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Wie wird man eigentlich Merck-Chef, Herr Römer?

Als Michael Römer vor einem Jahr Vorstandschef beim Chemie- und Pharmakonzern Merck wurde, galt er vielen als Übergangslösung. Doch seit seinem 400-Millionen-Euro-Erlös aus dem Übernahmepoker um Schering und dem Zukauf des Schweizer Biotech-Unternehmens Serono weiß jeder in der Branche: Mit Herrn Römer, dem netten Mann aus Darmstadt, ist zu rechnen.
Die Ausbildung
Die Laufbahn
Das Privatleben

Der Alltag

Über einen Quadratkilometer erstreckt sich das Werksgelände im Darmstädter Norden, 500 Gebäude mit 9.000 Menschen - Stammsitz des Chemie- und Pharmariesen Merck. Ein Familienunternehmen im XXL-Format. Gelenkt wird es von einem soliden roten Backsteinhaus aus. Gut gelaunt sitzt der Vorstandschef im obersten Stockwerk an einem aus Ahornholz gefertigten Schreibtisch. In wenigen Stunden geht sein Flug zum Geschäftstermin nach Kanada. So schnell bringt den 59-Jährigen nichts aus der Ruhe.


Herr Römer, wurmt es Sie noch, dass Sie Schering an Bayer verloren haben?
Ich finde nach wie vor, dass Schering gut zu uns gepasst hätte. Aber wir sind natürlich auch gestärkt aus dieser Transaktion hervorgegangen. Besonders beeindruckt hat mich die positive Einstellung unserer Mitarbeiter gegenüber dem Übernahmeplan. Für unseren Mut bekamen wir auch von anderen Unternehmen eine positive Resonanz.

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Mit dem Kauf von Serono fokussiert sich Merck stärker auf die Biotechnologie. Blutet Ihnen als Kind der Chemiesparte da ein bisschen das Herz?
Keineswegs. Mit Serono erreichen wir eine kritische Masse in F&E, verbreitern unser Portfolio und erweitern die globale Marktpräsenz. Der Kauf trägt dazu bei, unsere Zukunft für das 21. Jahrhundert zu sichern

Mögen Sie das Rampenlicht?
Für mich war es ein prägendes Erlebnis, als ich damals im März beim Frühstück keine deutsche Tageszeitung fand, in der ich nicht auf der Titelseite auftauchte. Aber ich habe mir schon früh vorgenommen, bei so etwas nicht abzuheben. Ich will bleiben, wie ich bin. Gerade in der heutigen Zeit ist das ein unschätzbarer Wert.

Wie sind Sie denn als Chef?
Ich bemühe mich immer, die Menschen ernst zu nehmen. Es ist unheimlich wichtig, die Ohren offen zu halten. Ich habe oft beobachtet, wie irgendwann der Kontakt zur Basis verloren ging. Deshalb gehe ich zum Beispiel auch in die Gesprächsrunden meiner Meister und höre einfach nur zu.

Und welchen Führungsstil pflegen Sie?
Ich setze sehr auf Vertrauen. Und darauf, dass Menschen ihre jeweiligen Stärken in eine Gruppe einbringen können. Die Mischung macht's. Ich fände es fürchterlich, fünfmal mich selbst erleben zu müssen.

Welche Rolle spielt der menschliche Faktor bei der täglichen Arbeit?
Der Umgang miteinander ist mir sehr wichtig. Man trifft sich mindestens zweimal im Leben. So sollte man sich auch verhalten. Jeder könnte irgendwann mal dein Chef sein

Und wenn Sie mal harte Entscheidungen treffen müssen wie etwa Leute entlassen?
Da halte ich mich an eine Regel, die man einem preußischen General zuschreibt: Immer eine Nacht über eine Entscheidung schlafen. Bleibe ich am nächsten Morgen noch dabei, dann bin ich auch sehr konsequent. Man kann im Vorfeld alles diskutieren, aber es ist auch für die Mitarbeiter wichtig, dass man bei der Umsetzung verlässlich bleibt

Die Ausbildung

Nach seinem Abi beschließt der Darmstädter erst mal, keine Karriere zu machen. Ein Chemiestudium erscheint ihm diesbezüglich am unverdächtigsten: Bis 1977 studiert und promoviert er in seiner Heimatstadt, bevor er als Laborleiter bei Merck anheuert.


Wieso wollten Sie damals auf keinen Fall Karriere machen?
Mein Vater hatte eine führende Position bei Hoechst und ist mit 50 Jahren gestorben, weil er rund um die Uhr gearbeitet hat. Da beschloss ich, zwar gute Arbeit zu leisten, aber nicht um jeden Preis Karriere zu machen

Dann ist doch eine draus geworden...
Danach sah es ja zuerst gar nicht aus. Nach dem Studium habe ich mir bewusst ein kleines Familienunternehmen wie Merck gesucht, und die Perspektiven waren damals alles andere als berauschend. Die Initialzündung kam per Zufall, weil ich in einem Flüssigkristall-Forscherteam eingesetzt wurde. Als ich das Angebot erhielt, das Flüssigkristallgeschäft aufzubauen, sagte mir ein Kollege: Jetzt kannst du dich nur noch durch Selbstmord der Karriere entziehen. Da war tatsächlich was dran..

