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Wie wird man eigentlich Mr. President bei Esprit, Herr Grote?

Neben Zara und H&M gehört Esprit zu den Großen im internationalen Modemarkt. Seit 2006 ist Thomas Grote als Konzern-"President" für das operative Geschäft und die Marke verantwortlich. Nur CEO Heinz Krogner sitzt über ihm. Doch auch das kann sich bald ändern.
Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Privatleben

Der Alltag


Esprit-Rot geht es in Thomas Grotes Büro zu - und durchsichtig. Für Geheimnisse ist kein Platz: Der 43-Jährige sitzt in einem Glaskasten, umgeben von zwei Fensterfronten, dem Zimmer seiner Sekretärin und einem Konferenzraum, der seinen Arbeitsbereich von dem des Vorstandsvorsitzenden Heinz Krogner trennt. Frische Luft gibt's auf der Veranda nebenan. Seit 2003 residiert Grote im vierten Stock des schicken Firmenneubaus in Ratingen vor den Toren Düsseldorfs. Von hier aus setzt der deutsch-chinesische Konzern - mit Hauptsitz in Ratingen und asiatischen Haupteignern nebst Notierung in Hongkong - seine bis dato erfolgreiche Aufholjagd hinter Zara und H&M fort

Stellen Sie sich vor, wir wären bei der Sendung mit der Maus: Was macht der "President" von Esprit?
Ein President ist damit beschäftigt, jeden Tag viele Menschen zu bewegen und Dynamik in ein Unternehmen zu bringen. Er guckt nach vorne und überlegt, wo neue Geschäftsfelder sind und wie in den kommenden Jahren das Wachstum zu gewährleisten ist. Und er ist zum großen Teil damit beschäftigt, die operative Funktionsfähigkeit der Unternehmung sicherzustellen.

Die besten Jobs von allen


Und wie stellt er die sicher?
Den Arbeitstag verbringe ich mit Gesprächen und der Motivation unserer Mitarbeiter. Da ich ein sportaffiner Mensch bin, könnte ich mich auch als Trainer bezeichnen, der die Mannschaft aufs Feld schickt, der sagt, wer wo zu spielen hat, wie er sich die taktische Marschroute vorstellt, wobei aber seine Leute den Ball ins Tor schießen müssen. Im Training zeige ich dann auch schon mal, wie Dinge besser gemacht werden können. Weil ich lange Jahre selbst hier Mittelstürmer war - um im Bild zu bleiben -, weiß ich, wie man Tore schießt.

Ein Fußballteam hat elf Mitspieler, Sie weltweit 8.500. Viel für einen Coach.
Zu meinem unmittelbaren Team gehören 21 Mitarbeiter. Wir blocken meistens den Freitag und ich führe intensive Gespräche mit dem Senior Management. Es gibt eine Checkliste mit unseren Key Performance Indicators, den Losgrößen unseres Geschäfts, die ich regelmäßig prüfe. Wenn mir dort etwas auffällt, gebe ich das sehr schnell und direkt weiter.

Sie bevorzugen pragmatische Lösungen?
Aufgrund der begrenzten Zeit fokussieren wir uns auf das Wesentliche. Ich versuche, in meinem Job alles sehr einfach zu sehen, mit gesundem Menschenverstand. In der Geschäftswelt sind viele Dinge gar nicht so komplex, wie sie gerne dargestellt werden. Ein guter Manager muss in der Lage sein, die größten Probleme auf einfache Sachverhalte runterzubrechen.

Wie viel Zeit verbringt der President eines Weltkonzerns im kleinen Ratingen?
Relativ viel. Vielleicht 50 bis 60 Prozent der Zeit. Die Produktentwicklung und andere operative Einheiten sind in Ratingen, deshalb versuche ich, hier viel Präsenz zu zeigen. Ansonsten suche ich auch den Kontakt zu unseren europäischen Vertriebsgesellschaften und halte mich oft in Asien, Australien und den USA auf, weil das für uns noch Märkte im Aufbau sind.

