 90 Prozent, wie es einige Manager machen müssen. Dadurch, dass wir viel Verantwortung in den regionalen Gesellschaften liegen haben, muss ich nicht überall und immer vor Ort sein.
Wie lernt man, das Wachstum vom kleinen zum immer größeren Unternehmen zu managen?
Eigentlich durchs Tun. Vor allem merkt man, dass man selbst plötzlich das Nadelöhr ist, durch das alle Prozesse laufen. Dann überlegst du, was kann ich abgeben? Was kann auch ein anderer machen? Aber das ist ein langsamer Prozess. - Dafür hab ich 20 Jahre gebraucht.
Für manche Menschen ist diese Form von Unentbehrlichkeit wichtig fürs Ego...
Und das ist schlecht, wenn man sich zu wichtig nimmt. Man entwickelt Führungskräfte doch nur dadurch, dass man ihnen Verantwortung gibt!
Welchen Irrtümern erliegen Berufseinsteiger am häufigsten?
Berufsanfänger beurteilen Unternehmen oft zu oberflächlich. Sie recherchieren zwar perfekt, wo sie hin wollen, aber ob sie da vom Typ her hinpassen, das klären sie nicht.
Manche wissen gar nicht, wie es kulturell und sozial in einem Unternehmen läuft. Da darf man nicht naiv rangehen. Der beste Weg so etwas rauszukriegen, ist nach wie vor ein Praktikum.

Die Ausbildung

Jochen Kienbaum wird 1947 in Gummersbach in eine Unternehmerfamilie geboren: Sein Vater hat kurz zuvor die Beratungsfirma Kienbaum gegründet. Nach dem Abi absolviert der Junior zunächst eine Lehre bei der Commerzbank - Vater Kienbaum rät ihm dazu. In den Nachwehen der wilden 68er Jahre studiert er Wirtschaftswissenschaften an der TU Berlin. Praktika in einer Maschinen- und Anlagenbaufirma führen ihn zum Beispiel nach Südafrika.

Was wollten Sie als Kind werden?
Obwohl ich das Wort noch gar nicht richtig aussprechen konnte, wollte ich schon als ganz kleiner Junge Manager werden. In der Grundschule war ich dann schon in Sachen Finanzen unterwegs: Habe fünf Mark verliehen und wollte sechs zurückhaben. Meistens hat das auch funktioniert. Manchmal gab's aber auch Ärger. (lacht)

Haben Sie als Kind viel mitgekriegt vom Beruf des Vaters?
Ja, sehr. Sein Job fand damals ja nicht nur in der Firma statt. Er hat zwischen Beruf und Familie keine Trennung gemacht, wir hatten immer Besuch von Kunden, auch samstags, sonntags zum Mittagessen. Oder das Essen wurde durch Telefonate gestört. - Das war halt so in einem Unternehmerhaushalt.

Haben Sie das beibehalten?
Nicht so stark. Ich kann da schon meistens trennen. Aber wenn es sein muss... Meine Nummer ist Kunden und wichtigen Gesprächspartnern bekannt. Da bin ich für absolute Flexibilität im Sinne des Kunden.

Studiert haben Sie dann im Berlin der APO-Zeit. Heißes Pflaster damals...
Was seinen Reiz hatte. Dort Betriebswirtschaft zu studieren, bedeutete auch, krasse kommunistische Gegensätze kennen zu lernen. Viele meiner Mitstudenten hatten Marx sehr genau gelesen. Bei uns zuhause war der nicht so das Thema. (lacht)


Die Laufbahn

Nach dem Studium macht Jochen Kienbaum in West-Berlin mit Fördergeldern und Finanzspritze vom Vater eine eigene Personalberatung auf, spezialisiert sich auf die Vermittlung von Führungskräften. Drei Jahre später zieht er zurück nach Gummersbach, um die Personalberatungstochter des Konzerns zu leiten. 1979 wird er geschäftsführender Gesellschafter, 1986 übernimmt er den Konzernvorsitz.

Was wollten Sie nach dem Studium machen?
Ich wollte eigentlich erst mal in Berlin bleiben und hatte mir auch ein paar Firmen angeschaut. Großkonzerne. Aber die Angebote haben mich nicht wirklich angesprochen. Und dann hatte ich immer noch die Idee, direkt mit Beratung loszulegen.

Was Sie dann auch getan haben...
Ja, ich hatte den Berliner Arbeitsmarkt analysiert und festgestellt, dass es an qualifiziertem Personal mangelte. Die Stimmung in der Stadt war schlecht, die Bevölkerung alterte stark. Es gab keine erfolgreichen Firmen und nicht genügend Manager. Die richtige Nische also.

"Schlechte Stimmung" klingt aber nicht nach guten Startbedingungen.
Ich hatte Glück: Kurz nach meinem Start legte Richard von Weizsäcker als Regierender Bürgermeister los, die Stimmung wurde besser. Eine privat organisierte Wirtschaftsförderung zog Unternehmen an, die alle gute Manager brauchten. In ganz kurzer Zeit kamen viele Aufträge, so dass wir wachsen konnten.

Da fährt man dann mit stolz geschwellter Brust nach Gummersbach, oder?
Klar. Lustigerweise wollte mein Vater, als er mitkriegte, wie enorm profitabel sich das Ganze entwickelte, gleich unsere Beteiligungsverhältnisse wieder ändern. Statt meiner bisherigen 76 % Mehrheit wollte er jetzt lieber Fifty-fifty machen. - Darauf hab ich mich dann erst mal nicht eingelassen.