Sie sind also der lebende Beweis, dass man Karriere nicht planen kann?
Stimmt, kann man nicht. Leute, die das denken, täuschen sich. Sie können zwar gute Leistungen bringen und Projekte vorantreiben. Aber Glück gehört auch dazu. Und ein Mentor, der einen fördert.

Was ist Ihnen bei der Ausbildung Ihrer Kinder wichtig?
Sie sollten lernen, dass man sich einen guten Lebensstil hart erarbeiten muss. Das Abitur bildet eine solide Basis - dank meiner Frau ist die gute Schulausbildung auch gelungen. Danach sollten sie ein Studium wählen, das Spaß macht, und nicht nur eines, das viel Geld bringt. Man muss etwas mit ganzem Herzen tun - oder gar nicht

Wenn Sie an Ihrer eigenen Ausbildung etwas nachbessern könnten...
...dann würde ich noch intensiver Sprachen lernen. Fremdsprachen sind heute ein essenzieller Karrierebaustein

Die Laufbahn

Als Laborleiter treibt Römer die Entwicklung von Flüssigkristallen zu einer Zeit voran, als noch kaum jemand das ökonomische Potenzial erkannte. Heute machen sie das Kerngeschäft von Merck aus. 1988 geht Römer für EM Industries in die USA. Zwei Jahre später kehrt er zurück und leitet die Sparte Industriechemikalien. 1993 wird er in die Geschäftsleitung berufen, im Millenniumsjahr wird er Vize-Vorstand und beerbt im November 2005, für viele überraschend, den geschassten Vorstandschef Bernhard Scheuble.


Wo haben Sie als Chemiker Ihr Managementwissen her?
Ich bin über die unterschiedlichen Karrierestufen nach und nach in diesen Aufgabenbereich reingewachsen. Und ich habe natürlich auch viele Fortbildungen absolviert

Ihnen hat die Welt die Flachbildschirme zu verdanken. Was fühlen Sie, wenn Sie heute an jeder Ecke so ein Gerät sehen?
Ich freue mich jedes Mal wie ein kleines Kind. Es ist toll zu sehen, dass die Technik, die ich mitentwickelt habe, funktioniert.

Durch Ihren Coup mit Serono steigt Merck jetzt wohl zur Nummer drei der Branche in Deutschland auf. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?
Ich werde dieses Jahr 60. Natürlich blicke ich da mit etwas Stolz und Freude auf das Erreichte zurück

Was steht als nächstes an?
Die Entwicklung des Geschäfts in den letzten Monaten stimmt mich sehr optimistisch für die Zukunft. An erster Stelle der Tagesordnung steht jetzt natürlich der Integrationsprozess unserer Sparte Ethicals mit Serono zu Merck-Serono Biopharmaceuticals

Das Privatleben

Römer passt nicht in das Bild vom unnahbaren Spitzenmanager. Beim Sommerfest im Tennisclub stehe er auch mal am Grill und wende Würstchen, heißt es. Der Traum, Fußballer zu werden, platzte in jungen Jahren wegen einer Knieverletzung. Mit seiner Frau und drei Kindern lebt Römer eine Autostunde von Darmstadt entfernt im rheinland-pfälzischen Dudenhofen.


Wenn Sie noch mal 18 wären und sich einen anderen Beruf aussuchen müssten...
Damals habe ich mal mit dem Gedanken gespielt, Sportlehrer zu werden. Aber im Rückblick habe ich keinen einzigen Tag bei Merck bereut

Treiben Sie heute noch Sport?
Es glaubt mir zwar niemand, aber ich fahre tatsächlich ganze vier Wochen im Jahr zum Skilaufen. Meistens nach Lech. Das brauche ich einfach, um Kraft zu schöpfen. Wenn ich die schneebedeckten Berge sehe, bin ich in einer anderen Welt

Was werden Sie tun, wenn Merck für Sie Vergangenheit ist?
Privat hat mich, wie gesagt, der Tod meines Vaters sehr geprägt. Ich habe mir geschworen, auch die Zeit nach meinem Beruf noch wirklich zu genießen. Über Jahre hat meine Frau immer zurückgesteckt. Ich habe alles erreicht, irgendwann ist es auch an der Zeit, etwas zurückzugeben

Die Fragen stellte Jan Philipp Burgard
Dieser Artikel ist erschienen am 30.11.2006