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Wie wird man eigentlich Nobelpreisträger, Herr Professor Hänsch?

Die Fragen stellte Ulrike Heitze
Theodor Hänsch ist Physikprofessor an der Münchner LMU, Chef des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching, Vorstand beim Startup Menlo Systems - und seit 2005 Nobelpreisträger. Eine Ehrung, von der er die Nase inzwischen ein bisschen voll hat.




Der Alltag
Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Leben
Der Alltag
In den dunkelbraunen Holzregalen, Baujahr 1970, reihen sich Bücher an Bücher an Bücher - viele mit eindeutigen Gebrauchsspuren. Drumherum Relikte aus 20 Jahren Büroleben: eine Rechenmaschine von anno Tobak, ein hochprofessioneller Espresso-Brüher, Ü-Ei-Figürchen, Teddybären vom Rummel, Erinnerungsfotos früherer Studenten, Pflänzchen auf der Fensterbank und mittendrin ein traumhafter Mac-Flatscreen in weiß und Acryl. Lehrstuhlinhaber Theodor Hänsch, Baujahr 1941, mag es unprätentiös und pragmatisch.

Der Mann von der Nobelpreis-Kommission, der Ihnen die frohe Botschaft überbracht hat, prophezeite, dass sich ihr Leben jetzt radikal ändern würde. Hat es das?

Zumindest ist es extrem schwierig geworden, irgendwelche Termine zu vereinbaren. Gestern kam eine Anfrage vom Fernsehen, ob ich zwei, drei Stunden Zeit für ein Kurzinterview in einem Film hätte. Die nächste Lücke von dieser Länge habe ich in drei Monaten gefunden.

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Für jemanden, der, wie Sie, nicht gerne plant, eine echte Herausforderung.

Ich hoffe zumindest, dass das nicht ewig so geht. Im Oktober gibt es zum Glück ja neue Nobelpreisträger

Wie lebt man damit, dass der eigene Job Normalsterblichen so schwer zu erklären ist?

Ich versuche es nicht jedem zu erklären. Viele wollen es auch gar nicht wissen. Aber wenn doch, dann ist Kreativität gefragt. Prinzessin Victoria saß zum Beispiel auf dem Bankett in Stockholm neben mir und wahrscheinlich aus Höflichkeit wollte sie wissen, wie denn der Frequenzkamm funktioniert

Und wie haben Sie ihn erklärt?

Der Frequenzkamm besteht im Wesentlichen aus einem Laser, der gleichzeitig viele ganz feine Lichtwellen unterschiedlicher aber genau bestimmter Frequenzen liefert. Will man jetzt einen Lichtstrahl vermessen, dann kann man den Abstand zur nächsten Kammlinie als ein periodisches An- und Abschwellen der Lichtstärke messen, vergleichbar etwa mit dem Tremolo zwischen zwei Martinshörnern - und das mit einer bisher nie da gewesenen Präzision. Das ist zum Beispiel für Atomuhren, Satellitennavigation oder Vermessungstechnik sehr nützlich

Die Fachwelt hatte den Nobelpreis für Sie schon Jahre früher erwartet.

Ja, ich war mehrfach nahe dran. Zum ersten Mal 1981, da hat mein Mentor, Professor Schawlow, einen Nobelpreis bekommen unter anderem für Arbeiten, die wir gemeinsam in Stanford gemacht haben. 1997 wurde das Laserkühlen ausgezeichnet - die ursprüngliche Idee dafür stammte von Schawlow und mir

Ärgert einen das?

Man ist vielleicht eine Spur enttäuscht. Andererseits bringt der Nobelpreis ja nicht nur Vorteile. Es ist wahrscheinlich besser, wenn man ihn spät bekommt als zu früh in der Karriere.

Sind Preise für Wissenschaftler so etwas wie die Beförderung bei Managern?

Die Preise sind besonders für junge Leute wichtig. Als Forscher hat man meistens über Jahre hinweg nur Zeitverträge und eine unsichere Zukunft. Da ist so eine Trophäe schon wichtig, wenn es um Berufungen oder Forschungsgelder geht.

Und woraus ziehen Sie Ihre Bestätigung?

Die eigentliche Bestätigung ist, wenn Kollegen das, was man gemacht hat, ernst nehmen und nachmachen. Und man weiß ja auch selber, was man bewegt hat in der Wissenschaft, welche Strömungen sich daraus entwickelt haben. Das ist eine ehrliche Form der Anerkennung.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Tagesablauf aus?