Die Modebranche gilt als schillernde Industrie. Arbeitet es sich da auch anders?
Anfangs hat mich dieses Funkeln angezogen. Mir war klar, dass ich schnell nach oben wollte. Doch so eine Scheinwelt mit schönen Gebäuden, Produkten und Models lockt auch viele Blender an, die sich zwar gut präsentieren können, die aber wenig leisten.

Muss ein Esprit-Chef ein modischer Mensch sein?
Kein modischer Mensch - aber ein moderner. Man braucht ein Auge für schöne Dinge und für Stil, um eine gewisse Kultur im Unternehmen zu initiieren. Esprit hat den Anspruch, sich mit Stil und Qualität von der Masse der Massenhersteller abzuheben. Deshalb muss ich dies auch vorleben

Greifen Sie in Designprozesse ein?
Ich bin niemand, der die Teile zeichnet. Je nach Gang der Dinge mische ich mich aber doch sehr stark in Produktentscheidungen ein. Wenn ich Fehlentwicklungen sehe, die nach meinem Empfinden aus der stilistischen Handschrift der Marke herauslaufen, dann ändern wir diese. Aber wir entwickeln 12.000 Designs pro Jahr, da kann ich nicht jedes einzelne Stück vorab sehen.

Die Ausbildung

Es fehlte nur das letzte Quäntchen Glück - oder Talent - zur Karriere als Profikicker. Erste Auswahlspiele bei Borussia Mönchengladbach hatte Thomas Grote schon absolviert. So wurde es denn nach dem Abi doch etwas Handfestes, eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei einem Bettwäsche- und Frottierhersteller. Dort stieg Grote schnell zum Verkaufsleiter auf. 1989 wechselte er zu Esprit, verließ das Unternehmen aber bald wieder, um bei InWear Geschäftsführer für die Männerlinie zu werden. Anfang 1996 holte der heutige CEO Krogner ihn zu Esprit zurück.

Bereuen Sie es, dass Sie sich nicht einige schöne Studienjahre gegönnt haben?
Ach, was soll's, sich noch darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich konnte sehr schnell sehr viel Verantwortung übernehmen und mich gut weiterentwickeln. Ich habe berufsbegleitend ein Marketingstudium an der Fern-Uni Hagen absolviert. Das war eine harte Zeit, die mich sehr geprägt hat. Arbeiten und Lernen - da musste ich sogar mein liebstes Hobby, das Fußballspielen, aufgeben. Aber mein Chef hatte mir gesagt: Junge, du lernst nirgendwo mehr als in der Praxis - bleib dabei, ich glaube an dich. Deswegen wollte ich weiter arbeiten.

Was empfehlen Sie jungen Leuten heute?
Das hängt immer von den Rahmenbedingungen ab. Sicherlich kann eine Ausbildung nie gut genug sein. Wenn ich mir Bewerber anschaue, spielt sie aber nie die Hauptrolle

Worauf achten Sie denn bei Bewerbern?
Ich stelle keine Person ein, bei der ich nicht ein überdurchschnittliches Energielevel feststelle. Das ist zugegebenermaßen keine konkret prüfbare Fähigkeit. Das sagt mir meine Intuition. Ob jemand ein Macher und ein energiegeladener Mensch ist, kann ich an den Stationen im Lebenslauf sehen. Daran, wie er sich entwickelt hat, was er in der Freizeit macht, wie er argumentiert und spricht, welche Haltung er hat. Das muss nicht heißen, dass er immer alles perfekt macht und erfolgreich ist. Aber er hat eine Grundstruktur, die darauf schließen lässt, dass er eine gewisse Eigendynamik hat und sich im Zweifel gegen etwas stemmt

Die Laufbahn

Als Thomas Grote Mitte der 90er zu Esprit zurückkehrt, steckt das Unternehmen in Schwierigkeiten: Der Umsatz dümpelt bei 600 Millionen Mark, der Gewinn ist mager. Grote übernimmt die Verantwortung für die Damenlinie und die Vertriebsaktivitäten. Sukzessive kommt die Verantwortung für die europäischen Märkte hinzu, im Jahr 2002 die ganze Welt. SeitAnfang 2006 ist Grote President des Unternehmens sowie Chief Operating Officer und damit weltweit für die Marke verantwortlich.