Gab es noch andere Lebensentwürfe?
Der Plan war eigentlich, noch ins Ausland zu gehen. Wir hatten die Koffer schon für New York gepackt. Ich wollte dort für zwei, drei Jahre bei Kunden arbeiten und Beratungsaufträge wahrnehmen.
Und dann sind sie doch ohne Umweg nach Gummersbach zurück gegangen...
Ja, dann kam das Angebot meines Vaters, Geschäftsführer von einem großen Kienbaum-Zweig, der Personalberatung, zu werden, weil die Stelle frei wurde. Dreizehn Büros in ganz Deutschland und die Aufgabe, weiter zu expandieren. - Das war sehr attraktiv. Und ich konnte ja schlecht ablehnen und dann in zwei Jahren den Nachfolger verdrängen wollen.
Dann hab ich zugesagt.

Ärgert es Sie, nicht nach New York gegangen zu sein?
Ein bisschen. So im Nachhinein denke ich schon manchmal, dass ich lieber erst mal zwei Jahre New York hätte erleben sollen.

Und wie klappte die Übergabe der Kienbaum-Krone?
Bevor ich 1986 schließlich Gesamtchef wurde, war das eher ein schleichender Prozess. In den Zeiten vorher hatte ich meinen Bereich, mit sehr großem Entscheidungsspielraum. Von Jahr zu Jahr kam immer mehr Verantwortung dazu, die internationalen Töchter, die Einheiten wurden größer.

Und da gab es keine Konflikte?
Doch, ja. Wir waren zum Beispiel komplett anderer Meinung über unsere Wachstumsstrategie. Ich war mehr dafür, uns auf unsere Kernkompetenzen zu konzentrieren und weniger stark in die Breite zu gehen. Damit hatte er Probleme, weil er immer etwas Neues ausprobieren wollte.
In diesem Prozess muss man dann irgendwann entscheiden, wann kriegt Jochen Kienbaum die gleichen Rechte wie sein Vater? Er hat dann irgendwann zugestimmt, aber das hat lange gedauert.

Haben Sie nie daran gedacht, noch mal was anderes zu machen?
Doch, Anfang der Achtziger, als mir das mit der Nachfolgeregelung ein bisschen zu langsam voran ging, habe ich mal kurzzeitig überlegt, mich noch mal selbstständig zu machen und dann später wieder zu kommen.

Wenn man Sohn des Chefs ist, wird man von den anderen als ganz normaler Kollege gesehen?
Nein, man kann kein normaler Mitarbeiter sein. Denn man ist auch immer der, der das Unternehmen irgendwann übernimmt. Und man wird natürlich auch begutachtet, wie man sich so schlägt und ob man das auch so macht wie der Vater.
Aber ich kann ganz gut einschätzen, was zu mir passt und was nicht. Ich habe nicht versucht, meinen Vater zu kopieren.

Wie groß war das Risiko, dass Sie beim Eintritt in Vaters Firma eingegangen sind?
Wenn ich hier keinen Erfolg gehabt hätte? Dann hätte ich ein Riesenproblem gehabt. Schon deshalb, weil mein Verantwortungsbereich einen großen Baustein in der Firma ausmachte. Und bei einem Misserfolg wäre das mit der Nachfolge natürlich auch ein Problem geworden.

Das Privatleben

Jochen Kienbaum ist verheiratet und hat sechs Kinder zwischen zwölf und 32. Demnächst wird er Opa. Er lebt mit seiner Familie, drei Hunden, drei Katzen, sechs Pferden in Gummersbach und - der Großstadt wegen - in Köln. Neben Sport füllt Jochen Kienbaum seine Freizeit mit moderner Kunst und Architektur.

Sie sind leidenschaftlicher Sportler...
Ja, ich habe früher schon viel Sport getrieben. Vor allem Handball. VfL Gummersbach. Bin mit denen sogar mal Schul-Europameister geworden. Als ich dann wegen Verletzungen nicht mehr spielen durfte, bin ich intensiv auf Golf umgestiegen. Hatte schon ziemlich schnell ein gutes Handicap. Das leidet jetzt leider ein bisschen wegen Zeitmangel. Inzwischen bin ich auf 26,9 heraufgerutscht...

Wie groß ist für einen Unternehmenschef die Kluft zwischen Büro und Zuhause?
Privat und dienstlich kann ich nicht wirklich auseinanderhalten. Ich bin Kraft meiner Persönlichkeit der Typ, der auch nach Feierabend Unternehmer ist. Aber ich stell mich als Privatperson nicht so gerne in den Vordergrund, so dass alle Leute das Gefühl haben, der muss sich jetzt irgendwie aufspielen.

Was für Berufe wünschen Sie sich für Ihre Kinder?
Natürlich dass, was sie am liebsten machen. Auch wenn es schwierig wird, damit später einen Beruf erfolgreich auszuüben. Meine Tochter Laura zum Beispiel hatte lange überlegt, ob sie Architektur studieren soll. Und alle Welt hat ihr abgeraten. Ich hab ihr gesagt: ?Lass dir das bloß nicht ausreden! Wenn du meinst, das könnte dich glücklich machen, dann bleib dabei. Auch wenn es schwer ist.' Ich habe ihr dann die verschiedenen Architekturzweige erklärt und dann wird sie eine Nische finden müssen, die Hochkonjunktur haben kann.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.07.2005