Ich bin - insbesondere in den letzten Jahren - unheimlich viel unterwegs, zu Vorträgen oder Gremiensitzungen, so dass es gar keinen normalen Tag mehr gibt. Wenn ich zum Beispiel an der Uni um acht, halb neun ankomme, warten hier Stapel von Korrespondenz, Empfehlungsbriefen, Gutachten auf mich - all solche Dinge, die einen eigentlich ablenken. Aber das muss man wohl in Kauf nehmen

Kommen Sie noch zum Forschen?

Wenn ich ein bisschen Zeit übrig habe, arbeite ich gern mit meinen eigenen Händen in einem kleinen Labor, das ich mir hier an der Uni leiste. Da kann ich spielerisch Dinge ausprobieren

Was probieren Sie da?

Im Wesentlichen geht es um Licht. Um Laserlicht, Optik. Man kann sich da unheimlich viele Dinge auf dem Papier überlegen, aber um dann zu sehen, ob es in der Praxis auch funktionieren kann?

Spielerisch hört sich so unaufwändig an.

Oh, es muss auch unaufwändig sein. Ein typischer Doktorrand verbringt zwei oder drei Jahre an einem Experiment und arbeitet von früh bis spät. Das kann ich einfach nicht, weil ich viel zu viele Aufgaben habe. Ich überlege mir eher hobbyartig ein kleines Experiment, das mir an einer bestimmten Stelle vielleicht hilft, besser zu verstehen oder besser nachzudenken

Sie sind von Haus aus Forscher. Wie haben Sie sich auf den Job als Chef vorbereitet?

Für deutsche Verhältnisse bin ich wahrscheinlich untypisch, weil ich sehr wenig Chef bin. Wie man mit Mitarbeitern umgeht, so dass man ihnen wirklich hilft, ihre eigenen Möglichkeiten am besten zu verwirklichen - ich glaube, das habe ich in Stanford gelernt. Mein damaliger Mentor, Professor Schawlow, war ein gutes Vorbild.

Wie führen Sie?

Wir haben an unseren beiden Standorten eine Truppe von vielleicht 30 Mitarbeitern, und ich lasse meinen Leuten sehr viel Freiheit - einfach weil ich selber in dieser Atmosphäre am besten arbeiten kann. Ich versuche mir Leute auszusuchen, die davon profitieren. Nicht jeder kann das vertragen. Es gibt viele, die gern ein strukturiertes Umfeld haben, wo sie genau wissen, was sie jeden Tag machen sollen

Wie organisieren Sie Ihre Kreativität?

Einmal pro Woche treffen wir uns, tragen Ergebnisse zusammen und versuchen neue Ideen zu generieren. Ansonsten gibt es natürlich viele Einzelgespräche, wo Mitarbeiter mit ihren Problemen kommen und wir überlegen gemeinsam, was man da tun kann. Aber ich versuche, das immer so zu machen, dass es nicht so sehr ein Befehl ist, sondern die Leute am Ende das Gefühl haben: Das war jetzt meine Idee

So großherzig sind nicht viele Chefs.

Wissen Sie, mir ist eines immer klar: Alleine kann ich das nicht machen.

Gibt es in der Wissenschaft auch die für die Wirtschaft so typischen Hierarchiekämpfe?

Natürlich, die gibt's auch hier. Ich versuche es bei uns zu vermeiden, zum Beispiel durch flache Hierarchien. Um erfolgreich zu sein, muss man Erfolge in der Forschung erzielen, nicht anderswo

Aber ein Auge auf die Wettbewerber muss man doch haben?

Was die Konkurrenz anderswo macht, unbedingt! So ganz anders als in der Wirtschaft ist das nicht. Unsere Forschung müssen wir am Ende ja auch anderen schmackhaft machen und verkaufen.

Sie haben 2001 MenloSystems gegründet, sind als Unternehmer aber nicht in der ersten Reihe aktiv. Warum nicht?

Meine Mitgründer sind frühere Studenten und über Menlo haben sie einen Weg in die Selbstständigkeit gefunden. Da wollen sie nicht den alten Professor als Boss haben. - Ehrlich gesagt, habe ich auch nicht das Talent dazu. In einer Firma muss man sehr viel disziplinierter arbeiten. Mich begeistern die Ideen am meisten, die alles über den Haufen werfen, was man bisher geplant hat. Und da ist es natürlich am einfachsten, wenn man gar nicht so viel geplant hat

Wie viele Physikabsolventen haben eine reelle Chance auf eine Hochschulkarriere?