Hatten Sie Mentoren?
Ja, ich wurde von zwei Persönlichkeiten maßgeblich geprägt: von meinem allerersten Chef in der Heimtextilbranche - ein sehr konservativer, bodenständiger, intelligenter münsterländer Unternehmer mit hohen ethisch-moralischen Werten. Er hat mir imponiert, und er hat an mich geglaubt. Die zweite Person ist Heinz Krogner. Von ihm habe ich die Einfachheit in den Denkstrukturen gelernt.

Ihr CEO Heinz Krogner, den Sie 2008 beerben, bezeichnet sich als freundlichen Diktator. Sind Sie auch so einer?
Zuerst einmal bleibt abzuwarten, ob ich ihn 2008 tatsächlich ablöse. Wenn ich allerdings gefragt würde, wäre meine Antwort klar. Zum Führungsstil kann ich sagen, dass ich, genau wie Heinz Krogner, klare und deutliche Worte spreche. Meine Mitarbeiter schätzen an mir, dass ich gradlinig bin. Bei mir weiß man, woran man ist.

Wenn Sie Ihre Arbeit selbstkritisch betrachten: Wo haben Sie Fehler gemacht?
Bei der Markteinführung in den USA haben wir, das Unternehmen und damit auch ich, Fehler gemacht. Wir wollten dort zuerst das Großhandelsgeschäft aufbauen, bevor wir eigene Läden eröffnen. Wir mussten feststellen, dass das Geschäft dort anders tickt. Wir waren euphorisch und erfolgreich - und dann macht man Fehler.

Sind Sie ein überschwänglicher Typ?
Eigentlich nicht. Ich bin ein sehr demütiger Mensch und bilde mir wenig auf Erfolg ein. Er macht mich eher innerlich zufrieden

Das Privatleben

Auf Branchenpartys ist Thomas Grote selten anzutreffen. Er verbringt seine Freizeit lieber mit seinen Töchtern (elf und 13) und seiner Lebensgefährtin, frönt - als Zuschauer - seiner Leidenschaft Fußball oder läuft. Drei Stunden, fünf Minuten brauchte er für den ersten Marathon, danach war der Reiz weg. Samstags tourt Grote oft durch seine Läden und schaut sich - nicht mehr ganz so inkognito, wie ihm lieb wäre - um. Der freie Sonntag dagegen ist heilig.


Sie sind oft von Glamour umgeben. Wie behalten Sie die Bodenhaftung?
Ich leiste mir ein schönes Haus und ein schönes Auto, viel mehr brauche ich nicht. Diese finanzielle Unabhängigkeit ist großartig, macht mich aber auch kritisch. Aber es ist nicht das Geld, das mich antreibt. Ich habe noch nie um eine Gehaltserhöhung gebeten. Die kam quasi automatisch, wenn ich den nächsten Karriereschritt gemacht hatte und sich der Erfolg einstellte.

Erwarten Sie auch von Ihren Mitarbeitern, dass sie nicht fragen?
Ja! Oder sagen wir es so: Nicht jeder ist so wie ich. Natürlich fragen viele danach. Aber ich habe auch solche, die nie fragen. Es ist meine Aufgabe, dies fair zu bewerten.

Haben Sie einen Traum im Leben?
Dass ich gesund und relaxed alt werde, fit bleibe und viel Zeit für mich habe.

Die Fragen stellte Stefanie Bilen
Dieser Artikel ist erschienen am 09.01.2007