Wenn ich die Leute betrachte, die bei uns angefangen haben, dann ist es ein relativ hoher Prozentsatz, die am Ende als Professoren irgendwo ihre eigenen Gruppen führen. Inklusive meiner Stanford-Zeit bestimmt mittlerweile 30

Und die anderen?

Sind zum Teil in die Industrie gegangen. Auch da gibt es Erfolgskarrieren: der Forschungschef bei Carl Zeiss, der Chef von Coherent in den USA waren früher Postdocs in meiner Gruppe an der Stanford Universität. Ich gebe mir sehr große Mühe, Mitarbeiter zu finden, die nicht so viel Betreuung brauchen

Weil Sie keine Lust darauf haben?

Einfach, weil ich glaube, dass die Forschung gar nicht funktioniert, wenn jemand nicht mit Feuer und Flamme und aus eigenem Antrieb bei der Sache ist

Dem aktuellen Beamtenrecht folgend will die Hochschule Sie im Herbst aufs Altenteil schicken. Sie waren ziemlich empört - wollten schon in die Staaten zurückkehren.

Ich glaube, dass wir uns als Gesellschaft keinen Gefallen tun, wenn wir Leute, unabhängig davon, wie produktiv sie gerade sind, aus Altersgründen zwingen, in den Ruhestand zu gehen. Wenn ich mit meinem Fall da ein bisschen was bewegen kann, würde mich das freuen

Und müssen Sie denn jetzt den Lehrstuhl räumen?

Inzwischen darf ich wohl noch einige Jahre weiterarbeiten. Die Universität und vor allem die Max-Planck-Gesellschaft geben sich grosse Mühe, über private Spendenmittel Steine aus dem Weg zu räumen.

Im Wissenschaftsbetrieb kann man nur mit genügend Forschungsgeldern weitermachen. Wie groß ist der Druck, die auftreiben zu müssen?

In den USA noch viel härter als bei uns. Wenn in Stanford mal für ein paar Monate die Forschungsgelder ausgeblieben wären, hätte ich meine Studenten nicht mehr bezahlen können, meine Sekretärin, die Techniker. Es gab in den USA auch Nobelpreisträger, die auf einmal kein Geld mehr bekamen. Und wenn Sie erst mal Ihre Mannschaft los sind, dauert es lange, so ein Team wiederaufzubauen. Man lebt gefährlich

Macht man sich da Sorgen drum?

Natürlich. Wenn man für so viele Leute verantwortlich ist, natürlich

Und wie ist die Lage in Deutschland?

Hierzulande ist es ein bisschen besser, weil wir langfristiger planen, insbesondere in der Max-Planck-Gesellschaft. Da hat man nicht diese unmittelbare Not

Wie entsteht so eine bahnbrechende Erfindung wie der Frequenzkamm?

Das ist eigentlich ein langer Prozess gewesen. Die ersten Ideen stammen aus den 70er Jahren. Leider haben wir die damals einfach nicht weiter verfolgt. Die zündende Idee kam dann im Frühling 1997 bei einem Besuch in Florenz. Wir hatten ein kleines Experiment mit einem italienischen jungen Physiker, Marco Bellini, gemacht, das mich dann überzeugt hat, dass so ein Frequenzkamm funktionieren kann. Bei einem Spaziergang in den Hügeln der Toskana habe ich mir das im Detail überlegt und dann aufgeschrieben

Nach dem Nobelpreis haben Sie auch den Fernsehpreis Bambi in der Wissenschaftssparte bekommen. Wie fühlt man sich als Forscher unter lauter Showpromis?

Ungewöhnlich, ein bisschen fremd. Aber lustig, so was mal gesehen zu haben. Ich glaube, ich habe an einem Fußballer-Tisch gesessen. Ich kannte die meisten gar nicht

Welche Werte möchten Sie vermitteln?

Als Wissenschaftler möchte ich meinen Studenten zeigen, wie schön und befriedigend es ist, etwas interessantes Neues zu entdecken und dass es die ganzen Anstrengungen lohnt

Im Vergleich zu Managern führen Wissenschaftler in der Presse eher ein Schattendasein. Wäre ein bisschen mehr PR mal nötig?

Die Wissenschaft braucht das eigentlich nicht, aber die Gesellschaft. Man müsste jungen Leuten mehr die Wichtigkeit von Wissenschaft und Forschung vor Augen führen. Da wären ein paar Leitfiguren im Rampenlicht schon nicht schlecht.

In den Medien wird oft Ihr ausgeprägter Spieltrieb belächelt. Ärgert Sie das?

Nein, wenn man den als Forscher nicht hätte, wäre man fehl am Platz. Wir wollen Neues finden und viele Ideen kommen halt beim Spielen. Also muss ich diese jugendliche Spielfreude bewahren. Auf jeden Fall schäme ich mich da nicht

Was bedeutet Karriere für Sie?

Auf jeden Fall ist es eher Mittel zum Zweck. Die Naturwissenschaft und die Physik sind eine Art Hobby für mich, und ich freue mich natürlich, wenn die Gesellschaft dafür sogar noch etwas bezahlt: Nicht nur mein Gehalt, sondern auch das Spielzeug und Werkzeug, das ich brauche. Da muss man notgedrungen Karriere machen, damit das funktioniert

Die Ausbildung
Nomen est Omen: Der kleine Theodor wird 1941 im Haus des Chemikers Robert Bunsen in der Bunsenstraße in Heidelberg geboren, werkelt als Knirps mit Bunsenbrenner und Lötkolben herum und bastelt mit Freunden ein Röntgengerät, mit dem sie sich anschließend die Hände durchleuchten. Schon im Gymnasium steht für Pennäler Hänsch fest: Ich werde Kernphysiker und Professor. Physikstudium und Promotion in Heidelberg sind nur noch Formsache

Sie haben als Knirps einen Geigenzähler gebastelt und damit radioaktive Stoffe untersucht. Ist das nicht ein bisschen gefährlich?

Heutzutage weiss man das natürlich. Damals hat man das nicht so ernst genommen. Das war in den 50er Jahren

Und wo kriegt ein Steppke das Material dazu her?

Da musste man sich schon kundig machen. Es gab ja noch kein Google und kein Internet. Aber Heidelberg als Universitätsstadt hat viele kleine Firmen, die für Laborarbeiten zulieferten

Sie hatten als Kind ein Faible für alle Naturwissenschaften. Warum ist es dann gerade Physik geworden?

Weil ich ein schlechtes Gedächtnis habe. Ich kann mir unzusammenhängende Dinge nicht gut merken. Deshalb Physik. Da hängt alles logisch, mathematisch zusammen. Und es lässt einem enorm viele Optionen offen. Man spezialisiert sich recht spät, schafft aber Grundlagen für alles Mögliche

Waren Sie ein fleißiger Schüler?

In der Schule war es durchwachsen. Da war ich immer nur in den Fächern gut, die mich interessiert haben. Der Rest? Na ja? Dann an der Universität war ich schon zielstrebiger

Die Laufbahn
Nach der Promotion 1970 geht Hänsch für ein Forschungsjahr ins kalifornische Stanford - und bleibt 16 Jahre. 1973 wird er Kaliforniens Wissenschaftler des Jahres, erteilt Harvard und Yale eine Absage und forscht als Professor in Stanford über experimentelle Laserphysik und Quantenoptik. 1986 erhört er das Werben der LMU in München, wird dort Professor für Experimentalphysik und Laserspektroskopie und Direktor des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching. 2001 gründet er mit ehemaligen Studenten MenloSystems zur Vermarktung des so genannten Frequenzkamms. Unter anderem für diese Erfindung erhält Hänsch im Herbst 2005 den Nobelpreis

Sie haben nach dem Studium gleich promoviert. Hat die freie Wirtschaft Sie nicht gereizt?

Ich wollte Professor werden. Das geht nicht ohne Promotion

Und warum ausgerechnet Professor?

Ich hatte Feuer gefangen in der Forschung. Atome und Licht und Laser - ich wollte unbedingt in dieser Richtung weitermachen.

Worüber haben Sie promoviert?

Über die Wechselwirkung zweier Laserstrahlen. Da ging es um Experimente mit Helium-Neonlasern. Man steckt zwei Spiegel an die Enden einer Art Neonröhre und bekommt einen Laserstrahl. Die Publikation, die aus der Doktorarbeit entstanden ist, wird auch heute noch häufig zitiert.

Macht das stolz?

Ja.

Sie sind nach der Promotion in die Staaten gegangen. Waren Auslandssemester damals schon üblich?

Ja, für einen frisch gebackenen, promovierten Naturwissenschaftler war klar, dass er für eine Weile ins Ausland gehen musste. Bevorzugt in die USA, weil die den Krieg recht unbeschadet überstanden hatten

Konnte Deutschland da nicht mithalten?

In den 30er Jahren hatten wir ja eine führende Rolle in der Physik. Dann kam das Dritte Reich und in der Nachkriegszeit war die Wissenschaft ausgeblutet. International nicht mehr konkurrenzfähig

Muss es heute auch noch das Ausland sein?

Das ist vielleicht nicht mehr ganz so zwingend, aber empfehlenswert, allein um den Horizont zu erweitern. Es ist toll, wenn man in der ganzen Welt Leute findet, die sich für ähnliche Dinge begeistern, die die gleiche Sprache sprechen, so dass man über politische und religiöse Differenzen hinweg kommt. Man sieht, wie Forschung woanders betreiben wird. Das relativiert einiges

Wie kam man damals an eine Postdoktorandenstelle in den USA?

Ich hatte ein Stipendium für ein Jahr. Am Ende dieser Zeit war es gerade so richtig spannend: Ich hatte einen Weg gefunden, wie man abstimmbare Farbstofflaser extrem schmalbandig macht, so dass man ein tolles Werkzeug für alle möglichen Experimente hatte. Da konnte ich unmöglich gehen. Ich habe das Stipendium um ein Jahr verlängern und anschließend eine Stelle als Associate Prof in Stanford antreten können

Sie haben sich erst nach 16 Jahren wieder nach Deutschland locken lassen. Warum gerade dann?

Rufe hatte es vorher schon einige gegeben. Heidelberg, Bonn, Regensburg, Stuttgart. München hat mich dann schließlich überzeugt, weil es eine Doppel-Berufung war: als Universitäts-Professor und als Max-Planck-Direktor. Das war ein neu gegründetes Institut, ich musste also keine Altlasten übernehmen, sondern konnte eine neue Abteilung nach meinem Geschmack aufbauen.

Das Leben
Theodor Hänsch liebt und lebt seine Forschung. Es ist kein Zufall, dass seine Hobbys, Fotografieren und Videofilmen, mit Licht und Optik zu tun haben. Zum Nachdenken und Abschalten leistet er sich eine kleine Wohnung in Florenz, genießt dort Kunst, Architektur und das Essen - bis es ihn wieder ins Labor zieht.

Haben Sie Familie?

Nein

Hätte es bei Ihrer Art den Beruf auszuüben Platz für Frau und Familie gegeben?

Ich glaube nicht. Das würde wahrscheinlich nur mit einer Partnerin funktionieren, die auch völlig in ihrem Beruf aufgeht, so dass man sich gar nicht vermisst. Dann vielleicht

Auf was können Sie im Alltag gerne verzichten?

Leitungsaufgaben

Was imponiert Ihnen?

Bei meinen Mitarbeitern würde ich sagen Kreativität. Aber auch Disziplin - die ich selber nicht so habe und wo wir uns ergänzen können. Und Durchhaltevermögen

Welcher Job wäre gar nichts für Sie?

Oh, da gibt es unendlich viele

Ich habe gelesen, Sie ersteigern die Utensilien für Ihre Experimente über Ebay.

Ab und zu, ja.

Bei Ebay gibt es Ecken für Experimente?

Ja, ja

Die habe ich noch nie gesucht?

Oh, da verpassen Sie was. Schauen Sie mal rein

Was sind Ihre Schwächen?

Ich habe ein schlechtes Gedächtnis, bin nicht sonderlich diszipliniert und habe vielleicht auch einen zu engen Horizont, so dass ich nicht alle Aspekte des menschlichen Daseins voll auskoste

Und Ihre Stärken?

Ich bin relativ erfindungsreich und habe es verstanden, gute Mitarbeiter zu identifizieren und zu uns zu locken, so dass die sich gegenseitig beflügeln können

Was würden Sie sich für Ihren Lebensabend wünschen?

Ich könnte mich natürlich wie viele andere philosophischen Problemen zuwenden und über die letzten Wahrheiten des Lebens nachdenken. - Aber nein, das ist nichts für mich. Nein, ich glaube, so lange die Neugier nicht nachlässt, kann man sich ein Leben lang mit Wissenschaft beschäftigen. Damit muss man nicht unbedingt aufhören

Also nichts mit Golfen oder Segeln lernen?

Mir wird relativ schnell langweilig. Solch einen Urlaub, wo man einfach nur bummelt und am Strand liegt, halte ich für eine Woche aus, aber nicht länger

Was wünschen Sie sich, was man später über Sie sagt?

Die rationale Antwort müsste sein: "Ist mir egal"

Dieser Artikel ist erschienen am 12.06.2006